{"id":1834,"date":"2025-09-29T23:16:04","date_gmt":"2025-09-29T21:16:04","guid":{"rendered":"https:\/\/mypapergate.net\/?page_id=1834"},"modified":"2025-10-01T02:31:04","modified_gmt":"2025-10-01T00:31:04","slug":"georg-stefan-troller-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/mypapergate.net\/en\/autoren\/georg-stefan-troller-2\/","title":{"rendered":"Georg Stefan Troller"},"content":{"rendered":"<main>\n  <section id=\"autor-georg-stefan-troller\" class=\"autor\">\n    <header>\n      <h1>Georg Stefan Troller (1921\u20132025)<\/h1>\n    <\/header>\n\n    <figure>\n      <img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/mypapergate.net\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/georg-stefan-troller-e1759180486827.jpg?ssl=1\" alt=\"Georg Stefan Troller, Portr\u00e4taufnahme\" loading=\"lazy\">\n      <figcaption>\n        Georg Stefan Troller in einer Portr\u00e4taufnahme (Quelle: bereitgestellter Bildlink)\n      <\/figcaption>\n    <\/figure>\n\n    <article>\n      <p>\n        Georg Stefan Troller war ein Jahrhundertzeuge, ein Chronist des 20. Jahrhunderts und ein Autor im weitesten\n        Sinn. Zwar wurde er durch seine Fernsehinterviews und Dokumentarfilme ber\u00fchmt, doch sein Werk ist ebenso\n        Teil der literarischen Tradition wie das von klassischen Schriftstellern. Seine Texte, Filme und\n        Erinnerungen verbinden Biografie und Zeitgeschichte, Dokument und Dichtung.\n      <\/p>\n\n      <h2>Fr\u00fche Jahre und Exil<\/h2>\n      <p>\n        1921 in Wien geboren, wuchs Troller in einer j\u00fcdischen Familie auf. Seine Jugend war gepr\u00e4gt von den\n        kulturellen Str\u00f6mungen der Weimarer Republik: die kritische Literatur Bertolt Brechts, die journalistische\n        Sch\u00e4rfe von Joseph Roth, die Sensibilit\u00e4t Stefan Zweigs. Der \u201eAnschluss\u201c \u00d6sterreichs 1938 zerst\u00f6rte diese\n        Welt. Troller floh \u00fcber die Tschechoslowakei nach Frankreich, wurde interniert und konnte 1941 mit einem\n        Visum in die USA ausreisen.\n      <\/p>\n      <p>\n        In Amerika arbeitete er zun\u00e4chst als Buchbinder, bevor er 1943 zur US-Armee eingezogen wurde. Als Soldat\n        nahm er an der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau teil und war an der Einnahme M\u00fcnchens beteiligt.\n        Seine Aufgabe war auch die Vernehmung deutscher Kriegsgefangener \u2013 darunter Menschen, die f\u00fcr die\n        Vernichtung seiner eigenen Familie verantwortlich waren. Diese Erfahrung der Zerrissenheit und des Exils\n        blieb der unsichtbare Hintergrund seines sp\u00e4teren Schaffens.\n      <\/p>\n\n      <h2>Karriere in Paris<\/h2>\n      <p>\n        Nach dem Krieg studierte Troller in den USA Anglistik und Theaterwissenschaft, bevor er 1949 nach Paris\n        zur\u00fcckkehrte. Dort begann er als Journalist zu arbeiten und wurde bald Korrespondent f\u00fcr deutschsprachige\n        Medien. Paris wurde sein Lebensmittelpunkt und die Stadt, von der aus er das Nachkriegseuropa beschrieb.\n      <\/p>\n      <p>\n        In den 1960er Jahren machte ihn das \u201ePariser Journal\u201c im WDR zu einer bekannten Stimme im Fernsehen.\n        Sein Markenzeichen war die Verbindung von literarischem Ton und journalistischer Genauigkeit. Ab 1972\n        folgte seine legend\u00e4re Reihe <em>Personenbeschreibung<\/em> im ZDF. Hier f\u00fchrte er \u00fcber 1.500 Interviews\n        mit Ber\u00fchmten und Unbekannten \u2013 von Muhammad Ali \u00fcber Romy Schneider bis hin zu Obdachlosen und\n        Kriegsversehrten. Immer ging es ihm darum, Menschen \u201ezur Kenntlichkeit\u201c zu zeigen.