{"id":7922,"date":"2026-09-11T11:25:04","date_gmt":"2026-09-11T09:25:04","guid":{"rendered":"https:\/\/mypapergate.net\/?page_id=7922"},"modified":"2026-10-22T11:51:30","modified_gmt":"2026-10-22T09:51:30","slug":"filmkritik-vaterland","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/mypapergate.net\/en\/filmkritik-vaterland\/","title":{"rendered":"Film criticism Heimat"},"content":{"rendered":"<h1>Vaterland \u2013 Thomas Mann, die Ironie und die Menschlichkeit<\/h1>\n<p><em>Mein pers\u00f6nlicher Eindruck von Pawe\u0142 Pawlikowskis Film (2026)<\/em><\/p>\n<p><strong>Von Wolfgang Bossert<\/strong><\/p>\n<h3>Eine Reise in die Vergangenheit<\/h3>\n<p><em>Vaterland<\/em> war f\u00fcr mich ein aussergew\u00f6hnliches Filmerlebnis. Besonders beeindruckt haben mich die Bilder des zerst\u00f6rten Deutschlands. Frankfurt und Weimar erscheinen als nahezu vollst\u00e4ndig rekonstruierte Nachkriegslandschaften: Tr\u00fcmmer, Ruinen, Milit\u00e4rfahrzeuge und die sichtbare Pr\u00e4senz der alliierten Besatzungsm\u00e4chte.<\/p>\n<p>F\u00fcr Augenblicke hatte ich das Gef\u00fchl, nicht einen Spielfilm, sondern Aufnahmen aus dem Jahr 1949 zu sehen.<\/p>\n<p>Diese Bilder weckten eigene Erinnerungen. Als Kind habe ich die Amerikaner noch erlebt. F\u00fcr uns Kinder waren sie faszinierend: ihre Fahrzeuge, ihre Maschinen, der Kaugummi \u2013 und zugleich erlebte ich sie als Menschen, die beim Wiederaufbau halfen und das zerst\u00f6rte Land unterst\u00fctzten.<\/p>\n<p>Vielleicht sehe ich diese Nachkriegswelt deshalb anders als Pawe\u0142 Pawlikowski. Ich erinnere mich nicht nur an die Tr\u00fcmmer, sondern auch an den Neubeginn, an die Hoffnung und an Menschen, die wieder leben wollten.<\/p>\n<h3>Ein Schriftsteller, der sich hinter seinen Worten verbirgt<\/h3>\n<p>Auch die emotionale Konstruktion des Films hat mich besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p><strong>Thomas Mann zeigt kaum Gef\u00fchle.<\/strong> Hanns Zischler verk\u00f6rpert ihn als einen beherrschten, distanzierten Intellektuellen. Er spricht in seiner vollkommenen literarischen Sprache \u00fcber Goethe, Kultur und Deutschland, bleibt aber merkw\u00fcrdig hinter seinen Worten verborgen.<\/p>\n<p>Erika ist das Gegenbild. Sandra H\u00fcller spielt diese Emotionalit\u00e4t \u00fcberw\u00e4ltigend: ihre Wut, ihre Verletzlichkeit, die Ohrfeige f\u00fcr Gustaf Gr\u00fcndgens und schliesslich ihr Ausbruch gegen einen Vater, dem sie vorwirft, sich hinter seinen Worten zu verschanzen und Gef\u00fchle kaum zuzulassen.<\/p>\n<p>Gerade hier beginnt mein Widerspruch gegen den Film.<\/p>\n<p>Pawlikowski zeigt nicht einfach den historischen Thomas Mann. Er konstruiert <strong>seinen Thomas Mann<\/strong> \u2013 einen grossen Humanisten, dessen eigenes Menschsein auf die Probe gestellt wird.<\/p>\n<p>Das ist dramaturgisch eindrucksvoll, erscheint mir gegen\u00fcber dem historischen Thomas Mann aber zu d\u00fcster und zu einseitig.<\/p>\n<h3>Hat Pawlikowski Thomas Manns Ironie untersch\u00e4tzt?<\/h3>\n<p>Erst nach dem Film wurde mir durch eine literarische Diskussion bewusst, welche Bedeutung die Ironie im Werk Thomas Manns besitzt.<\/p>\n<p>Ich hatte Settembrini und Naphta im <em>Zauberberg<\/em> als Prototypen zweier gegens\u00e4tzlicher Menschenbilder kennengelernt. Settembrini steht f\u00fcr Humanismus, Aufkl\u00e4rung und Vernunft; Naphta f\u00fcr die Unterordnung des Menschen unter eine h\u00f6here, absolute Ordnung.