{"id":7942,"date":"2026-09-14T12:09:55","date_gmt":"2026-09-14T10:09:55","guid":{"rendered":"https:\/\/mypapergate.net\/?page_id=7942"},"modified":"2026-09-14T17:47:55","modified_gmt":"2026-09-14T15:47:55","slug":"die-mitte-war-immer-da","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/mypapergate.net\/en\/die-mitte-war-immer-da\/","title":{"rendered":"Die Mitte war immer da"},"content":{"rendered":"<h3 data-section-id=\"3pk8ed\" data-start=\"344\" data-end=\"438\">Warum sch\u00fctzt eine demokratische Mehrheit nicht automatisch vor dem Kippen der Demokratie?<\/h3>\n<h2>Prolog<\/h2>\n<h3>Zwei Zahlen<\/h3>\n<p>43,8 Prozent.<\/p>\n<p>Eine Zahl, die nach dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt die politische \u00d6ffentlichkeit ersch\u00fcttert.<\/p>\n<p>Kommentatoren suchen nach Erkl\u00e4rungen. Parteien beraten \u00fcber Konsequenzen. Wieder ist von der politischen Mitte die Rede, von den R\u00e4ndern, von der Brandmauer, von Protestw\u00e4hlern, von entt\u00e4uschten B\u00fcrgern und von der Frage, wie eine Demokratie mit einer starken politischen Kraft an ihrem Rand umgehen soll.<\/p>\n<p>Die Reaktionen wirken auf mich teilweise ratlos.<\/p>\n<p>Mich besch\u00e4ftigt dabei zun\u00e4chst eine Zahl.<\/p>\n<p>Denn <strong>43,8 Prozent<\/strong> erinnern auf beinahe unheimliche Weise an eine andere Zahl der deutschen Geschichte:<\/p>\n<p><strong>43,9 Prozent.<\/strong><\/p>\n<p>So hoch war der Stimmenanteil der NSDAP bei der Reichstagswahl am <strong>5. M\u00e4rz 1933<\/strong>.<\/p>\n<p>Zwei Wahlergebnisse, fast auf die Dezimalstelle gleich.<\/p>\n<p>Zwischen ihnen liegen mehr als neun Jahrzehnte deutscher Geschichte.<\/p>\n<p>Dazwischen liegen Diktatur und Krieg, Holocaust und Zerst\u00f6rung, Teilung und Wiederaufbau, das Grundgesetz, die Bundesrepublik und die DDR, die friedliche Revolution von 1989, die deutsche Einheit und Jahrzehnte gefestigter parlamentarischer Demokratie.<\/p>\n<p>Kann man diese beiden Zahlen \u00fcberhaupt nebeneinanderstellen?<\/p>\n<p>Man muss sogar sehr vorsichtig damit sein.<\/p>\n<h3>2026 ist nicht 1933<\/h3>\n<p>Ein Vergleich der Zahlen darf nicht zu einer Gleichsetzung der historischen Situationen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Reichstagswahl vom 5. M\u00e4rz 1933 war keine freie demokratische Wahl unter Bedingungen, wie wir sie heute verstehen. Adolf Hitler war bereits Reichskanzler. Nach dem Reichstagsbrand waren mit der Reichstagsbrandverordnung wesentliche Grundrechte au\u00dfer Kraft gesetzt worden. Kommunisten und andere politische Gegner wurden verfolgt, verhaftet und misshandelt. SA und SS verbreiteten Gewalt und Einsch\u00fcchterung. Die M\u00f6glichkeiten oppositioneller Parteien waren massiv eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Wenn die NSDAP unter diesen Bedingungen 43,9 Prozent erreichte, dann ist diese Zahl also anders zu bewerten als das Ergebnis einer freien Landtagswahl in einer rechtsstaatlichen Demokratie.<\/p>\n<p><strong>Sachsen-Anhalt 2026 ist nicht Deutschland 1933.<\/strong><\/p>\n<p>Die AfD ist nicht einfach mit der NSDAP gleichzusetzen.<\/p>\n<p>Und Geschichte wiederholt sich nicht wie ein Fahrplan.<\/p>\n<p>Gerade deshalb interessiert mich etwas anderes.<\/p>\n<p>Nicht die Gleichheit der Parteien.<\/p>\n<p>Nicht die Gleichheit der Zeiten.<\/p>\n<p>Sondern das politische <strong>Paradox hinter den beiden Zahlen<\/strong>.<\/p>\n<h3>Die anderen waren mehr<\/h3>\n<p>Denn die Zahl 43,9 enth\u00e4lt noch eine zweite Zahl.<\/p>\n<p><strong>56,1 Prozent.<\/strong><\/p>\n<p>Trotz der bereits bestehenden Einsch\u00fcchterung und Repression w\u00e4hlte am 5. M\u00e4rz 1933 eine Mehrheit der W\u00e4hler <strong>nicht die NSDAP<\/strong>.<\/p>\n<p>Das ist bemerkenswert.<\/p>\n<p>Wenige Wochen sp\u00e4ter, am 23. M\u00e4rz 1933, wurde das Erm\u00e4chtigungsgesetz beschlossen. Die parlamentarische Demokratie war faktisch beseitigt. Innerhalb weniger Monate wurden Parteien und Gewerkschaften ausgeschaltet, L\u00e4nder gleichgeschaltet und politische Gegner verfolgt. Aus Deutschland wurde eine Diktatur.<\/p>\n<p>Wie war das m\u00f6glich?<\/p>\n<p>Wie konnte eine politische Bewegung, die selbst bei dieser letzten Reichstagswahl keine absolute Stimmenmehrheit erreicht hatte, die gesamte staatliche Ordnung unter ihre Kontrolle bringen?<\/p>\n<p>Diese Frage besch\u00e4ftigt mich mehr als die blo\u00dfe Feststellung, dass die Nationalsozialisten stark geworden waren.<\/p>\n<p>Denn sie f\u00fchrt zu einem Problem, das weit \u00fcber 1933 hinausreicht:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Eine Demokratie kann offenbar zerst\u00f6rt werden, obwohl nicht die Mehrheit ihrer B\u00fcrger ihre Zerst\u00f6rung gew\u00e4hlt hat.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<h3>Wo war die Mitte?<\/h3>\n<p>Wir erz\u00e4hlen die Geschichte der Weimarer Republik h\u00e4ufig vom Ende her.<\/p>\n<p>Wir kennen Hitler.<\/p>\n<p>Wir kennen Auschwitz.<\/p>\n<p>Wir kennen den Zweiten Weltkrieg.<\/p>\n<p>Wir wissen, wohin die Geschichte f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Dadurch entsteht r\u00fcckblickend leicht der Eindruck eines Landes, das immer radikaler wurde, bis schlie\u00dflich der Nationalsozialismus die zwangsl\u00e4ufige Konsequenz gewesen sei.<\/p>\n<p>Aber war das wirklich so?<\/p>\n<p>Wo waren die Sozialdemokraten?<\/p>\n<p>Wo waren die Liberalen?<\/p>\n<p>Wo waren die katholischen und christlichen Kr\u00e4fte?<\/p>\n<p>Wo waren Gewerkschafter, Unternehmer, Beamte, Lehrer, Schriftsteller, Wissenschaftler, Handwerker und Arbeiter, die keine nationalsozialistische Diktatur wollten?<\/p>\n<p>Wo waren die Menschen, die morgens zur Arbeit gingen, ihre Kinder gro\u00dfzogen, ihre Zeitung lasen, ins Theater gingen, miteinander stritten und eigentlich nur in Frieden leben wollten?<\/p>\n<p>Sie waren da.<\/p>\n<p>Vielleicht liegt genau hier ein Denkfehler unserer historischen Betrachtung.<\/p>\n<p>Wir schauen so intensiv auf diejenigen, die die Demokratie zerst\u00f6rten, dass wir diejenigen aus dem Blick verlieren, die <strong>keine Diktatur wollten<\/strong>.<\/p>\n<h3>Meine These<\/h3>\n<p>Daraus ist w\u00e4hrend meiner historischen Besch\u00e4ftigung mit Deutschland eine These entstanden:<\/p>\n<h1>Die Mitte war immer da.<\/h1>\n<p>Damit meine ich nicht, dass Deutschland zu allen Zeiten eine demokratische Gesellschaft nach unserem heutigen Verst\u00e4ndnis gewesen sei.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re historisch falsch.<\/p>\n<p>Die Demokratie von 2026 l\u00e4sst sich nicht einfach auf das Kaiserreich oder das 19. Jahrhundert zur\u00fcckprojizieren.<\/p>\n<p>Ich meine etwas Grunds\u00e4tzlicheres.<\/p>\n<p>In allen Perioden unserer Geschichte finden wir Menschen, die weder einer extremen Ideologie noch der vollst\u00e4ndigen Unterordnung des Einzelnen unter eine politische Heilslehre folgen wollten.<\/p>\n<p>Wir finden sie 1848.<\/p>\n<p>Wir finden sie im Kaiserreich.<\/p>\n<p>Wir finden sie in Weimar.<\/p>\n<p>Wir finden sie selbst w\u00e4hrend der nationalsozialistischen Diktatur.<\/p>\n<p>Wir finden sie nach 1945 in Westdeutschland.<\/p>\n<p>Und wir finden sie auch in Ostdeutschland, obwohl dort eine zweite deutsche Diktatur entstand.<\/p>\n<p>1989 treten Menschen auf die Stra\u00dfen und rufen nach Freiheit.<\/p>\n<p>1990 entsteht daraus wieder ein gemeinsamer demokratischer Staat.<\/p>\n<p>Die Systeme \u00e4ndern sich.<\/p>\n<p>Die Parteien \u00e4ndern sich.<\/p>\n<p>Die politischen Begriffe \u00e4ndern sich.<\/p>\n<p><strong>Aber die Mitte verschwindet nicht.<\/strong><\/p>\n<h3>Dann stimmt m\u00f6glicherweise unsere Frage nicht<\/h3>\n<p>Wenn diese These richtig ist, m\u00fcssen wir eine der gro\u00dfen Fragen der deutschen Geschichte anders stellen.<\/p>\n<p>Nicht:<\/p>\n<p><strong>Warum verschwand die Mitte?<\/strong><\/p>\n<p>Sondern:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Warum konnte eine vorhandene Mitte die Demokratie nicht sch\u00fctzen?<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist ein erheblicher Unterschied.<\/p>\n<p>Denn solange wir glauben, Demokratien gingen unter, weil irgendwann die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung zu \u00fcberzeugten Antidemokraten werde, k\u00f6nnen wir uns beruhigen.<\/p>\n<p>Wir schauen uns um und stellen fest:<\/p>\n<p>Die meisten Menschen wollen keine Diktatur.<\/p>\n<p>Die meisten wollen keine Gewalt.<\/p>\n<p>Die meisten wollen keine Abschaffung ihrer pers\u00f6nlichen Freiheit.<\/p>\n<p>Also scheint die Demokratie sicher.<\/p>\n<p>Aber 1933 warnt uns m\u00f6glicherweise gerade vor dieser Beruhigung.<\/p>\n<p>Vielleicht ben\u00f6tigt eine Demokratie zu ihrem Untergang \u00fcberhaupt keine antidemokratische Mehrheit.<\/p>\n<h3>Mehrheit und Macht sind nicht dasselbe<\/h3>\n<p>Das f\u00fchrt zu einer zweiten Vermutung.<\/p>\n<p>Politische Macht entsteht nicht allein durch die Zahl der Menschen, die eine bestimmte \u00dcberzeugung teilen.<\/p>\n<p>Eine entschlossene und gut organisierte Minderheit kann m\u00f6glicherweise gr\u00f6\u00dfere Wirkung entfalten als eine wesentlich gr\u00f6\u00dfere, aber zersplitterte Mehrheit.<\/p>\n<p>Institutionen k\u00f6nnen versagen.<\/p>\n<p>Demokratische Parteien k\u00f6nnen sich gegenseitig blockieren.<\/p>\n<p>Politische Eliten k\u00f6nnen glauben, sie k\u00f6nnten Radikale f\u00fcr ihre eigenen Zwecke benutzen.<\/p>\n<p>Wirtschaftliche Krisen k\u00f6nnen Vertrauen zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Propaganda kann Wirklichkeit vereinfachen.<\/p>\n<p>Feindbilder k\u00f6nnen Gemeinschaft erzeugen.<\/p>\n<p>Angst kann st\u00e4rker werden als Vernunft.<\/p>\n<p>Und Menschen k\u00f6nnen eine radikale Partei aus ganz unterschiedlichen Gr\u00fcnden w\u00e4hlen, ohne deren vollst\u00e4ndiges Weltbild zu teilen.<\/p>\n<p>Aber das sind zun\u00e4chst nur Vermutungen.<\/p>\n<p><strong>Ich m\u00f6chte die Antwort nicht an den Anfang dieses Essays stellen.<\/strong><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte sie suchen.<\/p>\n<h3>Eine Reise durch die Mitte<\/h3>\n<p>Deshalb f\u00fchrt dieser Essay noch einmal durch deutsche Geschichte.<\/p>\n<p>Aber diesmal reisen wir anders.<\/p>\n<p>Wir folgen nicht Hitler.<\/p>\n<p>Wir folgen nicht den Extremisten.<\/p>\n<p>Wir folgen <strong>der Mitte<\/strong>.<\/p>\n<p>Wir fragen, wo sie sich in unterschiedlichen Epochen zeigt.<\/p>\n<p>Wir begegnen Friedrich Ebert und Thomas Mann.<\/p>\n<p>Wir lassen Ernst Cassirer und Martin Heidegger \u00fcber den Menschen streiten.<\/p>\n<p>Wir betrachten 1933 nicht nur aus der Perspektive der Sieger, sondern auch aus der Perspektive derjenigen, die keine nationalsozialistische Diktatur wollten.<\/p>\n<p>Wir fragen nach 1945, woher die demokratischen Kr\u00e4fte pl\u00f6tzlich wieder kamen, wenn sie angeblich zuvor verschwunden waren.<\/p>\n<p>Wir betrachten 1949 und das Grundgesetz.<\/p>\n<p>Wir betrachten die DDR und 1989.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich kehren wir zur\u00fcck in das Deutschland des Jahres 2026.<\/p>\n<p>Immer mit derselben Frage:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Was h\u00e4lt eine Demokratie zusammen, wenn ihre Gegner stark werden?<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<h3>Eine Frage des Menschenbildes<\/h3>\n<p>Dabei geht es letztlich um mehr als Parteien und Wahlergebnisse.<\/p>\n<p>Es geht um den Menschen.<\/p>\n<p>Darf der einzelne Mensch anders denken?<\/p>\n<p>Darf er widersprechen?<\/p>\n<p>Darf er einer Minderheit angeh\u00f6ren?<\/p>\n<p>Besitzt er Rechte, die auch eine Mehrheit ihm nicht nehmen darf?<\/p>\n<p>Oder muss er sich einer Nation, einer Klasse, einer Rasse, einer Religion, einer Partei, einem F\u00fchrer oder irgendeiner vermeintlich h\u00f6heren Wahrheit unterordnen?<\/p>\n<p>Hier beginnt mein <strong>S\u2013N-Kompass<\/strong>.<\/p>\n<p>Settembrini steht f\u00fcr einen einfachen Grundsatz:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die Ordnung dient dem Menschen.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Naphta steht f\u00fcr die Umkehrung:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Der Mensch dient der Ordnung.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>Vielleicht verl\u00e4uft die entscheidende politische Grenze deshalb gar nicht dort, wo wir sie gew\u00f6hnlich suchen.<\/p>\n<p>Nicht einfach zwischen links und rechts.<\/p>\n<p>Sondern zwischen zwei Vorstellungen vom Menschen.<\/p>\n<h3>Und damit komme ich zu meiner eigenen Arbeit<\/h3>\n<p>Seit Jahren schreibe ich \u00fcber Geschichte, Philosophie, Demokratie, Freiheit und Humanismus.<\/p>\n<p>Immer wieder habe ich mich gefragt:<\/p>\n<p><strong>Wozu?<\/strong><\/p>\n<p>Was kann ein weiterer Essay ver\u00e4ndern?<\/p>\n<p>Was bewirkt ein historischer Dialog mit Thomas Mann?<\/p>\n<p>Was bringt es, Cassirer zu lesen oder noch einmal nach 1933 zur\u00fcckzugehen?<\/p>\n<p>Vielleicht liegt die Antwort genau in der Frage, mit der dieser Essay beginnt.<\/p>\n<p>Eine Demokratie kann Gerichte errichten.<\/p>\n<p>Sie kann eine Verfassung schaffen.<\/p>\n<p>Sie kann Grundrechte garantieren.<\/p>\n<p>Sie kann sich als wehrhafte Demokratie organisieren.<\/p>\n<p>Aber keine Verfassung kann dem B\u00fcrger das Denken abnehmen.<\/p>\n<p>Der Mensch muss unterscheiden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zwischen Information und Propaganda.<\/p>\n<p>Zwischen Kritik und Verachtung.<\/p>\n<p>Zwischen Gegner und Feind.<\/p>\n<p>Zwischen Gemeinschaft und Ausgrenzung.<\/p>\n<p>Zwischen F\u00fchrung und Unterwerfung.<\/p>\n<p>Zwischen einer Ordnung, die ihm dient, und einer Ordnung, der er dienen soll.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr gibt es ein altes Wort:<\/p>\n<h1>Bildung.<\/h1>\n<p>Vielleicht ist Bildung deshalb nicht nur die Vermittlung von Wissen.<\/p>\n<p>Vielleicht ist sie eine Form der <strong>geistigen Selbstverteidigung der Demokratie<\/strong>.<\/p>\n<p>Und vielleicht liegt genau darin der Sinn meiner Arbeit.<\/p>\n<p>Nicht Menschen vorzuschreiben, <strong>was sie denken sollen<\/strong>.<\/p>\n<p>Sondern ihnen Geschichte, Zusammenh\u00e4nge und Fragen zur Verf\u00fcgung zu stellen, damit sie <strong>selbst urteilen k\u00f6nnen<\/strong>.<\/p>\n<p>Denn meine Ausgangsthese lautet:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die Mitte war immer da.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Doch die Geschichte stellt uns eine unbequemere Frage:<\/p>\n<h1>Warum sch\u00fctzt eine demokratische Mehrheit nicht automatisch vor dem Kippen der Demokratie?<\/h1>\n<p>Mit dieser Frage beginnt die Reise.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>1. Was ist eigentlich \u201edie Mitte\u201c?<\/h2>\n<p>Bevor wir fragen, warum die politische Mitte eine Demokratie nicht immer vor ihren Gegnern sch\u00fctzen kann, m\u00fcssen wir kl\u00e4ren, wovon wir \u00fcberhaupt sprechen.<\/p>\n<p>Was ist <strong>die Mitte<\/strong>?<\/p>\n<p>Im politischen Alltag scheint die Antwort einfach. Links befinden sich die einen, rechts die anderen \u2013 und irgendwo dazwischen liegt die Mitte. Parteien k\u00e4mpfen um ihre W\u00e4hler. Nach Wahlen wird dar\u00fcber diskutiert, ob eine Partei nach links oder rechts ger\u00fcckt sei und wer die \u201eMitte der Gesellschaft\u201c noch erreiche.<\/p>\n<p>Aber diese Vorstellung reicht f\u00fcr meine historische Frage nicht aus.<\/p>\n<p>Denn die Mitte, von der ich spreche, ist <strong>kein Punkt auf einer politischen Skala<\/strong>.<\/p>\n<p>Sie ist auch keine Partei.<\/p>\n<p>Und sie ist nicht einmal zwingend eine bestimmte politische \u00dcberzeugung.<\/p>\n<h3>Die Mitte ist gr\u00f6\u00dfer als die Parteien<\/h3>\n<p>Ein Sozialdemokrat kann zu ihr geh\u00f6ren, ein Christdemokrat ebenso. Ein Liberaler, ein Gr\u00fcner oder ein parteiloser B\u00fcrger ebenfalls. Menschen k\u00f6nnen \u00fcber Steuern, Migration, soziale Gerechtigkeit, Klimapolitik oder die Rolle des Staates vollkommen unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem einer gemeinsamen demokratischen Mitte angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Was verbindet sie?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst etwas sehr Einfaches: die Anerkennung des anderen Menschen als politisch gleichberechtigt.<\/p>\n<p>Mein politischer Gegner darf irren.<\/p>\n<p>Er darf eine andere Partei w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Er darf meine \u00dcberzeugungen ablehnen.<\/p>\n<p>Er darf sogar eine Politik fordern, die ich f\u00fcr grundfalsch halte.<\/p>\n<p>Aber er bleibt mein Mitb\u00fcrger.<\/p>\n<p><strong>Aus dem politischen Gegner wird kein Feind.<\/strong><\/p>\n<p>Damit beginnt f\u00fcr mich die Mitte.<\/p>\n<h3>Vernunft und Anstand<\/h3>\n<p>In der \u00f6ffentlichen Diskussion ist von einer gro\u00dfen <strong>\u201ePartei der Vernunft und des Anstands\u201c<\/strong> gesprochen worden.<\/p>\n<p>Der Ausdruck gef\u00e4llt mir, weil \u201ePartei\u201c hier gerade nicht CDU, SPD, Gr\u00fcne, FDP oder eine andere Organisation meint.<\/p>\n<p>Es ist eine imagin\u00e4re Partei.<\/p>\n<p>Ihr geh\u00f6ren alle an, die bereit sind, ihre politischen Interessen innerhalb gemeinsamer Regeln auszutragen.<\/p>\n<p>Vernunft bedeutet dabei nicht, dass es immer eine objektiv richtige politische Antwort gibt. Demokratie lebt gerade davon, dass vern\u00fcnftige Menschen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und Anstand bedeutet mehr als H\u00f6flichkeit.<\/p>\n<p>Er bezeichnet eine Grenze.<\/p>\n<p>Ich kann meinen Gegner bek\u00e4mpfen, ohne ihm seine W\u00fcrde abzusprechen.<\/p>\n<p>Ich kann eine Regierung abw\u00e4hlen wollen, ohne den demokratischen Staat beseitigen zu wollen.<\/p>\n<p>Ich kann gegen eine politische Entscheidung demonstrieren und gleichzeitig akzeptieren, dass auch diejenigen, gegen die ich demonstriere, Grundrechte besitzen.<\/p>\n<p><strong>Die Mitte beginnt dort, wo der andere Mensch trotz des politischen Streits Mensch bleibt.<\/strong><\/p>\n<h3>Aber gab es diese Mitte schon immer?<\/h3>\n<p>Hier beginnt meine These.<\/p>\n<p>Unsere heutige Vorstellung von Demokratie ist historisch jung. Das Grundgesetz existiert seit 1949. Das allgemeine gleiche Wahlrecht musste erk\u00e4mpft werden. Frauen durften in Deutschland erstmals 1919 an einer reichsweiten Wahl teilnehmen. Im Kaiserreich gab es noch keine parlamentarische Demokratie nach unserem heutigen Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Wenn ich behaupte:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die Mitte war immer da.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>kann damit also nicht gemeint sein, dass es zu allen Zeiten eine demokratische Mitte im heutigen Sinne gegeben h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Meine These geht tiefer.<\/p>\n<p>Es gab in den unterschiedlichen Perioden deutscher Geschichte Menschen, die ihr Leben f\u00fchren wollten, ohne andere beherrschen zu m\u00fcssen. Menschen, die Familie, Arbeit, Kultur, Religion, Bildung, Sicherheit und gesellschaftliche Ordnung suchten. Menschen, die Reformen wollten, ohne Revolution\u00e4re zu sein. Menschen, die unterschiedliche \u00dcberzeugungen besa\u00dfen und dennoch miteinander leben konnten.<\/p>\n<p>1848 finden wir sie.<\/p>\n<p>Im Kaiserreich finden wir sie.<\/p>\n<p>In der Weimarer Republik finden wir sie.<\/p>\n<p>Selbst w\u00e4hrend der nationalsozialistischen Diktatur verschwanden solche Menschen nicht.<\/p>\n<p>Wir finden sie nach 1945 wieder.<\/p>\n<p>Wir finden sie in der DDR.<\/p>\n<p>Und 1989 treten Menschen auf die Stra\u00dfen und verlangen Freiheit und Selbstbestimmung.<\/p>\n<p>Die politischen Systeme wechseln.<\/p>\n<p><strong>Die Mitte bleibt.<\/strong><\/p>\n<h3>Mitte bedeutet nicht Mittelm\u00e4\u00dfigkeit<\/h3>\n<p>Dabei lauert ein Missverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Wer Mitte sagt, meint nicht zwangsl\u00e4ufig M\u00e4\u00dfigung in jeder Frage.<\/p>\n<p>Die Mitte kann leidenschaftlich sein.<\/p>\n<p>Ein Mensch kann leidenschaftlich f\u00fcr soziale Gerechtigkeit k\u00e4mpfen. Er kann ein entschiedener Konservativer sein. Er kann radikale Reformen des Wirtschaftssystems verlangen oder eine sehr restriktive Migrationspolitik vertreten.<\/p>\n<p>Die entscheidende Frage lautet nicht:<\/p>\n<p><strong>Wie weit links oder rechts steht er?<\/strong><\/p>\n<p>Sondern:<\/p>\n<p><strong>Welches Menschenbild liegt seiner Politik zugrunde?<\/strong><\/p>\n<p>Hier ber\u00fchrt die Frage nach der Mitte meinen <strong>S\u2013N-Kompass<\/strong>.<\/p>\n<p>Settembrini steht f\u00fcr den Gedanken:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die Ordnung dient dem Menschen.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Naphta verk\u00f6rpert die Gegenbewegung:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Der Mensch dient der Ordnung.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Damit ver\u00e4ndert sich auch unser Blick auf politische Radikalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Nicht jede radikale Forderung ist automatisch antihumanistisch. Die Abschaffung der Sklaverei war einmal eine radikale Forderung. Gleichberechtigung war radikal. Demokratie selbst war \u00fcber lange Zeit eine radikale Idee.<\/p>\n<p>Entscheidend ist deshalb nicht allein, <strong>wie stark eine politische Forderung vom Bestehenden abweicht<\/strong>, sondern was mit dem einzelnen Menschen geschieht, wenn sie verwirklicht wird.<\/p>\n<p>Bleibt seine W\u00fcrde unantastbar?<\/p>\n<p>Bleibt er Tr\u00e4ger eigener Rechte?<\/p>\n<p>Darf er widersprechen?<\/p>\n<p>Darf er anders sein?<\/p>\n<p>Oder wird von ihm verlangt, sich einer Nation, einer Klasse, einer Rasse, einer Religion, einem F\u00fchrer oder einer vermeintlich h\u00f6heren geschichtlichen Wahrheit unterzuordnen?<\/p>\n<p><strong>Hier verl\u00e4uft f\u00fcr mich die entscheidende Grenze.<\/strong><\/p>\n<h3>Die Mehrheit ist noch keine Mitte<\/h3>\n<p>Damit m\u00fcssen wir eine weitere Unterscheidung treffen.