\n      <\/p>\n\n      <h2>Ein literarischer Journalist<\/h2>\n      <p>\n        Troller nannte Journalisten einmal \u201eMenschenfresser\u201c. Doch wenn es freundliche Menschenfresser gibt, war\n        er einer. Mit kaltschn\u00e4uziger Warmherzigkeit stellte er Fragen, die tief ins Innere seiner Gespr\u00e4chspartner\n        f\u00fchrten. Viele empfanden seine Interviews als seelische Erkundungen, fast wie literarische Szenen. Alain\n        Delon meinte, er sei bei Troller in einem \u201epsychiatrischen Verh\u00f6r\u201c gelandet, Thomas Brasch f\u00fchlte sich wie\n        ein Schnitzel auf seinem Teller. In Wahrheit war es Trollers Methode, das Unsichtbare sichtbar zu machen \u2013\n        eine Kunst, die er mit den gro\u00dfen Autoren der Weimarer Zeit teilte.\n      <\/p>\n\n      <h2>Das Erbe der Weimarer Zeit<\/h2>\n      <p>\n        Obwohl Troller nach 1945 bekannt wurde, geh\u00f6rt er ins Erbe der Weimarer Literatur. Wie Brecht oder Roth\n        suchte er die Br\u00fcche der Gesellschaft. Wie die Exilautoren Seghers oder Feuchtwanger trug er die Erfahrung\n        von Flucht und Vertreibung in sich. Seine Interviews sind Literatur im Gewand des Journalismus \u2013 kleine\n        Szenen der Moderne, in denen N\u00e4he nicht \u00dcbergriff war, sondern Mitmenschlichkeit.\n      <\/p>\n      <p>\n        Seine B\u00fccher \u2013 <em>Selbstbeschreibung<\/em>, <em>Das fidele Grab an der Donau<\/em>, <em>Meine ersten\n        100 Jahre<\/em> \u2013 sind autobiografische Zeugnisse und zugleich Teil einer gro\u00dfen Erz\u00e4hlung \u00fcber das\n        Jahrhundert. Darin lebt die Ambivalenz der Weimarer Epoche weiter: das Fragmentarische, das Widerspr\u00fcchliche,\n        das Humane im Angesicht der Katastrophe.\n      <\/p>\n\n      <h2>Letzte Jahre und Verm\u00e4chtnis<\/h2>\n      <p>\n        Noch mit \u00fcber hundert Jahren blieb Troller eine klare, wache Stimme. 2021 erschien sein Buch\n        <em>Meine ersten 100 Jahre<\/em>. 2022 erhielt er wieder die \u00f6sterreichische Staatsb\u00fcrgerschaft, die ihm\n        einst durch die Nazis geraubt worden war \u2013 f\u00fcr ihn ein Akt der \u201eAbteilung Sehnsucht\u201c. Am 27. September 2025\n        starb er in Paris im Alter von 103 Jahren.\n      <\/p>\n      <p>\n        Georg Stefan Troller bleibt als einer jener \u201eAutoren\u201c, die die Literatur der Weimarer Zeit weiterf\u00fchrten,\n        ohne selbst in ihr zu schreiben. Er ist ihr nachgeborener Erbe, ein Erz\u00e4hler des Jahrhunderts, der gezeigt\n        hat, dass Literatur auch in Bildern, Gespr\u00e4chen und Erinnerungen weiterlebt.\n      <\/p>\n    <\/article>\n  <\/section>\n<\/main>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Georg Stefan Troller (1921\u20132025) Georg Stefan Troller in einer Portr\u00e4taufnahme (Quelle: bereitgestellter Bildlink) Georg Stefan Troller war ein Jahrhundertzeuge, ein Chronist des 20. Jahrhunderts und ein Autor im weitesten Sinn. Zwar wurde er durch seine Fernsehinterviews und Dokumentarfilme ber\u00fchmt, doch sein Werk ist ebenso Teil der literarischen Tradition wie das von klassischen Schriftstellern. 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