Das kleine, rundliche Hügelchen vorne rechts auf vielen Fotos des Hohenasperg (wenn man den Berg von Süden oder Osten aus der Ebene sieht) ist kein eigenständiger Berg, sondern ein künstlicher Hügel, nämlich ein keltisches Grabhügel-Relikt.
Im Umfeld des Hohenasperg gibt es zahlreiche prähistorische Hügelgräber, die aus der Hallstattzeit (frühkeltisch, ca. 800–450 v. Chr.) stammen. Sie markieren die Bestattungsplätze der lokalen Elite, die den Hohenasperg als Fürstensitz nutzte. Viele sind heute abgetragen oder nur noch als kleine Erhebungen sichtbar. Der auffällige Hügel am Fuß des Hohenasperg ist einer dieser Grabhügel, der die lange keltische Vergangenheit des Berges im Landschaftsbild sichtbar macht.
Der Hohenasperg und die Keltenzeit – Machtzentrum und FürstengrabDer Hohenasperg und die Keltenzeit – Machtzentrum und Fürstengrab
Wenn wir die Geschichte des Hohenaspergs betrachten, führt der erste Blick weit in die Vergangenheit – zurück in die Zeit der Kelten. Lange bevor hier eine württembergische Landesfestung entstand, war der Berg Sitz frühkeltischer Herrscher. Gemeinsam mit benachbarten Fundorten wie Hochdorf an der Enz bildet er eines der eindrucksvollsten Zeugnisse frühkeltischer Kultur in Mitteleuropa.
Ein Fürstensitz über dem Strohgäu
Zwischen 750 und 400 vor Christus war der Hohenasperg ein Zentrum der Macht. Seine weithin sichtbare Lage machte ihn zum idealen Ort für Herrschaft, Schutz und Repräsentation. Archäologen zählen den Berg zu den wichtigsten Fürstensitzen der Kelten in Süddeutschland, vergleichbar mit der Heuneburg an der Donau oder dem Glauberg in Hessen.
Die Bedeutung zeigt sich nicht nur in der strategischen Lage, sondern auch in reichen Hügelgräbern der Umgebung. Sie verweisen auf eine Oberschicht, die mit Fernhandel, Luxusgütern und symbolträchtigen Ritualen ihren Status demonstrierte.
Der Keltenfürst von Hochdorf
Besonders anschaulich wird die Welt der keltischen Elite durch das berühmte Grab des Fürsten von Hochdorf, nur wenige Kilometer vom Hohenasperg entfernt. Entdeckt im 20. Jahrhundert, gilt es als einer der größten Glücksfälle der Archäologie: Die Grabkammer war unberaubt geblieben und erlaubte einen einmaligen Blick in die Frühzeit.
Der Verstorbene, ein etwa fünfzigjähriger Mann, wurde auf einer prachtvollen Bronzeliege bestattet, getragen von acht weiblichen Figuren. Er trug goldene Schmuckstücke – darunter Halsreif, Armreif und Schuhbleche – und lag inmitten einer Fülle von Beigaben, die seinen Rang als Herrscher eindrucksvoll unterstrichen.
Herausragend war die Ausstattung für ein rituellen Gelage: ein Wagen, Speise- und Trinkgeschirr für neun Personen, acht an der Wand hängende Trinkhörner und ein besonders großes für den Fürsten selbst. In einer Ecke der Kammer stand ein gewaltiger Bronzekessel griechischer Herkunft, geschmückt mit Löwenfiguren und gefüllt mit Met – ein klares Zeichen für die Fernkontakte der Kelten bis in den Mittelmeerraum.
Auch Textilien von außergewöhnlicher Qualität fanden sich: Wandbehänge, Decken und Kleidung, vielfach farbig gefärbt und kunstvoll gewebt. Sie sind ein einzigartiges Zeugnis keltischer Handwerkskunst.
Symbol von Macht und Erinnerung
Das Grab von Hochdorf zeigt, wie sehr die keltische Elite ihre Macht über Prunk, Ritus und Fernkontakte inszenierte. Der Fürst erscheint als Gastgeber eines ewigen Festmahls, als politischer und religiöser Mittelpunkt seiner Gemeinschaft.