<\/p>\n<p>Mitte und Mehrheit sind nicht dasselbe.<\/p>\n<p>Eine Mehrheit kann irren. Eine Mehrheit kann Menschenrechte verletzen. Eine Mehrheit k\u00f6nnte sogar beschlie\u00dfen wollen, einer Minderheit ihre Rechte zu nehmen.<\/p>\n<p>Demokratie bedeutet deshalb mehr als Mehrheitsentscheidung.<\/p>\n<p>Das Grundgesetz zieht genau hier eine Grenze. Die W\u00fcrde des Menschen steht nicht unter Mehrheitsvorbehalt. Bestimmte Grundlagen unserer Verfassungsordnung k\u00f6nnen auch mit einer parlamentarischen Zweidrittelmehrheit nicht abgeschafft werden.<\/p>\n<p>Das ist eine der gro\u00dfen Lehren aus der deutschen Geschichte:<\/p>\n<p><strong>Nicht alles darf zur Abstimmung stehen.<\/strong><\/p>\n<p>Die demokratische Mitte definiert sich deshalb nicht allein durch ihre Gr\u00f6\u00dfe, sondern durch ihre Bindung an ein Menschenbild.<\/p>\n<h3>Meine Arbeitshypothese<\/h3>\n<p>Damit l\u00e4sst sich die These dieses Essays pr\u00e4zisieren:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die Mitte ist jene gesellschaftliche Kraft, die politische Unterschiede akzeptiert, ohne die gleiche W\u00fcrde und Freiheit des einzelnen Menschen grunds\u00e4tzlich infrage zu stellen.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Sie ver\u00e4ndert sich historisch. Ihre politischen Vorstellungen ver\u00e4ndern sich. Ihre Parteien ver\u00e4ndern sich.<\/p>\n<p>Aber ein Grundgedanke bleibt:<\/p>\n<p><strong>Wir m\u00fcssen miteinander leben k\u00f6nnen, obwohl wir verschieden sind.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn diese These stimmt, bekommt die deutsche Geschichte eine \u00fcberraschende Dramaturgie.<\/p>\n<p>Denn dann m\u00fcssen wir nicht mehr fragen:<\/p>\n<p><strong>Wann verschwand die Mitte?<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht verschwand sie \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p>Dann lautet die viel schwierigere Frage:<\/p>\n<h1>Wenn die Mitte immer da war \u2013 warum konnte sie 1933 die Demokratie nicht retten?<\/h1>\n<p>Und genau dort beginnt unsere historische Untersuchung.<\/p>\n<p>Denn m\u00f6glicherweise liegt eine der gef\u00e4hrlichsten Illusionen der Demokratie in dem beruhigenden Satz:<\/p>\n<p><strong>\u201eWir sind doch die Mehrheit.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die deutsche Geschichte zwingt uns zu fragen, ob das gen\u00fcgt.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>2. Die Mitte vor der Demokratie<\/h1>\n<h2>Gab es eine Mitte, bevor es unsere Demokratie gab?<\/h2>\n<p>Wenn meine These lautet, <strong>\u201eDie Mitte war immer da\u201c<\/strong>, entsteht sofort ein Einwand.<\/p>\n<p>Wie kann von einer demokratischen Mitte gesprochen werden, wenn Deutschland \u00fcber weite Strecken seiner Geschichte \u00fcberhaupt keine Demokratie im heutigen Sinne war?<\/p>\n<p>Im Deutschen Kaiserreich gab es einen Kaiser. Die Regierung war nicht vom Vertrauen einer parlamentarischen Mehrheit abh\u00e4ngig. Frauen besa\u00dfen kein Wahlrecht. Gesellschaftliche Stellung, Herkunft und Verm\u00f6gen bestimmten die Lebenschancen weit st\u00e4rker als heute.<\/p>\n<p>Gehen wir noch weiter zur\u00fcck, wird der Abstand zu unserem heutigen Demokratieverst\u00e4ndnis noch gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Die Revolution von 1848\/49 scheiterte. Deutschland bestand zuvor aus zahlreichen Einzelstaaten. F\u00fcrsten regierten, Zensur begrenzte die \u00d6ffentlichkeit, politische Mitwirkung war eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Wenn ich trotzdem von einer <strong>Mitte<\/strong> spreche, darf ich unseren heutigen Begriff nicht einfach in die Vergangenheit \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Meine These ist eine andere.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die demokratische Mitte entstand nicht erst mit der Demokratie. Ihre geistigen Voraussetzungen sind \u00e4lter.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Es gab lange vor dem Grundgesetz Menschen, die Freiheit wollten, ohne die Freiheit des anderen abschaffen zu wollen. Menschen, die Recht statt Willk\u00fcr, Bildung statt Unterwerfung und Reform statt Gewalt suchten.<\/p>\n<p>Vielleicht m\u00fcssen wir dort anfangen.<\/p>\n<h2>1848 \u2013 eine Revolution der Mitte?<\/h2>\n<p>Die deutsche Revolution von 1848 ist daf\u00fcr ein bemerkenswerter Ausgangspunkt.<\/p>\n<p>Menschen forderten Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Verfassungen, politische Mitbestimmung und nationale Einheit. In der Frankfurter Paulskirche trat erstmals ein gesamtdeutsches Parlament zusammen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/images.openai.com\/static-rsc-4\/64pyKf8QiwTU50ajIiVHBdswv2jQVbSK2jI6mDmqKUf2koBhnj7GhtQzTtEqIMp4M2FdNBre9lUlW7BQuhBIJNPQruY5f_EOcfvffUmTmzV9m2hbim8N_h_VeqUehoG_Fz7V1oSAEE6Ht6OGPkrlm4j9bXogkl1Ytqldgo5Bzs8RO3hwmdNMG_wHR8oFuTl7?purpose=fullsize\" alt=\"Image\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/images.openai.com\/static-rsc-4\/Z5v5LDvb8wcc6G57HmUZvYxTmpkWAf5rfbDJN0QCj1GFTjQF21tamoR3JMVWPoYS8FJAQv-SKIRBmQwO1I8TvfSPhAHCRSmQhzd7gYM3WEsAbO2fh-JokwLM3TUvhDB1wp0QfEf8hhs6o1Bc2PF0hxpYn2ZeX1bYK3jzhrD4ZDrLpU--Vf8Hn2ku1RuqzrD5?purpose=fullsize\" alt=\"Image\" \/><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war diese Bewegung nicht unsere heutige Demokratie.<\/p>\n<p>Die Abgeordneten der Paulskirche waren \u00fcberwiegend M\u00e4nner aus dem gebildeten B\u00fcrgertum. Die Vorstellungen von politischer und gesellschaftlicher Gleichheit waren begrenzt. Auch innerhalb der Nationalversammlung stritten Konservative, Liberale und Demokraten heftig \u00fcber die zuk\u00fcnftige Ordnung.<\/p>\n<p>Aber etwas Entscheidendes war geschehen:<\/p>\n<p><strong>Politische Herrschaft musste sich rechtfertigen.<\/strong><\/p>\n<p>Der Untertan begann, B\u00fcrger werden zu wollen.<\/p>\n<p>Nicht der F\u00fcrst allein sollte dar\u00fcber entscheiden, welche Rechte Menschen besa\u00dfen. Recht sollte geschrieben, Macht begrenzt und politische Herrschaft an Regeln gebunden werden.<\/p>\n<p>Das erscheint uns heute selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Damals war es revolution\u00e4r.<\/p>\n<p>Und doch war es keine Forderung nach einer totalen Umw\u00e4lzung des menschlichen Lebens. Viele wollten Eigentum, Familie, Religion und gesellschaftliche Ordnung erhalten und gleichzeitig politische Freiheit gewinnen.<\/p>\n<p>Vielleicht begegnen wir hier bereits jener Mitte, nach der ich suche.<\/p>\n<p>Nicht als Partei.<\/p>\n<p>Nicht als fest umrissene gesellschaftliche Gruppe.<\/p>\n<p>Sondern als <strong>Menschenbild<\/strong>.<\/p>\n<h2>Vom Untertan zum B\u00fcrger<\/h2>\n<p>Dahinter steht eine Entwicklung, die viel \u00e4lter ist als 1848.<\/p>\n<p>Die Aufkl\u00e4rung hatte eine ungeheure Idee in die europ\u00e4ische Geschichte gesetzt:<\/p>\n<p><strong>Der Mensch kann selbst denken.<\/strong><\/p>\n<p>Kant formulierte 1784 seinen ber\u00fchmten Aufruf:<\/p>\n<blockquote><p><strong>\u201eHabe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!\u201c<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Das war weit mehr als ein p\u00e4dagogischer Ratschlag.<\/p>\n<p>Wer seinen eigenen Verstand benutzen darf, kann nicht gleichzeitig verlangen, dass ein anderer Mensch ihm blind vorschreibt, was er zu denken hat.<\/p>\n<p>Damit entsteht eine Voraussetzung demokratischer Kultur, lange bevor eine demokratische Verfassung existiert.<\/p>\n<p>Der Mensch wird zum Subjekt.<\/p>\n<p>Er besitzt Vernunft.<\/p>\n<p>Er besitzt W\u00fcrde.<\/p>\n<p>Er tr\u00e4gt Verantwortung.<\/p>\n<p>Und er kann politische Herrschaft beurteilen.<\/p>\n<p>Damit beginnt etwas, das f\u00fcr meine Untersuchung entscheidend ist:<\/p>\n<p><strong>Demokratie entsteht zun\u00e4chst im Kopf, bevor sie in einer Verfassung steht.<\/strong><\/p>\n<h2>Aber war das wirklich die Mitte?<\/h2>\n<p>Hier muss ich meiner eigenen These widersprechen.<\/p>\n<p>Denn nat\u00fcrlich dachte im 19. Jahrhundert keineswegs die Mehrheit der Menschen wie Kant.<\/p>\n<p>Nationalismus nahm zu. Antisemitismus existierte. Gesellschaftliche Hierarchien wurden als selbstverst\u00e4ndlich betrachtet. Militarismus gewann Einfluss. Arbeiter lebten teilweise unter Bedingungen, die wir heute als unertr\u00e4glich empfinden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Auch diejenigen, die sich selbst als liberal verstanden, vertraten keineswegs immer ein Menschenbild, das unserem heutigen Verst\u00e4ndnis von Gleichheit entspricht.<\/p>\n<p>Deshalb w\u00e4re es falsch zu sagen:<\/p>\n<p><strong>1848 gab es bereits unsere heutige demokratische Mitte.<\/strong><\/p>\n<p>Aber vielleicht ist das auch gar nicht notwendig.<\/p>\n<p>Ich suche nicht nach unseren heutigen Parteien in der Vergangenheit.<\/p>\n<p>Ich suche nach einer Haltung.<\/p>\n<p>Und deren Kern lautet:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Der Mensch darf nicht vollst\u00e4ndig zum Mittel einer politischen Ordnung werden.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Genau dort beginnt mein S\u2013N-Kompass wieder zu reagieren.<\/p>\n<h2>Das Kaiserreich \u2013 eine autorit\u00e4re Gesellschaft?<\/h2>\n<p>1871 entstand das Deutsche Kaiserreich.<\/p>\n<p>An seiner Spitze stand der Kaiser. Der Reichskanzler wurde nicht vom Parlament gew\u00e4hlt und war diesem auch nicht in unserem heutigen Sinne verantwortlich.<\/p>\n<p>War Deutschland deshalb eine Gesellschaft von Untertanen?<\/p>\n<p>So einfach ist es nicht.<\/p>\n<p>Das Kaiserreich besa\u00df gleichzeitig einen gew\u00e4hlten Reichstag. F\u00fcr M\u00e4nner galt bei Reichstagswahlen ein allgemeines und gleiches Wahlrecht \u2013 f\u00fcr seine Zeit bemerkenswert fortschrittlich. Parteien entwickelten sich zu gro\u00dfen gesellschaftlichen Organisationen. Zeitungen verbreiteten politische Diskussionen. Vereine, Kirchen, Gewerkschaften und Verb\u00e4nde bildeten eine immer vielf\u00e4ltigere Zivilgesellschaft.<\/p>\n<p>Und Millionen Menschen beteiligten sich daran.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr meine These wichtig.<\/p>\n<p>Denn politische Geschichte wird h\u00e4ufig von oben erz\u00e4hlt:<\/p>\n<p><strong>Kaiser \u2013 Kanzler \u2013 Gener\u00e4le \u2013 Kriege.<\/strong><\/p>\n<p>Aber eine Gesellschaft besteht nicht nur aus ihren Herrschern.<\/p>\n<p>Unterhalb der staatlichen Ordnung existierte eine zunehmend vielf\u00e4ltige B\u00fcrgergesellschaft.<\/p>\n<p>Menschen gr\u00fcndeten Vereine.<\/p>\n<p>Sie lasen Zeitungen.<\/p>\n<p>Sie organisierten sich in Gewerkschaften.<\/p>\n<p>Sie engagierten sich in Kirchen.<\/p>\n<p>Sie w\u00e4hlten Parteien.<\/p>\n<p>Sie diskutierten Politik.<\/p>\n<p>Sie verlangten soziale Verbesserungen.<\/p>\n<p>Sie wollten Bildung f\u00fcr ihre Kinder.<\/p>\n<p>Sie bauten Unternehmen auf.<\/p>\n<p>Sie schrieben B\u00fccher.<\/p>\n<p>Sie gingen ins Theater.<\/p>\n<p>Sie stritten.<\/p>\n<p>Und sie arrangierten sich mit einer politischen Ordnung, die sich gleichzeitig langsam ver\u00e4nderte.<\/p>\n<p>Auch das war Deutschland.<\/p>\n<h2>Die Sozialdemokratie \u2013 vom Staatsfeind zur demokratischen Kraft<\/h2>\n<p>Besonders interessant ist dabei die Entwicklung der Sozialdemokratie.<\/p>\n<p>Bismarck versuchte mit den Sozialistengesetzen zwischen 1878 und 1890, die sozialdemokratische Bewegung zur\u00fcckzudr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Es gelang nicht.<\/p>\n<p>Die Arbeiterbewegung wuchs.<\/p>\n<p>Millionen Menschen organisierten sich politisch und gewerkschaftlich. Sie verlangten soziale Rechte und politische Teilhabe.<\/p>\n<p>Das Bemerkenswerte daran ist nicht nur ihr Wachstum.<\/p>\n<p>Es ist ihre zunehmende Einbindung in parlamentarische Politik.<\/p>\n<p>Eine Bewegung, die aus Sicht des Staates zeitweise als Bedrohung erschien, wurde schlie\u00dflich zu einer der tragenden Kr\u00e4fte der ersten deutschen Demokratie.<\/p>\n<p>Auch das widerspricht einem einfachen Geschichtsbild, in dem es nur eine gem\u00e4\u00dfigte Mitte und zwei unver\u00e4nderliche radikale R\u00e4nder gibt.<\/p>\n<p><strong>Menschen und Parteien k\u00f6nnen sich ver\u00e4ndern.<\/strong><\/p>\n<p>Die Grenze der Mitte ist beweglich.<\/p>\n<p>Aber das Menschenbild bleibt die entscheidende Pr\u00fcffrage.<\/p>\n<h2>Das Zentrum \u2013 schon der Name ist bemerkenswert<\/h2>\n<p>Daneben entstand 1870 die Deutsche Zentrumspartei.<\/p>\n<p>Schon ihr Name erscheint im Zusammenhang mit meiner Untersuchung beinahe symbolisch.<\/p>\n<p>Sie vertrat vor allem katholische Interessen, entwickelte sich aber zu einer wichtigen parlamentarischen Kraft des Kaiserreichs und sp\u00e4ter der Weimarer Republik.<\/p>\n<p>Auch hier sehen wir etwas, das f\u00fcr die sp\u00e4tere Demokratie entscheidend werden sollte:<\/p>\n<p>Menschen mit starken religi\u00f6sen und gesellschaftlichen \u00dcberzeugungen akzeptierten zunehmend den parlamentarischen Interessenausgleich.<\/p>\n<p>Sie mussten ihre \u00dcberzeugungen nicht aufgeben.<\/p>\n<p>Sie mussten lernen, mit anderen \u00dcberzeugungen zusammenzuleben.<\/p>\n<p>Genau das ist eine Grundbedingung demokratischer Mitte.<\/p>\n<h2>Die Mitte bedeutet nicht, dass alle gleich denken<\/h2>\n<p>Vielleicht liegt hier ein weiterer Denkfehler.<\/p>\n<p>Wir stellen uns die Mitte manchmal als eine gro\u00dfe Gruppe vern\u00fcnftiger Menschen vor, die ungef\u00e4hr dasselbe denken.<\/p>\n<p>Eine solche Mitte hat vermutlich niemals existiert.<\/p>\n<p>Die gesellschaftliche Mitte war immer voller Gegens\u00e4tze.<\/p>\n<p>Arbeiter und Unternehmer geh\u00f6rten dazu.<\/p>\n<p>Katholiken und Protestanten.<\/p>\n<p>Konservative und Liberale.<\/p>\n<p>Stadt und Land.<\/p>\n<p>B\u00fcrgerliche und Sozialdemokraten.<\/p>\n<p>Menschen, die mehr Staat wollten, und Menschen, die weniger Staat wollten.<\/p>\n<p>Sie stritten \u00fcber Eigentum, Religion, Nation, soziale Gerechtigkeit und politische Macht.<\/p>\n<p>Was sie zur Mitte machen konnte, war deshalb <strong>nicht ihre \u00dcbereinstimmung<\/strong>.<\/p>\n<p>Es war ihre F\u00e4higkeit, Verschiedenheit auszuhalten.<\/p>\n<p>Damit komme ich zu einer Definition, die f\u00fcr meine historische Reise immer wichtiger wird:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die Mitte ist kein Konsens \u00fcber Politik.<br \/>\nSie ist ein Konsens dar\u00fcber, wie wir trotz unterschiedlicher Politik miteinander leben.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<h2>Und dann kam der Krieg<\/h2>\n<p>1914 beginnt der Erste Weltkrieg.<\/p>\n<p>Hier wird meine These erstmals einer schweren Belastungsprobe ausgesetzt.<\/p>\n<p>Nationalismus, milit\u00e4rische Begeisterung und die Vorstellung einer nationalen Schicksalsgemeinschaft \u00fcberlagerten gesellschaftliche Gegens\u00e4tze.<\/p>\n<p>Auch viele Intellektuelle lie\u00dfen sich davon erfassen.<\/p>\n<p>Thomas Mann geh\u00f6rt dazu.<\/p>\n<p>Der sp\u00e4tere Verteidiger der Republik war 1914 noch weit von seiner demokratischen Haltung der 1920er Jahre entfernt.<\/p>\n<p>Gerade deshalb ist er f\u00fcr meine Untersuchung so interessant.<\/p>\n<p>Denn Thomas Mann zeigt:<\/p>\n<p><strong>Die Mitte ist keine feste pers\u00f6nliche Eigenschaft.<\/strong><\/p>\n<p>Ein Mensch kann sich ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Er kann sich irren.<\/p>\n<p>Er kann nationalen Leidenschaften folgen.<\/p>\n<p>Er kann sp\u00e4ter seine Haltung \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Und er kann zum Verteidiger einer politischen Ordnung werden, die er zuvor skeptisch betrachtet hatte.<\/p>\n<p>Das macht Geschichte menschlicher.<\/p>\n<p>Und komplizierter.<\/p>\n<h2>1918 \u2013 die alte Ordnung bricht zusammen<\/h2>\n<p>Vier Jahre sp\u00e4ter war das Kaiserreich am Ende.<\/p>\n<p>Deutschland hatte den Krieg verloren.<\/p>\n<p>Millionen Menschen waren tot.<\/p>\n<p>Der Kaiser ging ins Exil.<\/p>\n<p>Revolution\u00e4re Unruhen erfassten das Land.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich stand Deutschland vor einer fundamentalen Entscheidung.<\/p>\n<p>Monarchie?<\/p>\n<p>R\u00e4terepublik?<\/p>\n<p>Parlamentarische Demokratie?<\/p>\n<p>Revolution?<\/p>\n<p>Ordnung?<\/p>\n<p>Hier begegnen wir der Mitte nicht mehr nur als gesellschaftlicher Haltung.<\/p>\n<p><strong>Jetzt muss sie politische Verantwortung \u00fcbernehmen.<\/strong><\/p>\n<p>Friedrich Ebert wird dabei zu einer Schl\u00fcsselfigur.<\/p>\n<p>Er war Sozialdemokrat.<\/p>\n<p>Ein Vertreter jener politischen Bewegung, die wenige Jahrzehnte zuvor unter Bismarck noch staatlich verfolgt worden war.<\/p>\n<p>Nun sollte ausgerechnet ein Sozialdemokrat helfen, Deutschland in eine parlamentarische Demokratie zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Das ist eine bemerkenswerte historische Entwicklung.<\/p>\n<h2>Die Mitte tritt auf die politische B\u00fchne<\/h2>\n<p>1919 wird in Weimar eine demokratische Nationalversammlung gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>SPD, Zentrum und die linksliberale Deutsche Demokratische Partei bilden die sogenannte <strong>Weimarer Koalition<\/strong>.<\/p>\n<p>Bei der Wahl zur Nationalversammlung im Januar 1919 erreichen diese drei Parteien zusammen rund drei Viertel der Stimmen.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr meine These ein entscheidender Moment.<\/p>\n<p>Deutschland beginnt seine erste parlamentarische Demokratie nicht mit einer kleinen demokratischen Minderheit.<\/p>\n<p>Es beginnt sie mit einer <strong>breiten demokratischen Mehrheit<\/strong>.<\/p>\n<p>Die Mitte war nicht nur da.<\/p>\n<p>Sie war stark.<\/p>\n<p>Sie besa\u00df W\u00e4hler.<\/p>\n<p>Sie besa\u00df Parteien.<\/p>\n<p>Sie besa\u00df ein Parlament.<\/p>\n<p>Sie schuf eine Verfassung.<\/p>\n<p>Sie hatte die M\u00f6glichkeit, eine demokratische Ordnung aufzubauen.<\/p>\n<p>Und genau deshalb wird das, was anschlie\u00dfend geschieht, f\u00fcr meine Untersuchung so wichtig.<\/p>\n<p>Denn nur vierzehn Jahre sp\u00e4ter ist diese Demokratie zerst\u00f6rt.<\/p>\n<h3>Das Paradox wird sichtbar<\/h3>\n<p>Damit stehen wir am Beginn der Weimarer Republik vor einem historischen Paradox.<\/p>\n<p><strong>1919 verf\u00fcgt die demokratische Mitte \u00fcber eine \u00fcberw\u00e4ltigende parlamentarische Mehrheit.<\/strong><\/p>\n<p><strong>1933 \u00fcbernimmt eine Bewegung die Macht, die diese Demokratie beseitigen wird.<\/strong><\/p>\n<p>Was geschah dazwischen?<\/p>\n<p>Sind Millionen Demokraten pl\u00f6tzlich verschwunden?<\/p>\n<p>Haben sie ihr Menschenbild vollst\u00e4ndig ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p>Oder geschah etwas anderes?<\/p>\n<p>Vielleicht blieb die gesellschaftliche Mitte bestehen, w\u00e4hrend ihre <strong>politische Bindungs- und Handlungsf\u00e4higkeit<\/strong> zerfiel.<\/p>\n<p>Vielleicht ist genau das der Unterschied, den wir bisher \u00fcbersehen haben.<\/p>\n<p>Dann w\u00e4re die entscheidende Frage nicht:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Warum wurde Deutschland extremistisch?<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Sondern:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Wie konnte eine Demokratie ihre politische Mitte verlieren, obwohl die gesellschaftliche Mitte weiterhin existierte?<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Damit erreichen wir <strong>1919<\/strong>.<\/p>\n<p>Die Mitte hat eine Verfassung.<\/p>\n<p>Sie besitzt eine gro\u00dfe Mehrheit.<\/p>\n<p>Sie hat die historische Gelegenheit, Demokratie in Deutschland dauerhaft zu verankern.<\/p>\n<p>Und trotzdem wird diese Republik scheitern.<\/p>\n<p><strong>Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist die Frage des n\u00e4chsten Kapitels.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>3. Weimar \u2013 die Demokratie und ihre Mehrheit<\/h1>\n<h2>Eine Demokratie beginnt mit Zustimmung<\/h2>\n<p>Am Anfang steht eine Zahl, die heute beinahe vergessen ist.<\/p>\n<p>Bei der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung am <strong>19. Januar 1919<\/strong> erhielten SPD, Zentrum und Deutsche Demokratische Partei zusammen mehr als drei Viertel der Stimmen.<\/p>\n<p>Die Parteien der sp\u00e4ter sogenannten <strong>Weimarer Koalition<\/strong> verf\u00fcgten damit \u00fcber eine eindrucksvolle demokratische Mehrheit.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr meine These von gro\u00dfer Bedeutung.<\/p>\n<p>Denn wenn wir heute auf die Weimarer Republik zur\u00fcckblicken, sehen wir meistens ihr Ende.<\/p>\n<p>Wir sehen Stra\u00dfenschlachten.<\/p>\n<p>Wir sehen Kommunisten und Nationalsozialisten.<\/p>\n<p>Wir sehen SA-Kolonnen.<\/p>\n<p>Wir sehen Arbeitslosigkeit und Weltwirtschaftskrise.<\/p>\n<p>Wir sehen schlie\u00dflich Hitler.<\/p>\n<p>Doch so begann Weimar nicht.<\/p>\n<p>Weimar begann mit einer Wahl, einer Nationalversammlung, einer Verfassung \u2013 und mit einer breiten Zustimmung zu Parteien, die bereit waren, parlamentarische Verantwortung zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p><strong>Die Mitte war da.<\/strong><\/p>\n<p>Mehr noch:<\/p>\n<p><strong>Sie war die Mehrheit.<\/strong><\/p>\n<h2>Friedrich Ebert \u2013 Revolution oder Demokratie?<\/h2>\n<p>Friedrich Ebert steht f\u00fcr dieses schwierige Deutschland des \u00dcbergangs.<\/p>\n<p>Er war kein Revolution\u00e4r, der die bestehende Gesellschaft vollst\u00e4ndig zerst\u00f6ren wollte. Er war Sozialdemokrat und wollte grundlegende Ver\u00e4nderungen \u2013 aber innerhalb einer politischen Ordnung.<\/p>\n<p>Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs im November 1918 stand Deutschland vor einer offenen Zukunft.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite standen Kr\u00e4fte, die eine parlamentarische Republik wollten.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite gab es revolution\u00e4re Vorstellungen einer R\u00e4terepublik.<\/p>\n<p>Von rechts wiederum wurde die Republik von Beginn an als Ergebnis von Niederlage und Revolution bek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Ebert entschied sich f\u00fcr die parlamentarische Demokratie.