Autoren – Egon Erwin Kisch

Egon Erwin Kisch (1885–1948) gilt als einer der bedeutendsten Reportage-Journalisten des 20. Jahrhunderts. Berühmt als der „rasende Reporter“, war er bekannt für seine schnellen, genauen und schonungslosen Berichte über die Geschehnisse seiner Zeit. Kisch war nicht nur Reporter, sondern auch Kronzeuge der politischen Umbrüche zwischen den Weltkriegen. Seine Reisen führten ihn nach Prag, Berlin, Paris, Moskau und New York. Er dokumentierte historische Ereignisse wie den Reichstagsbrand, die Bücherverbrennung und den Black Friday an der New Yorker Wall Street.

1. Prag – Die Geburtsstätte der Reportage

Kischs journalistische Laufbahn begann in Prag, seiner Heimatstadt. Prag war zur damaligen Zeit eine Stadt der kulturellen Vielfalt. Hier lebten Deutsche, Tschechen und Juden zusammen, was zu einer einzigartigen kulturellen Blüte führte. Für Kisch war Prag mehr als nur ein Ort, es war der Ursprung seiner Identität.

Er begann als Lokalreporter bei der Prager Bohemia und machte schnell auf sich aufmerksam, indem er sich in die Unterschichten der Stadt begab, um Geschichten aus den Armenvierteln, Bordellen und Gefängnissen zu dokumentieren. Diese Perspektive der Untersicht wurde zu einem Markenzeichen seiner Reportagen.

2. Erste Reportage aus Frankreich

Kischs erste Reportage aus Frankreich entstand im Waggon von Compiègne, wo am 11. November 1918 der Waffenstillstand des Ersten Weltkriegs unterzeichnet wurde. Kisch war vor Ort und beschrieb die stille Dramatik dieses historischen Moments. Der Waggon wurde zu einem Symbol für die Erniedrigung Deutschlands und die Siegessicherheit der Alliierten. In seiner Reportage betont Kisch die kalte Nüchternheit der Verhandlungen.

Er beschrieb die deutsche Delegation unter der Führung von Matthias Erzberger, die mit ernster Miene und gesenktem Blick den Waggon betrat. Auf der anderen Seite saßen die alliierten Vertreter, darunter Marschall Foch, der als Symbol des alliierten Triumphs galt. Kisch zeigte, wie die Alliierten die Verhandlungen nutzten, um Deutschland zu maximalen Zugeständnissen zu zwingen.

Kischs Beschreibung dieser Szene war keine einfache Berichterstattung, sondern ein literarischer Augenblick, der die emotionale Spannung der Situation einfing. Die Waffenstillstandszeremonie wurde zum Sinnbild der Demütigung Deutschlands, die später den Versailler Vertrag prägen sollte.

Waffenstillstandsunterzeichnung im Waggon von Compiègne, 11. November 1918
Im Waggon von Compiègne am 11. November 1918: Unterzeichnung des Waffenstillstands – Beginn der Verhandlungen, die in den Versailler Vertrag mündeten. Delegationsleiter war Matthias Erzberger, begleitet von Oberstleutnant Alfred von Oberndorff, General Detlof von Winterfeldt und Kapitän zur See Ernst Vanselow. Auf alliierter Seite: Marschall Ferdinand Foch, Admiral Sir Rosslyn Wemyss, General Maxime Weygand, Captain Marcel Samuel-Hubert und Major General Sir George Hope. Idee: Wolfgang Bossert · Ausführung: ChatGPT
Außenansicht des Waggons im Wald von Compiègne, 11. November 1918
Im Wald von Compiègne am 11. November 1918: Der Salonwagen, in dem der Waffenstillstand unterzeichnet wurde. Vor dem Wagen sammelten sich Soldaten, Offiziere und Beobachter – eine Kulisse, die den historischen Ernst der Stunde widerspiegelte. Idee: Wolfgang Bossert · Ausführung: ChatGPT

3. Berlin und der Reichstagsbrand

Im Februar 1933 erlebte Kisch den Reichstagsbrand in Berlin hautnah. Dieses Ereignis wurde zu einem Wendepunkt in der deutschen Geschichte. Die Nationalsozialisten nutzten den Brand als Vorwand, um das Ermächtigungsgesetz zu verabschieden und die politische Opposition zu beseitigen.

Kischs Berichte über den Reichstagsbrand stehen im Verdacht, die offizielle Version zu widerlegen. Er hinterfragte die Darstellung, dass der Kommunist Marinus van der Lubbe den Brand allein gelegt habe, und betonte, dass der Brand möglicherweise von den Nationalsozialisten selbst initiiert wurde, um einen Vorwand zur Machtergreifung zu schaffen. Kischs investigative Herangehensweise machte ihn zu einem der wichtigsten Berichterstatter dieser Zeit.

4. New York und der Black Friday

Im Jahr 1929 erlebte Kisch den Börsenkrach an der Wall Street mit. Dieser als Black Friday bekannte Tag gilt als der Beginn der Weltwirtschaftskrise. Kisch war in New York vor Ort und beschrieb die Panik der Börsenhändler und die Verzweiflung der Anleger.

Sein Bericht über den Black Friday zeichnet ein lebendiges Bild der Menschen, die in den Bankenmassen warteten, um ihre Ersparnisse zu retten. Viele von ihnen verloren alles, einige begingen Suizid, indem sie sich aus den Fensterbänken der Hochhäuser stürzten. Kisch beschrieb dies mit einer Intensität, die das kollektive Trauma der Krise greifbar machte.

Menschenmengen vor Banken am Black Friday in New York, 1929
New York, Wall Street, 1929: Der „Black Friday“ markierte den Beginn der Weltwirtschaftskrise. Egon Erwin Kisch berichtete vor Ort über Panik, Verzweiflung und das kollektive Trauma der Krise. Idee: Wolfgang Bossert · Ausführung: ChatGPT

5. Die Bücherverbrennung

Am 10. Mai 1933 erlebte Kisch die Bücherverbrennung in Berlin, Leipzig und anderen deutschen Städten. Auf den Plätzen brannten die Werke von Heinrich Heine, Erich Maria Remarque, Thomas Mann, Erich Kästner und Sigmund Freud. Die Bücherverbrennung wurde zum Symbol der Zensur und der totalen Kontrolle der Nationalsozialisten über Kultur und Bildung.

Kisch schilderte die Flammen der Intoleranz, die die Werke verbrennen, und machte dabei auf die Verbindung zwischen Diktatur und Zensur aufmerksam. Er bezeichnete die Bücherverbrennung als den „Vorspann zur Zerstörung der Humanität“. Seine Berichte wurden als Warnung verstanden, da er auf die gefährlichen Folgen der Gedankenkontrolle hinwies.

6. Paris – Zufluchtsort im Exil

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ging Kisch ins Exil nach Paris. Hier fand er Asyl und eine neue intellektuelle Gemeinschaft. Paris wurde zur Heimat der Emigranten und zum kulturellen Zentrum des Widerstands.

In Paris schloss er sich dem Netzwerk der Exilautoren an. Er traf Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger und Walter Benjamin. Im Exil veröffentlichte er seine Werke und nahm an politischen Kampagnen gegen das nationalsozialistische Regime teil. Sein Buch „Der rasende Reporter“ wurde zum Manifest des investigativen Journalismus.

Porträt von Matthias Erzberger
Matthias Erzberger (1875–1921), Zentrumspolitiker und Leiter der deutschen Waffenstillstandsdelegation von Compiègne. Später Vizekanzler und Reichsfinanzminister der Weimarer Republik, 1921 von Rechtsterroristen ermordet. Public Domain · Hinweis: Bildauswahl Wolfgang Bossert · Untertitel ChatGPT

Fazit

Egon Erwin Kisch war nicht nur ein rasender Reporter, sondern auch ein Zeuge der Geschichte. Seine Reportagen über den Reichstagsbrand, die Bücherverbrennung und den Black Friday gehören zu den wichtigsten journalistischen Dokumenten des 20. Jahrhunderts. Seine Methodik und sein Stil der narrativen Reportage prägten den modernen Journalismus nachhaltig.

Kischs Werk ist eine Mahnung vor der Macht der Propaganda und eine Verteidigung der freien Presse. Seine Reportagen beweisen, dass Wahrheit und Augenzeugenschaft eine wesentliche Rolle spielen, wenn es darum geht, der Macht die Stirn zu bieten.

Hinweis zur Gestaltung

Egon Erwin Kisch führte in seinen Reportagen keine fiktiven Interviews. Seine Texte erschienen in deutschsprachigen Tageszeitungen und beruhten auf direkter Beobachtung. Die folgenden fiktiven Dialoge mit Marschall Foch und Matthias Erzberger sind eine literarische Idee von Wolfgang Bossert (WB) und dienen der Veranschaulichung.

Dialoge des Waffenstillstands (fiktiv, WB)

1. Gespräch mit Marschall Ferdinand Foch

Ort: Compiègne, im Waggon des Waffenstillstands, 11. November 1918

Kisch: Herr Marschall, die Verhandlungen sind beendet. Deutschland hat den Waffenstillstand unterzeichnet. Wie fühlen Sie sich?

Foch: Erleichtert – nicht aus Triumph, sondern weil das Morden endet. Doch dies ist nur ein Waffenstillstand. Die Bedingungen mussten hart sein, um weiteres Blutvergießen zu verhindern.

Kisch: Kritiker werden sagen, die Bedingungen seien zu streng.

Foch: Streng, ja – aber ein weicher Friede hätte bedeutet: Der nächste Krieg beginnt bald. Vielleicht ist er nur aufgeschoben.


2. Gespräch mit Matthias Erzberger

Ort: Berlin, im Büro des Reichsfinanzministers, 1920

Kisch: Herr Erzberger, viele nennen Sie einen Verräter. „Die Hand, die den Waffenstillstand unterschrieb, soll verdorren“, hört man. Wie leben Sie damit?

Erzberger: Hass war zu erwarten. Aber was wäre die Alternative gewesen? Hätte ich nicht unterschrieben, wäre Deutschland völlig zerschlagen worden. Ich habe unterschrieben, um Millionen Leben zu retten.

Kisch: Und doch belasten die Bedingungen das Land schwer.

Erzberger: Ja. Frieden – selbst ein bitterer – war besser als endloser Krieg. Ich bin nicht der Verräter, sondern der Sündenbock. Aber jemand musste die Verantwortung tragen.

Kisch: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Erzberger: Dass mein Land eines Tages versteht: Frieden entsteht nicht durch Kanonen, sondern durch Verständigung.

Biografische Notizen

  • Ferdinand Foch (1851–1929): Französischer General und Oberbefehlshaber der Alliierten; am 11. November 1918 nahm er im Wald von Compiègne die deutsche Waffenstillstandserklärung entgegen.
  • Matthias Erzberger (1875–1921): Zentrumspolitiker von der Schwäbischen Alb; Leiter der deutschen Waffenstillstandsdelegation; später Vizekanzler und Reichsfinanzminister (1919/20); 1921 von Rechtsterroristen ermordet.
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