In der Landschaft ist der Zusammenhang bis heute spürbar: Der Hohenasperg und Hochdorf liegen im Sichtbezug zueinander. Beide Orte bilden Teil einer Fürstensitz-Landschaft, die vor zweieinhalbtausend Jahren Macht und Reichtum bündelte.
Heute im Museum erlebbar
Das Keltenmuseum Hochdorf/Enz macht diese Epoche lebendig. Hier ist die Grabkammer mit Liege, Kessel, Wagen und Trinkgeschirr in originalgetreuer Rekonstruktion zu sehen. Auch der Grabhügel selbst wurde wieder aufgeschüttet, sodass Besucherinnen und Besucher die monumentale Dimension des Fundorts direkt erleben können.
So verbindet sich Archäologie mit Anschauung: Wer den Hohenasperg besucht und anschließend im Museum Hochdorf die Funde betrachtet, erhält einen einzigartigen Eindruck davon, wie weit zurück die Geschichte des „Gefängnisbergs“ reicht – und wie eng er mit der Welt der Kelten verbunden ist.
Herzog Ulrich und der Hohenasperg – Landesfestung und Alltag im 16. Jahrhundert
Herzog Ulrich von Württemberg zählt zu den prägenden, zugleich umstrittenen Gestalten der Landesgeschichte. Nach seiner Rückkehr an die Macht ließ er den Hohenasperg zur Landesfestung ausbauen – ein sichtbares Zeichen wiedergewonnener Autorität. Der folgende Beitrag zeichnet Ulrichs Umfeld nach: politische Gegner, Reformation, der Alltag in Asperg und die Rolle von Adel, Wirtschaft und Märkten.
Ein Herzog zwischen Macht und Konflikten
Ulrich (1487–1550) bestieg als Jugendlicher den Thron und regierte mit großem Ehrgeiz und mitunter ungestümem Temperament. Der Mord an Hans von Hutten (1515) löste adlige Aufstände aus, Ulrich wurde 1519 vertrieben und lebte Jahre im Exil. 1534 kehrte er mit Hilfe des Landgrafen Philipp von Hessen zurück – ein Wendepunkt, der Württemberg politisch und religiös neu ordnete.
Ulrichs Residenzschwerpunkte lagen in Stuttgart und weiteren württembergischen Schlössern. Verheiratet war er mit Sabina von Bayern; seine Familienbeziehungen verbanden Württemberg eng mit den süddeutschen Fürstenhäusern – ein Netz aus Allianzen und Rivalitäten.
Der Ausbau zur Landesfestung
Ab 1535 ließ Ulrich die mittelalterlichen Reste auf dem Berg planieren und den Hohenasperg zu einer modernen Landesfestung ausbauen. Bastionen, Mauern und Wälle machten den Berg zu einem militärischen Eckpfeiler. Der Ausbau war mehr als Technik: Er war politisches Statement – der Hohenasperg wurde zum Symbol der herzoglichen Landeshoheit.
Über die Jahrhunderte prägte dies den Ruf des Ortes als Haftstätte für politische Gegner und Kritiker, was ihm später den Beinamen „schwäbische Bastille“ eintrug.
Politische Gegner und Reformation
Ulrichs Gegner waren vielgestaltig: der schwäbische Adel, die selbstbewussten Reichsstädte und die Habsburger, die Württemberg zeitweise verwalteten. Zugleich erschütterte die Reformation das Land. Ulrich förderte die lutherische Lehre – aus Überzeugung und aus machtpolitischem Kalkül. Klöster wurden säkularisiert, die kirchliche Ordnung neu gefasst, und die Bevölkerung musste sich auf veränderte religiöse Praxis einstellen.
Alltag in Asperg im 16. Jahrhundert
Asperg war eine kleine Landstadt im Schatten des Berges. Landwirtschaft und Handwerk bestimmten den Rhythmus des Lebens. Mit Sonnenaufgang begannen die Arbeiten in den Weinbergen und auf den Feldern; der Hohenasperg war schon damals vom Weinbau geprägt.
Schmiede, Bäcker, Gerber und weitere Gewerke sorgten für die Versorgung. Auf dem Marktplatz wurden regelmäßig Getreide, Vieh, Wein und handwerkliche Produkte gehandelt; Händler aus der Umgebung brachten Waren und Neuigkeiten. Kirche und Feste strukturierten das Jahr, Wirtshäuser waren Orte des Austauschs. Beleuchtet wurde mit Herdfeuern und Kerzen – der Tag endete mit dem letzten Licht.
Wirtschaft, Märkte und Versorgung
Die Region lebte von Wein, Getreide und Viehhaltung; Märkte ermöglichten Tausch und Verkauf. Überregionaler Handel brachte Salz, Eisenwaren und Tuch ins Land. Der Ausbau der Festung band Handwerker, Steinmetze und Zulieferer ein – wirtschaftliche Impulse, aber auch Lasten für die Bevölkerung.
Adel und Herrschaft
Der Adel blieb im 16. Jahrhundert ein Machtfaktor – als Grundherren, Militärführer und politische Gegenspieler. Ulrichs Festungspolitik zielte auf Zentralisierung: Der Hohenasperg stand sinnbildlich dafür, dass die Landeshoheit beim Herzog lag und nicht allein in den Händen adliger Netzwerke.
Fazit
Mit Herzog Ulrich beginnt auf dem Hohenasperg ein neues Kapitel: Aus einer mittelalterlichen Burg wird eine Landesfestung – militärisch modern, politisch markant. Im Tal bleibt das Leben von Arbeit, Märkten und Religion geprägt, während über allem die Spannungen zwischen Herzog, Adel und Städten schweben. Diese Epoche formte den Hohenasperg zu dem Ort, der er für Jahrhunderte bleiben sollte: ein Schauplatz von Macht und Gefangenschaft.
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Der Hohenasperg im Dreißigjährigen Krieg – Belagerung, Zerstörung und Leid
Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) stürzte das Heilige Römische Reich in eine der schwersten Katastrophen seiner Geschichte. Auch der Hohenasperg wurde zum Schauplatz von Gewalt, Hunger und Seuchen. Dieser Beitrag zeichnet den historischen Rahmen nach, beleuchtet die Belagerung von 1634 und beschreibt den Alltag der Menschen in Asperg – bis hin zu Wiederaufbau und Folgen.
Ein Reich im Flammenmeer
Aus einem religiösen Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten erwuchs ein europäischer Machtkampf, in den kaiserliche, spanische, schwedische und französische Heere verwickelt waren. Württemberg lag im Durchzugsgebiet und litt unter wiederholten Heeresbewegungen, Einquartierungen und Abgabeforderungen. Felder wurden verwüstet, Vorräte geplündert, Menschen flohen oder starben an Hunger und Krankheit.
Der Hohenasperg als Festung
Seit dem Ausbau unter Herzog Ulrich war der Hohenasperg eine moderne Landesfestung mit Bastionen, Mauern und Außenwerken. Seine strategische Lage über dem Strohgäu machte ihn zu einem militärischen Eckpfeiler, der die umliegenden Wege und Täler kontrollierte. Doch Stärke auf dem Papier bedeutete nicht Unverwundbarkeit: Ohne gesicherte Versorgung und Entsatz wurde jede Festung angreifbar.
Belagerung und Kapitulation 1634
Nach der Niederlage der protestantischen Kräfte in der Schlacht bei Nördlingen 1634 richteten sich kaiserlich-spanische Truppen gegen württembergische Stützpunkte. Der Hohenasperg wurde umzingelt, Zugänge blockiert und die Versorgung abgeschnitten. Innerhalb der Mauern breiteten sich Mangel und Krankheit aus; außerhalb litten Stadt und Umland unter Plünderungen und Gewalt.
Die Besatzung hielt dem Druck nur begrenzte Zeit stand. Schließlich musste die Festung kapitulieren; Teile der Anlagen wurden beschädigt oder zerstört. Für die Bevölkerung bedeutete dies keinen sofortigen Frieden – vielmehr folgten Einquartierungen, Kontributionen und weitere Zwangsmaßnahmen, die die Not verlängerten.
Alltag in Asperg während des Krieges
Das Leben der Menschen war geprägt von Unsicherheit. Bauern konnten Felder und Weinberge oft nicht bestellen, weil Truppendurchzüge Ernten zerstörten oder requirierten. Märkte kamen ins Stocken, Brot wurde knapp, das Vieh wurde abgetrieben.
- Versorgung: Nahrungsmittelknappheit, steigende Preise, improvisierte Ernährung.
- Religion: Gottesdienste und Bittprozessionen boten Trost; Pfarrer begleiteten die Kranken und Sterbenden.
- Angst & Gewalt: Plünderungen, Drohungen, erzwungene Abgaben bei jedem neuen Truppendurchzug.
- Seuchen: Hunger und Enge begünstigten Krankheiten; ganze Familien starben innerhalb weniger Wochen.
Ein gewöhnlicher Tag begann mit dem Sichern des Nötigsten: Wasser holen, ein Rest Feuerholz, etwas Getreide für Suppe oder Brei. Sobald sich Soldaten näherten, verbarg man Wertgegenstände in Kellern, suchte Schutz in Kellern oder Scheunen, trieb das Vieh in den Wald.
Wiederaufbau nach Kriegsjahren
Trotz der Verwüstungen blieb der Hohenasperg ein militärischer Schlüsselpunkt. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts begannen Instandsetzungen und Ergänzungen: Die Außenwerke wurden erneuert (1665/75), und 1675 entstand das markante Löwentor. Diese Maßnahmen belegen den fortbestehenden Anspruch, den Berg als Festung zu sichern – auch wenn das Land wirtschaftlich und demografisch schwer gezeichnet war.
Adel, Militär und Macht
Der Krieg war ein Ringen der Mächte: Herzog, kaiserliche Administration, Offiziere und Adelsnetzwerke prägten Entscheidungen. Für die Bevölkerung waren es jedoch vor allem Abgaben, Einquartierungen und militärische Willkür, die den Alltag bestimmten. Der Hohenasperg stand sinnbildlich für diese Spannungen: ein Ort der Hoffnung auf Schutz – und zugleich ein Magnet für Gewalt.
Fazit
Der Dreißigjährige Krieg machte den Hohenasperg zum tragischen Schauplatz. Die Belagerung von 1634, Zerstörung und Mangel offenbaren die Grenzen militärischer Festigkeit in einem totalen Krieg. Für Asperg und das Umland bedeuteten diese Jahre Hunger, Seuchen und einen langwierigen Wiederaufbau – Narben, die das Gesicht der Region noch Generationen prägten.
Der Hohenasperg – Gefängnisberg, Erinnerungsort, Mahnung
Der Hohenasperg ist mehr als ein markanter Berg über dem Strohgäu. Er war Festung, Gefängnis und Sammelort für politisch und religiös Verfolgte. Besonders in der Zeit des Nationalsozialismus verdichteten sich hier Leid, Krankheit und Tod. Geschichten wie die des jüdischen Gefangenen Julius Jakoby oder des Sozialisten Heinrich Lerchenthal zeigen, wie eng sich individuelle Schicksale und große Geschichte miteinander verbinden. Heute ist der Hohenasperg ein Erinnerungsort – und eine Mahnung für die Zukunft.
Inhalt
- Vom Festungsberg zur Strafanstalt
- Der Hohenasperg im Nationalsozialismus
- Der Anstaltsfriedhof
- Jüdische Gefangene und ihre Schicksale
- Die letzten Kriegsmonate
- Nachkriegszeit und Erinnerung
- Mahnung für die Zukunft
Vom Festungsberg zur Strafanstalt
Der Hohenasperg war über Jahrhunderte ein Symbol staatlicher Macht. Ursprünglich als württembergische Festung genutzt, entwickelte er sich im 19. Jahrhundert zu einer Strafanstalt. Bereits 1888 wurde er zur Filialstrafanstalt des Zuchthauses Ludwigsburg. Seine besondere Rolle lag darin, kranke, invalide und tuberkulosekranke Häftlinge aufzunehmen. Schon früh verband sich hier das Bild des Gefängnisses mit dem eines Krankenhauses – ein ambivalenter Ort zwischen Verwahrung, Strafe und Heilung.
Doch der Hohenasperg war nicht nur Gefängnis für „gewöhnliche“ Kriminelle. Immer wieder saßen hier Menschen, die politisch auffällig geworden waren, die nicht ins System passten, die unbequem waren. Schon im Kaiserreich und in der Weimarer Republik war der Berg damit ein Ort, an dem sich Gesellschaftskonflikte spiegelten.