<\/p>\n<p>Das bedeutete Kompromisse.<\/p>\n<p>Und Kompromisse haben eine merkw\u00fcrdige Eigenschaft: Sie k\u00f6nnen eine Gesellschaft zusammenhalten und gleichzeitig diejenigen entt\u00e4uschen, die eine eindeutige L\u00f6sung erwarten.<\/p>\n<p>Vielleicht begegnen wir hier bereits einem Grundproblem der Mitte.<\/p>\n<p><strong>Die Mitte verspricht selten Erl\u00f6sung.<\/strong><\/p>\n<p>Sie organisiert das Zusammenleben.<\/p>\n<h2>Die St\u00e4rke und Schw\u00e4che des Kompromisses<\/h2>\n<p>Eine Demokratie muss Interessen ausgleichen.<\/p>\n<p>Arbeiter wollen h\u00f6here L\u00f6hne.<\/p>\n<p>Unternehmer wollen wirtschaftliche Freiheit.<\/p>\n<p>Religi\u00f6se Menschen wollen ihre \u00dcberzeugungen bewahren.<\/p>\n<p>Liberale wollen individuelle Rechte.<\/p>\n<p>Konservative wollen Kontinuit\u00e4t.<\/p>\n<p>Sozialisten wollen gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n<p>Keine dieser Gruppen bekommt in einer Demokratie alles, was sie will.<\/p>\n<p>Das ist kein Fehler des Systems.<\/p>\n<p>Es ist sein Prinzip.<\/p>\n<p>Der Kompromiss sagt:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Du bekommst nicht alles. Aber der andere auch nicht. Und deshalb k\u00f6nnen wir beide miteinander leben.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Gerade das unterscheidet die demokratische Mitte vom politischen Extremismus.<\/p>\n<p>Der Extremismus verspricht nicht Ausgleich.<\/p>\n<p>Er verspricht <strong>Eindeutigkeit<\/strong>.<\/p>\n<p>Und Eindeutigkeit kann in Zeiten der Unsicherheit verf\u00fchrerisch sein.<\/p>\n<h2>Die Republik beginnt unter schlechten Bedingungen<\/h2>\n<p>Die junge Demokratie hatte kaum Zeit, sich selbst zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Sie musste sofort Krisen bew\u00e4ltigen.<\/p>\n<p>Deutschland hatte den Ersten Weltkrieg verloren. Millionen Soldaten kehrten zur\u00fcck. Die Wirtschaft war ersch\u00fcttert. Die Monarchie war zusammengebrochen. Revolution\u00e4re Unruhen bedrohten die \u00f6ffentliche Ordnung.<\/p>\n<p>Dann kam der Versailler Vertrag.<\/p>\n<p>Gebietsverluste, Reparationsforderungen und die Kriegsschuldfrage wurden f\u00fcr viele Deutsche zu einer nationalen Dem\u00fctigung.<\/p>\n<p>Die Republik musste einen Vertrag tragen, dessen Ursachen weit vor ihrer eigenen Entstehung lagen.<\/p>\n<p>Das hatte eine verh\u00e4ngnisvolle Folge:<\/p>\n<p><strong>Die Demokratie wurde f\u00fcr die Folgen einer Politik verantwortlich gemacht, die sie nicht verursacht hatte.<\/strong><\/p>\n<p>Die neue Ordnung begann mit einer schweren Hypothek.<\/p>\n<h2>Die Dolchsto\u00dflegende \u2013 wenn eine Erz\u00e4hlung st\u00e4rker wird als eine Tatsache<\/h2>\n<p>Besonders gef\u00e4hrlich wurde eine politische Erz\u00e4hlung:<\/p>\n<p>Deutschland sei milit\u00e4risch eigentlich nicht besiegt worden. Das Heer sei \u201eim Felde unbesiegt\u201c geblieben und von Kr\u00e4ften in der Heimat \u2013 Demokraten, Sozialisten, Revolution\u00e4ren und h\u00e4ufig antisemitisch markierten Gruppen \u2013 verraten worden.<\/p>\n<p>Die sogenannte <strong>Dolchsto\u00dflegende<\/strong> war falsch.<\/p>\n<p>Aber politisch wirksam.<\/p>\n<p>Und hier begegnet uns ein Mechanismus, der f\u00fcr meine Untersuchung wichtig wird:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Menschen handeln nicht nur nach Tatsachen. Sie handeln nach der Bedeutung, die sie Tatsachen geben.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Eine komplizierte milit\u00e4rische Niederlage l\u00e4sst sich schwer erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Ein Verrat l\u00e4sst sich leicht erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Eine komplexe wirtschaftliche Krise hat viele Ursachen.<\/p>\n<p>Ein Schuldiger ist einfacher.<\/p>\n<p>Damit entsteht etwas, das Ernst Cassirer sp\u00e4ter besch\u00e4ftigen wird:<\/p>\n<p><strong>der politische Mythos.<\/strong><\/p>\n<h2>1923 \u2013 eine Demokratie unter extremem Druck<\/h2>\n<p>Dann kam das Krisenjahr 1923.<\/p>\n<p>Die Besetzung des Ruhrgebiets versch\u00e4rfte die wirtschaftliche Lage.<\/p>\n<p>Die Inflation wurde zur Hyperinflation.<\/p>\n<p>Geld verlor in dramatischem Tempo seinen Wert.<\/p>\n<p>Ersparnisse verschwanden.<\/p>\n<p>Menschen, die glaubten, f\u00fcr ihr Alter vorgesorgt zu haben, standen pl\u00f6tzlich vor dem Nichts.<\/p>\n<p>Das ist mehr als eine wirtschaftliche Erfahrung.<\/p>\n<p>Es ist eine Erfahrung des <strong>Vertrauensverlustes<\/strong>.<\/p>\n<p>Ein Geldschein funktioniert nur, solange Menschen darauf vertrauen, dass er morgen noch etwas wert ist.<\/p>\n<p>Ein Staat funktioniert ebenfalls nur, solange Menschen darauf vertrauen, dass seine Regeln Bestand haben.<\/p>\n<p>Wenn beides gleichzeitig ersch\u00fcttert wird, entsteht politische Unsicherheit.<\/p>\n<p>Und dennoch:<\/p>\n<p><strong>Die Republik \u00fcberlebte.<\/strong><\/p>\n<p>Das d\u00fcrfen wir in der R\u00fcckschau nicht vergessen.<\/p>\n<h2>Weimar war nicht nur Krise<\/h2>\n<p>Zwischen 1924 und 1929 stabilisierte sich Deutschland erheblich.<\/p>\n<p>Die W\u00e4hrung war stabilisiert.<\/p>\n<p>Die Wirtschaft erholte sich.<\/p>\n<p>Deutschland wurde 1926 Mitglied des V\u00f6lkerbundes.<\/p>\n<p>Gustav Stresemann und der franz\u00f6sische Au\u00dfenminister Aristide Briand erhielten den Friedensnobelpreis.<\/p>\n<p>Berlin wurde zu einem der kulturellen Zentren Europas.<\/p>\n<p>Literatur, Theater, Architektur, Film, Wissenschaft und Journalismus erlebten eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Bl\u00fcte.<\/p>\n<p>Bauhaus.<\/p>\n<p>Neue Sachlichkeit.<\/p>\n<p>Brecht.<\/p>\n<p>K\u00e4stner.<\/p>\n<p>Tucholsky.<\/p>\n<p>Thomas Mann.<\/p>\n<p>Einstein.<\/p>\n<p>Marlene Dietrich.<\/p>\n<p>Die Weimarer Republik bestand nicht dreizehn Jahre lang aus einem ununterbrochenen Marsch in die Diktatur.<\/p>\n<p>Sie war auch eine Zeit ungeheurer kultureller Modernit\u00e4t.<\/p>\n<p>Gerade deshalb muss man vorsichtig sein, Geschichte vom Ende her zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p><strong>1933 war nicht 1919 bereits vorprogrammiert.<\/strong><\/p>\n<h2>Thomas Mann entdeckt die Demokratie<\/h2>\n<p>Thomas Mann ist daf\u00fcr ein besonders interessanter Zeuge.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs hatte er demokratischen Vorstellungen noch skeptisch gegen\u00fcbergestanden.<\/p>\n<p>Doch er ver\u00e4nderte sich.<\/p>\n<p>1922 hielt er seine ber\u00fchmte Rede <strong>\u201eVon deutscher Republik\u201c<\/strong>.<\/p>\n<p>Der Schriftsteller, der zuvor die westliche Demokratie kritisch betrachtet hatte, stellte sich nun \u00f6ffentlich hinter die Republik.<\/p>\n<p>Warum ist das f\u00fcr meine These wichtig?<\/p>\n<p>Weil Thomas Mann zeigt, dass demokratische \u00dcberzeugung <strong>gelernt werden kann<\/strong>.<\/p>\n<p>Demokratie ist keine angeborene Eigenschaft.<\/p>\n<p>Menschen k\u00f6nnen ihre politische Haltung \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen historische Erfahrungen verarbeiten.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen dazulernen.<\/p>\n<p>Und genau hier erscheint zum ersten Mal ein Begriff, der am Ende meiner Untersuchung noch entscheidend werden wird:<\/p>\n<p><strong>Bildung.<\/strong><\/p>\n<h2>Eine Demokratie muss verstanden werden<\/h2>\n<p>Vielleicht war eines der Probleme Weimars, dass Deutschland zwar eine demokratische Verfassung erhalten hatte, aber noch nicht gen\u00fcgend Zeit gehabt hatte, eine demokratische Kultur entstehen zu lassen.<\/p>\n<p>Man kann eine Verfassung innerhalb weniger Monate schreiben.<\/p>\n<p>Eine politische Kultur entsteht \u00fcber Generationen.<\/p>\n<p>Demokratie verlangt F\u00e4higkeiten, die keineswegs selbstverst\u00e4ndlich sind:<\/p>\n<p>den politischen Gegner auszuhalten,<\/p>\n<p>eine Wahlniederlage zu akzeptieren,<\/p>\n<p>Kompromisse nicht als Verrat zu betrachten,<\/p>\n<p>zwischen Regierung und Staat zu unterscheiden,<\/p>\n<p>Pressefreiheit auch f\u00fcr unbequeme Meinungen zu akzeptieren,<\/p>\n<p>und darauf zu verzichten, den eigenen politischen Willen mit Gewalt durchzusetzen.<\/p>\n<p>Das muss gelernt werden.<\/p>\n<p><strong>Demokratie ist auch eine Bildungsaufgabe.<\/strong><\/p>\n<h2>Dann kam 1929<\/h2>\n<p>Im Oktober 1929 begann mit dem B\u00f6rsenkrach in New York eine Weltwirtschaftskrise, die Deutschland besonders schwer traf.<\/p>\n<p>Unternehmen gingen zugrunde.<\/p>\n<p>Banken gerieten in Schwierigkeiten.<\/p>\n<p>Millionen Menschen verloren ihre Arbeit.<\/p>\n<p>Familien verloren ihre wirtschaftliche Sicherheit.<\/p>\n<p>Die politische Landschaft ver\u00e4nderte sich.<\/p>\n<p>Und nun geschieht etwas, das f\u00fcr meine These entscheidend ist.<\/p>\n<p>Die Menschen verschwinden nicht.<\/p>\n<p>Die gesellschaftliche Mitte verschwindet nicht pl\u00f6tzlich.<\/p>\n<p>Aber ihre <strong>politische Organisation ver\u00e4ndert sich<\/strong>.<\/p>\n<p>Die Parteien, die 1919 gemeinsam die demokratische Republik getragen hatten, verloren erheblich an Zustimmung.<\/p>\n<p>Gleichzeitig gewannen die politischen R\u00e4nder.<\/p>\n<h2>Die Wahl von 1930 \u2013 das Warnsignal<\/h2>\n<p>Bei der Reichstagswahl vom September 1930 erreichte die NSDAP pl\u00f6tzlich <strong>18,3 Prozent<\/strong>.<\/p>\n<p>Zwei Jahre zuvor hatte sie lediglich 2,6 Prozent erhalten.<\/p>\n<p>Das war ein dramatischer Sprung.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite blieb auch die KPD stark.<\/p>\n<p>Damit ver\u00e4nderte sich das Parlament.<\/p>\n<p>Nicht weil pl\u00f6tzlich alle Deutschen Extremisten geworden waren.<\/p>\n<p>Sondern weil die politischen Kr\u00e4fte, die zu grundlegender parlamentarischer Zusammenarbeit bereit waren, schw\u00e4cher wurden, w\u00e4hrend Parteien st\u00e4rker wurden, die das bestehende System grunds\u00e4tzlich ablehnten.<\/p>\n<p>Hier zeigt sich ein entscheidender Unterschied:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Eine gesellschaftliche Mehrheit kann bestehen bleiben, w\u00e4hrend eine parlamentarische Mehrheit f\u00fcr die Demokratie verloren geht.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Das k\u00f6nnte einer der Schl\u00fcssel zu meinem R\u00e4tsel sein.<\/p>\n<h2>Die Mitte zerf\u00e4llt in verschiedene Lager<\/h2>\n<p>Vielleicht m\u00fcssen wir deshalb den Begriff \u201eMitte\u201c noch einmal pr\u00e4zisieren.<\/p>\n<p>Die Mitte war keine geschlossene politische Formation.<\/p>\n<p>Sie bestand aus Sozialdemokraten, katholischem Zentrum, Liberalen, gem\u00e4\u00dfigten Konservativen und vielen Menschen ohne feste ideologische Bindung.<\/p>\n<p>Diese Menschen hatten unterschiedliche Interessen.<\/p>\n<p>Und in der Krise wurden diese Unterschiede wichtiger.<\/p>\n<p>Der Arbeiter f\u00fcrchtete Arbeitslosigkeit.<\/p>\n<p>Der Unternehmer f\u00fcrchtete den wirtschaftlichen Zusammenbruch.<\/p>\n<p>Der Mittelst\u00e4ndler f\u00fcrchtete den sozialen Abstieg.<\/p>\n<p>Der Bauer k\u00e4mpfte mit Schulden.<\/p>\n<p>Der Konservative f\u00fcrchtete den Kommunismus.<\/p>\n<p>Der Sozialdemokrat f\u00fcrchtete den Nationalsozialismus.<\/p>\n<p>Alle konnten zur gesellschaftlichen Mitte geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Aber sie reagierten <strong>nicht gemeinsam<\/strong>.<\/p>\n<p>Vielleicht liegt hier ein wichtiger Unterschied:<\/p>\n<p><strong>Die Mitte kann gesellschaftlich gro\u00df und politisch gleichzeitig schwach sein.<\/strong><\/p>\n<h2>Pr\u00e4sidialkabinette \u2013 Demokratie ohne funktionierende Mehrheit<\/h2>\n<p>Ab 1930 wurde Deutschland zunehmend durch sogenannte Pr\u00e4sidialkabinette regiert.<\/p>\n<p>Heinrich Br\u00fcning und seine Nachfolger st\u00fctzten sich immer st\u00e4rker auf die Notverordnungsrechte des Reichspr\u00e4sidenten nach Artikel 48 der Weimarer Verfassung.<\/p>\n<p>Das Parlament verlor an politischer Gestaltungskraft.<\/p>\n<p>Formal bestand die Republik weiter.<\/p>\n<p>Es gab einen Reichstag.<\/p>\n<p>Es gab Parteien.<\/p>\n<p>Es gab Wahlen.<\/p>\n<p>Aber die parlamentarische Demokratie funktionierte immer schlechter.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr unsere Gegenwartsfrage bedeutsam.<\/p>\n<p>Eine Demokratie verschwindet nicht unbedingt an einem einzigen Tag.<\/p>\n<p>Sie kann zun\u00e4chst <strong>ihre Funktionsf\u00e4higkeit verlieren<\/strong>.<\/p>\n<p>Die Institutionen stehen noch.<\/p>\n<p>Aber das Vertrauen in sie nimmt ab.<\/p>\n<h2>Die Sehnsucht nach der einfachen Antwort<\/h2>\n<p>In einer solchen Situation besitzt der politische Radikalismus einen Vorteil.<\/p>\n<p>Er muss nicht beweisen, dass seine L\u00f6sungen funktionieren.<\/p>\n<p>Er muss zun\u00e4chst nur behaupten, dass <strong>die anderen versagt haben<\/strong>.<\/p>\n<p>Parlament?<\/p>\n<p>Gerede.<\/p>\n<p>Kompromiss?<\/p>\n<p>Schw\u00e4che.<\/p>\n<p>Pluralismus?<\/p>\n<p>Zerstrittenheit.<\/p>\n<p>Presse?<\/p>\n<p>L\u00fcge.<\/p>\n<p>Politische Gegner?<\/p>\n<p>Schuldige.<\/p>\n<p>Komplexit\u00e4t wird reduziert.<\/p>\n<p>Aus vielen Ursachen wird eine Ursache.<\/p>\n<p>Aus politischen Gegnern werden Feinde.<\/p>\n<p>Aus Unsicherheit wird Gewissheit.<\/p>\n<p>Und aus der Frage:<\/p>\n<p><strong>\u201eWie l\u00f6sen wir dieses Problem?\u201c<\/strong><\/p>\n<p>wird die Behauptung:<\/p>\n<p><strong>\u201eWir wissen, wer daran schuld ist.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Damit ver\u00e4ndert sich Politik fundamental.<\/p>\n<h2>Aber die Mehrheit?<\/h2>\n<p>Und nun kehre ich zu meiner Ausgangsfrage zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Wo war w\u00e4hrenddessen die Mitte?<\/p>\n<p><strong>Sie war da.<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Reichstagswahl im Juli 1932 erreichte die NSDAP 37,3 Prozent.<\/p>\n<p>Sie wurde damit mit Abstand st\u00e4rkste Partei.<\/p>\n<p>Aber fast zwei Drittel der W\u00e4hler w\u00e4hlten sie nicht.<\/p>\n<p>Im November 1932 verlor die NSDAP sogar Stimmen und fiel auf 33,1 Prozent zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Das ist ein bemerkenswerter Moment.<\/p>\n<p>Aus unserer heutigen R\u00fcckschau erscheint Hitlers Aufstieg manchmal unaufhaltsam.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Menschen im November 1932 musste das keineswegs so aussehen.<\/p>\n<p>Die NSDAP hatte Stimmen verloren.<\/p>\n<p>Sie besa\u00df keine parlamentarische Mehrheit.<\/p>\n<p>Hitler war noch nicht Reichskanzler.<\/p>\n<p><strong>Die Geschichte war noch offen.<\/strong><\/p>\n<h2>Und dann geschieht das Entscheidende<\/h2>\n<p>Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt.<\/p>\n<p>Nicht weil die Mehrheit der Deutschen an diesem Tag \u00fcber die Abschaffung der Demokratie abgestimmt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Nicht weil die NSDAP eine absolute Mehrheit im Reichstag besessen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Sondern aufgrund einer politischen Entscheidung innerhalb des bestehenden Machtgef\u00fcges.<\/p>\n<p>Konservative Eliten glaubten, Hitler einbinden und kontrollieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sie irrten sich.<\/p>\n<p>Und hier ver\u00e4ndert sich die Fragestellung meines Essays endg\u00fcltig.<\/p>\n<p>Vielleicht haben wir zu lange gefragt:<\/p>\n<p><strong>Warum w\u00e4hlten so viele Menschen Hitler?<\/strong><\/p>\n<p>Das bleibt eine wichtige Frage.<\/p>\n<p>Aber f\u00fcr das Ende der Demokratie reicht sie nicht aus.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen zus\u00e4tzlich fragen:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Wie konnte eine politische Minderheit Zugang zu den Machtmitteln des Staates erhalten?<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Und:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Warum konnten diejenigen, die keine nationalsozialistische Diktatur wollten, das nicht verhindern?<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<h2>Die entscheidende Unterscheidung<\/h2>\n<p>Damit f\u00fchrt Weimar zu einer Erkenntnis, die meine These nicht widerlegt, sondern pr\u00e4zisiert.<\/p>\n<p>Die Mitte war vorhanden.<\/p>\n<p>Aber:<\/p>\n<p><strong>Vorhandensein ist nicht dasselbe wie Macht.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mehrheit ist nicht dasselbe wie Handlungsf\u00e4higkeit.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Demokratische Einstellung ist nicht dasselbe wie demokratische Wehrhaftigkeit.<\/strong><\/p>\n<p>Eine Gesellschaft kann mehrheitlich keine Diktatur wollen und trotzdem in eine Diktatur geraten.<\/p>\n<p>Das ist vielleicht die beunruhigendste Lehre Weimars.<\/p>\n<p>Und damit stehen wir am <strong>5. M\u00e4rz 1933<\/strong>.<\/p>\n<p>Die NSDAP erh\u00e4lt unter Bedingungen von Gewalt, Verfolgung und massiver Einschr\u00e4nkung ihrer Gegner <strong>43,9 Prozent<\/strong>.<\/p>\n<p>Noch immer keine absolute Mehrheit.<\/p>\n<p>Und dennoch wird wenige Wochen sp\u00e4ter das Erm\u00e4chtigungsgesetz verabschiedet.<\/p>\n<p>Jetzt m\u00fcssen wir den entscheidenden Moment untersuchen.<\/p>\n<p>Nicht mehr:<\/p>\n<p><strong>Wo war die Mitte?<\/strong><\/p>\n<p>Sondern:<\/p>\n<h1>Wie konnte eine Minderheit die Demokratie ausschalten, obwohl die Mehrheit nicht nationalsozialistisch gew\u00e4hlt hatte?<\/h1>\n<p>Das ist die Frage des n\u00e4chsten Kapitels.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>4. 1933 \u2013 Wie kann eine Minderheit die Macht \u00fcbernehmen?<\/h1>\n<h2>Der Blick auf die falsche Zahl<\/h2>\n<p>Wenn wir \u00fcber den Untergang der Weimarer Republik sprechen, schauen wir fast zwangsl\u00e4ufig auf den Wahlerfolg der Nationalsozialisten.<\/p>\n<p>37,3 Prozent im Juli 1932.<\/p>\n<p>33,1 Prozent im November 1932.<\/p>\n<p>43,9 Prozent am 5. M\u00e4rz 1933.<\/p>\n<p>Diese Zahlen zeigen den erschreckenden Aufstieg der NSDAP.<\/p>\n<p>Aber seit ich mich mit meiner These besch\u00e4ftige, interessiert mich zunehmend <strong>die andere Zahl<\/strong>.<\/p>\n<p>Am 5. M\u00e4rz 1933 w\u00e4hlten trotz bereits massiver Einsch\u00fcchterung und Verfolgung <strong>56,1 Prozent nicht die NSDAP<\/strong>.<\/p>\n<p>Die Mehrheit.<\/p>\n<p>Und trotzdem entstand innerhalb weniger Monate eine nationalsozialistische Diktatur.<\/p>\n<p>Damit sind wir beim Kern dieses Essays.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Wie kann eine Demokratie kippen, obwohl die Mehrheit ihre Abschaffung nicht gew\u00e4hlt hat?<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Vielleicht haben wir Demokratie zu lange vor allem als eine Frage von Mehrheiten verstanden.<\/p>\n<p>1933 zeigt etwas anderes.<\/p>\n<p><strong>Mehrheit und Macht sind nicht dasselbe.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<h2>Hitler wurde nicht von einer absoluten Mehrheit gew\u00e4hlt<\/h2>\n<p>Eine historische Pr\u00e4zisierung ist wichtig.<\/p>\n<p>Adolf Hitler wurde am 30. Januar 1933 nicht in einer Volkswahl zum Reichskanzler gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Reichspr\u00e4sident Paul von Hindenburg ernannte ihn zum Reichskanzler.<\/p>\n<p>Zu diesem Zeitpunkt hatte die NSDAP bei der letzten Reichstagswahl vom November 1932 <strong>33,1 Prozent<\/strong> erhalten.<\/p>\n<p>Sie war die st\u00e4rkste Partei.<\/p>\n<p>Aber zwei Drittel der W\u00e4hler hatten andere Parteien gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Das bedeutet nicht, dass die NSDAP politisch unbedeutend gewesen w\u00e4re. Im Gegenteil. Millionen Menschen unterst\u00fctzten Hitler. Ohne diesen massenhaften Zuspruch w\u00e4re sein Aufstieg kaum denkbar gewesen.<\/p>\n<p>Aber es bedeutet etwas anderes:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die nationalsozialistische Diktatur entstand nicht dadurch, dass eines Morgens eine absolute Mehrheit der Deutschen beschloss, die Demokratie abzuschaffen.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist f\u00fcr meine Untersuchung entscheidend.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Die T\u00fcr wurde ge\u00f6ffnet<\/h2>\n<p>Hitler kam innerhalb der bestehenden staatlichen Ordnung ins Amt.<\/p>\n<p>Konservative Politiker und Eliten um Franz von Papen glaubten, Hitler in eine Regierung einbinden und kontrollieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nur wenige Nationalsozialisten geh\u00f6rten zun\u00e4chst dem Kabinett an.<\/p>\n<p>Man glaubte, die Machtverh\u00e4ltnisse unter Kontrolle zu haben.<\/p>\n<p>Das erwies sich als eine der folgenreichsten politischen Fehleinsch\u00e4tzungen der deutschen Geschichte.<\/p>\n<p>Denn die Frage lautete nun nicht mehr:<\/p>\n<p><strong>Wie viele Menschen w\u00e4hlen die NSDAP?<\/strong><\/p>\n<p>Die entscheidende Frage lautete:<\/p>\n<p><strong>\u00dcber welche Machtmittel verf\u00fcgt sie?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist ein fundamentaler Unterschied.<\/p>\n<p>Eine Partei kann 40 Prozent der Stimmen besitzen und dennoch Opposition bleiben.<\/p>\n<p>Sie kann aber auch mit weniger als 50 Prozent Zugang zu Regierung, Verwaltung, Polizei und staatlichen Entscheidungsstrukturen erhalten.<\/p>\n<p>Dann ver\u00e4ndert sich die Bedeutung ihrer Stimmen.<\/p>\n<p>Aus Zustimmung wird <strong>Macht<\/strong>.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Die Geschwindigkeit der Zerst\u00f6rung<\/h2>\n<p>Was anschlie\u00dfend geschah, ist auch deshalb erschreckend, weil es so schnell geschah.<\/p>\n<ol start=\"30\">\n<li>Januar 1933: Hitler wird Reichskanzler.<\/li>\n<li>Februar: Der Reichstag brennt.<\/li>\n<li>Februar: Die sogenannte Reichstagsbrandverordnung setzt wesentliche Grundrechte au\u00dfer Kraft.<\/li>\n<li>M\u00e4rz: Reichstagswahl.<\/li>\n<li>M\u00e4rz: Das Erm\u00e4chtigungsgesetz wird beschlossen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Innerhalb von weniger als zwei Monaten waren zentrale Sicherungen der parlamentarischen Demokratie au\u00dfer Kraft gesetzt oder entscheidend geschw\u00e4cht.