Marcel Reich-Ranicki

Marcel Reich-Ranicki – Der Literaturpapst

Marcel Reich-Ranicki, junges Porträt
Marcel Reich-Ranicki (jünger, vermutlich ca. 1940er Jahre). Quelle: unbekannt (WordPress-Upload – Lizenz nicht angegeben).

Biografie

Marcel Reich-Ranicki wurde am 2. Juni 1920 in Włocławek (Polen) geboren. Sein Geburtsname war Marceli Reich. Seine Eltern gehörten dem jüdischen Mittelstand an; 1929 zog die Familie nach Berlin, wo er seine Schulzeit verbrachte und früh eine Leidenschaft für deutsche Literatur entwickelte.

1938 wurde er als Jude im Rahmen der „Polenaktion“ nach Polen ausgewiesen. Später lebte er im Warschauer Ghetto und arbeitete dort u. a. als Übersetzer. Gemeinsam mit seiner Frau Teofila gelang ihm die Flucht in den Untergrund. Viele seiner Familienmitglieder wurden in den NS-Vernichtungslagern ermordet.

Nach dem Krieg arbeitete Reich-Ranicki zunächst in Polen im diplomatischen Dienst. 1958 siedelte er endgültig in die Bundesrepublik Deutschland über. Dort wurde er rasch zu einer prägenden Figur der Literaturkritik: zuerst als Kritiker bei Die Zeit, später als Leiter des Literaturressorts der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Von 1988 bis 2001 war er Mitmoderator der Fernsehsendung „Das Literarische Quartett“, die ihn weit über die Literaturszene hinaus bekannt machte.

Er starb am 18. September 2013 in Frankfurt am Main.

Werke und Bedeutung

  • Der Kanon – eine von ihm kuratierte Anthologie herausragender deutschsprachiger Literatur. Die Reihe erschien ab 2001 in mehreren Bänden (Romane, Erzählungen, Dramen u. a.) und prägte das Verständnis des „literarischen Kanons“ in Deutschland.
  • Autobiografie: „Mein Leben“ (1999) – ein Bestseller, in dem er seine Kindheit, das Leben im Ghetto, die Flucht, sowie seinen Weg zum einflussreichsten Literaturkritiker Deutschlands schildert. Das Buch wurde auch für das Fernsehen adaptiert.
  • Gesammelte Rezensionen und Essays – in über zwanzig Buchausgaben erschienen seine Kritiken, die maßgeblich den deutschen Literaturbetrieb beeinflussten. Mit klarer Sprache und oft scharfem Urteil formte er den Ruf vieler Autorinnen und Autoren.
  • Das Literarische Quartett – keine Schriftpublikation, sondern eine Fernsehsendung (1988–2001), die ihn zum „Literaturpapst“ machte. Millionen Zuschauer verfolgten seine Diskussionen mit anderen Kritikern, wodurch Literatur eine neue Öffentlichkeit gewann.

Reich-Ranicki verstand Literaturkritik als leidenschaftlichen und öffentlichen Dialog mit den Büchern. Er verband analytische Strenge mit dem Anspruch, Literatur verständlich zu vermitteln. Mit dieser Haltung wurde er zur prägendsten Figur der deutschen Literaturkritik nach 1945.

Streit, Wirkung & Polarisierung

Marcel Reich-Ranicki und Günter Grass im Gespräch
Marcel Reich-Ranicki und Günter Grass. Quelle: WordPress-Upload – Lizenz nicht angegeben.

Reich-Ranicki war nicht nur ein scharfer Literaturkritiker, sondern auch ein streitbarer Intellektueller. Besonders bekannt wurde sein Konflikt mit Günter Grass – einer der heftigsten literarischen und politischen Schlagabtausche im deutschsprachigen Literaturbetrieb nach 1945.

Zu Beginn lobte Reich-Ranicki Grass’ Frühwerk, etwa Die Blechtrommel. Später jedoch kritisierte er viele seiner Veröffentlichungen mit harten Urteilen. Bei der Veröffentlichung von Ein weites Feld (1995) reagierte er besonders heftig und nannte das Buch „unlesbar“. Grass wiederum warf ihm vor, eine Art „Literaturpapst“ zu sein, der mit seinem Urteilsmonopol die Debatte dominiere.

Der Streit war jedoch nicht nur literarisch, sondern auch politisch motiviert: Grass verstand sich als politischer Autor, stark engagiert für sozialdemokratische Positionen. Reich-Ranicki hingegen lehnte es ab, Literatur in erster Linie als Sprachrohr politischer Programme zu verstehen. Für ihn musste ein Werk zuerst ästhetisch überzeugen – Politik durfte nicht über die Qualität der Literatur gestellt werden.

In seinen öffentlichen Auftritten war Reich-Ranicki oft direkt, manchmal laut und gern pointiert. In Talkshows und im „Literarischen Quartett“ war er dafür bekannt, Debatten nicht nur zu kommentieren, sondern sie auch mitzugestalten. Für viele Leser war er ein kultureller Kompass, für manche Autoren jedoch eine gefürchtete Instanz.

Dieses Spannungsfeld – zwischen intellektuellem Anspruch und öffentlicher Wirkung, zwischen persönlichem Urteil und literarischer Fairness – macht ihn bis heute zu einer faszinierenden und kontroversen Figur.