{"id":7709,"date":"2026-08-27T19:56:18","date_gmt":"2026-08-27T17:56:18","guid":{"rendered":"https:\/\/mypapergate.net\/?page_id=7709"},"modified":"2026-08-28T00:53:46","modified_gmt":"2026-08-27T22:53:46","slug":"roman-von-valeria-gordeev","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/mypapergate.net\/en\/roman-von-valeria-gordeev\/","title":{"rendered":"Roman by Valeria Gordeev"},"content":{"rendered":"<h1>Hier ist der Wahnsinn ausgebrochen<\/h1>\n<h2>Valeria Gordeev und die literarische Vermessung Russlands<\/h2>\n<p>Manchmal gen\u00fcgt eine \u00dcberschrift, um innezuhalten.<\/p>\n<p><strong>\u201eHier ist der Wahnsinn ausgebrochen\u201c<\/strong>, schreibt Adam Soboczynski in der ZEIT \u00fcber den ersten Roman von Valeria Gordeev.<\/p>\n<p>Das ist ein gewaltiger Satz.<\/p>\n<p>Denn er bezeichnet nicht nur die Welt eines Romans. Unwillk\u00fcrlich denkt man an das heutige Russland, an den Krieg gegen die Ukraine, an Macht, Gewalt, Propaganda und an eine Wirklichkeit, die dem vern\u00fcnftigen Betrachter mitunter selbst wie eine Groteske erscheint.<\/p>\n<p>Valeria Gordeevs Roman tr\u00e4gt den eigent\u00fcmlichen Titel:<\/p>\n<p><strong>\u201eDie Zikade entschl\u00fcpft ihrer goldgl\u00e4nzenden H\u00fclle\u201c.<\/strong><\/p>\n<p>Schon dieser Titel verr\u00e4t, dass hier kein gew\u00f6hnlicher realistischer Roman vorliegt.<\/p>\n<p>Gordeev entwirft eine Welt zwischen <strong>Moskau, Kyjiw und Berlin<\/strong>, zwischen Gegenwart und Erinnerung, Wirklichkeit und Fantastik, Wissenschaft und Mythos. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die sich in einer Welt bewegen, deren Ordnungen aus den Fugen geraten sind.<\/p>\n<p>Dabei scheint Russland nicht einfach nur Schauplatz zu sein.<\/p>\n<p>Es wird zum geistigen Raum.<\/p>\n<h2>Ein Russland zwischen Wirklichkeit und Groteske<\/h2>\n<p>Das Faszinierende an diesem Roman scheint mir darin zu liegen, dass Gordeev versucht, etwas literarisch darzustellen, das sich mit n\u00fcchterner Beschreibung kaum noch erfassen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn Wahrheit und L\u00fcge nicht mehr klar voneinander zu unterscheiden sind?<\/p>\n<p>Was geschieht, wenn Macht sich ihre eigene Wirklichkeit erschafft?<\/p>\n<p>Und was geschieht mit den Menschen, die in dieser Wirklichkeit leben m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Vielleicht braucht man f\u00fcr eine solche Welt tats\u00e4chlich die Groteske.<\/p>\n<p>Denn die Groteske \u00fcbertreibt die Wirklichkeit nicht unbedingt.<\/p>\n<p>Manchmal macht sie sie erst sichtbar.<\/p>\n<p>Gordeev verbindet politische Gegenwart mit fantastischen und absurden Elementen. Unter dem Lenin-Mausoleum befindet sich in ihrer Romanwelt beispielsweise ein geheimnisvolles Forschungslabor. Es geht um Macht, Kapital, Wissenschaft und um den uralten Traum des Menschen, dem Tod zu entkommen.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich begegnen sich sehr unterschiedliche Zeiten.<\/p>\n<p>Das sowjetische Versprechen einer neuen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Der Kapitalismus der Oligarchen.<\/p>\n<p>Die moderne Forschung nach Lebensverl\u00e4ngerung.<\/p>\n<p>Und dahinter die vielleicht \u00e4lteste Sehnsucht des Menschen:<\/p>\n<p><strong>nicht sterben zu m\u00fcssen.