<\/p>\n<p>Das ist vielleicht eine der wichtigsten Erkenntnisse f\u00fcr meine Frage:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Demokratien k\u00f6nnen sich \u00fcber Jahrzehnte entwickeln und in erstaunlich kurzer Zeit ihre Schutzmechanismen verlieren.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Mitte war w\u00e4hrend dieser Wochen nicht pl\u00f6tzlich verschwunden.<\/p>\n<p>Aber die Bedingungen, unter denen sie handeln konnte, ver\u00e4nderten sich dramatisch.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Was geschieht mit dem Recht?<\/h2>\n<p>Die Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 tr\u00e4gt einen bemerkenswert harmlos klingenden Titel:<\/p>\n<p><strong>\u201eVerordnung des Reichspr\u00e4sidenten zum Schutz von Volk und Staat\u201c.<\/strong><\/p>\n<p>Zum Schutz.<\/p>\n<p>Gerade dieses Wort sollte uns aufmerksam machen.<\/p>\n<p>Denn mit der Verordnung wurden zentrale Grundrechte der Weimarer Verfassung au\u00dfer Kraft gesetzt: pers\u00f6nliche Freiheit, Meinungs- und Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Brief- und Postgeheimnis sowie Schutz vor willk\u00fcrlichen Eingriffen in die Wohnung wurden massiv eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Die Begr\u00fcndung lautete: Gefahr.<\/p>\n<p>Der Staat m\u00fcsse handeln.<\/p>\n<p>Damit begegnen wir einem Mechanismus, der weit \u00fcber 1933 hinausweist:<\/p>\n<p><strong>Freiheit wird selten mit der Begr\u00fcndung abgeschafft, Freiheit sei schlecht.<\/strong><\/p>\n<p>Sie wird eingeschr\u00e4nkt, weil angeblich eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Gefahr au\u00dfergew\u00f6hnliche Ma\u00dfnahmen verlangt.<\/p>\n<p>Das macht die Sache so schwierig.<\/p>\n<p>Denn selbstverst\u00e4ndlich muss sich auch eine Demokratie gegen Gefahren sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die entscheidende Frage lautet deshalb:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Wer kontrolliert diejenigen, die im Namen der Sicherheit handeln?<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<h2>Wenn der Gegner zum Feind wird<\/h2>\n<p>Jetzt zeigt sich auch die Bedeutung des Menschenbildes.<\/p>\n<p>In einer Demokratie ist der politische Gegner ein Gegner.<\/p>\n<p>Er kann bek\u00e4mpft werden.<\/p>\n<p>Er kann abgew\u00e4hlt werden.<\/p>\n<p>Seine Argumente k\u00f6nnen widerlegt werden.<\/p>\n<p>Aber er besitzt Rechte.<\/p>\n<p>Im totalit\u00e4ren Denken ver\u00e4ndert sich diese Beziehung.<\/p>\n<p>Aus dem Gegner wird der <strong>Feind<\/strong>.<\/p>\n<p>Und der Feind muss nicht \u00fcberzeugt werden.<\/p>\n<p>Er muss beseitigt werden.<\/p>\n<p>Kommunisten waren die ersten gro\u00dfen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung nach der Macht\u00fcbernahme.<\/p>\n<p>Sozialdemokraten folgten.<\/p>\n<p>Gewerkschaften wurden zerschlagen.<\/p>\n<p>Andere Parteien verschwanden.<\/p>\n<p>Juden wurden zunehmend aus der Gesellschaft ausgeschlossen und verfolgt.<\/p>\n<p>Hier reagiert mein S\u2013N-Kompass eindeutig.<\/p>\n<p>Der einzelne Mensch besitzt seinen Wert nicht mehr aus sich selbst heraus.<\/p>\n<p>Sein Wert wird danach bestimmt, ob er zur gew\u00fcnschten politischen und rassistischen Ordnung geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Damit ist die Grenze \u00fcberschritten:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Nicht mehr die Ordnung dient dem Menschen.<br \/>\nDer Mensch muss der Ordnung dienen.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<h2>Aber warum wehrte sich die Mehrheit nicht?<\/h2>\n<p>Damit kommen wir zur schwierigsten Frage.<\/p>\n<p>Wenn die Mehrheit keine Nationalsozialisten gew\u00e4hlt hatte \u2013 warum verhinderte sie die Entwicklung nicht?<\/p>\n<p>Eine erste Antwort lautet:<\/p>\n<p><strong>Weil \u201edie Mehrheit\u201c kein handelndes Wesen ist.<\/strong><\/p>\n<p>56 Prozent k\u00f6nnen aus Millionen einzelner Menschen bestehen, die v\u00f6llig unterschiedliche politische Vorstellungen haben.<\/p>\n<p>Kommunisten.<\/p>\n<p>Sozialdemokraten.<\/p>\n<p>Katholiken.<\/p>\n<p>Liberale.<\/p>\n<p>Konservative.<\/p>\n<p>Monarchisten.<\/p>\n<p>Parteilose.<\/p>\n<p>Sie alle konnten gegen Hitler sein.<\/p>\n<p>Aber daraus entstand noch keine gemeinsame politische Kraft.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr meine These von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Eine Mehrheit existiert statistisch.<br \/>\nPolitische Macht entsteht organisatorisch.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Minderheit kann deshalb st\u00e4rker sein als die Mehrheit, wenn sie geschlossener handelt.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Die Feinde meiner Feinde<\/h2>\n<p>Hinzu kam ein zweites Problem.<\/p>\n<p>Die Gegner Hitlers waren nicht automatisch Verb\u00fcndete.<\/p>\n<p>Kommunisten bek\u00e4mpften Sozialdemokraten.<\/p>\n<p>Konservative misstrauten der Linken.<\/p>\n<p>Teile des B\u00fcrgertums f\u00fcrchteten den Kommunismus st\u00e4rker als den Nationalsozialismus.<\/p>\n<p>Nationalisten verachteten die Republik.<\/p>\n<p>Demokratische Parteien waren untereinander zerstritten.<\/p>\n<p>Damit entsteht ein paradoxer Zustand:<\/p>\n<p>Viele Menschen wollen <strong>nicht dasselbe<\/strong>.<\/p>\n<p>Aber sie k\u00f6nnen sich auch nicht darauf einigen, <strong>was sie gemeinsam verhindern m\u00fcssen<\/strong>.<\/p>\n<p>Vielleicht liegt darin eine der gef\u00e4hrlichsten Situationen einer Demokratie.<\/p>\n<p>Die demokratische Mitte muss nicht verschwinden.<\/p>\n<p>Es gen\u00fcgt m\u00f6glicherweise, dass sie sich <strong>nicht mehr als gemeinsame demokratische Kraft erkennt<\/strong>.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Der politische Gegner wird wichtiger als die Demokratie<\/h2>\n<p>Das l\u00e4sst sich noch sch\u00e4rfer formulieren.<\/p>\n<p>Eine Demokratie ger\u00e4t in Gefahr, wenn politische Akteure beginnen zu denken:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Mein demokratischer Konkurrent ist gef\u00e4hrlicher als der Feind der Demokratie.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Dann ver\u00e4ndert sich die Rangordnung.<\/p>\n<p>Der Sozialdemokrat sieht zuerst den Kommunisten.<\/p>\n<p>Der Kommunist sieht zuerst den Sozialdemokraten.<\/p>\n<p>Der Konservative sieht zuerst die Linke.<\/p>\n<p>Der Unternehmer sieht zuerst die wirtschaftliche Bedrohung.<\/p>\n<p>Der Nationalist sieht zuerst Versailles.<\/p>\n<p>Jeder besitzt seinen eigenen Gegner.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen gewinnt diejenige Bewegung an Macht, die bereit ist, das gesamte demokratische Spielfeld abzuschaffen.<\/p>\n<p>Die Mitte ist noch vorhanden.<\/p>\n<p><strong>Aber sie verteidigt nicht mehr gemeinsam das Spielfeld, auf dem sie miteinander streitet.<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Bild erscheint mir wichtig.<\/p>\n<p>Demokratie verlangt nicht, dass die Spieler dieselben Ziele verfolgen.<\/p>\n<p>Sie verlangt lediglich, dass niemand w\u00e4hrend des Spiels das Spielfeld zerst\u00f6rt.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Der 5. M\u00e4rz 1933<\/h2>\n<p>Dann kommt jene Wahl, deren Zahl am Beginn dieses Essays stand.<\/p>\n<p><strong>43,9 Prozent f\u00fcr die NSDAP.<\/strong><\/p>\n<p>Aber diese Wahl fand bereits unter Bedingungen statt, die mit einer normalen demokratischen Wahl nicht mehr vergleichbar waren.<\/p>\n<p>Politische Gegner wurden verfolgt.<\/p>\n<p>Kommunistische Abgeordnete und Funktion\u00e4re wurden verhaftet.<\/p>\n<p>Versammlungen wurden behindert.<\/p>\n<p>Presseorgane wurden verboten.<\/p>\n<p>SA und SS verbreiteten Gewalt und Angst.<\/p>\n<p>Der Staatsapparat stand der nationalsozialistischen Bewegung nun in einem ganz anderen Ma\u00dfe zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Und trotzdem:<\/p>\n<p><strong>43,9 Prozent.<\/strong><\/p>\n<p>Keine absolute Mehrheit.<\/p>\n<p>Gemeinsam mit der DNVP verf\u00fcgte das Regierungslager allerdings \u00fcber eine parlamentarische Mehrheit.<\/p>\n<p>Doch selbst das gen\u00fcgte noch nicht f\u00fcr das, was Hitler wollte.<\/p>\n<p>Denn zur Ver\u00e4nderung der Verfassungsordnung brauchte er mehr.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Der 23. M\u00e4rz \u2013 der entscheidende Tag<\/h2>\n<p>Das Erm\u00e4chtigungsgesetz ist deshalb f\u00fcr meine Fragestellung m\u00f6glicherweise wichtiger als der 30. Januar.<\/p>\n<p>Am 23. M\u00e4rz 1933 stimmte der Reichstag dar\u00fcber ab, ob die Regierung Gesetze ohne parlamentarische Zustimmung erlassen durfte \u2013 sogar solche, die von der Verfassung abwichen.<\/p>\n<p>Die kommunistischen Abgeordneten konnten an der Abstimmung nicht teilnehmen; zahlreiche von ihnen waren bereits verhaftet oder auf der Flucht.<\/p>\n<p>Die SPD stimmte als einzige anwesende Fraktion geschlossen dagegen.<\/p>\n<p>Otto Wels sprach f\u00fcr sie.<\/p>\n<p>Die \u00fcbrigen anwesenden Parteien stimmten zu, darunter auch das Zentrum.<\/p>\n<p>Das Gesetz wurde mit <strong>444 gegen 94 Stimmen<\/strong> angenommen.<\/p>\n<p>Und hier wird meine Untersuchung unangenehm.<\/p>\n<p>Denn jetzt gen\u00fcgt die Erkl\u00e4rung nicht mehr:<\/p>\n<p><strong>Die Nationalsozialisten zerst\u00f6rten die Demokratie.<\/strong><\/p>\n<p>Das taten sie.<\/p>\n<p>Aber sie erhielten f\u00fcr diesen entscheidenden Schritt Stimmen von Abgeordneten, die selbst keine Nationalsozialisten waren.<\/p>\n<p>Warum?<\/p>\n<p>Angst?<\/p>\n<p>Illusion?<\/p>\n<p>Politischer Druck?<\/p>\n<p>Die Hoffnung, Schlimmeres verhindern zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Der Glaube an Zusicherungen Hitlers?<\/p>\n<p>Die Vorstellung, die Entwicklung noch kontrollieren zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Wahrscheinlich wirkte vieles zusammen.<\/p>\n<p>Aber eines steht fest:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die Demokratie wurde nicht nur von ihren erkl\u00e4rten Feinden angegriffen. Menschen aus anderen politischen Lagern halfen dabei, ihre Schutzmechanismen preiszugeben.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<h2>Otto Wels \u2013 die Stimme der anderen Mitte<\/h2>\n<p>Gerade deshalb geh\u00f6rt Otto Wels in diese Geschichte.<\/p>\n<p>Seine Rede gegen das Erm\u00e4chtigungsgesetz geh\u00f6rt zu den bedeutendsten parlamentarischen Momenten der deutschen Geschichte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend drau\u00dfen SA und SS standen und politische Gegner bereits verfolgt wurden, widersprach er.<\/p>\n<p>Die Sozialdemokraten wussten, dass ihre Stimme das Gesetz nicht verhindern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Sie stimmten trotzdem dagegen.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr meine These wichtig.<\/p>\n<p>Denn selbst im Augenblick, in dem die Demokratie bereits zusammenbrach, war die demokratische Haltung <strong>noch vorhanden<\/strong>.<\/p>\n<p>Sie war politisch unterlegen.<\/p>\n<p>Aber sie war nicht verschwunden.<\/p>\n<p>Das ist ein Unterschied.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Wo waren die 56 Prozent?<\/h2>\n<p>Vielleicht lautet die Antwort nun:<\/p>\n<p><strong>\u00dcberall.<\/strong><\/p>\n<p>Sie sa\u00dfen zu Hause.<\/p>\n<p>Sie gingen zur Arbeit.<\/p>\n<p>Sie waren Sozialdemokraten, Katholiken, Liberale, Konservative, Kommunisten oder politisch Ungebundene.<\/p>\n<p>Manche hatten Angst.<\/p>\n<p>Manche hofften, dass alles nicht so schlimm werde.<\/p>\n<p>Manche arrangierten sich.<\/p>\n<p>Manche widersetzten sich.<\/p>\n<p>Manche begr\u00fc\u00dften einzelne Ma\u00dfnahmen und lehnten andere ab.<\/p>\n<p>Manche schwiegen.<\/p>\n<p>Manche wurden verfolgt.<\/p>\n<p>Und manche passten sich sp\u00e4ter an.<\/p>\n<p>Eine statistische Mehrheit besitzt keinen gemeinsamen Willen.<\/p>\n<p>Das ist m\u00f6glicherweise die erste gro\u00dfe Antwort auf meine Ausgangsfrage.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die Mitte kann die Mehrheit bilden und trotzdem machtlos sein, wenn sie nicht als demokratische Gemeinschaft handelt.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<h2>Die Gleichschaltung<\/h2>\n<p>Nach dem Erm\u00e4chtigungsgesetz ging die Entwicklung schnell weiter.<\/p>\n<p>Am 2. Mai 1933 wurden die freien Gewerkschaften zerschlagen.<\/p>\n<p>Andere Parteien l\u00f6sten sich auf oder wurden zur Aufgabe gezwungen.<\/p>\n<p>Im Juli 1933 war die NSDAP die einzige zugelassene Partei.<\/p>\n<p>Die L\u00e4nder verloren ihre politische Eigenst\u00e4ndigkeit.<\/p>\n<p>Verb\u00e4nde, Kultur, Medien und gesellschaftliche Organisationen wurden zunehmend der nationalsozialistischen Herrschaft unterworfen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr verwendeten die Nationalsozialisten selbst einen Begriff, der das Prinzip geradezu perfekt beschreibt:<\/p>\n<p><strong>Gleichschaltung.<\/strong><\/p>\n<p>Das Wort bedeutet im Kern:<\/p>\n<p>Verschiedenheit soll verschwinden.<\/p>\n<p>Doch gerade von Verschiedenheit lebt Demokratie.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Eine neue Erkenntnis<\/h2>\n<p>Damit k\u00f6nnen wir erstmals eine Antwort auf die gro\u00dfe Frage dieses Essays formulieren.<\/p>\n<p>Warum sch\u00fctzt eine demokratische Mehrheit nicht automatisch vor dem Kippen einer Demokratie?<\/p>\n<p>Weil Demokratie mehr ben\u00f6tigt als eine Mehrheit von Menschen, die keine Diktatur wollen.<\/p>\n<p>Sie ben\u00f6tigt:<\/p>\n<p><strong>handlungsf\u00e4hige Institutionen,<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gewaltenteilung,<\/strong><\/p>\n<p><strong>freie \u00d6ffentlichkeit,<\/strong><\/p>\n<p><strong>unabh\u00e4ngiges Recht,<\/strong><\/p>\n<p><strong>politische Organisation,<\/strong><\/p>\n<p>und vor allem Menschen, die erkennen, wann ihr gemeinsames demokratisches Fundament wichtiger wird als ihre politischen Gegens\u00e4tze.<\/p>\n<p>1933 fehlte nicht einfach \u201edie Mitte\u201c.<\/p>\n<p>Das Problem war dramatischer:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die Mitte war da \u2013 aber sie konnte ihre gemeinsame Freiheit nicht mehr verteidigen.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<h2>Aber warum erkannten so viele die Gefahr nicht?<\/h2>\n<p>Damit bleibt eine Frage offen.<\/p>\n<p>Vielleicht sogar die wichtigste.<\/p>\n<p>Warum glaubten intelligente, gebildete und erfahrene Menschen, Hitler kontrollieren zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Warum untersch\u00e4tzten Konservative die Nationalsozialisten?<\/p>\n<p>Warum konnten politische Mythen eine solche Macht entwickeln?<\/p>\n<p>Warum wurde aus Unsicherheit die Sehnsucht nach Entschiedenheit?<\/p>\n<p>Und warum k\u00f6nnen sogar hochgebildete Menschen einem politischen Denken folgen, in dem der Einzelne hinter Volk, Geschichte oder einer vermeintlich h\u00f6heren Bestimmung zur\u00fccktritt?<\/p>\n<p>Jetzt reicht politische Geschichte allein nicht mehr aus.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen nach dem <strong>Menschenbild<\/strong> fragen.<\/p>\n<p>Und daf\u00fcr kehren wir vier Jahre zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Nach Davos.<\/p>\n<p>Ins Jahr <strong>1929<\/strong>.<\/p>\n<p>Dort begegnen sich zwei der bedeutendsten deutschen Philosophen ihrer Zeit:<\/p>\n<p>Ernst Cassirer und Martin Heidegger.<\/p>\n<p>Der eine vertraut auf Vernunft, Kultur und die F\u00e4higkeit des Menschen, sich eine freie Welt zu schaffen.<\/p>\n<p>Der andere fragt nach Angst, Endlichkeit, Geworfenheit und Entschlossenheit.<\/p>\n<p>Noch wissen beide nicht, was vier Jahre sp\u00e4ter geschehen wird.<\/p>\n<p>Wir wissen es.<\/p>\n<p>Und deshalb m\u00f6chte ich ihnen eine Frage stellen:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Meine Herren, die Mitte war da. Warum hat Bildung allein sie 1933 nicht gesch\u00fctzt?<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Damit beginnt der n\u00e4chste Disput.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>5. Cassirer und Heidegger \u2013 zwei Menschenbilder<\/h1>\n<h2>Davos 1929<\/h2>\n<p>Wir gehen vier Jahre zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Nicht nach Berlin. Nicht in den Reichstag. Nicht in eine Parteizentrale.<\/p>\n<p>Wir fahren in die Schweizer Berge.<\/p>\n<p>Nach Davos.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 1929 treffen dort zwei Philosophen aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein k\u00f6nnten: Ernst Cassirer und Martin Heidegger.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/images.openai.com\/static-rsc-4\/qOTN4BewQKIGoavEM_IkdB9n6pzNNJHQVNSOYtNddS2t919Ydbbg40OlCg-wC57KcWDSXsZ0yiwHmHLhIIcMRNG-gdsmC9TP92kUu8rnQM7ZBkFUDPrwDq-yX98rLRNC30urNnUvHEIGvCZ5zvzpjQeEfk_lp7b9EsO83k17S9oGjMkcYJdyp8hjDC-Dl3Tm?purpose=fullsize\" alt=\"Image\" \/><a class=\"ab-item\" role=\"menuitem\" href=\"https:\/\/mypapergate.net\/en\/die-mitte-war-immer-da\/\">Seite anzeigen<\/a><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/images.openai.com\/static-rsc-4\/koeumqUFUhhjZ73FLrfF_AEfJpTTK76Q-4fvUt1Njjm_aJyMbXd82eW5L8eDWu5tbTvkevSi4PUR5zP_FgecqaZRO2Tt8txSFB5y3nG7wEn6L2Q2zbPa0NcYDxKCjA7dd7au3JkrXP2STQHLHLDtyhAvHhnqhV4TueyO0qRMpRbJQBRpZZPmBlYSFtTGmGq1?purpose=fullsize\" alt=\"Image\" \/><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/images.openai.com\/static-rsc-4\/wpvJOrnaN7Gbeu_kqJMwe92SshsdRZcin93hbKXECw5rLr9embiqrlKWMLqJT7ZTTtKaJll-vGJmqMLZHBoInKAqtFXOq3M6I7HX-NKxcL9ElWd325Q6d3atau7NBWGilbie2hxri_Yh3wzJQEhuo56PCcX6FHKdo-6mdHe0kr3wce6EYDJNB0wOfGRQ9iaE?purpose=fullsize\" alt=\"Image\" \/><\/p>\n<p>Ihr ber\u00fchmter Disput dreht sich um Kant, Erkenntnis, Freiheit und die Frage, was der Mensch eigentlich ist.<\/p>\n<p>Noch ist Hitler nicht Reichskanzler.<\/p>\n<p>Noch besteht die Weimarer Republik.<\/p>\n<p>Noch liegen die gro\u00dfen Wahlerfolge der NSDAP in der Zukunft.<\/p>\n<p>Und doch erscheint mir dieses philosophische Treffen im R\u00fcckblick beinahe wie ein Vorspiel zu der Frage, die mich besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Denn hinter der Auseinandersetzung zwischen Cassirer und Heidegger stehen zwei unterschiedliche Blicke auf den Menschen.<\/p>\n<p>Und deshalb m\u00f6chte ich die beiden Philosophen in meinem Digitalen Buch noch einmal miteinander sprechen lassen.<\/p>\n<p>Was folgt, ist <strong>kein historisches Protokoll des Davoser Disputs<\/strong>.<\/p>\n<p>Es ist ein semantischer Dialog aus der Gegenwart \u2013 gegr\u00fcndet auf ihren unterschiedlichen philosophischen Positionen und auf dem Wissen dar\u00fcber, was nach 1929 geschah.<\/p>\n<p>Ich stelle ihnen meine Frage.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Die Frage aus dem Jahr 2026<\/h2>\n<p><strong>Bossert:<\/strong><\/p>\n<p>Meine Herren, ich komme aus einer Zukunft, die Sie nicht kennen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vier Jahre nach Ihrem Treffen wird Hitler Reichskanzler sein.<\/p>\n<p>Die Demokratie wird beseitigt.<\/p>\n<p>Deutschland wird zur Diktatur.<\/p>\n<p>Es folgen Verfolgung, Holocaust, Krieg und Zerst\u00f6rung.<\/p>\n<p>Ich besch\u00e4ftige mich mit einer Frage, auf die mir die politische Geschichte allein keine ausreichende Antwort gibt.<\/p>\n<p>Meine These lautet:<\/p>\n<p><strong>Die Mitte war immer da.<\/strong><\/p>\n<p>Auch 1933 wollte die Mehrheit der W\u00e4hler keine nationalsozialistische Alleinherrschaft.<\/p>\n<p>Warum konnte die Demokratie trotzdem untergehen?<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Cassirer: Der Mensch kann sich eine Welt schaffen<\/h2>\n<p><strong>Cassirer:<\/strong><\/p>\n<p>Dann m\u00fcssen wir zun\u00e4chst fragen, was Sie unter einem Menschen verstehen.<\/p>\n<p>Der Mensch lebt nicht einfach in einer gegebenen Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Er lebt in einer Welt der <strong>Symbole<\/strong>.<\/p>\n<p>Sprache ist ein Symbolsystem.<\/p>\n<p>Religion ist ein Symbolsystem.<\/p>\n<p>Kunst ist eines.<\/p>\n<p>Wissenschaft ebenso.<\/p>\n<p>Auch Politik lebt von Symbolen.<\/p>\n<p>Der Mensch interpretiert seine Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Er gibt ihr Bedeutung.<\/p>\n<p>Darin liegt eine ungeheure F\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Der Mensch ist seiner unmittelbaren Umwelt nicht einfach ausgeliefert. Er kann \u00fcber sie nachdenken, sie gestalten und ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Darin liegt seine Freiheit.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Heidegger: Der Mensch ist nicht zuerst vern\u00fcnftig<\/h2>\n<p><strong>Heidegger:<\/strong><\/p>\n<p>Sie beginnen bereits zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Bevor der Mensch seine Welt vern\u00fcnftig interpretiert, befindet er sich schon in ihr.<\/p>\n<p>Er hat sich nicht ausgesucht, wann er geboren wird.<\/p>\n<p>Nicht seine Eltern.<\/p>\n<p>Nicht sein Land.<\/p>\n<p>Nicht seine Zeit.<\/p>\n<p>Er findet sich vor.<\/p>\n<p>Er ist in die Welt <strong>geworfen<\/strong>.<\/p>\n<p>Und er wei\u00df, dass seine Existenz endlich ist.<\/p>\n<p>Der Mensch ist deshalb nicht zuerst das vern\u00fcnftige Wesen, das in Ruhe seine M\u00f6glichkeiten pr\u00fcft.<\/p>\n<p>Er kennt Sorge.<\/p>\n<p>Unsicherheit.<\/p>\n<p>Angst.<\/p>\n<p>Tod.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Bossert: Und was hat das mit Demokratie zu tun?<\/h2>\n<p><strong>Bossert:<\/strong><\/p>\n<p>Dann k\u00f6nnte darin bereits ein Teil meiner Antwort liegen.<\/p>\n<p>Eine Demokratie setzt voraus, dass Menschen argumentieren, abw\u00e4gen und Kompromisse schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Aber Menschen bestehen nicht nur aus Vernunft.<\/p>\n<p>Sie haben Angst.<\/p>\n<p>Sie suchen Sicherheit.<\/p>\n<p>Sie wollen dazugeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Sie suchen Sinn.<\/p>\n<p><strong>Heidegger:<\/strong><\/p>\n<p>Sie suchen eine M\u00f6glichkeit, ihr eigenes Dasein zu verstehen.<\/p>\n<p><strong>Cassirer:<\/strong><\/p>\n<p>Das bestreite ich nicht.<\/p>\n<p>Aber gerade deshalb ist entscheidend, <strong>wie<\/strong> Menschen ihre Wirklichkeit verstehen.<\/p>\n<p>Denn die Angst selbst sagt dem Menschen noch nicht, was er tun soll.