<\/p>\n<p>Aus diesem Gegensatz entwickelte ich meinen S\u2013N-Kompass und \u00dcberlegungen f\u00fcr meine Trilogie <em>Man is the measure<\/em>.<\/p>\n<p>Doch Thomas Mann ironisiert beide Figuren. Selbst der vernunftgl\u00e4ubige Settembrini bleibt nicht von seiner literarischen Distanz verschont.<\/p>\n<p><strong>Die Ironie bewahrt Thomas Mann davor, seine Figuren zu Tr\u00e4gern unangreifbarer Wahrheiten zu machen.<\/strong><\/p>\n<p>Und genau diese F\u00e4higkeit zur Selbstrelativierung vermisse ich teilweise in Pawlikowskis filmischem Portr\u00e4t.<\/p>\n<p>Dabei hat der Regisseur Manns Ironie durchaus erkannt. In einem Interview hebt er ausdr\u00fccklich die Ironie hervor, die Hanns Zischler mit Thomas Mann verbindet.<\/p>\n<p>Pawlikowski hat sie also nicht einfach \u00fcbersehen. Aber er stellt eine andere Seite des Schriftstellers in den Mittelpunkt: seine Melancholie, seine Entwurzelung, die Schwierigkeit, N\u00e4he zuzulassen.<\/p>\n<p>Damit gewinnt der Film eine tragische Dimension, w\u00e4hrend der spielerische, skeptische und bisweilen sp\u00f6ttische Thomas Mann weniger sichtbar wird.<\/p>\n<p>Vielleicht liegt darin mein eigentlicher Einwand: <strong>Ein Schriftsteller, der die Selbstgewissheit seiner eigenen Figuren so meisterhaft ironisierte, wird im Film selbst zu einer beinahe unbeweglichen Figur.<\/strong><\/p>\n<h3>Der Humanismus und die Schuld<\/h3>\n<p>Thomas Manns R\u00fcckkehr nach Deutschland im Jahr 1949 war eine Begegnung mit einem Land, das sich seiner nationalsozialistischen Vergangenheit stellen musste.<\/p>\n<p>Die Frage der deutschen Schuld durfte nicht verdr\u00e4ngt werden. Aber bedeutete die Verantwortung f\u00fcr die Verbrechen des Nationalsozialismus auch, dass jeder einzelne Deutsche nur noch unter dem Gesichtspunkt dieser Schuld betrachtet werden konnte?<\/p>\n<p>Gerade hier beginnt f\u00fcr mich die Frage nach dem Menschenbild.<\/p>\n<p>Meine eigene Kindheitserinnerung zeigt mir ein Deutschland, in dem Schuld, Zerst\u00f6rung, materielle Not, Hoffnung und Neubeginn nebeneinander existierten.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte mir gew\u00fcnscht, dass diese menschliche Vielfalt im Film st\u00e4rker sichtbar wird.<\/p>\n<p>Ein Humanismus, der den Menschen zum Mass erkl\u00e4rt, muss auch zwischen historischer Verantwortung und individueller Lebenswirklichkeit unterscheiden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das bedeutet nicht, Schuld zu relativieren. Es bedeutet, <strong>den einzelnen Menschen nicht in einem kollektiven Urteil verschwinden zu lassen.<\/strong><\/p>\n<h3>Die sch\u00f6nste Szene: Menschlichkeit ohne Worte<\/h3>\n<p>Und dann kommt f\u00fcr mich eine der sch\u00f6nsten Szenen des Films.<\/p>\n<p>In einer besch\u00e4digten Kirche h\u00f6ren Vater und Tochter Bach, <em>Jesus bleibet meine Freude<\/em>.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich werden die Worte unwichtig.<\/p>\n<p>Thomas Mann und Erika ber\u00fchren sich mit den H\u00e4nden.<\/p>\n<p>Keine grosse Aussprache. Keine literarische Rede.<\/p>\n<p><strong>Nur Ber\u00fchrung.