<\/strong><\/p>\n<h2>Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit<\/h2>\n<p>Hier wird der Roman philosophisch.<\/p>\n<p>Denn was ist Macht anderes als der Versuch, die eigene Endlichkeit zu \u00fcberwinden?<\/p>\n<p>Menschen errichten Denkm\u00e4ler.<\/p>\n<p>Herrscher bauen Imperien.<\/p>\n<p>Milliard\u00e4re gr\u00fcnden Stiftungen.<\/p>\n<p>Autoren schreiben B\u00fccher.<\/p>\n<p>Alle wissen sie, bewusst oder unbewusst:<\/p>\n<p><strong>Unsere Zeit ist begrenzt.<\/strong><\/p>\n<p>Gerade deshalb ist die Idee eines unterirdischen Labors unter dem Mausoleum Lenins so stark.<\/p>\n<p>Oben liegt der konservierte K\u00f6rper eines Mannes, dessen politische Idee die Welt ver\u00e4ndern sollte.<\/p>\n<p>Darunter wird an der Verl\u00e4ngerung des menschlichen Lebens gearbeitet.<\/p>\n<p>Geschichte und Biologie begegnen sich.<\/p>\n<p>Ideologie und Wissenschaft.<\/p>\n<p>Vergangenheit und Zukunft.<\/p>\n<p>Und \u00fcber allem steht dieselbe menschliche Frage:<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen wir unserer Endlichkeit entkommen?<\/strong><\/p>\n<h2>Und dann ist da Putin<\/h2>\n<p>Nat\u00fcrlich kann man einen Roman \u00fcber das heutige Russland kaum lesen, ohne an Wladimir Putin zu denken.<\/p>\n<p>Aber vielleicht w\u00e4re es zu einfach, Russland auf Putin zu reduzieren.<\/p>\n<p>Die interessantere Frage lautet:<\/p>\n<p><strong>Welche Geschichte macht einen Putin m\u00f6glich?<\/strong><\/p>\n<p>Da ist das Zarenreich.<\/p>\n<p>Da ist die Revolution von 1917.<\/p>\n<p>Da ist Stalin.<\/p>\n<p>Da ist der Gro\u00dfe Vaterl\u00e4ndische Krieg.<\/p>\n<p>Da ist der Zusammenbruch der Sowjetunion.<\/p>\n<p>Da sind die chaotischen neunziger Jahre.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich die Wiederkehr eines Staates, der St\u00e4rke verspricht und daf\u00fcr Freiheit verlangt.<\/p>\n<p>Geschichte verschwindet eben nicht.<\/p>\n<p>Sie lagert sich ab.<\/p>\n<p>In Familien.<\/p>\n<p>In Sprache.<\/p>\n<p>In \u00c4ngsten.<\/p>\n<p>In nationalen Mythen.<\/p>\n<p>Und irgendwann taucht sie wieder auf.<\/p>\n<p>Vielleicht ist das eine der gro\u00dfen Leistungen von Literatur: Sie kann solche Ablagerungen sichtbar machen, ohne daraus eine historische Vorlesung machen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<h2>Warum mich dieser Roman neugierig macht<\/h2>\n<p>Mich interessiert an diesem Buch deshalb weniger die Frage, ob jede einzelne fantastische Wendung glaubw\u00fcrdig ist.<\/p>\n<p>Mich interessiert etwas anderes:<\/p>\n<p><strong>Kann Literatur uns etwas \u00fcber Russland erkl\u00e4ren, das politische Analysen nicht erkl\u00e4ren k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p>Statistiken k\u00f6nnen milit\u00e4rische St\u00e4rke messen.<\/p>\n<p>Historiker k\u00f6nnen Entwicklungen rekonstruieren.<\/p>\n<p>Politologen k\u00f6nnen Herrschaftssysteme analysieren.<\/p>\n<p>Aber Literatur kann versuchen, in das Bewusstsein einer Gesellschaft einzudringen.<\/p>\n<p>In ihre Erinnerungen.<\/p>\n<p>Ihre \u00c4ngste.<\/p>\n<p>Ihre Sehns\u00fcchte.<\/p>\n<p>Ihre Widerspr\u00fcche.<\/p>\n<p>Vielleicht braucht man gerade f\u00fcr Russland diese Form.<\/p>\n<p>Denn Russland war in seiner Literatur schon immer gr\u00f6\u00dfer als seine Politik.<\/p>\n<p>Tolstoi, Dostojewski, Tschechow, Bulgakow, Pasternak und Solschenizyn haben nicht nur Geschichten erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Sie haben gefragt:<\/p>\n<p><strong>Was ist der Mensch?<\/strong><\/p>\n<p>Und immer wieder:<\/p>\n<p><strong>Was geschieht mit dem Menschen unter den Bedingungen von Macht?<\/strong><\/p>\n<p>Valeria Gordeev scheint diese Frage in unsere Gegenwart zu holen.<\/p>\n<h2>Der Wahnsinn und die Vernunft<\/h2>\n<p>Vielleicht ist deshalb die \u00dcberschrift der ZEIT so treffend:<\/p>\n<p><strong>\u201eHier ist der Wahnsinn ausgebrochen.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Aber ich w\u00fcrde einen zweiten Satz hinzuf\u00fcgen:<\/p>\n<p><strong>Wo Wahnsinn ausbricht, muss man nach der verlorenen Vernunft fragen.<\/strong><\/p>\n<p>Denn Gesellschaften werden nicht \u00fcber Nacht wahnsinnig.<\/p>\n<p>Sie ver\u00e4ndern ihre Sprache.<\/p>\n<p>Sie ver\u00e4ndern ihre Erinnerung.<\/p>\n<p>Sie ver\u00e4ndern ihre Feindbilder.<\/p>\n<p>Sie gew\u00f6hnen sich an Dinge, die gestern noch undenkbar erschienen.<\/p>\n<p>Und irgendwann erscheint das Ungeheuerliche normal.<\/p>\n<p>Genau an diesem Punkt wird Literatur politisch, ohne politische Propaganda sein zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Sie h\u00e4lt die Wahrnehmung offen.<\/p>\n<p>Sie widerspricht der Gew\u00f6hnung.<\/p>\n<p>Sie erlaubt uns, eine fremde Welt zu betreten und sie f\u00fcr einige hundert Seiten von innen zu betrachten.<\/p>\n<p>Vielleicht werde ich nach 640 Seiten Russland nicht verstanden haben.<\/p>\n<p>Aber m\u00f6glicherweise habe ich etwas anderes verstanden:<\/p>\n<p><strong>wie Menschen versuchen, in einer widerspr\u00fcchlichen Welt Menschen zu bleiben.<\/strong><\/p>\n<p>Und daf\u00fcr lohnt es sich, einen Roman zu lesen.<\/p>\n<p class=\"PDq2pG_selectionAnchorContainer\" data-start=\"2010\" data-end=\"2047\"><span class=\"contents\" data-content-reference-start=\"2051\" data-content-reference-end=\"2118\"><span class=\"\" data-state=\"closed\"><a class=\"decorated-link\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2026\/37\/valeria-gordeev-die-zikade-entschluepft-ihrer-goldglaenzenden-huelle-roman?utm_source=chatgpt.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die aktuelle ZEIT-Rezension von Adam Soboczynski<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p data-start=\"2049\" data-end=\"2086\"><span class=\"contents\" data-content-reference-start=\"2120\" data-content-reference-end=\"2174\"><span class=\"\" data-state=\"closed\"><a class=\"decorated-link\" href=\"https:\/\/bachmannpreis.orf.at\/stories\/3206639\/?utm_source=chatgpt.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Biografie und Bachmannpreis bei ORF<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.swp.de\/lokales\/tuebingen\/nach-bachmann-preis-valeria-gordeev-im-interview-ueber-ihre-zeit-in-tuebingen-594153.html?utm_source=link&amp;utm_medium=social&amp;utm_campaign=article_action_bar\">https:\/\/www.swp.de\/lokales\/tuebingen\/nach-bachmann-preis-valeria-gordeev-im-interview-ueber-ihre-zeit-in-tuebingen-594153.html?utm_source=link&amp;utm_medium=social&amp;utm_campaign=article_action_bar<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"WgWxf2aySu\"><p><a href=\"https:\/\/mypapergate.net\/en\/die-russische-seele\/\">The Russian soul<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: 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