<\/p>\n<p>Erst eine Interpretation macht aus Angst Politik.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Der politische Mythos<\/h1>\n<p><strong>Bossert:<\/strong><\/p>\n<p>Dann kommen wir zu einem Begriff, Herr Cassirer, mit dem Sie sich sp\u00e4ter intensiv besch\u00e4ftigt haben: dem politischen Mythos.<\/p>\n<p><strong>Cassirer:<\/strong><\/p>\n<p>Ja.<\/p>\n<p>In normalen Zeiten k\u00f6nnen Menschen Widerspr\u00fcche aushalten.<\/p>\n<p>Sie diskutieren.<\/p>\n<p>Sie pr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Sie zweifeln.<\/p>\n<p>Aber in schweren gesellschaftlichen Krisen entsteht der Wunsch nach Vereinfachung.<\/p>\n<p>Der Mythos bietet diese Vereinfachung.<\/p>\n<p>Er erkl\u00e4rt nicht:<\/p>\n<p><em>Die Wirklichkeit ist kompliziert.<\/em><\/p>\n<p>Er sagt:<\/p>\n<p><strong>Ich kenne die Ursache.<\/strong><\/p>\n<p>Er sagt nicht:<\/p>\n<p><em>Wir m\u00fcssen verschiedene Interessen ausgleichen.<\/em><\/p>\n<p>Er sagt:<\/p>\n<p><strong>Ich kenne den Schuldigen.<\/strong><\/p>\n<p>Er sagt nicht:<\/p>\n<p><em>Die Zukunft ist offen.<\/em><\/p>\n<p>Er sagt:<\/p>\n<p><strong>Ich kenne unser Schicksal.<\/strong><\/p>\n<p>Damit verwandelt sich Politik.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Die Macht der einfachen Geschichte<\/h2>\n<p>Ich unterbreche meinen Dialog.<\/p>\n<p>Denn hier erkenne ich einen Mechanismus, der f\u00fcr meine historische Untersuchung entscheidend sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die politische Mitte hat einen strukturellen Nachteil.<\/p>\n<p>Sie muss erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Eine Wirtschaftskrise hat viele Ursachen.<\/p>\n<p>Inflation hat viele Ursachen.<\/p>\n<p>Migration hat viele Ursachen.<\/p>\n<p>Krieg hat viele Ursachen.<\/p>\n<p>Gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen haben viele Ursachen.<\/p>\n<p>Eine demokratische Antwort lautet deshalb h\u00e4ufig:<\/p>\n<p><strong>Es ist kompliziert.<\/strong><\/p>\n<p>Der politische Mythos hat es leichter.<\/p>\n<p>Er braucht keine komplizierte Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Er braucht eine Geschichte.<\/p>\n<p>Wir gegen die anderen.<\/p>\n<p>Volk gegen Elite.<\/p>\n<p>Arbeiter gegen Kapitalisten.<\/p>\n<p>Nation gegen Fremde.<\/p>\n<p>Gl\u00e4ubige gegen Ungl\u00e4ubige.<\/p>\n<p>Die Guten gegen die B\u00f6sen.<\/p>\n<p>Eine komplexe Wirklichkeit wird pl\u00f6tzlich \u00fcberschaubar.<\/p>\n<p>Und damit wird sie emotional beherrschbar.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Heidegger widerspricht<\/h2>\n<p><strong>Heidegger:<\/strong><\/p>\n<p>Sie erkl\u00e4ren damit jedoch noch nicht, warum Menschen solche Geschichten \u00fcberhaupt annehmen.<\/p>\n<p>Sie sprechen \u00fcber Manipulation.<\/p>\n<p>Ich frage nach dem Menschen, der daf\u00fcr empf\u00e4nglich wird.<\/p>\n<p>Was geschieht, wenn seine vertraute Welt zerbricht?<\/p>\n<p>Wenn seine gesellschaftliche Stellung unsicher wird?<\/p>\n<p>Wenn die Institutionen, auf die er vertraute, keine \u00fcberzeugenden Antworten mehr geben?<\/p>\n<p>Wenn er das Gef\u00fchl bekommt, dass sein eigenes Leben keine Richtung besitzt?<\/p>\n<p>Dann reicht es nicht, ihm zu sagen:<\/p>\n<p><strong>Seien Sie vern\u00fcnftig.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Cassirer:<\/strong><\/p>\n<p>Das stimmt.<\/p>\n<p>Aber daraus folgt nicht, dass er sich einer h\u00f6heren Macht unterwerfen muss.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Heidegger:<\/strong><\/p>\n<p>Das habe ich nicht gesagt.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Cassirer:<\/strong><\/p>\n<p>Noch nicht.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Der Blick aus unserer Gegenwart<\/h2>\n<p>Hier muss ich den Dialog unterbrechen.<\/p>\n<p>Denn wir wissen etwas, das der Cassirer und der Heidegger des Jahres 1929 noch nicht wissen konnten.<\/p>\n<p>1933 trat Heidegger in die NSDAP ein.<\/p>\n<p>Im selben Jahr wurde er Rektor der Universit\u00e4t Freiburg und verband sich \u00f6ffentlich mit der neuen politischen Ordnung.<\/p>\n<p>Cassirer hingegen war Jude.<\/p>\n<p>Er verlie\u00df Deutschland 1933.<\/p>\n<p>Diese biografische Entwicklung darf nicht dazu verf\u00fchren, den philosophischen Disput von 1929 nachtr\u00e4glich zu einem einfachen Kampf zwischen \u201eDemokrat\u201c und \u201eNationalsozialist\u201c umzuschreiben.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re zu einfach.<\/p>\n<p>Aber gerade deshalb stellt sich f\u00fcr meine Untersuchung eine unbequeme Frage:<\/p>\n<p><strong>Wie konnte einer der bedeutendsten Philosophen seiner Zeit sich einer Bewegung anschlie\u00dfen, deren Menschenbild schlie\u00dflich in radikalem Gegensatz zu Menschenw\u00fcrde und individueller Freiheit stand?<\/strong><\/p>\n<p>Bildung allein hatte Heidegger offensichtlich nicht gesch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Das ist wichtig.<\/p>\n<p>Denn am Ende dieses Essays m\u00f6chte ich behaupten:<\/p>\n<p><strong>Bildung ist die L\u00f6sung.<\/strong><\/p>\n<p>Dann muss ich mich diesem Einwand stellen.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Reicht Bildung also nicht?<\/h1>\n<p><strong>Bossert:<\/strong><\/p>\n<p>Herr Cassirer, ich habe ein Problem.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass Bildung eine Demokratie sch\u00fctzen kann.<\/p>\n<p>Aber neben Ihnen sitzt einer der gebildetsten Menschen Deutschlands.<\/p>\n<p>Und wenige Jahre sp\u00e4ter wird er Mitglied der NSDAP.<\/p>\n<p>Dann scheint meine These widerlegt.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Cassirer:<\/strong><\/p>\n<p>Nur wenn Sie Bildung mit Wissen verwechseln.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bossert:<\/strong><\/p>\n<p>Das tue ich nicht.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Cassirer:<\/strong><\/p>\n<p>Dann unterscheiden Sie.<\/p>\n<p>Ein Mensch kann ungeheuer viel wissen.<\/p>\n<p>Er kann Plato und Kant lesen.<\/p>\n<p>Er kann Griechisch sprechen.<\/p>\n<p>Er kann die Geschichte der Philosophie beherrschen.<\/p>\n<p>Er kann Professor sein.<\/p>\n<p>Das alles beweist noch nicht, dass er gelernt hat, die Freiheit des anderen Menschen als Grenze seines eigenen politischen Wollens anzuerkennen.<\/p>\n<p><strong>Wissen ist noch keine Urteilskraft.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p>Da ist er.<\/p>\n<p>Der Begriff, nach dem ich gesucht habe:<\/p>\n<h1>Urteilskraft.<\/h1>\n<p>Vielleicht ist das die Bildung, die eine Demokratie ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Nicht die Menge dessen, was jemand wei\u00df.<\/p>\n<p>Sondern seine F\u00e4higkeit zu unterscheiden.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Mein S\u2013N-Kompass tritt in den Dialog<\/h2>\n<p><strong>Bossert:<\/strong><\/p>\n<p>Dann m\u00f6chte ich Ihnen beiden meine eigene Frage stellen.<\/p>\n<p>Ich habe sie aus Thomas Manns <em>Zauberberg<\/em> entwickelt.<\/p>\n<p>Settembrini und Naphta stehen f\u00fcr zwei gegens\u00e4tzliche Menschenbilder.<\/p>\n<p>Ich habe daraus einen einfachen Kompass gemacht.<\/p>\n<p><strong>S: Die Ordnung dient dem Menschen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>N: Der Mensch dient der Ordnung.<\/strong><\/p>\n<p>Herr Cassirer, wo stehen Sie?<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Cassirer:<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Ihre Frage bedeutet, ob politische und kulturelle Ordnungen ihre Legitimit\u00e4t aus der Freiheit des Menschen beziehen, dann eindeutig auf Ihrer Seite S.<\/p>\n<p>Institutionen sind menschliche Sch\u00f6pfungen.<\/p>\n<p>Sie d\u00fcrfen nicht zu G\u00f6tzen werden.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bossert:<\/strong><\/p>\n<p>Herr Heidegger?<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Heidegger:<\/strong><\/p>\n<p>Ihre Alternative ist mir zu einfach.<\/p>\n<p>Der Mensch steht einer \u201eOrdnung\u201c nicht einfach als unabh\u00e4ngiges Subjekt gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Er ist immer schon geschichtlich in eine Welt eingebunden.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bossert:<\/strong><\/p>\n<p>Das verstehe ich philosophisch.<\/p>\n<p>Politisch reicht mir die Antwort nicht.<\/p>\n<p>Deshalb frage ich konkreter:<\/p>\n<p>Wenn der Staat verlangt, dass ein Mensch sich einer vermeintlichen historischen Bestimmung unterordnet \u2013 besitzt dieser Mensch ein Recht, Nein zu sagen?<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Heidegger:<\/strong><\/p>\n<p>Das ist keine Frage, die sich aus meiner Fundamentalontologie unmittelbar beantworten l\u00e4sst.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bossert:<\/strong><\/p>\n<p>Aber genau darin liegt m\u00f6glicherweise das Problem.<\/p>\n<p>Eine Philosophie kann eine Frage offenlassen.<\/p>\n<p>Eine politische Ordnung darf es an dieser Stelle nicht.<\/p>\n<p>Der Staat muss wissen, ob der einzelne Mensch einen unantastbaren Wert besitzt.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Cassirers Antwort<\/h2>\n<p><strong>Cassirer:<\/strong><\/p>\n<p>Dann haben Sie den entscheidenden Punkt erreicht.<\/p>\n<p>Freiheit bedeutet nicht, dass der Mensch au\u00dferhalb jeder Gemeinschaft lebt.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re Unsinn.<\/p>\n<p>Wir leben durch Sprache, Kultur, Geschichte und Gesellschaft.<\/p>\n<p>Aber diese Ordnungen sind von Menschen geschaffen.<\/p>\n<p>Sie d\u00fcrfen deshalb niemals einen absoluten Anspruch auf den Menschen erheben.<\/p>\n<p>In dem Augenblick, in dem ein politisches Symbol \u2013 Volk, Nation, Klasse, Rasse, Geschichte \u2013 absolut gesetzt wird, kann der einzelne Mensch zum blo\u00dfen Mittel werden.<\/p>\n<p>Dann beginnt die Gefahr.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Vielleicht verl\u00e4uft die Grenze nicht zwischen links und rechts<\/h1>\n<p>Damit f\u00fchrt mich der Dialog zu einer weiteren Konsequenz.<\/p>\n<p>Wir ordnen Politik gew\u00f6hnlich auf einer Linie:<\/p>\n<p><strong>links \u2013 Mitte \u2013 rechts.<\/strong><\/p>\n<p>Aber vielleicht reicht diese Linie nicht aus.<\/p>\n<p>Denn autorit\u00e4res und totalit\u00e4res Denken kann von unterschiedlichen politischen Seiten kommen.<\/p>\n<p>Nationalsozialismus und Stalinismus waren ideologisch keineswegs dasselbe.<\/p>\n<p>Aber beide konnten den einzelnen Menschen einer vermeintlich h\u00f6heren Ordnung unterwerfen.<\/p>\n<p>Damit entsteht eine zweite Achse.<\/p>\n<p>Nicht:<\/p>\n<p><strong>links oder rechts?<\/strong><\/p>\n<p>Sondern:<\/p>\n<p><strong>humanistisch oder antihumanistisch?<\/strong><\/p>\n<p>Und genau diese Achse interessiert mich.<\/p>\n<p>Der S\u2013N-Kompass misst nicht zuerst ein Parteiprogramm.<\/p>\n<p>Er stellt eine andere Frage:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Welchen Wert besitzt der einzelne Mensch innerhalb dieser Ordnung?<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<h2>Was h\u00e4lt den Menschen in der Mitte?<\/h2>\n<p>Jetzt kehre ich zu meiner urspr\u00fcnglichen Frage zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Bossert:<\/strong><\/p>\n<p>Meine Herren, vielleicht haben wir uns am Anfang missverstanden.<\/p>\n<p>Ich frage nicht mehr:<\/p>\n<p>Warum verlassen Menschen die Mitte?<\/p>\n<p>Denn meine These lautet gerade, dass die Mitte gesellschaftlich bestehen bleibt.<\/p>\n<p>Meine Frage lautet:<\/p>\n<p>Warum kann eine vorhandene Mitte politisch machtlos werden?<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Cassirer:<\/strong><\/p>\n<p>Weil Vernunft nicht automatisch organisiert ist.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Heidegger:<\/strong><\/p>\n<p>Und weil menschliches Handeln nicht allein aus Vernunft entsteht.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Cassirer:<\/strong><\/p>\n<p>Dann haben wir ausnahmsweise einen gemeinsamen Ausgangspunkt.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bossert:<\/strong><\/p>\n<p>Das \u00fcberrascht mich.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Cassirer:<\/strong><\/p>\n<p>Mich ebenfalls.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Vernunft braucht Institutionen<\/h2>\n<p><strong>Cassirer:<\/strong><\/p>\n<p>Eine demokratische Gesellschaft darf nicht darauf vertrauen, dass vern\u00fcnftige Menschen automatisch das Richtige tun.<\/p>\n<p>Freiheit ben\u00f6tigt Formen.<\/p>\n<p>Recht.<\/p>\n<p>Institutionen.<\/p>\n<p>Bildung.<\/p>\n<p>\u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Eine Sprache, in der unterschiedliche Menschen miteinander sprechen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn diese Formen zerfallen, gen\u00fcgt die private Vernunft des Einzelnen nicht.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Heidegger:<\/strong><\/p>\n<p>Und eine politische Ordnung, die den Menschen nur verwaltet, wird ebenfalls nicht gen\u00fcgen.<\/p>\n<p>Der Mensch fragt nach seinem Platz in der Welt.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Cassirer:<\/strong><\/p>\n<p>Dann muss die Demokratie ihm darauf eine demokratische Antwort geben.<\/p>\n<p>Nicht einen Mythos der Unterwerfung.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Ein \u00fcberraschendes Ergebnis<\/h1>\n<p>Vielleicht erg\u00e4nzen sich Cassirer und Heidegger an diesem Punkt st\u00e4rker, als ich zun\u00e4chst erwartet h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Heidegger erinnert uns daran:<\/p>\n<p><strong>Der Mensch ist kein reines Vernunftwesen.<\/strong><\/p>\n<p>Cassirer erinnert uns daran:<\/p>\n<p><strong>Gerade deshalb braucht er kulturelle Formen, durch die er seine \u00c4ngste und Hoffnungen verstehen kann, ohne ihnen ausgeliefert zu sein.<\/strong><\/p>\n<p>Und daraus entsteht eine neue Definition von Bildung.<\/p>\n<p>Bildung bedeutet nicht:<\/p>\n<p><strong>Ich wei\u00df viel.<\/strong><\/p>\n<p>Bildung bedeutet:<\/p>\n<p><strong>Ich kann meine eigene Wahrnehmung pr\u00fcfen.<\/strong><\/p>\n<p>Ich kann fragen:<\/p>\n<p>Warum glaube ich das?<\/p>\n<p>Woher kommt meine Angst?<\/p>\n<p>Wer erz\u00e4hlt mir diese Geschichte?<\/p>\n<p>Welche Tatsachen sprechen daf\u00fcr?<\/p>\n<p>Welche dagegen?<\/p>\n<p>Wer wird zum Schuldigen erkl\u00e4rt?<\/p>\n<p>Welches Menschenbild steckt hinter einer politischen Forderung?<\/p>\n<p>Und vor allem:<\/p>\n<p><strong>Was geschieht mit dem Menschen, der nicht dazugeh\u00f6rt?<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<h1>Bildung als Urteilskraft<\/h1>\n<p>Jetzt wird mir klarer, was ich am Ende meiner historischen Reise mit \u201eBildung\u201c meine.<\/p>\n<p>Nicht Schulabschluss.<\/p>\n<p>Nicht Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Nicht B\u00fccherwissen.<\/p>\n<p>Nicht Intelligenz.<\/p>\n<p>Sondern:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Bildung ist die F\u00e4higkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden und gleichzeitig die W\u00fcrde des anderen Menschen mitzudenken.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Das w\u00e4re demokratische Bildung.<\/p>\n<p>Sie verhindert nicht jeden Irrtum.<\/p>\n<p>Sie macht Menschen nicht automatisch gut.<\/p>\n<p>Sie garantiert keine vern\u00fcnftige Wahlentscheidung.<\/p>\n<p>Aber sie schafft etwas, ohne das Demokratie kaum bestehen kann:<\/p>\n<p><strong>Distanz zur eigenen Gewissheit.<\/strong><\/p>\n<p>Der gebildete Demokrat kann sagen:<\/p>\n<p><em>Vielleicht irre ich mich.<\/em><\/p>\n<p>Der Fanatiker kann das nicht.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Eine letzte Frage an Heidegger<\/h2>\n<p><strong>Bossert:<\/strong><\/p>\n<p>Herr Heidegger, dann m\u00f6chte ich Ihnen zum Schluss nur eine Frage stellen.<\/p>\n<p>Nicht als Philosoph.<\/p>\n<p>Als Mensch.<\/p>\n<p>Wenn eine politische Bewegung einem Menschen sagt:<\/p>\n<p>Du geh\u00f6rst nicht zu uns.<\/p>\n<p>Du bist weniger wert.<\/p>\n<p>Deine Herkunft entscheidet \u00fcber deinen Wert.<\/p>\n<p>Deine Freiheit muss unserem historischen Ziel weichen.<\/p>\n<p>Was antworten Sie?<\/p>\n<hr \/>\n<p>Hier w\u00fcrde ich Heidegger <strong>nicht antworten lassen<\/strong>.<\/p>\n<p>Nicht, weil wir seine historische Haltung nicht kennen.<\/p>\n<p>Sondern weil das Schweigen an dieser Stelle dramaturgisch st\u00e4rker ist.<\/p>\n<p>Denn die Antwort gibt vier Jahre sp\u00e4ter seine Biografie.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Cassirer verl\u00e4sst Deutschland<\/h2>\n<p>1933 verl\u00e4sst Ernst Cassirer Deutschland.<\/p>\n<p>Heidegger wird im selben Jahr Rektor der Universit\u00e4t Freiburg und Mitglied der NSDAP.<\/p>\n<p>Zwei hochgebildete deutsche Philosophen.<\/p>\n<p>Zwei Wege.<\/p>\n<p>Damit ist eine meiner urspr\u00fcnglichen Vorstellungen widerlegt:<\/p>\n<p><strong>Bildung allein sch\u00fctzt nicht vor dem Antihumanismus.<\/strong><\/p>\n<p>Aber eine andere Vorstellung entsteht.<\/p>\n<p>Es kommt darauf an, <strong>welche Bildung<\/strong> wir meinen.<\/p>\n<p>Eine Bildung ohne Menschenbild kann brillant sein und trotzdem politisch versagen.<\/p>\n<p>Eine demokratische Bildung muss deshalb Wissen mit Urteilskraft und Humanismus verbinden.<\/p>\n<p>Vielleicht lautet die Formel:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Wissen + Urteilskraft + Menschenw\u00fcrde = demokratische Bildung<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist keine mathematische Gleichung.<\/p>\n<p>Aber es k\u00f6nnte ein Kompass sein.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Die Frage bleibt<\/h1>\n<p>Davos beantwortet noch nicht, warum die Demokratie 1933 unterging.<\/p>\n<p>Aber der Disput zeigt uns etwas, das Wahlergebnisse allein nicht zeigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die politische Entscheidung beginnt tiefer.<\/p>\n<p>Sie beginnt mit der Vorstellung davon, <strong>was ein Mensch ist<\/strong>.<\/p>\n<p>Ist er ein freies Individuum, das gemeinsam mit anderen seine politische Ordnung gestaltet?<\/p>\n<p>Oder erh\u00e4lt er seinen Wert erst dadurch, dass er einer gr\u00f6\u00dferen Gemeinschaft, einer geschichtlichen Mission oder einer Ideologie dient?<\/p>\n<p>Damit f\u00fchrt unser Weg zur\u00fcck in die Geschichte.<\/p>\n<p>Denn nach zw\u00f6lf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft ist Deutschland 1945 zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Die demokratischen Institutionen sind verschwunden.<\/p>\n<p>Parteien waren verboten.<\/p>\n<p>Freie Presse gab es nicht.<\/p>\n<p>Eine ganze Generation hatte Diktatur, Propaganda und Krieg erlebt.<\/p>\n<p>Wenn meine These falsch ist, m\u00fcsste die demokratische Mitte jetzt weitgehend verschwunden sein.<\/p>\n<p>Und doch geschieht etwas Erstaunliches.<\/p>\n<p>Nur vier Jahre sp\u00e4ter entsteht in Westdeutschland eine parlamentarische Demokratie.<\/p>\n<p>Das Grundgesetz stellt einen Satz an seinen Anfang, der kaum deutlicher auf unsere Frage antworten k\u00f6nnte:<\/p>\n<blockquote><p><strong>\u201eDie W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar.\u201c<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Nicht die Nation.<\/p>\n<p>Nicht der Staat.<\/p>\n<p>Nicht eine Klasse.<\/p>\n<p>Nicht eine Rasse.<\/p>\n<p><strong>Der Mensch.<\/strong><\/p>\n<p>Woher kam dieser Gedanke nach zw\u00f6lf Jahren Diktatur?<\/p>\n<p>Oder war er vielleicht niemals ganz verschwunden?<\/p>\n<p>Damit kommen wir zum n\u00e4chsten Kapitel:<\/p>\n<hr \/>\n<h1>6. 1949 \u2013 War die Mitte pl\u00f6tzlich wieder da?<\/h1>\n<h2>Deutschland nach der Katastrophe<\/h2>\n<p>Mai 1945.<\/p>\n<p>Das Deutsche Reich ist milit\u00e4risch besiegt.<\/p>\n<p>St\u00e4dte liegen in Tr\u00fcmmern. Millionen Menschen sind tot. Millionen sind auf der Flucht oder aus ihrer Heimat vertrieben. Familien suchen Vermisste. Die staatliche Ordnung ist zusammengebrochen.<\/p>\n<p>Und nach und nach wird das ganze Ausma\u00df der nationalsozialistischen Verbrechen sichtbar.<\/p>\n<p>Auschwitz.<\/p>\n<p>Treblinka.<\/p>\n<p>Majdanek.<\/p>\n<p>Bergen-Belsen.<\/p>\n<p>Millionen ermordete Juden. Verfolgte Sinti und Roma. Menschen mit Behinderungen. Politische Gegner. Homosexuelle. Zwangsarbeiter. Kriegsgefangene. Millionen Opfer eines von Deutschland begonnenen Krieges.<\/p>\n<p>Nach zw\u00f6lf Jahren nationalsozialistischer Diktatur steht nicht nur ein Staat vor seinen Tr\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Es steht auch eine Frage im Raum:<\/p>\n<p><strong>Was ist aus den Deutschen geworden?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn eine Diktatur zw\u00f6lf Jahre lang Schulen, Universit\u00e4ten, Presse, Rundfunk, Kultur, Verwaltung und Jugendorganisationen beherrscht, wenn sie Menschen von Kindheit an mit ihrer Ideologie konfrontiert \u2013 was bleibt danach von einer demokratischen Mitte?<\/p>\n<p>Wenn meine These falsch ist, m\u00fcsste die Antwort eigentlich lauten:<\/p>\n<p><strong>Nicht viel.<\/strong><\/p>\n<p>Und doch geschieht etwas Bemerkenswertes.<\/p>\n<p>Nur vier Jahre sp\u00e4ter entsteht in Westdeutschland eine neue parlamentarische Demokratie.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Vier Jahre<\/h1>\n<ol start=\"1945\">\n<li><\/li>\n<li><\/li>\n<li><\/li>\n<li><\/li>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<p>Mehr Zeit liegt nicht zwischen der bedingungslosen Kapitulation und dem Inkrafttreten des Grundgesetzes am 23. Mai 1949.<\/p>\n<p>Vier Jahre.<\/p>\n<p>Das ist historisch beinahe ein Augenblick.<\/p>\n<p>Woher kamen pl\u00f6tzlich wieder die Demokraten?<\/p>\n<p>Woher kamen Menschen, die Parteien gr\u00fcndeten?<\/p>\n<p>Woher kamen B\u00fcrgermeister und Ministerpr\u00e4sidenten?<\/p>\n<p>Woher kamen Gewerkschaften, Zeitungen und gesellschaftliche Organisationen?<\/p>\n<p>Woher kamen Politiker, die bereit waren, parlamentarisch miteinander zu streiten?<\/p>\n<p>Woher kamen Menschen, die eine Verfassung entwarfen, in deren erstem Artikel steht:<\/p>\n<blockquote><p><strong>\u201eDie W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar.\u201c<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Kann eine demokratische Kultur innerhalb von vier Jahren aus dem Nichts entstehen?