Der Hohenasperg im Nationalsozialismus
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten erhielt der Hohenasperg eine neue, bedrückende Bedeutung. Justiz und Polizei arbeiteten Hand in Hand, um Gegner auszuschalten und jüdische Gefangene zu isolieren.
Während des Zweiten Weltkriegs verschlechterten sich die Bedingungen dramatisch. Überbelegung, Mangelernährung und Krankheiten forderten viele Opfer. Zeitgenössische Berichte sprechen davon, dass allein in wenigen Monaten mehr Menschen starben, als die Stadt Asperg Einwohner hatte. Diese erschütternde Relation macht deutlich, wie katastrophal die Lage war.
Der Anstaltsfriedhof
1943 reichten die bestehenden Friedhofskapazitäten nicht mehr aus. Es wurde ein eigener Häftlingsfriedhof angelegt – 50 mal 10 Meter groß.
Die Gestaltung war vorgeschrieben: schlichte Holzkreuze von höchstens 60 Zentimetern Höhe, keine Grabeinfassungen, ein Zierrasen, eingefasst von einer Buchenhecke. Auch Birken, Wildrosen und Efeu sollten gepflanzt werden. Diese äußere Ordnung kontrastierte scharf mit den Umständen, die zu diesem Friedhof führten.
Zwischen 1943 und 1945 fanden dort über hundert Menschen ihre letzte Ruhe. Der Friedhof blieb bis 1983 in Benutzung und ist heute ein Gedenkort.
Jüdische Gefangene und ihre Schicksale
Besonders eindrucksvoll ist die Geschichte der jüdischen Gefangenen. Im Bestand des Strafvollzugsmuseums Ludwigsburg findet sich eine Zeichnung, die den hohen Feiertag Jom Kippur in einem Gefängnisraum zeigt. Fünf Männer sind dargestellt, zwei tragen den Tallit, auf dem Tisch stehen Kerzen und Gebetsbücher.
Gezeichnet hat die Szene Julius Jakoby, geboren 1877 in Königsberg, ein Mann mit bewegter Biografie, vielen Vorstrafen und einem unsteten Leben. In der Haft übernahm er für jüdische Mitgefangene die Rolle eines Vorbeters. Die Zeichnung ist ein seltenes Zeugnis dafür, dass selbst unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Gefängnisse religiöses Leben möglich war.
Jakoby widmete die Zeichnung seinem Freund Heinrich Lerchenthal. Dieser war 1912 in Nürnberg geboren, aus gutbürgerlichem Haus, hatte in München studiert und war Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei. Wegen politischer Betätigung wurde er zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt und kam ebenfalls nach Hohenasperg.
Anders als Jakoby überlebte Lerchenthal. Nach seiner Entlassung konnte er nach Palästina emigrieren, baute sich in Haifa ein neues Leben auf und starb 1986. Hier begegnen sich zwei Schicksale, die unterschiedlicher kaum sein könnten: der eine verschwindet in den Lagern der NS-Diktatur, der andere entkommt ins Exil.
Ab 1942 wurden alle jüdischen Gefangenen Württembergs auf dem Hohenasperg zusammengefasst. Zeitzeugen berichten von strenger Aufsicht und Arreststrafen ohne Rücksicht auf Alter oder Krankheit. Die Anstaltsleitung stellte dagegen einzelne Erleichterungen heraus. Unstrittig ist jedoch das Ende: 1943 erfolgten Deportationen, meist über das KZ Welzheim, oft mit dem Ziel Auschwitz.
So erging es auch dem Stuttgarter Juden Carl Rothschild, der nach einer Gefängnisstrafe auf dem Hohenasperg landete und wenig später nach Auschwitz verschleppt wurde. Sein Schicksal steht stellvertretend für viele.
Die letzten Kriegsmonate
In den letzten Kriegsmonaten brach die Versorgung vollends zusammen. Kohlenmangel führte zur Stilllegung von Gebäuden, Stromsperren verhinderten Heizung und Beleuchtung, sogar Röntgenuntersuchungen mussten eingestellt werden.
