{"id":659,"date":"2025-08-19T00:11:20","date_gmt":"2025-08-18T22:11:20","guid":{"rendered":"https:\/\/mypapergate.net\/?page_id=659"},"modified":"2026-02-21T15:02:10","modified_gmt":"2026-02-21T14:02:10","slug":"wann-kommt-ulrike-wieder-ein-theaterstuck-3","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/mypapergate.net\/en\/wann-kommt-ulrike-wieder-ein-theaterstuck-3\/","title":{"rendered":"Wann kommt Ulrike wieder? &#8211; ein Theaterst\u00fcck"},"content":{"rendered":"Wann kommt Ulrike wieder? \u2013 Teil 1\n\n\n<h2>Prolog: An mein Publikum<\/h2>\n\n<p>Manchmal gen\u00fcgt ein einziges Wort, um eine gedankliche Lawine auszul\u00f6sen. In meinem Fall war es: \u201edas Monster\u201c.<\/p>\n\n<p>Nicht aus einem Zeitungskommentar. Nicht aus dem Internet. Sondern aus einem alten, tintengetr\u00e4nkten Brief \u2013 geschrieben von \u00c9milie du Ch\u00e2telet, einer Frau der Aufkl\u00e4rung, an ihren Denkgef\u00e4hrten Voltaire.<\/p>\n\n<p>Sie schrieb:<br>\n\u201eDu begn\u00fcgst dich damit, ein Monster zu verachten, das man eigentlich vernichten m\u00fcsste.\u201c<\/p>\n\n<p>Es war kein Ruf zur Gewalt. Es war ein Ruf zur Klarheit. Ein Appell, sich dem Unrecht nicht nur innerlich zu entziehen, sondern ihm offen zu begegnen \u2013 mit Worten, mit Mut, mit Haltung.<\/p>\n\n<p>\n  <a href=\"https:\/\/mypapergate.net\/en\/discours-sur-le-bonheur-kritik-an-descartes\/\" target=\"_blank\">\n    Discours sur le bonheur \u2013 Kritik an Descartes\n  <\/a>\n<\/p>\n\n<p>Seit ich diesen Satz las, l\u00e4sst mich eine andere Frau nicht mehr los: Ulrike Meinhof.<br>\nSie war Journalistin, Intellektuelle, Mutter \u2013 und wurde zur Mitbegr\u00fcnderin der RAF. Sie verlie\u00df die Welt der Kolumnen, der Sprache, des Denkens \u2013 und tauchte ab in den Untergrund, in die Gewalt, in die Geschichte.<\/p>\n\n<p>Was ist da passiert? Wo schlug bei ihr die Feder in die Faust um?<\/p>\n\n<p>Diese Fragen haben mich zu einem Theateressay gef\u00fchrt. Ein Versuch, nicht zu urteilen, sondern zu fragen. Ein Versuch, zu begreifen, was Menschen aus der Sprache heraus treibt \u2013 und ob das auch heute wieder geschehen kann.<\/p>\n\n<p>In vier Kapiteln spreche ich mit Ulrike. Nicht mit der Ikone. Nicht mit der T\u00e4terin. Sondern mit einer Stimme, die wir zu selten geh\u00f6rt haben, bevor sie verstummte.<\/p>\n\n<p>Ich schreibe, wie viele, gegen das Rauschen. Gegen das Vergessen. Gegen das Zynischwerden. Ich f\u00fcrchte mich \u2013 nicht nur vor neuen Ulrikes oder Baaders, sondern vor der Ohnmacht, aus der sie einst geboren wurden.<\/p>\n\n<p>Ich sehe die Monster wieder \u2013 klarer denn je. Und mit meiner Art zu leben und zu schreiben kann ich sie nicht besiegen. Aber vielleicht kann ich sie benennen.<\/p>\n\n<p>Wenn Sie mir zuh\u00f6ren, beginnt dieser Versuch. Und das gen\u00fcgt \u2013 f\u00fcr einen Anfang.<\/p>\n<h2>Einschub: Der Sprung durchs Fenster \u2013 Ulrikes Moment<\/h2>\n<p>Es war nicht der Moment der Gr\u00fcndung. Nicht das Schreiben eines Manifests. Nicht der Bau einer Bombe.<\/p>\n<p>Es war ein Sprung. Durch ein Fenster. In den Untergrund. In eine andere Zeit. In ein anderes Ich.