Baruch de Spinoza

Projekt Sinnsuche 42

Baruch de Spinoza – Gott, Natur und die Freiheit des Denkens

Dieser Essay führt Spinozas radikale Philosophie in ein heutiges Gespräch: über seinen Gottesbegriff Deus sive Natura, über Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit und über die Frage, ob es im Universum überhaupt einen „Tod“ gibt. Wolfgang stellt die Fragen, das FutureLab lässt Spinozas Avatar antworten.

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FutureLab – Hologramm von Baruch de Spinoza vor Publikum
FutureLab: Spinoza als Hologramm – Gespräch über Gott, Natur und Ewigkeit.
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Biographische Spur

Baruch de Spinoza kam 1632 in Amsterdam zur Welt. Seine Familie gehörte zur sefardischen Gemeinde – „sefardisch“ vom biblischen Sepharad, der Name für Spanien. Es sind die Nachkommen jener Juden, die im 15. und 16. Jahrhundert aus Spanien und Portugal vertrieben wurden und in den Niederlanden Schutz fanden. Spinoza wurde früh ein Außenseiter: Mit vierundzwanzig belegte ihn seine Gemeinschaft mit dem Bann. Er lebte bescheiden, schliff Linsen, schrieb nachts an einer Philosophie, die keine Schonung kannte: Gott nicht als Herrscher, sondern als das Ganze; Freiheit nicht als Laune des Willens, sondern als Einsicht; Religion nicht als Dogma, sondern als Erziehung zum Gemeinsinn.

Wolfgang fragt: Wer war dein Gott?

Wolfgang: Wenn du sagst „Gott oder Natur“, was meinst du? Ist das noch Religion oder schon Physik?

Spinoza (Avatar): Ich nenne Gott die eine, unendliche Substanz. Alles, was ist, ist in Gott; es gibt kein Außerhalb. Wir sehen diese eine Wirklichkeit unter verschiedenen Hinsichten: als Denken und als Ausdehnung. Der Gott, von dem ich spreche, befiehlt nicht und ändert keine Naturgesetze. Er ist keine Person, die entscheidet, belohnt und straft. Er ist die Notwendigkeit selbst, die Ordnung der Natur, die immer und überall gilt.

Der Satz klingt kühl und ist doch von Liebe getragen: Die höchste Freude besteht in der intellektuellen Liebe zu Gott, in der Einwilligung in das Ganze. Wer versteht, was ist, liebt das Notwendige – nicht als Zwang, sondern als Klarheit.

Wolfgang fragt weiter: Bist du darum ein Kritiker der Kirchen?

Spinozas Kritik ging tiefer als der Streit zwischen Konfessionen. Gegen das Papsttum richtete sich nicht bloß Protest, sondern ein Prinzip: Theologie und Philosophie sind zu trennen. Die Theologie dient der Nächstenliebe, der öffentlichen Ordnung, der Ermutigung zum Guten – aber sie bestimmt nicht, was wahr ist. Wunder sind nicht Eingriffe gegen Naturgesetze, sondern Namen für unser Nichtwissen. Auch gegenüber den Reformatoren blieb er nüchtern: Die Reformation befreite vom Papst, aber nicht vom personalen Bild eines willensmächtigen Gottes. Spinoza nahm auch diese letzte Projektion zurück.

Diskurs mit der Gegenwart: Gibt es einen Tod im Universum?

Wolfgang: Wenn alles in Gott oder Natur ist – gibt es dann überhaupt einen Tod?

Spinozas Antwort berührt unsere Physik. Die Substanz entsteht nicht und vergeht nicht. Formen lösen sich auf, Körper verwittern, Sterne verglühen, doch das Ganze bleibt. Was wir Tod nennen, ist Auflösung einer Gestalt, nicht Schwund des Seins. In moderner Sprache: Es gibt Verwandlung, nicht Vernichtung. Energie wird nicht zu Nichts, Information verlöscht nicht spurlos, Materie wandert. Das macht den Tod nicht harmlos, aber er verliert den Stachel der Willkür. Er gehört zur Ordnung, die wir erkennen können.

Darum schrieb Spinoza, der freie Mensch denke an nichts weniger als an den Tod; seine Weisheit sei die Übung im Leben. Ewigkeit bedeutet bei ihm nicht endlose Zeit, sondern Gegenwart des Ganzen. Was wir wahrhaft begreifen, steht sub specie aeternitatis – unter dem Aspekt der Ewigkeit. Kein persönliches Fortleben, kein Jenseits, aber die Dauer des Erkannten in der Ordnung des Realen.

Wolfgang insistiert: Und Descartes?

Descartes, den Spinoza achtete, trennte Seele und Körper, setzte Gott als souveränen Urheber. Spinoza antwortete mit einem einzigen Zug: Es gibt nur die eine Substanz. Geist und Körper sind parallele Ausdrücke derselben Wirklichkeit. Keine verborgene Naht, an der Seele und Körper aneinander ziehen; keine Zwecke, die hinter den Dingen lauern. Was ist, ist hinreichend durch Ursachen begründet. Freiheit ist darum nicht die Unabhängigkeit von Ursachen, sondern die Einsicht in sie. Wer versteht, warum er begehrt, fürchtet und hofft, beginnt zu handeln, statt getrieben zu sein.

Religionen im Horizont

Spinozas Gottesbegriff überschreitet die persönlichen Götter der abendländischen Theologien. Er ist kein Vater, kein Gesetzgeber, keine Trinität. Er ist auch nicht der allmächtige Wille, der im Islam bejaht und verehrt wird. In den Weiten des Hinduismus nähert er sich philosophischen Strömungen, die Brahman als unpersönliches Absolutes denken, ohne ihre Mythen zu übernehmen. Und im Buddhismus findet er, jenseits eines Schöpfergottes, die Verwandtschaft einer Befreiung durch Einsicht. Seine Religion ist die Gelassenheit der Vernunft: Toleranz, Meinungsfreiheit, ein Staat, der Frieden durch Gesetze sichert, nicht durch Dogmen.

Wolfgangs letzte Frage: Ist das nicht doch nur Trost?

Trost darf sein, aber bei Spinoza ist er Konsequenz, nicht Ziel. Der Gedanke, dass wir nicht ins Nichts fallen, ergibt sich aus seiner Ontologie, nicht aus dem Wunsch, die Angst zu stillen. Wir sind Modi der einen Natur; unser Verstehen hat Anteil an ihrer Ewigkeit. In dieser Einsicht verliert der Tod seinen Schrecken, ohne zum Märchen zu werden. Es bleibt das Ernsthafte: die Verantwortung für das, was wir erkennen und tun.

Nachklang

Vielleicht erklärt das, warum Spinoza heute so zeitgemäß klingt. Er kommt ohne Mystik aus und bewahrt doch die Tiefe eines religiösen Ernstes. Er glaubt nicht an Wunder, aber an die Würde der Erkenntnis. Er predigt keine Jenseitsversprechen, aber eine Gegenwart, die wir bejahen können. In Zeiten der Spaltung, der lauten Meinungen und schnellen Urteile empfiehlt er eine Übung, die geduldig macht: Sehen, was ist; verstehen, warum es ist; und daraus handeln – frei, weil einsichtig.

Sinnsuche 42 · Spinoza, Deus sive Natura, Freiheit, Tod, Erkenntnis