Am 21. April 1945 besetzten französische Truppen Asperg und den Hohenasperg. Das Wachpersonal wurde abtransportiert, die wenigen verbliebenen Gefangenen – meist schwerkranke und politische Häftlinge – waren frei. Viele andere waren kurz zuvor noch von den Deutschen abtransportiert worden. Mit diesem Tag endete die Zeit des Hohenaspergs als Filialstrafanstalt.
Nachkriegszeit und Erinnerung
Nach dem Krieg versuchte die Stadt Asperg, die Anstalt endgültig aufzulösen, doch die Pläne scheiterten. Der Berg blieb weiterhin mit dem Strafvollzug verbunden.
Der Häftlingsfriedhof wurde bis 1983 genutzt, 1995 saniert und ist heute ein Gedenkort. Dort erinnern Gedenksteine an die Opfer. Auch im Strafvollzugsmuseum Ludwigsburg wird die Geschichte bewahrt – unter anderem durch die Zeichnung Julius Jakobys.
Mahnung für die Zukunft
Der Hohenasperg steht für Kontinuität und Bruch zugleich. Kontinuität, weil er über Jahrhunderte ein Ort der Gefangenschaft blieb. Bruch, weil die Jahre 1933 bis 1945 seine Geschichte auf tragische Weise verdichteten.
Er zeigt, wie staatliche Institutionen von einem Unrechtsregime genutzt und missbraucht werden können. Er erinnert an Menschen wie Julius Jakoby, deren Spur sich in den Lagern verlor, und an Heinrich Lerchenthal, dem die Flucht ins Exil gelang.
Heute ist der Hohenasperg ein Erinnerungsort. Er mahnt uns, die Opfer nicht zu vergessen und zugleich wachsam zu bleiben. Seine Geschichte stellt Fragen an uns in der Gegenwart: Wie sichern wir Rechtsstaatlichkeit? Wie gehen wir mit Gefangenen, Kranken und Minderheiten um? Und wie bewahren wir die Erinnerung an Orte, deren Mauern so viel Leid gesehen haben?
Der Hohenasperg ist nicht nur ein Berg. Er ist ein Spiegel deutscher Geschichte – und eine Mahnung an die Zukunft.
Berühmte Häftlinge des Hohenasperg – Vom Absolutismus bis heute
Eine Auswahl prägender Biographien, die den Hohenasperg als „schwäbische Bastille“, als Ort politischer Repression, aber auch als Spiegel gesellschaftlicher Umbrüche sichtbar machen.
Hinweis zu Friedrich Schiller: Schiller stand in Konflikt mit Herzog Carl Eugen und floh 1782 aus Stuttgart/Ludwigsburg. Er war nie auf dem Hohenasperg inhaftiert.
18. Jahrhundert – Carl Eugen und die „schwäbische Bastille“
© – Hohenasperg-Geschichte. Diese Seite stellt ausgewählte Kurzporträts dar und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Berühmte Häftlinge des Hohenasperg – Vom Absolutismus bis heute
Hinweis: Friedrich Schiller stand in Konflikt mit Herzog Carl Eugen und floh 1782 aus Stuttgart/Ludwigsburg – er war nie auf dem Hohenasperg inhaftiert.
18. Jahrhundert – Carl Eugen und die „Schwäbische Bastille“
Johann Jacob Moser (1701–1785)
Moser setzte sich für die Rechte der württembergischen Landstände ein und geriet damit in Opposition zum Herzog. Seine Inhaftierung auf dem Hohenasperg illustriert die Spannung zwischen absolutistischer Herrschaft und Rechtsstaatlichkeit in der Spätaufklärung.
Joseph Süß Oppenheimer (1698–1738)
Nach dem Tod Carl Alexanders verhaftet und auf dem Hohenasperg festgesetzt; 1738 in Stuttgart hingerichtet. Sein Fall zeigt Antijudaismus, Machtpolitik und Justizwillkür im 18. Jahrhundert – später vielfach literarisch verzerrt dargestellt.
Anna Maria Pyrker († nach 1765)
Die berühmte Sopranistin geriet ins Unglück, als sie der Herzogin die Affäre Carl Eugens mit einer Tänzerin verriet. Der Herzog ließ sie – trotz der Bitten seiner Gemahlin – auf dem Hohenasperg einsperren. Sie verbrachte acht bis neun Jahre in völliger Isolation, ohne Verfahren und auf unbestimmte Zeit. Ihre Stimme zerbrach an den Schreien; zeitweise auch ihr Verstand.
In lichten Momenten flocht sie Blumen aus Strohhälmen, gebunden mit eigenem Haar; später erhielt sie Garn und Draht. Ihre Sträuße gelangten bis zu Maria Theresia in Wien und Katharina II. in Russland. Auf deren Fürsprache wurde Pyrker 1765 entlassen. Ihre geistige Gesundheit erholte sich, die Sängerlaufbahn war jedoch beendet.
Christian Friedrich Daniel Schubart (1739–1791)
Schubart kritisierte Herzog Carl Eugen wegen Verschwendung und Willkür (u. a. in seiner „Deutschen Chronik“). 1777 unter Vorspiegelung falscher Tatsachen verhaftet und auf den Hohenasperg verbracht. Die Isolation prägte sein Bild vom Asperg als Ort geistiger Unterdrückung; seine Texte machten den Fall europaweit bekannt.
Rudolph Zacharias Becker (1752–1822)
Bekannt durch das „Noth- und Hülfsbüchlein“. Als Aufklärer und Reformer geriet er wegen patriotischer, als „jakobinisch“ verdächtigter Schriften in Haft und wurde mehrere Jahre auf dem Hohenasperg festgesetzt. Nach der Freilassung kehrte er zur Pädagogik und Publizistik zurück.
19. Jahrhundert – Liberale, Demokraten, 1848/49
Friedrich List (1789–1846)
Vorkämpfer für wirtschaftliche Einheit, Eisenbahnbau und Zollreformen. Seine publizistischen Angriffe auf restaurative Politik führten zu Haft. Später emigrierte er in die USA und prägte als Ökonom das „nationale System“.
Revolutionäre von 1848/49 (Auswahl)
Nach dem Scheitern der Märzrevolution wurden zahlreiche Freiheitskämpfer festgesetzt und teils auf dem Hohenasperg inhaftiert. Die Haft dieser Demokraten steht für den autoritären Gegenkurs nach 1849 – und für den langen Weg zu Grundrechten und Parlamentarismus.
20. Jahrhundert – Kaiserreich, Weimar, NS-Zeit
Oppositionelle im Kaiserreich (Auswahl)
Unter dem Druck des Sozialistengesetzes wurden Aktivisten überwacht, verfolgt und verurteilt. Der Hohenasperg blieb Strafort für „staatsfeindliche“ Publizistik und Organisation.
Julius Jakoby (geb. 1877 – Schicksal unbekannt)
Dokumentierte eine Jom-Kippur-Feier im Gefängnis und fungierte als Vorbeter – seltenes Zeugnis jüdischen Lebens im NS-Strafvollzug. Später wohl über KZ Welzheim verschleppt; weiteres Schicksal unbekannt.
Heinrich Lerchenthal (1912–1986)
Wegen politischer Betätigung verurteilt, über den Hohenasperg in Haft; später entlassen und Emigration nach Palästina. Steht für Verfolgung, Flucht und Neubeginn.
Weitere NS-Opfer (Auswahl)
Die Zusammenführung jüdischer Gefangener auf dem Hohenasperg und ihre spätere Deportation zeigen die Einbindung des Strafvollzugs in das System nationalsozialistischer Verfolgung.
Nachkriegszeit bis Gegenwart
Klaus Mehnert (1906–1984)
Im Rahmen der Entnazifizierung zeitweise auf dem Hohenasperg interniert. Später prägte Mehnert als Asien- und Osteuropa-Experte die außenpolitische Diskussion der Bundesrepublik.
Günter Sonnenberg (geb. 1954)
Verurteilt wegen Beteiligung an terroristischen Taten. Seine Inhaftierung markiert die Nutzung des Hohenasperg als Hochsicherheitsvollzug in der Phase des Linksterrorismus.
Peter Graf (1938–2013)
Der Vater und frühere Manager von Steffi Graf war in den 1990er Jahren auf dem Hohenasperg inhaftiert – ein prominenter Fall modernen Strafrechts mit breiter medialer Aufmerksamkeit.
