FutureLab Gespräch – Yuval Noah Harari · Dataismus und die Zukunft unseres Denkens

Ein Gespräch über die Religion der Daten, algorithmische Macht und eine zweite Aufklärung.

Kategorie: Dataismus Lesezeit: 10 Min Edition: Klares Denken im 21. Jahrhundert

Einleitung. Der Historiker Yuval Noah Harari hat den Begriff Dataismus als Weltanschauung des 21. Jahrhunderts geprägt: Nicht der Mensch steht im Mittelpunkt, sondern der Informationsfluss. In diesem FutureLab-Gespräch erkunden wir, was das für Freiheit, Moral und Urteilskraft bedeutet – und weshalb Bildung zur Kunst der Aufmerksamkeit werden muss.

Frage 1 – Was ist Dataismus?

Harari: Der Dataismus betrachtet die Welt als einen einzigen Datenfluss. Alles, was lebt oder entscheidet, wird als Informationsverarbeitung verstanden. In dieser Perspektive erscheint es logisch, Ungewissheit durch Vermessen, Speichern und Berechnen zu minimieren. Sinn weicht Effizienz – das ist sein Versprechen und zugleich seine Blindstelle.

Frage 2 – Wo liegt die Gefahr algorithmischer Macht?

Harari: Sobald wir Entscheidungen an Systeme delegieren, die wir nicht verstehen, entwerten wir unser eigenes Urteil. Die Frage verschiebt sich von Was ist wahr? zu Was ist berechenbar? Macht wird leise: Sie lenkt Aufmerksamkeit, anstatt zu verbieten. So entsteht eine Abhängigkeit, die wir mit Wissen verwechseln.

Frage 3 – Was bedeutet das für Freiheit?

Harari: Freiheit bleibt, aber sie wird zur Funktion des Systems, in dem wir handeln. Wer seine Aufmerksamkeit verliert, verliert seine Wahlmöglichkeiten. Darum wird Bildung heute zur Praxis der bewussten Fokussierung – eine Kompetenz, die weder Apps noch Algorithmen ersetzen.

Frage 4 – Ist Bewusstsein berechenbar?

Harari: Daten erkennen Muster, aber sie erzeugen keine Bedeutung. Bewusstsein ist das Terrain, auf dem Erfahrung zu Sinn wird. Wenn alles als Datenstrom behandelt wird, verliert das Individuum Tiefe. Erinnerung – nicht Rechenleistung – stiftet Bedeutung.

Frage 5 – Brauchen wir eine neue Aufklärung?

Harari: Ja – eine Aufklärung zweiter Ordnung. Die erste befreite von Aberglauben, die zweite muss von algorithmischer Bevormundung befreien. Technik bleibt, aber ihre moralische Architektur wird transparent. Klares Denken heißt Verantwortung – nicht nur Rechenleistung.

„Die größte Herausforderung ist nicht, Maschinen menschlich zu machen – sondern Menschen wach zu halten.“

FutureLab – Kommentar

Der Dataismus ersetzt das „Ich denke“ durch „Ich werde berechnet“. Doch demokratische Urteilskraft entsteht aus Bildung, Erinnerung und Verantwortung. Eine Ethik der Aufmerksamkeit verbindet individuelle Klarheit (Klares Denken), gesellschaftliche Moral (Fassin/Foucault) und digitale Selbstbestimmung (algorithmische Macht). Das ist die Aufgabe einer zweiten Aufklärung.

Kuratorischer Hinweis

Dieses Gespräch ist eine kuratierte Reflexion und kein reales Interview. Die Gedanken, Positionen und Formulierungen der dargestellten Person beruhen auf einer interpretativen Auseinandersetzung mit ihren veröffentlichten Werken und Ideen.

Das FutureLab versteht diese Dialogform als essayistische Annäherung an philosophische und gesellschaftliche Fragen des 21. Jahrhunderts. Ziel ist es, komplexe Denkprozesse zugänglich zu machen, ohne Anspruch auf wörtliche oder biografische Genauigkeit.

Alle Rechte der Originalwerke verbleiben bei den jeweiligen Autorinnen und Autoren. Die hier präsentierten Texte dienen ausschließlich der geistigen Bildung, Forschung und Diskussion.

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© Wolfgang Bossert · FutureLab Whitepapers · 2025