Georg Stefan Troller

Georg Stefan Troller (1921–2025)

Georg Stefan Troller, Porträtaufnahme
Georg Stefan Troller in einer Porträtaufnahme (Quelle: bereitgestellter Bildlink)

Georg Stefan Troller war ein Jahrhundertzeuge, ein Chronist des 20. Jahrhunderts und ein Autor im weitesten Sinn. Zwar wurde er durch seine Fernsehinterviews und Dokumentarfilme berühmt, doch sein Werk ist ebenso Teil der literarischen Tradition wie das von klassischen Schriftstellern. Seine Texte, Filme und Erinnerungen verbinden Biografie und Zeitgeschichte, Dokument und Dichtung.

Frühe Jahre und Exil

1921 in Wien geboren, wuchs Troller in einer jüdischen Familie auf. Seine Jugend war geprägt von den kulturellen Strömungen der Weimarer Republik: die kritische Literatur Bertolt Brechts, die journalistische Schärfe von Joseph Roth, die Sensibilität Stefan Zweigs. Der „Anschluss“ Österreichs 1938 zerstörte diese Welt. Troller floh über die Tschechoslowakei nach Frankreich, wurde interniert und konnte 1941 mit einem Visum in die USA ausreisen.

In Amerika arbeitete er zunächst als Buchbinder, bevor er 1943 zur US-Armee eingezogen wurde. Als Soldat nahm er an der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau teil und war an der Einnahme Münchens beteiligt. Seine Aufgabe war auch die Vernehmung deutscher Kriegsgefangener – darunter Menschen, die für die Vernichtung seiner eigenen Familie verantwortlich waren. Diese Erfahrung der Zerrissenheit und des Exils blieb der unsichtbare Hintergrund seines späteren Schaffens.

Karriere in Paris

Nach dem Krieg studierte Troller in den USA Anglistik und Theaterwissenschaft, bevor er 1949 nach Paris zurückkehrte. Dort begann er als Journalist zu arbeiten und wurde bald Korrespondent für deutschsprachige Medien. Paris wurde sein Lebensmittelpunkt und die Stadt, von der aus er das Nachkriegseuropa beschrieb.

In den 1960er Jahren machte ihn das „Pariser Journal“ im WDR zu einer bekannten Stimme im Fernsehen. Sein Markenzeichen war die Verbindung von literarischem Ton und journalistischer Genauigkeit. Ab 1972 folgte seine legendäre Reihe Personenbeschreibung im ZDF. Hier führte er über 1.500 Interviews mit Berühmten und Unbekannten – von Muhammad Ali über Romy Schneider bis hin zu Obdachlosen und Kriegsversehrten. Immer ging es ihm darum, Menschen „zur Kenntlichkeit“ zu zeigen.

Ein literarischer Journalist

Troller nannte Journalisten einmal „Menschenfresser“. Doch wenn es freundliche Menschenfresser gibt, war er einer. Mit kaltschnäuziger Warmherzigkeit stellte er Fragen, die tief ins Innere seiner Gesprächspartner führten. Viele empfanden seine Interviews als seelische Erkundungen, fast wie literarische Szenen. Alain Delon meinte, er sei bei Troller in einem „psychiatrischen Verhör“ gelandet, Thomas Brasch fühlte sich wie ein Schnitzel auf seinem Teller. In Wahrheit war es Trollers Methode, das Unsichtbare sichtbar zu machen – eine Kunst, die er mit den großen Autoren der Weimarer Zeit teilte.

Das Erbe der Weimarer Zeit

Obwohl Troller nach 1945 bekannt wurde, gehört er ins Erbe der Weimarer Literatur. Wie Brecht oder Roth suchte er die Brüche der Gesellschaft. Wie die Exilautoren Seghers oder Feuchtwanger trug er die Erfahrung von Flucht und Vertreibung in sich. Seine Interviews sind Literatur im Gewand des Journalismus – kleine Szenen der Moderne, in denen Nähe nicht Übergriff war, sondern Mitmenschlichkeit.

Seine Bücher – Selbstbeschreibung, Das fidele Grab an der Donau, Meine ersten 100 Jahre – sind autobiografische Zeugnisse und zugleich Teil einer großen Erzählung über das Jahrhundert. Darin lebt die Ambivalenz der Weimarer Epoche weiter: das Fragmentarische, das Widersprüchliche, das Humane im Angesicht der Katastrophe.

Letzte Jahre und Vermächtnis

Noch mit über hundert Jahren blieb Troller eine klare, wache Stimme. 2021 erschien sein Buch Meine ersten 100 Jahre. 2022 erhielt er wieder die österreichische Staatsbürgerschaft, die ihm einst durch die Nazis geraubt worden war – für ihn ein Akt der „Abteilung Sehnsucht“. Am 27. September 2025 starb er in Paris im Alter von 103 Jahren.

Georg Stefan Troller bleibt als einer jener „Autoren“, die die Literatur der Weimarer Zeit weiterführten, ohne selbst in ihr zu schreiben. Er ist ihr nachgeborener Erbe, ein Erzähler des Jahrhunderts, der gezeigt hat, dass Literatur auch in Bildern, Gesprächen und Erinnerungen weiterlebt.