Fazit – Biografien als Spiegel des Ortes
Von der Willkürherrschaft Carl Eugens über die Demokraten von 1848, die NS-Opfer bis zu prominenten Fällen der Bundesrepublik: Die Häftlinge des Hohenasperg bilden eine Chronik der Auseinandersetzung zwischen Herrschaft und Freiheit. Ihre Geschichten erklären, warum der Berg bis heute als Symbol für die Konflikte seiner Zeit gilt.
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Der Hohenasperg als psychiatrische Anstalt – Medizin im historischen Rückblick
Nach seiner Rolle als Festung und politisches Gefängnis wurde der Hohenasperg zeitweise auch als psychiatrische bzw. invalidenmedizinische Abteilung innerhalb des Strafvollzugs genutzt. Dieser Abschnitt beleuchtet die Frage „Warum Psychiatrie auf dem Hohenasperg?“ und ordnet die Entwicklung medizin- und rechtsgeschichtlich ein.
Warum Psychiatrie auf dem Hohenasperg?
Ab dem 19. Jahrhundert setzte sich in Europa die Einsicht durch, dass ein Teil der Gefangenen nicht allein „verbrecherisch“, sondern auch psychisch erkrankt oder gesundheitlich schwer beeinträchtigt war. Behörden suchten deshalb nach gesicherten Orten, an denen Bewahrung und Behandlung kombiniert werden konnten. Der Hohenasperg bot:
- Infrastruktur: bereits vorhandene, sichere Gebäude und abgeschirmte Lage,
- Verwaltung: Einbindung in den bestehenden Strafvollzug,
- Versorgung: die Möglichkeit, ärztliche Aufsicht und Pflege in ein geregeltes Regime zu integrieren.
Medizinischer Kontext im 19. Jahrhundert
Die Psychiatrie befand sich im Aufbau: Man begann, „Geisteskrankheiten“ zu klassifizieren, Verhaltensstörungen zu dokumentieren und zwischen heilbaren und chronischen Verläufen zu unterscheiden. Zugleich blieben viele Praktiken aus heutiger Sicht unzureichend:
- Therapien: Ruhe, geordneter Tagesablauf, Arbeit (Arbeitstherapie), Ernährung – aber auch Fixierung und Isolation,
- Diagnostik: stark vom Moral- und Sittlichkeitsverständnis der Zeit geprägt,
- Dokumentation: regelmäßige ärztliche Visiten, Krankenjournale und Verwaltungsberichte.
Alltag zwischen Haft und Behandlung
Die Abteilung auf dem Hohenasperg verband Elemente von Gefängnis und Krankenhaus. Der Tagesablauf folgte festen Regeln:
- Aufsicht & Sicherheit: Zellen, kontrollierte Bewegung, getrennte Unterbringung „unruhiger“ Insassen,
- Ärztliche Betreuung: Visiten, einfache Pflege, Beobachtung des Krankheitsverlaufs,
- Arbeit & Beschäftigung: je nach Zustand Tätigkeiten in Werkstätten oder im Freien,
- Hygiene & Ernährung: Verbesserungen gegenüber dem Regelvollzug, aber begrenzte Ressourcen.
Neben psychischen Erkrankungen wurden auch Schwerkranke (etwa mit Tuberkulose) verlegt, um sie abseits des Regelbetriebs zu versorgen – ein weiterer Grund, warum der Hohenasperg eine Invalidenfunktion im Strafsystem übernahm.
Ambivalenzen: Humanität und Kontrolle
Historisch zeigt sich ein doppeltes Gesicht: Einerseits war die psychiatrische Abteilung Ausdruck eines humanitären Anspruchs, Gefangene medizinisch zu behandeln. Andererseits blieb sie sicherheitsorientiert – eine Einrichtung des Strafvollzugs mit medizinischen Mitteln. Überbelegung, knappe Ressourcen und die enge Kopplung von Strafe und Therapie führten zu einem Spannungsfeld, das die gesamte Epoche prägte.
Resümee
Die Psychiatrie auf dem Hohenasperg entstand aus einer Zeit, in der sich Medizin und Justiz annäherten: Behandlung statt bloßer Verwahrung – aber innerhalb eines Systems, das Sicherheit über alles stellte. Der Hohenasperg steht damit exemplarisch für die frühe forensische Psychiatrie im deutschen Südwesten: ein Ort, an dem sich die Frage stellte, ob jemand Täter, Kranker – oder beides zugleich ist.
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