<\/p>\n<p>Oder liegt die Erkl\u00e4rung n\u00e4her:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Sie war nicht aus dem Nichts entstanden, weil sie nie vollst\u00e4ndig verschwunden war.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<h2>Die Mitte unter der Diktatur<\/h2>\n<p>Damit m\u00fcssen wir noch einmal auf die Jahre 1933 bis 1945 schauen.<\/p>\n<p>Die nationalsozialistische Diktatur hatte die politische Mitte <strong>institutionell zerst\u00f6rt<\/strong>.<\/p>\n<p>Parteien waren verboten.<\/p>\n<p>Gewerkschaften waren zerschlagen.<\/p>\n<p>Die Presse war gleichgeschaltet.<\/p>\n<p>Politische Gegner wurden verfolgt.<\/p>\n<p>\u00d6ffentliche Kritik konnte Gef\u00e4ngnis, Konzentrationslager oder Tod bedeuten.<\/p>\n<p>Aber daraus folgt nicht automatisch, dass s\u00e4mtliche Menschen innerlich zu Nationalsozialisten geworden waren.<\/p>\n<p>Eine Diktatur kann Verhalten erzwingen.<\/p>\n<p>Sie kann Organisationen zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Sie kann Sprache beherrschen.<\/p>\n<p>Sie kann Menschen einsch\u00fcchtern.<\/p>\n<p>Sie kann Anpassung belohnen.<\/p>\n<p>Sie kann Widerstand bestrafen.<\/p>\n<p>Aber sie kann nicht ohne Weiteres feststellen, was Millionen einzelne Menschen tats\u00e4chlich denken.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr meine These entscheidend.<\/p>\n<p><strong>Politisches Schweigen ist nicht dasselbe wie politische Zustimmung.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<h2>Aber auch hier keine Legende von der \u201eguten Mitte\u201c<\/h2>\n<p>An dieser Stelle muss ich vorsichtig sein.<\/p>\n<p>Meine These darf nicht zu einer Entlastungsgeschichte werden.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re historisch falsch, nach 1933 eine gro\u00dfe unschuldige demokratische Mitte zu konstruieren, die lediglich von einer kleinen Gruppe Nationalsozialisten unterdr\u00fcckt worden sei.<\/p>\n<p>Millionen Menschen unterst\u00fctzten das Regime.<\/p>\n<p>Millionen passten sich an.<\/p>\n<p>Viele profitierten.<\/p>\n<p>Viele sahen weg.<\/p>\n<p>Antisemitismus war nicht auf die NSDAP beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Menschen beteiligten sich an Ausgrenzung, Enteignung, Verfolgung und Verbrechen.<\/p>\n<p>Andere wussten Teile dessen, was geschah, und schwiegen.<\/p>\n<p>Die Grenzen zwischen \u00dcberzeugung, Opportunismus, Anpassung, Angst und Gleichg\u00fcltigkeit waren flie\u00dfend.<\/p>\n<p>Meine These lautet deshalb ausdr\u00fccklich <strong>nicht<\/strong>:<\/p>\n<blockquote><p>Die Mitte war unschuldig.<\/p><\/blockquote>\n<p>Sie lautet:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die Mitte war weiterhin vorhanden.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist etwas anderes.<\/p>\n<p>Und gerade dieser Unterschied wird sp\u00e4ter wichtig.<\/p>\n<p>Denn Demokratie braucht nicht nur Menschen, die selbst keine Verbrechen begehen wollen.<\/p>\n<p>Sie braucht Menschen, die bereit sind, <strong>die Rechte anderer zu verteidigen<\/strong>.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Der Widerstand zeigt: Es gab ein anderes Deutschland<\/h1>\n<p>Es gab Menschen, die Nein sagten.<\/p>\n<p>Sozialdemokraten.<\/p>\n<p>Kommunisten.<\/p>\n<p>Christen.<\/p>\n<p>Konservative.<\/p>\n<p>Gewerkschafter.<\/p>\n<p>Studenten.<\/p>\n<p>Milit\u00e4rs.<\/p>\n<p>Einzelne B\u00fcrger.<\/p>\n<p>Die Wei\u00dfe Rose.<\/p>\n<p>Dietrich Bonhoeffer.<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner und Frauen des 20. Juli 1944.<\/p>\n<p>Und viele weniger bekannte Menschen.<\/p>\n<p>Ihre politischen Vorstellungen waren sehr unterschiedlich.<\/p>\n<p>Nicht jeder Widerstandsk\u00e4mpfer war Demokrat nach unserem heutigen Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Auch das geh\u00f6rt zur historischen Wahrheit.<\/p>\n<p>Aber ihre Existenz beweist etwas:<\/p>\n<p><strong>Der Nationalsozialismus hatte niemals s\u00e4mtliche moralischen und politischen Alternativen aus der deutschen Gesellschaft ausgel\u00f6scht.<\/strong><\/p>\n<p>Das andere Deutschland existierte.<\/p>\n<p>Es war schwach.<\/p>\n<p>Es war verfolgt.<\/p>\n<p>Es war zersplittert.<\/p>\n<p>Aber es war da.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Und dann kommt 1945<\/h1>\n<p>Nach dem Zusammenbruch kehren Menschen aus Gef\u00e4ngnissen, Konzentrationslagern und Exil zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Andere treten wieder \u00f6ffentlich hervor, die w\u00e4hrend der Diktatur geschwiegen oder sich zur\u00fcckgezogen hatten.<\/p>\n<p>Politische Traditionen, die 1933 verboten worden waren, erscheinen erneut.<\/p>\n<p>Die SPD entsteht wieder.<\/p>\n<p>Christlich-demokratische Parteien werden gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Liberale organisieren sich neu.<\/p>\n<p>Gewerkschaften entstehen.<\/p>\n<p>Zeitungen erscheinen.<\/p>\n<p>Politische Diskussion wird wieder m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich geschieht dies unter den Bedingungen der alliierten Besatzung. Die westlichen Besatzungsm\u00e4chte treiben Demokratisierung und Entnazifizierung voran.<\/p>\n<p>Die Demokratie von 1949 entsteht also nicht einfach spontan aus der deutschen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Aber die Alliierten konnten Institutionen erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p><strong>Sie konnten nicht Millionen Demokraten erfinden.<\/strong><\/p>\n<p>Die Menschen, die diese Institutionen mit Leben f\u00fcllten, mussten vorhanden sein.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Adenauer \u2013 ein Mann aus der Zeit vor Hitler<\/h2>\n<p>Konrad Adenauer ist daf\u00fcr eine geradezu symbolische Figur.<\/p>\n<p>1949 wird er erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.<\/p>\n<p>Da ist er bereits 73 Jahre alt.<\/p>\n<p>Er stammt nicht aus einer neuen demokratischen Generation, die erst nach Hitler herangewachsen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Er war schon w\u00e4hrend der Weimarer Republik Oberb\u00fcrgermeister von K\u00f6ln und Pr\u00e4sident des Preu\u00dfischen Staatsrats gewesen.<\/p>\n<p>1933 wurde er von den Nationalsozialisten aus seinem Amt entfernt.<\/p>\n<p>Seine Biografie verbindet die Zeit vor Hitler mit der Bundesrepublik.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr meine These bemerkenswert.<\/p>\n<p>Die Demokratie nach 1945 musste nicht s\u00e4mtliche demokratischen Erfahrungen neu erfinden.<\/p>\n<p><strong>Sie konnte an Menschen und Traditionen ankn\u00fcpfen, die 1933 politisch ausgeschaltet worden waren.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<h2>Auch die Sozialdemokratie ist wieder da<\/h2>\n<p>Dasselbe gilt f\u00fcr die SPD.<\/p>\n<p>Sie war 1933 verboten worden.<\/p>\n<p>Ihre Funktion\u00e4re waren verfolgt, verhaftet oder ins Exil getrieben worden.<\/p>\n<p>Aber die politische Tradition war nicht verschwunden.<\/p>\n<p>Nach 1945 war die Sozialdemokratie wieder eine der gro\u00dfen politischen Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Kurt Schumacher, der viele Jahre in nationalsozialistischen Konzentrationslagern verbracht hatte, wurde zum gro\u00dfen Gegenspieler Adenauers.<\/p>\n<p>Adenauer und Schumacher waren erbitterte politische Konkurrenten.<\/p>\n<p>Sie stritten \u00fcber die Zukunft Deutschlands.<\/p>\n<p>Aber sie wollten beide keine R\u00fcckkehr zur nationalsozialistischen Diktatur.<\/p>\n<p>Hier begegnet uns wieder meine Definition der Mitte:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die Mitte besteht nicht darin, dass Menschen dasselbe wollen.<br \/>\nSie besteht darin, dass sie ihre Unterschiede innerhalb einer gemeinsamen freiheitlichen Ordnung austragen.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<h1>Das Grundgesetz antwortet auf 1933<\/h1>\n<p>Und nun geschieht etwas, das f\u00fcr meinen S\u2013N-Kompass von besonderer Bedeutung ist.<\/p>\n<p>Der Parlamentarische Rat erarbeitet 1948 und 1949 das Grundgesetz.<\/p>\n<p>An seinem Anfang steht nicht der Staat.<\/p>\n<p>Nicht Deutschland.<\/p>\n<p>Nicht das Volk.<\/p>\n<p>Nicht die Nation.<\/p>\n<p>Sondern:<\/p>\n<h1>Der Mensch.<\/h1>\n<p>Artikel 1 beginnt:<\/p>\n<blockquote><p><strong>\u201eDie W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar.\u201c<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Nach der Erfahrung des Nationalsozialismus ist das eine fundamentale Entscheidung.<\/p>\n<p>Die politische Ordnung erh\u00e4lt eine Grenze.<\/p>\n<p>Es gibt etwas, \u00fcber das auch der Staat nicht verf\u00fcgen darf.<\/p>\n<p><strong>Den Wert des einzelnen Menschen.<\/strong><\/p>\n<p>Damit erh\u00e4lt mein S\u2013N-Kompass beinahe eine verfassungsrechtliche Form:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die Ordnung dient dem Menschen.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Nicht umgekehrt.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Auch die Mehrheit bekommt Grenzen<\/h2>\n<p>Das Grundgesetz zieht noch eine weitere Konsequenz aus Weimar.<\/p>\n<p>Demokratie bedeutet nicht, dass eine Mehrheit alles darf.<\/p>\n<p>Bestimmte Grundprinzipien k\u00f6nnen selbst mit einer parlamentarischen Zweidrittelmehrheit nicht abgeschafft werden.<\/p>\n<p>Artikel 79 Absatz 3 \u2013 die sogenannte <strong>Ewigkeitsklausel<\/strong> \u2013 sch\u00fctzt unter anderem die Grunds\u00e4tze der Artikel 1 und 20.<\/p>\n<p>Menschenw\u00fcrde.<\/p>\n<p>Demokratie.<\/p>\n<p>Rechtsstaat.<\/p>\n<p>Bundesstaatlichkeit.<\/p>\n<p>Sozialstaatsprinzip.<\/p>\n<p>Die Verfassung sagt damit sinngem\u00e4\u00df:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Auch die Mehrheit besitzt nicht das Recht, die Grundlagen der freiheitlichen Ordnung zu beseitigen.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist eine direkte Antwort auf das Scheitern Weimars.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Wehrhafte Demokratie<\/h1>\n<p>Damit entsteht ein Begriff, der f\u00fcr meine gesamte Untersuchung zentral wird:<\/p>\n<p><strong>wehrhafte Demokratie.<\/strong><\/p>\n<p>Die Weimarer Republik hatte ihren Gegnern M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnet, die diese nutzen konnten, um die Republik selbst zu beseitigen.<\/p>\n<p>Das Grundgesetz sollte daraus lernen.<\/p>\n<p>Parteien k\u00f6nnen unter hohen verfassungsrechtlichen Voraussetzungen verboten werden, wenn sie darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeintr\u00e4chtigen oder zu beseitigen.<\/p>\n<p>Der Staat soll nicht hilflos zusehen m\u00fcssen, wenn seine eigene Freiheit dazu benutzt wird, die Freiheit abzuschaffen.<\/p>\n<p>Aber damit entsteht sofort ein schwieriges Gleichgewicht.<\/p>\n<p>Eine Demokratie, die sich sch\u00fctzen will, darf dabei nicht selbst autorit\u00e4r werden.<\/p>\n<p>Sie muss ihre Gegner bek\u00e4mpfen k\u00f6nnen und gleichzeitig deren individuelle Grundrechte achten.<\/p>\n<p>Auch hier hilft der S\u2013N-Kompass.<\/p>\n<p><strong>Die wehrhafte Demokratie verteidigt die Ordnung, weil diese dem Menschen dient \u2013 nicht den Menschen, weil er der Ordnung dienen soll.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<h1>1949 \u2013 eine demokratische Mehrheit<\/h1>\n<p>Am 14. August 1949 findet die erste Bundestagswahl statt.<\/p>\n<p>CDU\/CSU, SPD, FDP und andere demokratische Parteien bestimmen das neue Parlament.<\/p>\n<p>Die extremistischen Kr\u00e4fte besitzen keine Mehrheit.<\/p>\n<p>Wieder ist die Mitte da.<\/p>\n<p>Aber diesmal verf\u00fcgt sie \u00fcber etwas, das 1919 noch nicht in gleicher Weise vorhanden war:<\/p>\n<p><strong>die Erfahrung von 1933.<\/strong><\/p>\n<p>Die Bundesrepublik ist deshalb nicht einfach Weimar II.<\/p>\n<p>Sie ist eine Demokratie, die aus dem Scheitern ihrer Vorg\u00e4ngerin lernen will.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Aber hatten die Menschen wirklich alle gelernt?<\/h2>\n<p>Auch hier w\u00e4re eine Erfolgsgeschichte zu einfach.<\/p>\n<p>Nationalsozialistische Einstellungen verschwanden 1945 nicht pl\u00f6tzlich.<\/p>\n<p>Ehemalige NSDAP-Mitglieder kehrten in gesellschaftliche und staatliche Positionen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Antisemitische und autorit\u00e4re Einstellungen blieben bestehen.<\/p>\n<p>\u00dcber Schuld und Verantwortung wurde lange geschwiegen.<\/p>\n<p>Viele Familien erz\u00e4hlten lieber vom eigenen Leid als von eigener Beteiligung.<\/p>\n<p>Die Demokratisierung Westdeutschlands war ein Prozess.<\/p>\n<p>Sie war <strong>nicht am 23. Mai 1949 abgeschlossen<\/strong>.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr meine Bildungsthese wichtig.<\/p>\n<p>Eine Verfassung kann Demokratie erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Aber sie kann demokratische \u00dcberzeugung nicht verordnen.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Demokratie wird gelernt<\/h1>\n<p>Vielleicht liegt genau darin eine der bemerkenswertesten Entwicklungen der Bundesrepublik.<\/p>\n<p>Die Demokratie wurde mit der Zeit nicht nur institutionell stabiler.<\/p>\n<p>Sie wurde gesellschaftlich <strong>gelernt<\/strong>.<\/p>\n<p>Wahlen wiederholten sich.<\/p>\n<p>Regierungen wechselten.<\/p>\n<p>Gerichte entschieden gegen Regierungen.<\/p>\n<p>Zeitungen kritisierten Politiker.<\/p>\n<p>Demonstrationen fanden statt.<\/p>\n<p>Politische Konflikte wurden ausgehalten.<\/p>\n<p>1957 gewann Adenauer eine absolute Mehrheit.<\/p>\n<p>1969 kam es zu einem politischen Machtwechsel.<\/p>\n<p>1982 wechselte die Regierung erneut.<\/p>\n<p>1998 wieder.<\/p>\n<p>Keine Panzer.<\/p>\n<p>Keine SA.<\/p>\n<p>Kein B\u00fcrgerkrieg.<\/p>\n<p>Der Verlierer r\u00e4umt das Kanzleramt.<\/p>\n<p>Der Gewinner zieht ein.<\/p>\n<p>Vielleicht ist gerade dieser unspektakul\u00e4re Vorgang eine der gr\u00f6\u00dften kulturellen Leistungen einer Demokratie.<\/p>\n<p><strong>Macht wird vor\u00fcbergehend.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<h1>Die Mitte wird zur demokratischen Gewohnheit<\/h1>\n<p>Damit ver\u00e4ndert sich meine These noch einmal.<\/p>\n<p>1919 besa\u00df Deutschland eine demokratische Mehrheit.<\/p>\n<p>Nach 1949 entstand zunehmend etwas Zus\u00e4tzliches:<\/p>\n<p><strong>demokratische Erfahrung.<\/strong><\/p>\n<p>Menschen lernten \u00fcber Jahrzehnte:<\/p>\n<p>Eine verlorene Wahl ist keine Katastrophe.<\/p>\n<p>Eine andere Regierung ist kein Staatsuntergang.<\/p>\n<p>Der politische Gegner bleibt Mitb\u00fcrger.<\/p>\n<p>Ein Kompromiss ist nicht Verrat.<\/p>\n<p>Eine kritische Zeitung ist kein Staatsfeind.<\/p>\n<p>Eine Demonstration ist nicht automatisch Revolution.<\/p>\n<p>Das klingt banal.<\/p>\n<p>Vielleicht ist gerade diese Banalit\u00e4t der gr\u00f6\u00dfte Erfolg.<\/p>\n<p>Demokratie wird zur Normalit\u00e4t.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Bildung geschieht nicht nur in der Schule<\/h1>\n<p>Und hier kehre ich zu meiner eigenen Frage zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Was bedeutet Bildung?<\/p>\n<p>Nach Cassirer und Heidegger hatte ich festgestellt:<\/p>\n<p><strong>Wissen allein gen\u00fcgt nicht.<\/strong><\/p>\n<p>Die Geschichte der Bundesrepublik f\u00fcgt etwas hinzu.<\/p>\n<p>Menschen lernen Demokratie nicht nur aus B\u00fcchern.<\/p>\n<p>Sie lernen sie durch <strong>Erfahrung<\/strong>.<\/p>\n<p>Durch Wahlen.<\/p>\n<p>Durch Diskussion.<\/p>\n<p>Durch Vereine.<\/p>\n<p>Durch Gemeinder\u00e4te.<\/p>\n<p>Durch Parteien.<\/p>\n<p>Durch B\u00fcrgerinitiativen.<\/p>\n<p>Durch Zeitungen.<\/p>\n<p>Durch Schulen.<\/p>\n<p>Durch Universit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Durch Theater und Literatur.<\/p>\n<p>Durch Gespr\u00e4che am Arbeitsplatz und am Familientisch.<\/p>\n<p>Demokratie wird nicht nur unterrichtet.<\/p>\n<p><strong>Demokratie wird praktiziert.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<h2>Die unscheinbare Schule der Demokratie<\/h2>\n<p>Vielleicht wird die Bedeutung dieser allt\u00e4glichen Erfahrung untersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Wer einmal in einem Gemeinderat erlebt hat, wie unterschiedliche Auffassungen aufeinanderprallen und am Ende trotzdem eine Entscheidung getroffen werden muss, erlebt Demokratie im Kleinen.<\/p>\n<p>Der eine stimmt daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Der andere dagegen.<\/p>\n<p>Danach geht man gemeinsam aus dem Sitzungssaal.<\/p>\n<p>Der politische Streit beendet nicht die menschliche Beziehung.<\/p>\n<p>Genau das ist demokratische Kultur.<\/p>\n<p>Sie ist unspektakul\u00e4r.<\/p>\n<p>Aber vielleicht ist sie wichtiger als viele gro\u00dfe politische Reden.<\/p>\n<p>Denn sie vermittelt etwas, das keine Verfassung allein garantieren kann:<\/p>\n<p><strong>die Gewohnheit, Verschiedenheit auszuhalten.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<h1>Meine These besteht die erste Gegenprobe<\/h1>\n<p>Damit komme ich zu meiner Ausgangsfrage zur\u00fcck.<\/p>\n<p>War die Mitte 1949 pl\u00f6tzlich wieder da?<\/p>\n<p>Meine Antwort lautet:<\/p>\n<p><strong>Nein.<\/strong><\/p>\n<p>Sie war nicht pl\u00f6tzlich wieder da.<\/p>\n<p>Menschen und politische Traditionen hatten die Diktatur \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>Aber 1949 geschah etwas Entscheidendes:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die vorhandene Mitte erhielt wieder demokratische Institutionen.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Und diesmal wurden diese Institutionen bewusst so gestaltet, dass sie aus dem Scheitern von Weimar lernen sollten.<\/p>\n<p>Menschenw\u00fcrde.<\/p>\n<p>Grundrechte.<\/p>\n<p>Gewaltenteilung.<\/p>\n<p>Verfassungsgerichtsbarkeit.<\/p>\n<p>F\u00f6deralismus.<\/p>\n<p>Wehrhafte Demokratie.<\/p>\n<p>Grenzen der Mehrheitsmacht.<\/p>\n<p>Das alles bildet eine Architektur.<\/p>\n<p>Aber eine Architektur bleibt leer, wenn niemand in ihr lebt.<\/p>\n<p>Die eigentliche Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik besteht deshalb m\u00f6glicherweise aus zwei Komponenten:<\/p>\n<blockquote><p><strong>demokratische Institutionen + demokratische Bildung und Erfahrung.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<h1>Aber Deutschland hatte jetzt zwei Geschichten<\/h1>\n<p>Damit w\u00e4re die Sache beinahe zu einfach.<\/p>\n<p>Denn 1949 entstand nicht nur die Bundesrepublik Deutschland.<\/p>\n<p>Im Osten entstand die Deutsche Demokratische Republik.<\/p>\n<p>Auch sie nannte sich demokratisch.<\/p>\n<p>Auch dort lebten Deutsche, die Nationalsozialismus und Krieg erlebt hatten.<\/p>\n<p>Auch dort wurde behauptet, aus 1933 gelernt zu haben.<\/p>\n<p>Aber es entstand keine pluralistische parlamentarische Demokratie westdeutscher Pr\u00e4gung.<\/p>\n<p>Es gab keine freie Konkurrenz um die politische Macht.<\/p>\n<p>Die SED bestimmte die politische Ordnung.<\/p>\n<p>Opposition wurde unterdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Und damit entsteht f\u00fcr meine These ein geradezu ideales historisches Experiment.<\/p>\n<p>Ein Volk.<\/p>\n<p>Eine gemeinsame Geschichte bis 1945.<\/p>\n<p>Danach zwei politische Systeme.<\/p>\n<p>Im Westen entwickelt sich \u00fcber vier Jahrzehnte eine stabile parlamentarische Demokratie.<\/p>\n<p>Im Osten eine sozialistische Diktatur.<\/p>\n<p>Wenn die politische Ordnung tats\u00e4chlich das Denken der Menschen vollst\u00e4ndig bestimmen k\u00f6nnte, m\u00fcsste nach vierzig Jahren DDR die demokratische Mitte im Osten verschwunden sein.<\/p>\n<p>Doch dann kommt <strong>1989<\/strong>.<\/p>\n<p>Menschen gehen auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Sie verlangen Freiheit.<\/p>\n<p>Sie verlangen freie Wahlen.<\/p>\n<p>Und sie rufen einen Satz, der f\u00fcr meine ganze Untersuchung von au\u00dfergew\u00f6hnlicher Bedeutung ist:<\/p>\n<h1>\u201eWir sind das Volk.\u201c<\/h1>\n<p>Nicht der Staat.<\/p>\n<p>Nicht die Partei.<\/p>\n<p><strong>Wir.<\/strong><\/p>\n<p>Die Menschen.<\/p>\n<p>Damit beginnt die n\u00e4chste Gegenprobe meiner These:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<h1>7. Die andere deutsche Erfahrung \u2013 DDR und 1989<\/h1>\n<h2>Ein Volk \u2013 zwei politische Systeme<\/h2>\n<p>1949 entstehen zwei deutsche Staaten.<\/p>\n<p>Im Westen die Bundesrepublik Deutschland.<\/p>\n<p>Im Osten die Deutsche Demokratische Republik.<\/p>\n<p>Beide berufen sich auf die Erfahrung des Nationalsozialismus.<\/p>\n<p>Beide behaupten, die richtigen Konsequenzen aus der deutschen Katastrophe gezogen zu haben.<\/p>\n<p>Aber sie ziehen grundverschiedene Schlussfolgerungen.<\/p>\n<p>Die Bundesrepublik entscheidet sich f\u00fcr Parteienpluralismus, Gewaltenteilung, freie Wahlen, Grundrechte und eine parlamentarische Demokratie.<\/p>\n<p>Die DDR bezeichnet sich ebenfalls als demokratisch.<\/p>\n<p>Doch die politische Wirklichkeit sieht anders aus.<\/p>\n<p>Die SED besitzt die f\u00fchrende Stellung. Wahlen erm\u00f6glichen keinen freien Regierungswechsel. Oppositionelle politische Organisation wird nicht zugelassen. Presse und Medien unterliegen staatlicher Kontrolle. Das Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit \u00fcberwacht die Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Damit entsteht nach 1949 eine historische Situation, die f\u00fcr meine These von besonderer Bedeutung ist.<\/p>\n<p>Bis 1945 hatten Ost- und Westdeutsche dieselbe deutsche Geschichte erlebt.<\/p>\n<p>Danach leben sie vier Jahrzehnte lang in unterschiedlichen politischen Ordnungen.<\/p>\n<p>Was geschieht mit der Mitte?<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Kann eine Diktatur die Mitte beseitigen?<\/h2>\n<p>Wenn politische Systeme das Denken ihrer B\u00fcrger vollst\u00e4ndig bestimmen k\u00f6nnten, m\u00fcsste die Antwort eindeutig sein.<\/p>\n<p>Vierzig Jahre sind eine lange Zeit.<\/p>\n<p>Eine ganze Generation wird in der DDR geboren, besucht dort die Schule, absolviert Ausbildung oder Studium, arbeitet in volkseigenen Betrieben, erlebt staatlich gelenkte Medien und kennt die parlamentarische Demokratie des Westens nicht aus eigener Alltagserfahrung.