<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht ist das Pawlikowskis eigentliche Antwort auf den ganzen Film: Der Schriftsteller, der sich in Sprache sch\u00fctzt, erreicht den anderen Menschen f\u00fcr einen Augenblick nicht durch Worte, sondern durch N\u00e4he.<\/p>\n<p>Diese Szene gewinnt noch eine besondere Bedeutung, wenn man an Thomas Manns Roman <em>Doktor Faustus<\/em> denkt, in dem das stille Zusammensein und das Halten einer Hand ebenfalls Ausdruck menschlicher Verbundenheit werden.<\/p>\n<p>Sie vers\u00f6hnt mich ein wenig mit dem Film \u2013 aber mein Unmut bleibt.<\/p>\n<h3>Mein Fazit: Die W\u00fcrde des Menschen<\/h3>\n<p>Ich bewundere <em>Vaterland<\/em> als grosses Kunstwerk. Seine Bilder haben mich \u00fcberw\u00e4ltigt, Sandra H\u00fcllers Erika hat mich bewegt und Hanns Zischlers Thomas Mann besch\u00e4ftigt mich noch immer.<\/p>\n<p>Doch Pawlikowskis d\u00fcsterer Thomas Mann bleibt f\u00fcr mich eine Interpretation.<\/p>\n<p>Mir fehlen die traumatisierten Deutschen, der Neubeginn, die Hoffnung und etwas von jener Solidarit\u00e4t mit dem einzelnen Menschen, die ich gerade von einem Humanisten wie Thomas Mann erwartet h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Auch seine Ironie h\u00e4tte dieser Darstellung eine weitere Dimension verleihen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Denn Ironie kann mehr sein als Spott. Sie kann den Menschen davor bewahren, seine eigene moralische \u00dcberzeugung f\u00fcr die einzige Wahrheit zu halten.<\/p>\n<p>Vielleicht ist gerade dies eine der bedeutendsten Lehren, die ich aus Thomas Manns Werk mitnehme:<\/p>\n<p><strong>Der Mensch ist das Mass. Aber auch der Mensch, der dieses Mass anlegt, bleibt fehlbar.<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht liegt genau darin die Qualit\u00e4t von Pawlikowskis Film: Ich verlasse das Kino nicht mit seinem Urteil, sondern mit meinen eigenen Fragen.<\/p>\n<p>Und das ist letztlich auch eine Aufgabe der Kunst.<\/p>\n<div>\n<hr \/>\n<\/div>\n<h3>Filmszene und Musik<\/h3>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/youtu.be\/qdkw7QLozss\">Vaterland \u2013 YouTube-Ausschnitt<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=zNlA1_HY-Lg\">Comedian Harmonists \u2013 Irgendwo auf der Welt<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<h3>Weiterf\u00fchrende Beitr\u00e4ge<\/h3>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.filmreporter.de\/kino\/108525-Vaterland\">Vaterland \u2013 FILMREPORTER<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/taz.de\/Pawel-Pawlikowski-ueber-Vaterland\/!6207899\/\">Interview mit Pawe\u0142 Pawlikowski \u2013 taz, 1. September 2026<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.kas.de\/de\/web\/geschichtsbewusst\/essay\/-\/content\/vaterland-thomas-mann-erika-mann-pawlikowski\">Filmbesprechung der Konrad-Adenauer-Stiftung<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Wolfgang Bossert | mypapergate.net \u2013 Das digitale Buch, das antwortet.<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vaterland \u2013 Thomas Mann, die Ironie und die Menschlichkeit Mein pers\u00f6nlicher Eindruck von Pawe\u0142 Pawlikowskis Film (2026) Von Wolfgang Bossert Eine Reise in die Vergangenheit Vaterland war f\u00fcr mich ein aussergew\u00f6hnliches Filmerlebnis. Besonders beeindruckt haben mich die Bilder des zerst\u00f6rten Deutschlands. 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