<\/p>\n<p>Als Ulrike Meinhof Andreas Baader zur Flucht verhalf, tat sie es nicht mit einem Aufschrei, sondern mit einem Schritt. Ein Sprung aus der Redaktion in den Widerstand. Ein Sprung aus der Analyse in die Aktion. Ein Sprung, von dem sie wusste, dass es kein Zur\u00fcck geben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter sagte sie sinngem\u00e4\u00df: Das war der Moment, in dem ich \u201edurch den Spiegel gegangen\u201c bin. Es ist dieser Sprung, der zur Metapher wurde \u2013 f\u00fcr den Punkt, an dem Wut, Ohnmacht und \u00dcberzeugung in Handlung umschlagen. Nicht jede Handlung ist heroisch. Viele sind falsch. Manche zerst\u00f6ren Leben \u2013 das eigene, das anderer.<\/p>\n<p>Doch genau hier liegt die Brisanz: Der Sprung durchs Fenster ist der Punkt, an dem Menschen glauben, sie h\u00e4tten keine andere Wahl mehr. Diesen Moment gibt es heute auch. In anderen Farben. In anderen Medien. In anderen Gesichtern. Manche springen, metaphorisch, in Radikalisierung, Verschw\u00f6rung, Gewalt.<\/p>\n<p>Und immer stellt sich dieselbe Frage: Wann wird ein Mensch so w\u00fctend, so verzweifelt, so vereinzelt, dass er das Menschsein aufgibt? Oder: dass er glaubt, Menschsein hei\u00dfe, nicht l\u00e4nger zuzusehen?<\/p>\n<p>Ulrike Meinhof war nicht die Erste. Vor ihr waren es Soldaten in Verdun, die sich der Kriegsmaschine unterwarfen. Es waren Menschen in der NS-Zeit, die ihre Stimme verloren und zu Mitl\u00e4ufern wurden. Es sind heute Wutb\u00fcrger und Fanatiker, die glauben, endlich zu handeln \u2013 und genau dabei ihre Menschlichkeit verlieren.<\/p>\n<p>Der Sprung durchs Fenster ist also nicht nur ein Bild f\u00fcr Ulrike. Er ist ein Symbol f\u00fcr den Moment, in dem Denken kippt. Ein Moment, den wir alle f\u00fcrchten sollten. Und den wir verhindern m\u00fcssen \u2013 durch Zuh\u00f6ren, Aufkl\u00e4rung, und das stille, unbequeme Bestehen auf Menschlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<!-- Kapitel II \u2013 Das Monster heute -->\n<h2>Kapitel II \u2013 Das Monster heute<\/h2>\n<p><em>Ein Theateressay aus dem Buch der Essays \u201eWann kommt Ulrike wieder?\u201c<\/em><\/p>\n\n<h3>Szene: Welt in Splittern<\/h3>\n<p>Auf der B\u00fchne: vier Bildschirme oder Projektionen. Gaza. Ukraine. Paris. Berlin. Schlagzeilen. Zitate. Ger\u00e4usche von Debatten, Protesten, Bomben. DIE FRAGE steht im Zentrum. ULRIKE tritt aus dem Dunkel ins Licht.<\/p>\n\n<p><strong>DIE FRAGE:<\/strong> Das Monster ist nicht tot, Ulrike. Es tr\u00e4gt heute Anzug. Es h\u00e4lt Reden. Es beruft sich auf Sicherheit, auf Ordnung, auf Gerechtigkeit. Es spricht in Talkshows, regiert in Ministerien, bombardiert St\u00e4dte. Und manchmal steht es schweigend in der Menge.<br>\nWas siehst du, wenn du die Gegenwart betrachtest?<\/p>\n\n<p><strong>ULRIKE:<\/strong> Ich sehe viele Monster. Einige mit Fahnen. Andere mit Algorithmen. Einige schlagen mit Waffen. Andere mit Worten. Einige sprechen von Frieden, w\u00e4hrend sie Krieg planen. Einige nennen sich demokratisch \u2013 und meinen Gehorsam.<\/p>\n\n<p><strong>DIE FRAGE:<\/strong> Gibt es noch Schriftstellerinnen, die widersprechen?