MONSTER Ulrike

Brief von Émilie du Châtelet
Émilie du Châtelet an Voltaire
„Du begnügst dich damit, ein Monster zu verachten, das man eigentlich vernichten müsste.“

Mit diesem Satz beginnt für mich die Spur zu Ulrike Meinhof. Nicht als Parallele, sondern als Echo. Émilies Ruf zur Klarheit, nicht zur Gewalt, stellt uns dieselbe Frage: Wie gehen wir mit dem Monster unserer Zeit um?

Ulrike Meinhof – Theaterplakat
Ulrike Meinhof – Symbol einer Entscheidung

Es war nicht der Moment der Gründung. Nicht das Schreiben eines Manifests. Nicht der Bau einer Bombe.

Es war ein Sprung. Durch ein Fenster. In den Untergrund. In eine andere Zeit. In ein anderes Ich.

Als Ulrike Meinhof Andreas Baader zur Flucht verhalf, tat sie es nicht mit einem Aufschrei, sondern mit einem Schritt. Ein Sprung aus der Redaktion in den Widerstand. Ein Sprung aus der Analyse in die Aktion. Ein Sprung, von dem sie wusste, dass es kein Zurück geben würde.

„Das war der Moment, in dem ich durch den Spiegel gegangen bin.“

Dieser Sprung wurde zur Metapher – für den Punkt, an dem Wut, Ohnmacht und Überzeugung in Handlung umschlagen. Nicht jede Handlung ist heroisch. Viele sind falsch. Manche zerstören Leben – das eigene, das anderer.

Doch genau hier liegt die Brisanz: Der Sprung durchs Fenster ist der Punkt, an dem Menschen glauben, sie hätten keine andere Wahl mehr. Diesen Moment gibt es heute auch. In anderen Farben. In anderen Medien. In anderen Gesichtern.

Manche springen, metaphorisch, in Radikalisierung, Verschwörung, Gewalt. Und immer stellt sich dieselbe Frage:

Wann wird ein Mensch so wütend, so verzweifelt, so vereinzelt, dass er das Menschsein aufgibt – oder glaubt, Menschsein heiße, nicht länger zuzusehen?
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