<\/p>\n<p>Der Staat besitzt enorme M\u00f6glichkeiten der politischen Erziehung.<\/p>\n<p>Und trotzdem entsteht keine Gesellschaft, in der s\u00e4mtliche Menschen das politische System innerlich \u00fcbernommen haben.<\/p>\n<p>Es gibt \u00fcberzeugte Sozialisten.<\/p>\n<p>Es gibt Funktion\u00e4re.<\/p>\n<p>Es gibt Angepasste.<\/p>\n<p>Es gibt Menschen, die sich mit den Verh\u00e4ltnissen arrangieren.<\/p>\n<p>Es gibt Menschen, die sich ins Private zur\u00fcckziehen.<\/p>\n<p>Es gibt Oppositionelle.<\/p>\n<p>Es gibt Ausreisewillige.<\/p>\n<p>Und es gibt viele Zwischent\u00f6ne.<\/p>\n<p>Schon diese Vielfalt zeigt:<\/p>\n<p><strong>Eine politische Ordnung und das Denken ihrer B\u00fcrger sind nicht dasselbe.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<h2>Die Mitte lebt im Privaten weiter<\/h2>\n<p>Vielleicht m\u00fcssen wir auch hier unseren Blick ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Politische Geschichte sucht h\u00e4ufig nach Organisationen, Parteien und prominenten Oppositionellen.<\/p>\n<p>Aber eine gesellschaftliche Mitte muss nicht st\u00e4ndig politisch organisiert sein.<\/p>\n<p>Sie kann sich im Alltag zeigen.<\/p>\n<p>Menschen wollen ihre Familie sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Sie wollen arbeiten.<\/p>\n<p>Sie wollen Freunde treffen.<\/p>\n<p>Sie wollen reisen.<\/p>\n<p>Sie wollen lesen.<\/p>\n<p>Sie wollen ihre Meinung sagen.<\/p>\n<p>Sie wollen selbst entscheiden, wo sie leben.<\/p>\n<p>Sie wollen nicht st\u00e4ndig erkl\u00e4ren m\u00fcssen, was sie denken.<\/p>\n<p>Das klingt unpolitisch.<\/p>\n<p>Aber sobald ein Staat diese pers\u00f6nlichen Freir\u00e4ume begrenzt, werden scheinbar allt\u00e4gliche W\u00fcnsche politisch.<\/p>\n<p><strong>Freiheit beginnt manchmal mit dem Wunsch, in Ruhe sein eigenes Leben f\u00fchren zu d\u00fcrfen.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<h1>1989 \u2013 pl\u00f6tzlich sind sie auf der Stra\u00dfe<\/h1>\n<p>Und dann geschieht etwas, das f\u00fcr meine These geradezu entscheidend ist.<\/p>\n<p>1989 gehen immer mehr Menschen auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Leipzig.<\/p>\n<p>Dresden.<\/p>\n<p>Berlin.<\/p>\n<p>Plauen.<\/p>\n<p>Und viele andere St\u00e4dte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/images.openai.com\/static-rsc-4\/d9jNCVhoXv9OqzvNK2EFxFwpeYdAPrNuEljkdlgpKNL7bWKo9-IiZFTvqiACG8eBt-Drd7qEY2cQ0HWymW369soiqN9TjkgUwLqs-3gQFB-dqLrO8iaBuTJB0k_mp4uM0bg4EQaVtH89PixnSjBKHCw7RXOjZyG3XAgVf4BlveaBVDl3E_kshedtluu85Bgf?purpose=fullsize\" alt=\"Image\" \/><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/images.openai.com\/static-rsc-4\/LqP7Ioa6_X1IwVbG-z70nnpdbahEFHCc-70dCYIUoteMru1Pdfh70WHcyKjG4srey-n9MT-Hs_vYLMYUyzXtdVYK15PMLl5L7JyBRa5_VVqj0LAIYOSBN0o-RvashcYSazq8u5zV3l0WDipvm3uQtNrNOKjrDez83OiDMj0aT1cf0VkeSGlvFVhg_utR5Ran?purpose=fullsize\" alt=\"Image\" \/><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/images.openai.com\/static-rsc-4\/OvnFmrVEBpGEZeBb_8BLP5thGfIuQSzXTAXI3ef2s2wsnNBSnk-x79i4kLQ7Ps-uz0dOPVkEWxtQMVHn8TDSSrxeiF3vqogrx9HrU8hhUK11mEWXs_olmUhmU1AMNb0JdSM__bSF8_qLN-Q6lfSkbVJu00aftAjF6tef7aJERaxTFf7jvyORNIjC35BLIR4s?purpose=fullsize\" alt=\"Image\" \/><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" 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Wahlen.<\/p>\n<p>Politische Mitbestimmung.<\/p>\n<p>Sie verlangen nicht zuerst eine neue totalit\u00e4re Gegenideologie.<\/p>\n<p>Sie verlangen Rechte.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich erklingt der Satz:<\/p>\n<h1>\u201eWir sind das Volk.\u201c<\/h1>\n<p>Dieser Satz fasziniert mich.<\/p>\n<p>Denn er dreht das Verh\u00e4ltnis zwischen Mensch und Ordnung um.<\/p>\n<p>Nicht die Partei bestimmt, was das Volk zu wollen hat.<\/p>\n<p>Die B\u00fcrger erkl\u00e4ren:<\/p>\n<p><strong>Wir selbst sind das Volk.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<h2>Der S\u2013N-Kompass schl\u00e4gt aus<\/h2>\n<p>Damit sind wir wieder bei meiner einfachen Frage:<\/p>\n<p><strong>Dient der Mensch der Ordnung \u2013 oder dient die Ordnung dem Menschen?<\/strong><\/p>\n<p>Das politische System der DDR verlangte Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber einer vorgegebenen Ordnung.<\/p>\n<p>1989 beanspruchen B\u00fcrger das Recht, diese Ordnung selbst zu beurteilen.<\/p>\n<p>Das ist Settembrini.<\/p>\n<p>Das ist die Bewegung von <strong>N nach S<\/strong>.<\/p>\n<p>Der Mensch nimmt sich das Recht zur\u00fcck, \u00fcber die Ordnung zu entscheiden.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Woher kam diese Demokratie?<\/h2>\n<p>Und nun stelle ich dieselbe Frage wie 1949.<\/p>\n<p>Woher kamen diese Menschen?<\/p>\n<p>Wer hatte ihnen vierzig Jahre lang parlamentarische Demokratie beigebracht?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war die Bundesrepublik sichtbar. Westfernsehen und Westmedien spielten f\u00fcr viele Menschen eine Rolle. Kirchen boten R\u00e4ume. Oppositionelle Gruppen hatten sich gebildet. Gorbatschows Reformpolitik ver\u00e4nderte das internationale Umfeld.<\/p>\n<p>Aber all das erkl\u00e4rt noch nicht vollst\u00e4ndig die entscheidende menschliche Voraussetzung:<\/p>\n<p><strong>Menschen wollten selbst entscheiden.<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht ist das Bed\u00fcrfnis nach pers\u00f6nlicher Freiheit st\u00e4rker, als politische Systeme glauben.<\/p>\n<p>Damit besteht meine These ihre zweite gro\u00dfe Gegenprobe.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Auch eine Diktatur kann die Mitte politisch unterdr\u00fccken, ohne sie vollst\u00e4ndig aus der Gesellschaft zu entfernen.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<h1>8. 2026 \u2013 Die Mitte ist noch immer da<\/h1>\n<h2>Zur\u00fcck zum Anfang<\/h2>\n<p>Jetzt kehren wir zur\u00fcck in die Gegenwart.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu jener Zahl, mit der dieser Essay begann.<\/p>\n<p><strong>43,8 Prozent.<\/strong><\/p>\n<p>Und zur\u00fcck zu der historischen Zahl:<\/p>\n<p><strong>43,9 Prozent am 5. M\u00e4rz 1933.<\/strong><\/p>\n<p>Nach unserer Reise durch die deutsche Geschichte sehen diese beiden Zahlen anders aus.<\/p>\n<p>Sie sind keine Beweise daf\u00fcr, dass sich Geschichte wiederholt.<\/p>\n<p>Das tut sie nicht.<\/p>\n<p>2026 ist nicht 1933.<\/p>\n<p>Die Bundesrepublik besitzt eine gefestigte Verfassung, ein Bundesverfassungsgericht, f\u00f6derale Strukturen, freie Medien, eine pluralistische Gesellschaft und jahrzehntelange demokratische Erfahrung.<\/p>\n<p>Gerade deshalb w\u00e4re es falsch, aus einer zahlenm\u00e4\u00dfigen \u00c4hnlichkeit eine historische Gleichsetzung zu konstruieren.<\/p>\n<p>Aber die Zahlen stellen weiterhin eine Frage.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Wo ist die Mitte heute?<\/h2>\n<p>Die \u00f6ffentliche Diskussion erweckt manchmal den Eindruck, als l\u00f6se sich die politische Mitte auf.<\/p>\n<p>Aber stimmt das?<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Mehrheit der Menschen lebt weiterhin innerhalb der demokratischen Ordnung.<\/p>\n<p>Menschen w\u00e4hlen unterschiedliche Parteien.<\/p>\n<p>Sie streiten \u00fcber Migration.<\/p>\n<p>\u00dcber Klima.<\/p>\n<p>\u00dcber Steuern.<\/p>\n<p>\u00dcber soziale Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>\u00dcber Europa.<\/p>\n<p>\u00dcber Krieg und Frieden.<\/p>\n<p>\u00dcber Energie.<\/p>\n<p>\u00dcber die Zukunft Deutschlands.<\/p>\n<p>Das ist zun\u00e4chst kein Zeichen einer kranken Demokratie.<\/p>\n<p><strong>Das ist Demokratie.<\/strong><\/p>\n<p>Eine demokratische Gesellschaft muss nicht einer Meinung sein.<\/p>\n<p>Im Gegenteil.<\/p>\n<p>Wenn alle dieselbe politische Auffassung haben m\u00fcssten, h\u00e4tten wir keine Demokratie mehr.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Nicht jede Unzufriedenheit ist Extremismus<\/h2>\n<p>Auch das scheint mir wichtig.<\/p>\n<p>Wer mit der Bundesregierung unzufrieden ist, ist deshalb kein Feind der Demokratie.<\/p>\n<p>Wer eine andere Migrationspolitik fordert, ist deshalb nicht automatisch antihumanistisch.<\/p>\n<p>Wer h\u00f6here Sozialleistungen verlangt, ist deshalb kein Kommunist.<\/p>\n<p>Wer Steuern senken will, ist deshalb kein Feind des Sozialstaates.<\/p>\n<p>Demokratie lebt gerade davon, dass politische Alternativen m\u00f6glich sind.<\/p>\n<p>Wir sollten deshalb vorsichtig damit sein, jede scharfe politische Position aus der Mitte herauszudefinieren.<\/p>\n<p>Die entscheidende Frage meines S\u2013N-Kompasses lautet nicht:<\/p>\n<p><strong>Wie weit rechts oder links steht jemand?<\/strong><\/p>\n<p>Sie lautet:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Was geschieht mit der W\u00fcrde und Freiheit des einzelnen Menschen, wenn seine politische Vorstellung Wirklichkeit wird?<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<h1>Die gef\u00e4hrliche Beruhigung<\/h1>\n<p>Aber auch die umgekehrte Schlussfolgerung w\u00e4re falsch.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnten sagen:<\/p>\n<p>Die Mehrheit ist doch demokratisch.<\/p>\n<p>Unsere Institutionen funktionieren.<\/p>\n<p>Also besteht keine Gefahr.<\/p>\n<p>Genau hier mahnt 1933 zur Vorsicht.<\/p>\n<p>Denn unsere historische Reise hat gezeigt:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Eine demokratische Mehrheit allein garantiert noch keine demokratische Zukunft.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieses Essays.<\/p>\n<p>Nicht weil 2026 dasselbe w\u00e4re wie 1933.<\/p>\n<p>Sondern weil der Mechanismus allgemeiner ist.<\/p>\n<p>Mehrheit ist nicht automatisch Macht.<\/p>\n<p>Mehrheit ist nicht automatisch Handlungsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Mehrheit ist nicht automatisch Wehrhaftigkeit.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Die Mitte muss sich ihrer selbst bewusst sein<\/h1>\n<p>Vielleicht besteht deshalb die eigentliche Gefahr nicht darin, dass die Mitte pl\u00f6tzlich verschwindet.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnte darin bestehen, dass die Mitte <strong>nicht mehr erkennt, was sie trotz aller politischen Unterschiede miteinander verbindet<\/strong>.<\/p>\n<p>Ein Sozialdemokrat und ein Christdemokrat m\u00fcssen nicht dieselbe Steuerpolitik wollen.<\/p>\n<p>Ein Gr\u00fcner und ein Konservativer m\u00fcssen nicht dieselbe Migrationspolitik vertreten.<\/p>\n<p>Ein Liberaler und ein Sozialist m\u00fcssen nicht dasselbe Verst\u00e4ndnis von Wirtschaft haben.<\/p>\n<p>Aber sie m\u00fcssen etwas Gemeinsames anerkennen:<\/p>\n<p><strong>Wir streiten innerhalb derselben demokratischen Ordnung.<\/strong><\/p>\n<p>Der andere ist mein Gegner.<\/p>\n<p>Nicht mein Feind.<\/p>\n<p>Und morgen kann er die Wahl gewinnen.<\/p>\n<p>Dann akzeptiere ich das Ergebnis.<\/p>\n<p>Bis zur n\u00e4chsten Wahl.<\/p>\n<p>So unspektakul\u00e4r funktioniert Demokratie.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>9. Warum Mehrheiten machtlos werden k\u00f6nnen<\/h1>\n<p>Jetzt k\u00f6nnen wir die historische Reise auswerten.<\/p>\n<p>Was haben 1919, 1933, 1949, 1989 und 2026 miteinander zu tun?<\/p>\n<p>Nicht die politischen Systeme.<\/p>\n<p>Nicht die Parteien.<\/p>\n<p>Nicht die historischen Umst\u00e4nde.<\/p>\n<p>Sondern eine Frage:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Wie wird aus gesellschaftlicher Mehrheit politische Handlungsf\u00e4higkeit?<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Denn genau hier liegt offenbar das Problem.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Eine Mehrheit ist zun\u00e4chst nur Mathematik<\/h2>\n<p>51 Prozent sind eine Mehrheit.<\/p>\n<p>60 Prozent sind eine gr\u00f6\u00dfere Mehrheit.<\/p>\n<p>70 Prozent noch gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Aber Zahlen handeln nicht.<\/p>\n<p>Menschen handeln.<\/p>\n<p>Parteien handeln.<\/p>\n<p>Parlamente handeln.<\/p>\n<p>Regierungen handeln.<\/p>\n<p>Gerichte entscheiden.<\/p>\n<p>Medien informieren.<\/p>\n<p>B\u00fcrger organisieren sich.<\/p>\n<p>Deshalb kann eine politisch entschlossene Minderheit unter bestimmten Umst\u00e4nden wirkungsvoller sein als eine gr\u00f6\u00dfere, aber unverbundene Mehrheit.<\/p>\n<p>Das ist die erste Antwort.<\/p>\n<h3>1. Zersplitterung<\/h3>\n<p>Eine Mehrheit kann aus Gruppen bestehen, die einander st\u00e4rker bek\u00e4mpfen als den Gegner ihrer gemeinsamen demokratischen Ordnung.<\/p>\n<p>Weimar zeigt, wie gef\u00e4hrlich das werden kann.<\/p>\n<h3>2. Angst<\/h3>\n<p>Angst ver\u00e4ndert politische Entscheidungen.<\/p>\n<p>Wirtschaftlicher Abstieg.<\/p>\n<p>Arbeitslosigkeit.<\/p>\n<p>Krieg.<\/p>\n<p>Migration.<\/p>\n<p>Inflation.<\/p>\n<p>Verlust gesellschaftlicher Stellung.<\/p>\n<p>Angst verlangt nach Sicherheit.<\/p>\n<p>Das ist menschlich.<\/p>\n<p>Gef\u00e4hrlich wird es, wenn politische Kr\u00e4fte behaupten:<\/p>\n<p><strong>Nur wir k\u00f6nnen euch sch\u00fctzen.<\/strong><\/p>\n<h3>3. Die einfache Erkl\u00e4rung<\/h3>\n<p>Demokratische Politik ist kompliziert.<\/p>\n<p>Radikale Politik kann einfach erscheinen.<\/p>\n<p>Ein Problem.<\/p>\n<p>Ein Schuldiger.<\/p>\n<p>Eine L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Cassirers politischer Mythos beginnt genau hier.<\/p>\n<h3>4. Feindbilder<\/h3>\n<p>Wenn aus politischen Gegnern Feinde werden, ver\u00e4ndert sich Demokratie.<\/p>\n<p>Dann geht es nicht mehr darum, eine Wahl zu gewinnen.<\/p>\n<p>Es geht darum, den anderen auszuschalten.<\/p>\n<h3>5. Institutionelles Versagen<\/h3>\n<p>Auch eine demokratische Bev\u00f6lkerung braucht funktionierende Institutionen.<\/p>\n<p>Parlament.<\/p>\n<p>Regierung.<\/p>\n<p>Gerichte.<\/p>\n<p>Verwaltung.<\/p>\n<p>Freie Medien.<\/p>\n<p>Wenn Menschen den Eindruck gewinnen, dass diese Institutionen Probleme dauerhaft nicht mehr l\u00f6sen k\u00f6nnen, verlieren sie Vertrauen.<\/p>\n<h3>6. Die Fehleinsch\u00e4tzung der Radikalen<\/h3>\n<p>1933 glaubten konservative Politiker, Hitler kontrollieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das war ein verh\u00e4ngnisvoller Irrtum.<\/p>\n<p>Demokratische Kr\u00e4fte k\u00f6nnen Radikale st\u00e4rken, wenn sie glauben, sie taktisch benutzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>7. Gew\u00f6hnung<\/h3>\n<p>Vielleicht gibt es noch einen subtileren Mechanismus.<\/p>\n<p>Grenz\u00fcberschreitungen k\u00f6nnen normal werden.<\/p>\n<p>Eine Beleidigung emp\u00f6rt beim ersten Mal.<\/p>\n<p>Beim zehnten Mal kaum noch.<\/p>\n<p>Eine L\u00fcge schockiert zun\u00e4chst.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wird sie Teil des politischen Ger\u00e4usches.<\/p>\n<p>Die Grenze verschiebt sich.<\/p>\n<p>Nicht pl\u00f6tzlich.<\/p>\n<p><strong>Millimeterweise.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<h1>Wann kippt eine Demokratie?<\/h1>\n<p>Jetzt k\u00f6nnen wir meine alte Leitfrage pr\u00e4ziser beantworten.<\/p>\n<p>Eine Demokratie kippt vermutlich nicht an einem einzigen Tag.<\/p>\n<p>Sie kippt auch nicht automatisch bei einem bestimmten Wahlergebnis.<\/p>\n<p>Es gibt keine magische Grenze von 30, 40 oder 50 Prozent.<\/p>\n<p>Vielleicht beginnt das Kippen viel fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Wenn Menschen den politischen Gegner nicht mehr als legitimen Mitb\u00fcrger betrachten.<\/p>\n<p>Wenn Tatsachen ihre gemeinsame Bedeutung verlieren.<\/p>\n<p>Wenn Institutionen grunds\u00e4tzlich ver\u00e4chtlich gemacht werden.<\/p>\n<p>Wenn Kompromiss nur noch als Schw\u00e4che gilt.<\/p>\n<p>Wenn politische Gewalt gerechtfertigt wird.<\/p>\n<p>Wenn Menschenrechte davon abh\u00e4ngig gemacht werden, wer ein Mensch ist.<\/p>\n<p>Und wenn eine demokratische Mehrheit zwar vorhanden ist, aber nicht mehr erkennt, <strong>was sie gemeinsam verteidigen muss<\/strong>.<\/p>\n<p>Damit sind wir bei der letzten Frage.<\/p>\n<p>Was kann eine Demokratie dagegen tun?<\/p>\n<hr \/>\n<h1>10. Bildung \u2013 die unsichtbare Verfassung der Demokratie<\/h1>\n<h2>Meine Antwort<\/h2>\n<p>Nach dieser historischen Reise komme ich zu einer Antwort, die erstaunlich einfach klingt:<\/p>\n<h1>Bildung.<\/h1>\n<p>Aber sofort muss ich erkl\u00e4ren, was ich damit meine.<\/p>\n<p>Denn Heidegger war gebildet.<\/p>\n<p>Viele Nationalsozialisten waren Akademiker.<\/p>\n<p>Juristen halfen dabei, Unrecht in Gesetze zu verwandeln.<\/p>\n<p>\u00c4rzte beteiligten sich an Verbrechen.<\/p>\n<p>Professoren dienten der Diktatur.<\/p>\n<p>Ein Universit\u00e4tsabschluss sch\u00fctzt nicht vor Antihumanismus.<\/p>\n<p>Deshalb meine ich mit Bildung <strong>nicht Wissen allein<\/strong>.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Wissen ist nicht Bildung<\/h2>\n<p>Ein Mensch kann tausend historische Daten kennen und trotzdem nichts aus Geschichte gelernt haben.<\/p>\n<p>Er kann Kant zitieren und gleichzeitig die W\u00fcrde anderer Menschen missachten.<\/p>\n<p>Er kann intelligent sein und Propaganda verbreiten.<\/p>\n<p>Er kann wissenschaftlich hervorragend ausgebildet sein und einer totalit\u00e4ren Ideologie folgen.<\/p>\n<p>Deshalb brauche ich eine andere Definition.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Bildung ist Wissen, das Urteilskraft erzeugt.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Und demokratische Bildung f\u00fcgt etwas Entscheidendes hinzu:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Urteilskraft unter Anerkennung der gleichen W\u00fcrde des anderen Menschen.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Damit kommen Cassirer und das Grundgesetz zusammen.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Die F\u00e4higkeit zum Zweifel<\/h1>\n<p>Vielleicht geh\u00f6rt zu demokratischer Bildung eine F\u00e4higkeit, die wir untersch\u00e4tzen:<\/p>\n<p><strong>zweifeln zu k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n<p>Nicht an allem.<\/p>\n<p>Nicht permanent.<\/p>\n<p>Sondern an der eigenen Gewissheit.<\/p>\n<p>Der demokratisch gebildete Mensch kann sagen:<\/p>\n<p><strong>Vielleicht irre ich mich.<\/strong><\/p>\n<p>Deshalb h\u00f6re ich dem anderen zu.<\/p>\n<p>Deshalb pr\u00fcfe ich eine Quelle.<\/p>\n<p>Deshalb lese ich Geschichte.<\/p>\n<p>Deshalb unterscheide ich Behauptung und Tatsache.<\/p>\n<p>Deshalb brauche ich eine freie Presse.<\/p>\n<p>Deshalb akzeptiere ich Wissenschaft, ohne sie f\u00fcr unfehlbar zu halten.<\/p>\n<p>Und deshalb ben\u00f6tige ich Menschen, die mir widersprechen.<\/p>\n<p>Der Fanatiker braucht keinen Widerspruch.<\/p>\n<p>Er besitzt bereits die Wahrheit.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Bildung sch\u00fctzt vor der einfachen Geschichte<\/h1>\n<p>Cassirer hat uns gezeigt, wie politische Mythen funktionieren.<\/p>\n<p>Sie reduzieren Komplexit\u00e4t.<\/p>\n<p>Bildung macht das Gegenteil.<\/p>\n<p>Sie fragt:<\/p>\n<p><strong>Stimmt das wirklich?<\/strong><\/p>\n<p>Wer behauptet das?<\/p>\n<p>Welche Quelle gibt es?<\/p>\n<p>Was fehlt in dieser Erz\u00e4hlung?<\/p>\n<p>Welche andere Erkl\u00e4rung w\u00e4re m\u00f6glich?<\/p>\n<p>Wer profitiert davon, wenn ich diese Geschichte glaube?<\/p>\n<p>Und:<\/p>\n<p><strong>Wer wird darin zum Feind erkl\u00e4rt?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist keine akademische \u00dcbung.<\/p>\n<p>Es ist demokratische Selbstverteidigung.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Geschichte als Fr\u00fchwarnsystem<\/h1>\n<p>Damit verstehe ich auch meine eigene Besch\u00e4ftigung mit Geschichte neu.<\/p>\n<p>Warum 1848?<\/p>\n<p>Warum Weimar?<\/p>\n<p>Warum Thomas Mann?<\/p>\n<p>Warum Cassirer?<\/p>\n<p>Warum Adenauer?<\/p>\n<p>Warum 1989?<\/p>\n<p>Nicht weil wir die Vergangenheit sammeln sollen wie Gegenst\u00e4nde in einem Museum.<\/p>\n<p>Geschichte kann etwas anderes leisten.<\/p>\n<p>Sie zeigt uns <strong>Muster<\/strong>.<\/p>\n<p>Nicht um zu behaupten:<\/p>\n<p><strong>Es wird wieder genauso kommen.<\/strong><\/p>\n<p>Sondern um rechtzeitig fragen zu k\u00f6nnen:<\/p>\n<p><strong>Habe ich etwas \u00c4hnliches schon einmal gesehen?<\/strong><\/p>\n<p>Geschichte wiederholt sich nicht.<\/p>\n<p>Aber Menschen stehen immer wieder vor vergleichbaren Versuchungen.<\/p>\n<p>Angst.<\/p>\n<p>Macht.<\/p>\n<p>Zugeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p>Feindbilder.<\/p>\n<p>Gewissheit.<\/p>\n<p>Unterwerfung.<\/p>\n<p>Freiheit.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Mein S\u2013N-Kompass als Bildungsinstrument<\/h1>\n<p>Damit bekommt auch der S\u2013N-Kompass f\u00fcr mich eine neue Bedeutung.<\/p>\n<p>Er soll niemandem vorschreiben, welche Partei er w\u00e4hlen soll.<\/p>\n<p>Er soll keine politische Gesinnungspr\u00fcfung sein.<\/p>\n<p>Er stellt lediglich eine Frage:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Dient die Ordnung dem Menschen \u2013 oder soll der Mensch der Ordnung dienen?<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Frage kann ich an eine historische Ideologie stellen.<\/p>\n<p>An eine Religion.<\/p>\n<p>An eine politische Partei.<\/p>\n<p>An einen Staat.<\/p>\n<p>An eine technologische Entwicklung.<\/p>\n<p>An K\u00fcnstliche Intelligenz.<\/p>\n<p>Und auch an meine eigene \u00dcberzeugung.<\/p>\n<p>Gerade das Letzte ist wichtig.<\/p>\n<p>Ein Kompass, den ich nur auf meine Gegner anwende, ist wertlos.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Demokratie braucht keine gleichdenkenden Menschen<\/h1>\n<p>Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse meiner Reise.<\/p>\n<p>Demokratie braucht keine Gesellschaft, in der alle Menschen dieselben politischen Ansichten besitzen.<\/p>\n<p>Sie braucht etwas Anspruchsvolleres:<\/p>\n<p><strong>Menschen, die verschieden denken k\u00f6nnen, ohne einander die gleiche W\u00fcrde abzusprechen.<\/strong><\/p>\n<p>Das ist die Mitte, von der ich spreche.<\/p>\n<p>Sie kann konservativ sein.<\/p>\n<p>Sie kann liberal sein.<\/p>\n<p>Sie kann sozialdemokratisch sein.<\/p>\n<p>Sie kann gr\u00fcn sein.<\/p>\n<p>Sie kann christlich sein.<\/p>\n<p>Sie kann konfessionslos sein.<\/p>\n<p>Sie kann links oder rechts von einer gedachten politischen Mitte stehen.