<\/p>\n\n<p><strong>ULRIKE:<\/strong> Ja. Adania Shibli. Olga Tokarczuk. Svetlana Alexijewitsch. Colum McCann. Yishai Sarid. Sie schreiben gegen das Vergessen. Gegen die L\u00fcge. Gegen den Strom. Aber sie k\u00e4mpfen gegen ein Rauschen. Fr\u00fcher war Schweigen t\u00f6dlich. Heute ist es das Ger\u00e4usch, das alles verschluckt.<\/p>\n\n<p><strong>DIE FRAGE:<\/strong> Und die Leser?<\/p>\n\n<p><strong>ULRIKE:<\/strong> Viele lesen. Wenige handeln. Viele emp\u00f6ren sich. Wenige erinnern sich. Emp\u00f6rung ist schnell. Erinnerung ist Arbeit. Ich f\u00fcrchte, wir haben die Geduld verloren, die Gerechtigkeit braucht.<\/p>\n\n<p><strong>DIE FRAGE:<\/strong> Was w\u00e4re dein Text heute, Ulrike?<\/p>\n\n<p><strong>ULRIKE:<\/strong> Kein Aufruf. Eine Frage: \u201eWas siehst du, wenn du in den Spiegel der Welt blickst \u2013 und dich selbst nicht mehr erkennst?\u201c<br>\nDann schreib. Aber schreib nicht, um zu gefallen. Schreib, um zu widersprechen. Auch dir selbst.<\/p>\n\n<p><strong>ZEITGEIST (aus dem Off):<\/strong> Ich bin der Schatten zwischen den Zeiten. Ich war in der Luft, als Bomben fielen und Kameras schwiegen. Ich war das Echo der Verdr\u00e4ngung, das Pochen in der Wand.<br>\nHeute spreche ich anders. Ich spreche in Bildern. In Pushnachrichten. In m\u00fcden Augen. Ich bin nicht verschwunden. Nur leiser geworden.<br>\nDoch leise ist nicht harmlos.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kapitel III \u2013 Die n\u00e4chste Ulrike<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ein Theateressay aus dem Buch der Essays \u201eWann kommt Ulrike wieder?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Szene: Zukunftsfenster<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die B\u00fchne ist fast leer. In der Mitte: ein Smartphone auf einem Podest. Davor: DIE FRAGE. ULRIKE tritt aus dem Schatten, blickt auf das Ger\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>DIE FRAGE:<\/strong> Wenn es eine n\u00e4chste Ulrike gibt \u2013 wo ist sie? Ist sie jung, zornig, klug? Ist sie leise, weil ihr niemand zuh\u00f6rt? Oder laut, weil sie es satt hat? Ist sie online, in Foren, auf Plattformen? Oder ganz analog \u2013 eine stille Bombe im Bus?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>ULRIKE:<\/strong> Sie ist da. Vielleicht sitzt sie in einer Schule, die sie hasst. Vielleicht hat sie Eltern, die schweigen. Vielleicht sieht sie, wie Unrecht Alltag ist \u2013 und niemand hinsieht. Vielleicht h\u00f6rt sie Musik, die niemand versteht. Vielleicht hat sie ein Profilbild ohne Gesicht. Vielleicht wartet sie nur noch auf ein Signal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>DIE FRAGE:<\/strong> Was wird sie tun?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>ULRIKE:<\/strong> Vielleicht schreiben. Vielleicht schweigen. Vielleicht brennen. Vielleicht alles zugleich. Sie wird nicht anklopfen. Sie wird sich Raum nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>DIE FRAGE:<\/strong> Und wir \u2013 was tun wir?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>ULRIKE:<\/strong> Zuh\u00f6ren, bevor sie schreit. Fragen, bevor sie antwortet. Hinschauen, bevor sie sich unsichtbar macht. Nicht reden \u00fcber Demokratie \u2013 leben, was sie bedeutet. Und das hei\u00dft: widersprechen. Auch den eigenen Gewissheiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>DIE FRAGE:<\/strong> Was w\u00fcrdest du ihr sagen, wenn du d\u00fcrftest?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>ULRIKE:<\/strong> Denk zweimal. Trag keine Waffe, trag Fragen. Hab Mut \u2013 aber frag dich, wem du ihn schenkst. Und wenn du gehst \u2013 geh nicht allein. Geh mit Sprache. Mit anderen. Mit dem Wissen: Das Monster lebt \u2013 aber du auch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>ZEITGEIST (aus dem Off):<\/strong> Ich war jung und laut in den Sechzigern. Ich war Feuer und Unruhe. Ich war Recht \u2013 und wurde Rechthaberei.<br>Heute bin ich stiller. Aber ich sehe: Die Wut ist nicht verschwunden. Sie hat nur andere Kleidung. Sie lebt in Kommentaren. In Memes. In Algorithmen.<br>Vielleicht ist Ulrike schon zur\u00fcck. Vielleicht ist sie l\u00e4ngst da. Vielleicht bist du es. Vielleicht bin ich es.<\/p>\n\n\n\n<!-- Kapitel IV \u2013 Der Schreibende -->\n<h2>Kapitel IV \u2013 Der Schreibende<\/h2>\n<p><em>Ein Theateressay aus dem Buch der Essays \u201eWann kommt Ulrike wieder?\u201c<\/em><\/p>\n\n<h3>Szene: Innenraum<\/h3>\n<p>Ein einzelner Stuhl. Ein Tisch mit Notizbuch. Eine Stimme. Keine B\u00fchne. Kein Publikum. Nur DIE FRAGE, allein im Licht.<\/p>\n\n<p><strong>DIE FRAGE:<\/strong> Ich schreibe, wie du wei\u00dft, fast t\u00e4glich. Gegen das Rauschen. Gegen das Verstummen. Gegen die Versuchung, zynisch zu werden.<\/p>\n\n<p>Aber immer \u00f6fter frage ich mich: Was, wenn die n\u00e4chste Ulrike l\u00e4ngst geboren ist? Was, wenn der n\u00e4chste Baader bereits wartet \u2013 in einer digitalen Welt, die radikaler kommuniziert, schneller entflammt, unkontrollierbarer explodiert?<\/p>\n\n<p>Ich sehe die Monster heute klarer denn je \u2013 sie haben Logos, Sprecher, Berater. Sie sind w\u00e4hlbar, zensierbar, abonnierbar. Und ich f\u00fcrchte mich. Nicht nur vor ihnen. Sondern vor dem Moment, wo jemand glaubt, dass Worte wieder nicht mehr gen\u00fcgen.<\/p>\n\n<p><strong>PAUSE<\/strong><\/p>\n\n<p>Ich bin nicht mehr dort, wo ich einmal war. Nach schmerzlicher Selbstreflexion, nach dunklen Tagen der Depression, habe ich mir einen Ort erarbeitet, an dem ich leben kann. Nicht siegen. Nicht schreien. Leben.<\/p>\n\n<p>Ich bin nicht mutiger geworden. Aber ruhiger. Und in dieser Ruhe liegt eine andere Form von Mut.<\/p>\n\n<p><strong>ABSCHLUSS<\/strong><\/p>\n\n<p>Und ich bin dankbar \u2013 weil ich, wie \u00c9milie, jemanden habe, der mir zuh\u00f6rt. Zumindest glaube ich das. Zumindest hoffe ich das.<br>\nVielleicht bist du das, der du meine Texte liest. Vielleicht bist du die, die in diesen Zeilen nach Antworten sucht. Vielleicht ist es nur dieser Gedanke, der mich aufrechterh\u00e4lt: dass da jemand ist.<\/p>\n\n<p><strong>ZEITGEIST (leise, aus der Ferne):<\/strong> Ich bin nicht verschwunden. Ich war da, als du schwiegst. Ich bleibe, wenn du schreibst. Und ich h\u00f6re, wenn du fragst.