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Prolog: Der 3. Oktober 1990 war kein Zufall. Er war das Ergebnis von Mut auf der Straße, politischer Klugheit am Verhandlungstisch – und eines epochalen Kurswechsels in Moskau. Wer diesen Tag feiert, feiert die Möglichkeit, dass Geschichte ohne Schüsse umschlagen kann. Genau diese Lehre wird im Zeitalter Putins erneut herausgefordert.
Von Leipzig nach Berlin – der Weg zur Einheit
Herbst 1989: Montagsgebete, Montagsdemos, Bürgerrechtsgruppen. Am 9. November fällt die Mauer. 1990 folgen Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, Einigungsvertrag und der Zwei-plus-Vier-Vertrag. Am 3. Oktober tritt die DDR der Bundesrepublik bei – ein friedlicher Systemwechsel, getragen von Zivilgesellschaft und Rechtsstaat.
Gorbatschow: Öffnung statt Zwang
Michail Gorbatschow verstand, dass das Sowjetsystem an innerer Erstarrung zerbricht. Perestroika und Glasnost bedeuteten weniger Gewalt nach innen und weniger Zwang nach außen. Abrüstung, die Abkehr von der Breschnew-Doktrin und die Anerkennung der Selbstbestimmung Osteuropas schufen den Raum für friedliche Revolutionen – auch in der DDR. Ohne Gorbatschows Verzicht auf Gewalt hätte es die Einheit in dieser Form nicht gegeben.
Kohl und Genscher: Richtung, Takt, Diplomatie
Helmut Kohl gab der Dynamik Richtung – vom Zehn-Punkte-Plan bis zur raschen institutionellen Vereinigung. Hans-Dietrich Genscher band die Einheit außenpolitisch ein: Grenzen, Truppenreduzierung, Souveränität – Vertrauen in Washington, Paris, London, ohne Moskau zu demütigen. Ihre Entschlossenheit trug – doch tragfähig wurde sie, weil Gorbatschow losließ und die Menschen in Ostdeutschland aufrecht gingen.
Putins Gegenprogramm: Die Wiederverzauberung der Gewalt
Wladimir Putin liest den Zerfall der UdSSR als nationale Demütigung und betreibt eine Politik der „Korrektur“: Rehabilitierung imperialer Symbole, Delegitimierung von Opposition und Medien, Instrumentalisierung der Geschichte. Politisch übersetzt sich das in Annexion (Krim 2014) und Angriffskrieg gegen die Ukraine (seit 2022) – klassischer Revisionismus, genährt von Verlustnarrativen.
Revisionismus & Faschismus: Warum daraus Krieg wird
Der Mechanismus wiederholt sich historisch: 1) Erzählung der Demütigung. 2) Innere „Säuberung“ und Militarisierung. 3) Äußere „Korrektur“ durch Expansion. Faschistische Funktionsweisen – Mobilisierung gegen die liberale Demokratie, Personalisierung der Macht, Kult von Einheit und Gewalt – sind keine Ästhetik, sondern eine Logik, die auf Krieg hinausläuft. In diesem Sinne ist Krieg kein Unfall, sondern der erwartbare Endpunkt solcher Systeme.
Der 3. Oktober als Kontrapunkt
Die deutsche Einheit erinnert daran, dass Macht sich selbst begrenzen kann – und dass Freiheit und Recht ohne Panzer siegen können. Gorbatschows Öffnung, Kohls Richtungssinn, Genschers Diplomatie und der Mut der Bürgerinnen und Bürger zeigen: Geschichte muss nicht mit Gewalt geschrieben werden. Diese Einsicht widerspricht Putins Projekt – und sie bleibt unser Prüfstein.
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„Was würde er heute sagen?“ – Ein fiktives Interview mit Michail Gorbatschow
Frage: Was bedeutet Ihnen der 3. Oktober 1990?
Gorbatschow: Ein Sieg der Vernunft über die Angst. Einheit ohne Schüsse war möglich, weil wir entschieden, dem Recht der Menschen zu folgen – nicht der Logik der Panzer.
Frage: Kohl, Genscher – und Ihre Rolle?
Gorbatschow: Kohl handelte entschlossen, Genscher band ein. Geschichte gelingt, wenn Zivilgesellschaft, Führung und internationale Verantwortung zusammenfallen.
Frage: Wie sehen Sie den heutigen Kurs Russlands?
Gorbatschow: Autokratie und Krieg widersprechen unserem Reformweg. Freiheit und Recht sind kein westlicher Export – sie sind die Grundlage jeder erneuerten Gesellschaft.
Frage: Warum kehrt der Stalin-Mythos zurück?
Gorbatschow: Weil Autokratien Gewalt in „Ordnung“ umdeuten. Doch die Würde der Opfer und die Wahrheit der Archive lassen sich nicht begraben.
Frage: Ihr Rat an Europa?
Gorbatschow: Fest im Recht, offen im Dialog, hilfsbereit gegenüber der Zivilgesellschaft. Bewahrt die Lehre des 3. Oktober: Freiheit entsteht, wenn Macht sich selbst begrenzt.
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