<\/p>\n<p>Entscheidend ist nicht ihre Position auf dieser Linie.<\/p>\n<p>Entscheidend ist die Grenze, die sie nicht \u00fcberschreitet:<\/p>\n<p><strong>Der andere bleibt Mensch.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<h1>Bildung ist deshalb politisch \u2013 aber nicht parteipolitisch<\/h1>\n<p>Das ist ein wichtiger Unterschied.<\/p>\n<p>Demokratische Bildung darf Menschen nicht sagen:<\/p>\n<p><strong>W\u00e4hlt diese Partei.<\/strong><\/p>\n<p>Dann w\u00fcrde sie selbst zur Propaganda.<\/p>\n<p>Sie muss Menschen bef\u00e4higen zu fragen:<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet diese politische Forderung?<\/strong><\/p>\n<p>Welche Folgen h\u00e4tte sie?<\/p>\n<p>Ist sie mit den Grundrechten vereinbar?<\/p>\n<p>Welches Menschenbild steht dahinter?<\/p>\n<p>Sind ihre Behauptungen \u00fcberpr\u00fcfbar?<\/p>\n<p>Gibt es Gegenargumente?<\/p>\n<p>Das Ergebnis dieser Pr\u00fcfung darf unterschiedlich sein.<\/p>\n<p>Genau darin besteht Freiheit.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Die unsichtbare Verfassung<\/h1>\n<p>Das Grundgesetz ist die geschriebene Verfassung Deutschlands.<\/p>\n<p>Aber vielleicht besitzt jede Demokratie noch eine zweite Verfassung.<\/p>\n<p>Sie steht in keinem Gesetzbuch.<\/p>\n<p>Sie besteht aus den F\u00e4higkeiten ihrer B\u00fcrger.<\/p>\n<p>Zuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Unterscheiden.<\/p>\n<p>Zweifeln.<\/p>\n<p>Widersprechen.<\/p>\n<p>Kompromisse schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Niederlagen akzeptieren.<\/p>\n<p>Verantwortung \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Den anderen als Menschen anerkennen.<\/p>\n<p>Diese F\u00e4higkeiten nenne ich:<\/p>\n<h1>die unsichtbare Verfassung der Demokratie.<\/h1>\n<p>Und ihr Name ist <strong>Bildung<\/strong>.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Damit verstehe ich auch mein eigenes Schreiben<\/h1>\n<p>Seit Jahren besch\u00e4ftige ich mich mit Geschichte.<\/p>\n<p>Ich schreibe Essays.<\/p>\n<p>Ich unterhalte mich gedanklich mit Thomas Mann, Cassirer, Ebert, Adenauer und anderen.<\/p>\n<p>Ich entwickle den S\u2013N-Kompass.<\/p>\n<p>Ich stelle Fragen an mein Digitales Buch.<\/p>\n<p>Und immer wieder steht dahinter dieselbe Frage:<\/p>\n<p><strong>Wozu?<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht habe ich jetzt eine Antwort.<\/p>\n<p>Ich schreibe nicht, um Menschen zu sagen, was sie denken sollen.<\/p>\n<p>Ich schreibe, weil Menschen Material ben\u00f6tigen, <strong>mit dem sie denken k\u00f6nnen<\/strong>.<\/p>\n<p>Geschichte.<\/p>\n<p>Philosophie.<\/p>\n<p>Widerspruch.<\/p>\n<p>Zusammenh\u00e4nge.<\/p>\n<p>Fragen.<\/p>\n<p>Das ist Bildung.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Die Goldene Spur<\/h1>\n<p>Und damit f\u00fchrt dieser Essay zu etwas zur\u00fcck, das mich schon lange besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Zu meiner <strong>Goldenen Spur<\/strong>.<\/p>\n<p>Wissen weitergeben.<\/p>\n<p>Geschichte lebendig halten.<\/p>\n<p>Menschen zum Denken anregen.<\/p>\n<p>Freiheit erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Demokratie verst\u00e4ndlich machen.<\/p>\n<p>Humanismus im digitalen Zeitalter verteidigen.<\/p>\n<p>Vielleicht sind das gar nicht verschiedene Projekte.<\/p>\n<p>Vielleicht sind es verschiedene Formen derselben Aufgabe.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Bildung st\u00e4rkt die Urteilskraft.<br \/>\nUrteilskraft st\u00e4rkt den Menschen.<br \/>\nUnd Menschen, die selbst urteilen k\u00f6nnen, st\u00e4rken die Demokratie.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Damit bekommt auch mein Satz<\/p>\n<h1>Find the Meaning<\/h1>\n<p>eine politische Bedeutung.<\/p>\n<p>Nicht:<\/p>\n<p><strong>Glaube mir.<\/strong><\/p>\n<p>Sondern:<\/p>\n<p><strong>Frage selbst.<\/strong><\/p>\n<p>Nicht:<\/p>\n<p><strong>\u00dcbernimm meine Antwort.<\/strong><\/p>\n<p>Sondern:<\/p>\n<p><strong>Finde die Bedeutung.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<h1>Die Antwort auf die Ausgangsfrage<\/h1>\n<p>Am Anfang dieses Essays stand eine Frage:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Warum sch\u00fctzt eine demokratische Mehrheit nicht automatisch vor dem Kippen einer Demokratie?<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Nach dieser Reise w\u00fcrde ich antworten:<\/p>\n<p>Weil Mehrheit zun\u00e4chst nur eine Zahl ist.<\/p>\n<p>Eine Demokratie braucht mehr.<\/p>\n<p>Sie braucht Institutionen.<\/p>\n<p>Recht.<\/p>\n<p>Gewaltenteilung.<\/p>\n<p>Freie Medien.<\/p>\n<p>Eine wehrhafte Verfassung.<\/p>\n<p>Politische Beteiligung.<\/p>\n<p>Und sie braucht Menschen, die verstehen, <strong>warum diese Dinge sch\u00fctzenswert sind.<\/strong><\/p>\n<p>Damit komme ich zu meiner These zur\u00fcck:<\/p>\n<h1>Die Mitte war immer da.<\/h1>\n<p>Aber die Geschichte zeigt:<\/p>\n<p><strong>Es gen\u00fcgt nicht, dass sie da ist.<\/strong><\/p>\n<p>Sie muss urteilsf\u00e4hig sein.<\/p>\n<p>Sie muss erkennen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sie muss widersprechen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und wenn die Grundlagen der Freiheit gef\u00e4hrdet sind, muss sie handeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Deshalb ist Bildung f\u00fcr mich keine sch\u00f6ne Erg\u00e4nzung zur Demokratie.<\/p>\n<h1>Bildung ist eine ihrer Lebensbedingungen.<\/h1>\n<p>Und vielleicht ist das die wichtigste Lehre meiner historischen Reise:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Eine Demokratie ist nicht deshalb sicher, weil die Mehrheit Demokraten sind.<br \/>\nSie ist sicherer, wenn gen\u00fcgend Menschen verstehen, warum sie Demokraten sein wollen.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<h1>Epilog \u2013 Die Mitte war immer da<\/h1>\n<h2>Zwei Zahlen<\/h2>\n<p>Am Anfang dieser Reise standen zwei Zahlen.<\/p>\n<p><strong>43,9 Prozent.<\/strong><\/p>\n<p>So viele Stimmen erhielt die NSDAP bei der Reichstagswahl vom 5. M\u00e4rz 1933.<\/p>\n<p>Und:<\/p>\n<p><strong>43,8 Prozent.<\/strong><\/p>\n<p>So viele Stimmen erhielt die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026.<\/p>\n<p>Fast dieselbe Zahl.<\/p>\n<p>Und doch zwei v\u00f6llig verschiedene historische Situationen.<\/p>\n<p>1933 war Hitler bereits Reichskanzler. Grundrechte waren au\u00dfer Kraft gesetzt, politische Gegner wurden verfolgt, Gewalt und Einsch\u00fcchterung bestimmten den Wahlkampf.<\/p>\n<p>2026 leben wir in einer gefestigten parlamentarischen Demokratie des Grundgesetzes.<\/p>\n<p>Deshalb w\u00e4re es falsch zu sagen:<\/p>\n<p><strong>Die Geschichte wiederholt sich.<\/strong><\/p>\n<p>Aber ebenso falsch w\u00e4re es, die \u00c4hnlichkeit der Zahlen einfach abzutun.<\/p>\n<p>Denn sie hat mich zu einer anderen Frage gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Nicht:<\/p>\n<p><strong>Sind wir wieder im Jahr 1933?<\/strong><\/p>\n<p>Sondern:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Wie sicher ist eine Demokratie, wenn eine gro\u00dfe Mehrheit sie grunds\u00e4tzlich erhalten will?<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<h2>Meine historische Reise<\/h2>\n<p>Ich bin weit zur\u00fcckgegangen.<\/p>\n<p>Zu 1848.<\/p>\n<p>Ins Kaiserreich.<\/p>\n<p>Zu 1919 und Friedrich Ebert.<\/p>\n<p>Nach Weimar.<\/p>\n<p>Zu Thomas Mann.<\/p>\n<p>Nach Davos zu Ernst Cassirer und Martin Heidegger.<\/p>\n<p>Zum 30. Januar und zum 23. M\u00e4rz 1933.<\/p>\n<p>In die Katastrophe der nationalsozialistischen Diktatur.<\/p>\n<p>Dann zu 1949 und zum Grundgesetz.<\/p>\n<p>In die DDR.<\/p>\n<p>Zu den Menschen, die 1989 auf die Stra\u00dfe gingen.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich zur\u00fcck in das Jahr 2026.<\/p>\n<p>Dabei hat sich meine urspr\u00fcngliche Frage ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Ich wollte wissen:<\/p>\n<p><strong>Wo ist die Mitte geblieben?<\/strong><\/p>\n<p>Heute w\u00fcrde ich anders fragen.<\/p>\n<h1>Was kann eine vorhandene Mitte bewirken?<\/h1>\n<p>Denn meine Reise hat mich zu einer These gef\u00fchrt:<\/p>\n<h1>Die Mitte war immer da.<\/h1>\n<hr \/>\n<h2>Die Mitte ist kein Ort<\/h2>\n<p>Vielleicht war schon das Bild falsch.<\/p>\n<p>Wir sprechen von links, rechts und Mitte, als lie\u00dfe sich eine Gesellschaft mit einem Lineal vermessen.<\/p>\n<p>Aber die Mitte, die ich suche, liegt nicht genau zwischen zwei politischen Extremen.<\/p>\n<p>Sie ist auch keine bestimmte Partei.<\/p>\n<p>Sie ist eine Haltung.<\/p>\n<p>Ein Sozialdemokrat und ein Konservativer k\u00f6nnen zu ihr geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Ein Liberaler und ein Gr\u00fcner.<\/p>\n<p>Ein Christ und ein Atheist.<\/p>\n<p>Menschen k\u00f6nnen \u00fcber Steuern, Migration, Sozialpolitik, Europa, Klima oder Verteidigung heftig streiten und trotzdem etwas Entscheidendes gemeinsam haben:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Der andere bleibt Mensch.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Er bleibt B\u00fcrger.<\/p>\n<p>Er besitzt Rechte.<\/p>\n<p>Er darf widersprechen.<\/p>\n<p>Er darf mich kritisieren.<\/p>\n<p>Er darf anders w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Und er darf morgen sogar die Wahl gewinnen.<\/p>\n<p>Das ist die Mitte, von der ich spreche.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Die Mehrheit ist keine Versicherung<\/h1>\n<p>1933 hat mir die wichtigste Antwort gegeben.<\/p>\n<p>Die Mehrheit der W\u00e4hler hatte die NSDAP selbst bei der bereits massiv beeintr\u00e4chtigten Reichstagswahl vom 5. M\u00e4rz nicht gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Und trotzdem entstand die Diktatur.<\/p>\n<p>Warum?<\/p>\n<p>Weil eine Mehrheit zun\u00e4chst nur eine Zahl ist.<\/p>\n<p>Sie kann zersplittert sein.<\/p>\n<p>Sie kann sich gegenseitig bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Sie kann Angst haben.<\/p>\n<p>Sie kann schweigen.<\/p>\n<p>Sie kann die Gefahr untersch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Sie kann darauf vertrauen, dass andere handeln werden.<\/p>\n<p>Und sie kann zu sp\u00e4t erkennen, dass der gemeinsame demokratische Boden wichtiger ist als der politische Streit auf diesem Boden.<\/p>\n<p>Das ist vielleicht die beunruhigendste Erkenntnis meiner Reise:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Eine Demokratie kann verloren gehen, obwohl die Mehrheit ihrer B\u00fcrger ihren Verlust nicht gewollt hat.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<h1>1949 gibt eine andere Antwort<\/h1>\n<p>Aber die deutsche Geschichte endet nicht 1933.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr meine These genauso wichtig.<\/p>\n<p>1949 beginnt das Grundgesetz mit einem Satz:<\/p>\n<blockquote><p><strong>\u201eDie W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar.\u201c<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Nach Rasse, F\u00fchrer, Volksgemeinschaft und totalit\u00e4rer Unterordnung steht pl\u00f6tzlich wieder der einzelne Mensch am Anfang der staatlichen Ordnung.<\/p>\n<p>War dieser Gedanke pl\u00f6tzlich entstanden?<\/p>\n<p>Nein.<\/p>\n<p>Menschen hatten ihn bewahrt.<\/p>\n<p>Politische Traditionen hatten \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>Demokraten kehrten zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Andere lernten Demokratie neu.<\/p>\n<p>Die Mitte erhielt wieder Institutionen.<\/p>\n<p>Und sie bekam etwas hinzu:<\/p>\n<p><strong>Erfahrung.<\/strong><\/p>\n<p>Die Erfahrung ihres eigenen Scheiterns.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>1989 liefert den n\u00e4chsten Beweis<\/h1>\n<p>Vierzig Jahre lang hatte die DDR eine andere politische Ordnung.<\/p>\n<p>Und dann gingen Menschen auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Sie riefen:<\/p>\n<h1>\u201eWir sind das Volk.\u201c<\/h1>\n<p>Vielleicht steckt darin die k\u00fcrzeste Antwort auf meinen S\u2013N-Kompass.<\/p>\n<p>Nicht:<\/p>\n<p><strong>Der Mensch geh\u00f6rt der Ordnung.<\/strong><\/p>\n<p>Sondern:<\/p>\n<p><strong>Die Ordnung geh\u00f6rt den Menschen.<\/strong><\/p>\n<p>Auch hier war die Mitte nicht pl\u00f6tzlich entstanden.<\/p>\n<p>Sie war sichtbar geworden.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Und heute?<\/h1>\n<p>Damit stehe ich wieder im Jahr 2026.<\/p>\n<p>Wir leben seit mehr als sieben Jahrzehnten in einer freiheitlichen Demokratie.<\/p>\n<p>F\u00fcr meine Generation ist das eine au\u00dfergew\u00f6hnliche historische Erfahrung.<\/p>\n<p>Frieden.<\/p>\n<p>Freiheit.<\/p>\n<p>Wahlen.<\/p>\n<p>Reisen.<\/p>\n<p>Freie Presse.<\/p>\n<p>Politischer Streit.<\/p>\n<p>Regierungswechsel.<\/p>\n<p>Das Recht, den Bundeskanzler, eine Partei, eine Zeitung oder auch den Staat selbst \u00f6ffentlich zu kritisieren.<\/p>\n<p>Vieles davon erscheint selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Aber Geschichte zeigt:<\/p>\n<p><strong>Es ist nicht selbstverst\u00e4ndlich.<\/strong><\/p>\n<p>Demokratie ist niemals fertig.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Die eigentliche Brandmauer<\/h1>\n<p>Wir sprechen heute h\u00e4ufig von einer Brandmauer.<\/p>\n<p>Dabei denken wir an Parteien und Koalitionen.<\/p>\n<p>Das ist eine politische Frage.<\/p>\n<p>Aber vielleicht gibt es eine tiefere Brandmauer.<\/p>\n<p>Sie verl\u00e4uft <strong>im Denken des Menschen<\/strong>.<\/p>\n<p>Sie beginnt dort, wo ich sage:<\/p>\n<p>Bis hierher darf mein politischer Gegner gehen.<\/p>\n<p>Er darf mir widersprechen.<\/p>\n<p>Er darf mich \u00e4rgern.<\/p>\n<p>Er darf eine v\u00f6llig andere Vorstellung von Deutschland haben.<\/p>\n<p>Aber auch ich ziehe eine Grenze.<\/p>\n<p>Dort, wo Menschen ihre W\u00fcrde verlieren sollen.<\/p>\n<p>Dort, wo Herkunft \u00fcber den Wert eines Menschen entscheidet.<\/p>\n<p>Dort, wo Gewalt politische Argumente ersetzt.<\/p>\n<p>Dort, wo der Gegner zum Feind erkl\u00e4rt wird, dem keine gleichen Rechte mehr zustehen.<\/p>\n<p>Dort schl\u00e4gt mein S\u2013N-Kompass aus.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Settembrini oder Naphta?<\/h1>\n<p>Am Ende meiner Reise bleibt deshalb eine erstaunlich einfache Frage.<\/p>\n<p><strong>Dient die Ordnung dem Menschen?<\/strong><\/p>\n<p>Oder:<\/p>\n<p><strong>Soll der Mensch der Ordnung dienen?<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht kann man nicht jede politische Frage damit beantworten.<\/p>\n<p>Das soll der S\u2013N-Kompass auch gar nicht.<\/p>\n<p>Aber er zwingt mich, hinter Programme, Schlagworte und Ideologien zu schauen.<\/p>\n<p>Was geschieht mit dem einzelnen Menschen?<\/p>\n<p>Bleibt seine W\u00fcrde bestehen?<\/p>\n<p>Bleibt seine Freiheit?<\/p>\n<p>Darf er widersprechen?<\/p>\n<p>Darf er anders sein?<\/p>\n<p>Darf er Nein sagen?<\/p>\n<p>Wenn ich diese Fragen stelle, wird aus Politik eine Frage des Menschenbildes.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Deshalb Bildung<\/h1>\n<p>Und damit komme ich zu meiner eigenen Arbeit.<\/p>\n<p>Warum schreibe ich?<\/p>\n<p>Warum Geschichte?<\/p>\n<p>Warum Thomas Mann?<\/p>\n<p>Warum Cassirer?<\/p>\n<p>Warum meine Zeitreisen?<\/p>\n<p>Warum die semantischen Dialoge?<\/p>\n<p>Warum ein Digitales Buch, das antwortet?<\/p>\n<p>Vielleicht liegt die Antwort in diesem Essay.<\/p>\n<p>Ich kann Demokratie nicht retten.<\/p>\n<p>Ich kann niemandem vorschreiben, was er w\u00e4hlen soll.<\/p>\n<p>Das m\u00f6chte ich auch nicht.<\/p>\n<p>Aber ich kann etwas tun, das kleiner erscheint und vielleicht grundlegender ist:<\/p>\n<p><strong>Material zum Denken bereitstellen.<\/strong><\/p>\n<p>Geschichte erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Zusammenh\u00e4nge herstellen.<\/p>\n<p>Widerspr\u00fcche zeigen.<\/p>\n<p>Fragen stellen.<\/p>\n<p>Andere Stimmen zu Wort kommen lassen.<\/p>\n<p>Und den Leser auffordern, selbst zu urteilen.<\/p>\n<p>Das ist meine Vorstellung von Bildung.<\/p>\n<p>Nicht Belehrung.<\/p>\n<p><strong>Urteilskraft.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<h1>Die unsichtbare Verfassung<\/h1>\n<p>Das Grundgesetz sch\u00fctzt unsere Demokratie von au\u00dfen durch Institutionen und Recht.<\/p>\n<p>Aber es gibt noch eine zweite Verfassung.<\/p>\n<p>Sie steht nirgendwo vollst\u00e4ndig geschrieben.<\/p>\n<p>Sie lebt in den K\u00f6pfen der B\u00fcrger.<\/p>\n<p>Die F\u00e4higkeit zuzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die Bereitschaft zum Widerspruch.<\/p>\n<p>Das Aushalten anderer Meinungen.<\/p>\n<p>Das Pr\u00fcfen von Behauptungen.<\/p>\n<p>Das Misstrauen gegen\u00fcber einfachen Wahrheiten.<\/p>\n<p>Die Bereitschaft, die eigene Meinung zu korrigieren.<\/p>\n<p>Und die Gewissheit:<\/p>\n<p><strong>Auch der andere besitzt dieselbe W\u00fcrde wie ich.<\/strong><\/p>\n<p>Diese unsichtbare Verfassung muss jede Generation neu lernen.<\/p>\n<p>Keine Demokratie kann sie f\u00fcr immer speichern.<\/p>\n<hr \/>\n<h1>Die Mitte war immer da<\/h1>\n<p>Deshalb endet meine Reise nicht pessimistisch.<\/p>\n<p>Im Gegenteil.<\/p>\n<ol start=\"1848\">\n<li><\/li>\n<li><\/li>\n<li><\/li>\n<li><\/li>\n<li><\/li>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die politischen Systeme wechselten.<\/p>\n<p>Grenzen verschoben sich.<\/p>\n<p>Parteien entstanden und verschwanden.<\/p>\n<p>Demokratien wurden gegr\u00fcndet und zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Deutschland wurde geteilt und wiedervereinigt.<\/p>\n<p>Aber immer wieder finden wir Menschen, die Freiheit wollten, ohne die Freiheit des anderen abschaffen zu wollen.<\/p>\n<p>Menschen, die Reform wollten statt Unterwerfung.<\/p>\n<p>Menschen, die miteinander leben wollten, obwohl sie verschieden waren.<\/p>\n<p><strong>Die Mitte war immer da.<\/strong><\/p>\n<p>Das beruhigt mich.<\/p>\n<p>Aber es beruhigt mich nicht vollst\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Denn Geschichte hat mir gleichzeitig etwas anderes gezeigt:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Es gen\u00fcgt nicht, dass die Mitte die Mehrheit ist.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Sie muss wissen, was sie verbindet.<\/p>\n<p>Sie muss erkennen, was sie verlieren kann.<\/p>\n<p>Sie muss urteilen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und sie muss bereit sein, ihre Freiheit zu verteidigen.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>43,8 und 43,9<\/h2>\n<p>Damit komme ich zu den beiden Zahlen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Sie sind fast gleich.<\/p>\n<p>Ihre Geschichte ist es nicht.<\/p>\n<p>Und genau darin liegt ihre Bedeutung.<\/p>\n<p>Die Zahl <strong>43,9<\/strong> erz\u00e4hlt uns, was geschehen kann, wenn demokratische Institutionen zerbrechen und eine vorhandene Mehrheit ihre gemeinsame Freiheit nicht mehr sch\u00fctzen kann.<\/p>\n<p>Die Zahl <strong>43,8<\/strong> stellt uns heute keine historische Gleichung.<\/p>\n<p>Sie stellt uns eine Frage.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Was tun wir mit unserer Freiheit, solange wir sie haben?<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Meine Antwort lautet:<\/p>\n<p><strong>Wir m\u00fcssen sie verstehen.<\/strong><\/p>\n<p>Und deshalb schreibe ich.<\/p>\n<p>Nicht um meinen Lesern zu sagen, <strong>was<\/strong> sie denken sollen.<\/p>\n<p>Sondern um sie einzuladen, <strong>selbst zu denken<\/strong>.<\/p>\n<h1>Find the Meaning.<\/h1>\n<hr \/>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"Pld42Pw5ca\"><p><a href=\"https:\/\/mypapergate.net\/en\/der-s-n-kompass\/\">Der S-N-Kompass<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; visibility: hidden;\" title=\"\u201eDer S-N-Kompass\u201c \u2013 mypapergate.net\" src=\"https:\/\/mypapergate.net\/der-s-n-kompass\/embed\/#?secret=b0FsHmpiQh#?secret=Pld42Pw5ca\" data-secret=\"Pld42Pw5ca\" width=\"500\" height=\"282\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum sch\u00fctzt eine demokratische Mehrheit nicht automatisch vor dem Kippen der Demokratie? Prolog Zwei Zahlen 43,8 Prozent. Eine Zahl, die nach dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt die politische \u00d6ffentlichkeit ersch\u00fcttert. Kommentatoren suchen nach Erkl\u00e4rungen. Parteien beraten \u00fcber Konsequenzen. Wieder ist von der politischen Mitte die Rede, von den R\u00e4ndern, von der Brandmauer, von Protestw\u00e4hlern, von entt\u00e4uschten [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":269358233,"featured_media":7954,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_seo_schema_type":"","_wpcom_ai_launchpad_about_page":false,"_wpcom_ai_launchpad_gallery_page":false,"_wpcom_ai_launchpad_contact_page":false,"_wpcom_ai_launchpad_events_page":false,"_wpcom_ai_launchpad_video_page":false,"_wpcom_ai_launchpad_portfolio_piece":false,"footnotes":""},"class_list":["post-7942","page","type-page","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"jetpack_likes_enabled":true,"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/PgI6ye-246","jetpack-related-posts":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/mypapergate.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/7942","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/mypapergate.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/mypapergate.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mypapergate.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/269358233"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mypapergate.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7942"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/mypapergate.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/7942\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7967,"href":"https:\/\/mypapergate.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/7942\/revisions\/7967"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mypapergate.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7954"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/mypapergate.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7942"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}