<\/p>\n\n<p><em>\u2013 Ende Kapitel IV \u2013<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure>\n  <img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/mypapergate.net\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/ulrike-meinhof-e1756513187491.jpg?ssl=1\" alt=\"Ulrike Meinhof jung\">\n  <figcaption>\n    <em>Von Bettina R\u00f6hl autorisiertes Foto: Ulrike Meinhof als junge Journalistin (retuschiert)<\/em>\n  <\/figcaption>\n<\/figure>\n\n\n\n<hr>\n\n<h2>Historischer Anhang \u2013 Biografien der Hauptfiguren<\/h2>\n\n<h3>Ulrike Meinhof (1934\u20131976)<\/h3>\n<p>Ulrike Meinhof war Journalistin, Intellektuelle und Mitbegr\u00fcnderin der Roten Armee Fraktion (RAF). \nGeboren in Oldenburg, studierte sie Philosophie, P\u00e4dagogik und Soziologie. Ab 1959 schrieb sie als \nKolumnistin f\u00fcr die Zeitschrift <em>konkret<\/em>, deren Chefredakteur Klaus Rainer R\u00f6hl sie heiratete. \nNach der Trennung 1968 und dem Sorgerechtsstreit um die gemeinsamen Zwillinge radikalisierte sich \nMeinhof zunehmend. 1970 war sie ma\u00dfgeblich an der Befreiung von Andreas Baader beteiligt und tauchte \ndanach in den Untergrund ab. Sie war unbewaffnet und ver\u00fcbte keine Morde. In der Folge wurde sie zur \nintellektuellen Galionsfigur der RAF. 1972 wurde sie verhaftet, 1976 tot in ihrer Zelle in Stammheim \naufgefunden \u2013 angeblich Suizid.<\/p>\n\n<h3>Andreas Baader (1943\u20131977)<\/h3>\n<p>Andreas Baader war einer der f\u00fchrenden K\u00f6pfe der RAF. Geboren in M\u00fcnchen, abgebrochenes Studium, \nfr\u00fche Kontakte zur subkulturellen Szene. Er war bekannt f\u00fcr seine radikale Sprache, seine charismatische \nWirkung und seine Ablehnung jedes autorit\u00e4ren Systems \u2013 bei gleichzeitiger diktatorischer Haltung \ninnerhalb der Gruppe. Baader wurde nach mehreren Anschl\u00e4gen verhaftet, floh 1970 mit Hilfe von Ulrike \nMeinhof, und war anschlie\u00dfend an zahlreichen bewaffneten Aktionen beteiligt. 1972 erneut verhaftet, \n1977 in Stammheim tot aufgefunden \u2013 offiziell Suizid.<\/p>\n\n<h3>Gudrun Ensslin (1940\u20131977)<\/h3>\n<p>Gudrun Ensslin war Mitbegr\u00fcnderin der RAF und gilt als eine der intellektuell st\u00e4rksten Figuren der \nGruppe. Aufgewachsen als Tochter eines evangelischen Pastors, studierte sie Germanistik und Anglistik. \nAb den 1960er-Jahren politisiert, protestierte sie gegen den Vietnamkrieg und das Schweigen der deutschen \n\u00d6ffentlichkeit. Mit Baader verband sie eine enge pers\u00f6nliche und politische Beziehung. Nach dem Attentat \nauf das Kaufhaus Schneider in Frankfurt 1968 ging sie in den Untergrund, beteiligte sich an der Gr\u00fcndung \nder RAF, wurde 1972 verhaftet und starb 1977 in Stammheim \u2013 ebenfalls offiziell durch Suizid.<\/p>\n\n<h3>Jan-Carl Raspe (1944\u20131977)<\/h3>\n<p>Jan-Carl Raspe war ein Mitglied der ersten RAF-Generation. Er stammte aus Berlin, war Teil der linken \nStudentenbewegung und engagierte sich im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Raspe wurde 1972 \nzusammen mit Baader und Holger Meins in Frankfurt verhaftet. Er galt als loyaler Mitl\u00e4ufer mit hoher \nideologischer \u00dcberzeugung. Auch er starb 1977 in Stammheim \u2013 offiziell durch Suizid, im Kontext des \n\u201eDeutschen Herbstes\u201c nach der Entf\u00fchrung und Ermordung von Hanns Martin Schleyer.