Zwischenzeit (1918–1939)
Vom Erwachen der Moderne zum Abgrund der Geschichte
Die Jahre zwischen 1918 und 1939 markieren eine der widersprüchlichsten Epochen deutscher Geschichte. Kaum hatte der Waffenstillstand des Ersten Weltkriegs den Lärm der Fronten zum Schweigen gebracht, begann im Inneren ein anderes Ringen – um Demokratie, Identität und Zukunft. Die Weimarer Republik war ein Experiment, ein politisches und kulturelles Labor, in dem sich Hoffnung und Verzweiflung, Aufbruch und Untergang begegneten.
In den Straßen der Städte spiegelte sich das Fieber einer Gesellschaft, die sich neu erfinden wollte: Tanzlokale, politische Kundgebungen, Kinos, Universitäten – Orte der Debatte und der Verführung. Zwischen den Trümmern des alten Kaiserreichs entstand eine Moderne, die in Kunst, Musik, Theater und Literatur nach neuen Formen suchte, während wirtschaftliche Krisen und soziale Spannungen ihre Schatten warfen.
Diese Zwischenzeit war mehr als ein Übergang: Sie war ein Spiegel menschlicher Möglichkeiten. Hier begegnen wir den Stimmen derer, die den Bruch erlebten und gestalteten – Künstler, Denker, Politiker, Zweifler. Ihre Gedanken und ihre Kunst verdichten sich zu einem Chor, der vom Mut des Einzelnen und von der Zerbrechlichkeit der Zivilisation erzählt.
Zwischenzeit ist eine Reise in ein Jahrhundert, das unsere Gegenwart noch immer bewohnt – eine Zeitschleife aus Licht und Dunkel, aus Geist und Gewalt.
Zeitschleifen ist dabei ein erzählerisches Experiment: Jede Epoche wird als eigene Schleife erlebt – als Raum, in dem historische Stimmen erneut hörbar werden. Die Schleifen verbinden Politik, Kultur, Philosophie und persönliche Wahrnehmung zu einem immersiven Gesamterlebnis. Die folgenden Kapitel sind Einladungen, diese Schleife zu betreten.
Stimmen der Zwischenzeit
Einige Figuren begleiten diese Epoche besonders eindrücklich. Jede von ihnen eröffnet eine eigene Perspektive auf Demokratie, Zerstörung, Sprache, Kunst und Widerstand.
Otto Dix – Der Blick auf die Wunden
Der Maler und Kriegsteilnehmer, der mit schonungslosem Realismus das Gesicht einer verletzten Gesellschaft zeigt – zwischen Front, Großstadt und innerem Zerfall.
Zum Beitrag über Otto Dix →Heinrich Heine – Sprache, Ironie, Exil
Heine gehört biografisch in eine frühere Epoche, aber seine Texte, sein Witz und seine skeptische Liebe zu Deutschland hallen in der Zwischenzeit nach – als warnende, poetische Stimme.
Zum Beitrag über Heinrich Heine →Georg Elser – Allein gegen Hitler
Der Schreiner aus der Schwäbischen Alb, der früh erkennt, wohin der Weg des Regimes führt – und allein den Entschluss fasst, den Diktator zu töten, um den Krieg zu verhindern.
Zur Würdigung Georg Elsers →Georg Elser – Allein gegen Hitler
Johann Georg Elser, 1903 auf der Schwäbischen Alb geboren, war zunächst nichts anderes als ein begabter Schreiner. Kein Offizier, kein Politiker, kein Akademiker – ein Handwerker mit wachem Blick für das, was um ihn herum geschah. Früher als viele andere erkannte er, dass die Diktatur nicht nur Freiheit, sondern auch den Frieden in Europa zerstören würde.
Während ein Großteil der Bevölkerung sich anpasste, hoffte oder schwieg, zog Elser einen radikalen Schluss: Wenn Hitler nicht gestoppt wird, wird Krieg folgen. Aus dieser Überzeugung heraus plante er den Anschlag im Münchner Bürgerbräukeller. Über Monate arbeitete er allein, beobachtete Rednerpult und Saal, verschaffte sich Zugang, höhlte eine Säule aus und baute eine präzise Zeitzünder-Bombe – mit der Sorgfalt eines Handwerkers und der Entschlossenheit eines Menschen, der seine Entscheidung getroffen hat.
Am 8. November 1939 explodierte die Bombe, doch Hitler hatte den Saal früher als üblich verlassen. Schlechte Flugbedingungen hatten seinen Reiseplan verändert. Acht Menschen starben, viele wurden verletzt – der eigentliche Adressat entkam um Minuten.
Elser wurde an der Schweizer Grenze festgenommen, verhört, gefoltert und jahrelang als „Sonderhäftling“ in Konzentrationslagern festgehalten, bis er im April 1945 im KZ Dachau ermordet wurde. Die NS-Propaganda stellte ihn als Werkzeug fremder Mächte dar, als angeblichen Agenten. Erst später setzte sich die Erkenntnis durch, dass er aus eigenem Entschluss handelte – ohne Auftrag, ohne Netzwerk, aus einem strengen moralischen Kompass heraus.
Heute gilt Georg Elser als eine der klarsten Figuren des deutschen Widerstands, ebenbürtig den bekannteren Namen aus Militär und Studentenkreisen. Seine Geschichte erzählt von der Möglichkeit, dass ein einzelner Mensch „Nein“ sagt, wo eine ganze Gesellschaft wegschaut. In dieser Radikalität der persönlichen Verantwortung liegt seine besondere Größe.
Georg Elser steht für den leisen, unbeirrbaren Widerstand – für den Moment, in dem ein Einzelner Verantwortung übernimmt, obwohl niemand neben ihm steht.
Vertiefende Biografie u. a.: Wolfgang Benz, Allein gegen Hitler. Leben und Tat des Johann Georg Elser, C.H. Beck, München.
Autor:innen der Zwischenzeit
Viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller dieser Epoche begleiten die Zeitschleife zwischen 1918 und 1939 – mit Romanen, Essays, Gedichten, Tagebüchern. Sie erzählen von Fortschritt und Absturz, von Großstadt und Provinz, von Euphorie, Erschöpfung und Widerstand.
Eine Übersicht über die in dieser Epoche vorgestellten Autor:innen findest du auf der eigenen Seite:

