Max Frisch – Biedermann und die Brandstifter
Untertitel: Ein Lehrstück ohne Moral
Entstehung & Form
- 1953 als Hörspiel konzipiert, 1958 für die Bühne erweitert.
- „Lehrstück ohne Moral“ – keine klare Lehre, sondern Mechanik der Selbsttäuschung.
- Bühnenform: Bürgerhaus, Dachboden als Spielort. Chor der Feuerwehr kommentiert und warnt.
Figuren
- Gottlieb Biedermann: Haarwasserfabrikant, bürgerlich, konfliktscheu.
- Frau Babette Biedermann: seine Frau, spürt die Gefahr, fügt sich aber.
- Schmitz: Ex-Ringer, plump, ein Brandstifter.
- Eisenring: Ex-Oberkellner, gebildet, zynisch, zweiter Brandstifter.
- Chor der Feuerwehrmänner: kommentiert wie ein Gewissen.
- Dr. Phil.: Intellektueller, verteidigt die Brandstifter, verstärkt Verharmlosung.
Handlungsablauf
Erster Akt
Biedermann liest von Brandanschlägen. Aus Höflichkeit nimmt er Schmitz ins Haus auf, obwohl er die Gefahr erkennt.
Zweiter Akt
Schmitz bringt Eisenring mit. Beide lagern Benzinfässer auf dem Dachboden. Biedermann sieht alles, verharmlost jedoch und gibt ihnen sogar Feuer für ihre Streichhölzer.
Dritter Akt
Ein groteskes Gastmahl: Biedermanns speisen mit den Brandstiftern. Ironie über Schuld und Feuer. Schließlich brennt das Haus nieder. Der Feuerwehrchor kommentiert den Untergang.
Kernmechanismen
- Erkennen, aber nicht handeln: Biedermann sieht die Gefahr, bleibt untätig.
- Höflichkeit statt Mut: aus Angst vor Unhöflichkeit liefert er sich aus.
- Ironie als Flucht: Ernst wird ins Lächerliche gezogen.
- Verantwortung delegieren: „Die Behörden werden’s schon richten.“
Deutung & Gegenwartsbezug
Zeitkontext: Parabel auf Mitläufertum und Wegsehen, das totalitäre Systeme ermöglichte.
Offenheit: keine konkrete historische Zuschreibung, sondern universales Muster.
Heute: Brandanschläge, rechte Gewalt, digitaler Hass – Mechanismen der Verharmlosung sind dieselben.
Gegenentwurf: Zivilcourage, Widerspruch, Solidarität.
Beispiel für die Höflichkeit Biedermanns: den Brandstiftern sogar noch das Streichholz zu geben.
„Der Anfang ist fast immer höflich.“
Das Stück bleibt beunruhigend aktuell: Gewalt beginnt selten offen, sondern mit kleinen Zugeständnissen, Wegsehen und Schweigen.


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