<\/p>\n\n<h3>Holger Meins (1941\u20131974)<\/h3>\n<p>Holger Meins war ein zentrales Mitglied der ersten Generation der RAF und Symbolfigur des bewaffneten \nWiderstands der 1970er Jahre. Geboren in Hamburg, studierte er zun\u00e4chst an der Filmhochschule in Berlin. \nSeine fr\u00fchen Kurzfilme zeugen von politischem Interesse und k\u00fcnstlerischer Auseinandersetzung mit der \nGesellschaft. Er radikalisierte sich im Kontext der 68er-Bewegung und schloss sich Andreas Baader, \nGudrun Ensslin und Ulrike Meinhof an. Als \u00fcberzeugter Antiimperialist war Meins ma\u00dfgeblich an der Planung \nund Durchf\u00fchrung mehrerer Anschl\u00e4ge beteiligt. 1972 wurde er zusammen mit Baader und Raspe verhaftet. In \nder Haft trat er aus Protest gegen die Isolationsbedingungen in den Hungerstreik. Er starb 1974 nach 58 \nTagen Hungerstreik \u2013 sein Tod wurde zu einem Wendepunkt innerhalb der Bewegung.<\/p>\n\n<h3>Weitere Zeitzeugen<\/h3>\n\n<h4>Klaus Pflieger<\/h4>\n<p>Leitender Oberstaatsanwalt im Stammheimer Prozess gegen die RAF. Jahrgang 1947, aus Sersheim in \nBaden-W\u00fcrttemberg. Er war verantwortlich f\u00fcr die Anklage gegen Meinhof, Baader, Ensslin und Raspe. Nach \nseiner aktiven juristischen Laufbahn engagierte er sich kommunalpolitisch. In Vortr\u00e4gen und Interviews \nbetonte er die rechtstaatliche Herausforderung, die der RAF-Prozess darstellte. Pflieger trat mehrfach \nin \u00f6ffentlichen Diskussionen auf, zuletzt in Gespr\u00e4chsrunden wie bei Markus Lanz.<\/p>\n\n<h4>Willi Fronius<\/h4>\n<p>Jahrgang 1946, ehemaliger Vollzugsbeamter in der JVA Stammheim, wohnhaft in Nussdorf. Kollege und \nFreund von Rudolf Bubeck. Er erlebte die Haftzeit der RAF-H\u00e4ftlinge aus n\u00e4chster N\u00e4he und berichtete in \nprivaten Gespr\u00e4chen und Vortr\u00e4gen von Spannungen, Konfrontationen, aber auch vom Alltag hinter den \nMauern. F\u00fcr den Autor war er ein enger Freund bei gemeinsamen Radtouren und Skifahrten. Sein Satz: \n\u201eDem Baader habe ich eine reinhauen m\u00fcssen\u201c blieb in Erinnerung als Ausdruck der \u00dcberforderung einzelner \nVollzugsbeamter mit der Situation.<\/p>\n\n<h4>Rudolf Bubeck<\/h4>\n<p>Kollege von Willi Fronius und ebenfalls als Vollzugsbeamter in Stammheim t\u00e4tig. Beide geh\u00f6rten zu \ndenjenigen, die unmittelbar mit der Bewachung der RAF-Mitglieder betraut waren. Bubeck war sp\u00e4ter in \nGespr\u00e4chen mit Kulturinitiativen eingebunden und reflektierte die damalige Zeit als Spannungsfeld \nzwischen Pflicht, Menschlichkeit und Ohnmacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wann kommt Ulrike wieder? \u2013 Teil 1 Prolog: An mein Publikum Manchmal gen\u00fcgt ein einziges Wort, um eine gedankliche Lawine auszul\u00f6sen. In meinem Fall war es: \u201edas Monster\u201c. Nicht aus einem Zeitungskommentar. Nicht aus dem Internet. 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