- Biografie
- Warum „Erasmus von Rotterdam“?
- Der vollständige Widmungsbrief an Thomas Morus
- „Lob der Torheit“ – Satire als Schutz
- Das FutureLab-Gespräch
- Erasmus und die Aufklärung
- Botschaft für Europa
- Thomas Morus: Schicksal und Vermächtnis
Biografie
Erasmus von Rotterdam (1466–1536) gilt als einer der bedeutendsten Humanisten der Renaissance. Als unehelicher Sohn eines Priesters wuchs er unter schwierigen Bedingungen auf und wurde früh in ein Kloster gesteckt. Doch sein Geist ließ sich nicht einsperren: Erasmus studierte in Paris, lebte und lehrte in England, Italien, Basel und anderswo. Er war ein Gelehrter der europäischen Dimension, der die Weisheit der Antike mit den Fragen seiner Zeit verband.
Seine Schriften, darunter das satirische Werk „Das Lob der Torheit“ (Moriae Encomium / Laus Stultitiae), kritische Editionen des Neuen Testaments und zahllose Briefe, machten ihn zu einer Schlüsselfigur zwischen Mittelalter und Moderne. 1536 starb er in Basel.
Warum „Erasmus von Rotterdam“?
Ursprünglich hieß er Desiderius Erasmus. Da er 1466 in Rotterdam geboren wurde, erhielt er den humanistisch-lateinischen Herkunftszusatz Roterodamus („aus Rotterdam“). In der Renaissance war es üblich, den Geburtsort im Namen zu führen (vgl. „Thomas von Aquin“). Auf Deutsch hat sich die Form „Erasmus von Rotterdam“ eingebürgert.
Der vollständige Widmungsbrief an Thomas Morus
Original (Latein) anzeigen/ausblenden
ERASMVS ROT. THOMAE MORO SVO S. D.
Superioribus diebus cum me ex Italia in Angliam recepissem, ne totum hoc tempus quo equo fuit insidendum amusois et illitteratis fabulis tereretur, malui mecum aliquoties vel de communibus studiis nostris aliquid agitare, vel amicorum, quos hic ut doctissimos ita et suavissimos reliqueram, recordatione frui. Inter hos tu, mi More, vel in primis occurrebas; cuius equidem absentis absens memoria non aliter frui solebam quam praesentis praesens consuetudine consueveram; qua dispeream si quid umquam in vita contigit melius. Ergo quoniam omnino aliquid agendum duxi, et id tempus ad seriam commentationem parum videbatur accommodatum, visum est Moriae Encomium ludere.
“Quae Pallas istuc tibi misit in mentem?” inquis. Primum admonuit me Mori cognomen tibi gentile, quod tam ad Moriae vocabulum accedit quam es ipse a re alienus; es autem vel omnium suffragiis alienissimus. Deinde suspicabar hunc ingenii nostri lusum tibi praecipue probatum iri, propterea quod soleas huius generis iocis, hoc est nec indoctis (ni fallor) nec usquequaque insulsis, impendio delectari, et omnino in communi mortalium vita Democritum quendam agere. Quamquam tu quidem, ut pro singulari quadam ingenii tui perspicacitate longe lateque a vulgo dissentire soles, ita pro incredibili morum suavitate facilitateque cum omnibus omnium horarum hominem agere et potes et gaudes.
Hanc igitur declamatiunculam non solum lubens accipies ceu mnemosynon tui sodalis, verum etiam tuendam suscipies, utpote tibi dicatam iamque tuam, non meam. Etenim non deerunt fortasse vitilitigatores, qui calumniabuntur partim leviores esse nugas quam ut theologum deceant, partim mordaciores quam ut Christianae conveniant modestiae; nosque clamitabunt veterem comoediam aut Lucianum quempiam referre atque omnia mordicus arripere.
Verum quos argumenti levitas et ludicrum offendit, cogitent velim non meum hoc exemplum esse, sed idem iam olim a magnis auctoribus factitatum; cum ante tot saecula Batrachomyomachiam luserit Homerus, Maro Culicem et Moretum, Nucem Ovidius; cum Busiriden laudarit Polycrates et huius castigator Isocrates, iniustitiam Glauco, Thersiten et quartanam febrim Favorinus, calvitium Synesius, muscam et parasiticam Lucianus; cum Seneca Claudii luserit apotheosin, Plutarchus Grylli cum Ulysse dialogum, Lucianus et Apuleius Asinum, et nescio quis Grunnii Corocottae porcelli testamentum, cuius et divus meminit Hieronymus. Proinde, si videbitur, fingant isti me laterunculis interim animi causa lusisse, aut si malint, equitasse in arundine longa.
Nam quae tandem est iniquitas, cum omni vitae instituto suos lusus concedamus, studiis nullum omnino lusum permittere, maxime si nugae seria ducant, atque ita tractentur ludicra ut ex his aliquanto plus frugis referat lector non omnino naris obesae, quam ex quorundam tetricis ac splendidis argumentis? [...] Ita si quis est quem nec ista placare possunt, is saltem illud meminerit, pulchrum esse a Stultitia vituperari; quam cum loquentem fecerimus, decoro personae serviendum fuit.
Sed quid ego haec tibi, patrono tam singulari, ut causas etiam non optimas optime tamen tueri possis? Vale, disertissime More, et Moriam tuam gnauiter defende.
Ex rure, Quinto Idus Iunias [AN. MDVII].
Deutsche Arbeitsübersetzung des Widmungsbriefs
„Vor einigen Tagen, als ich aus Italien nach England zurückkehrte, wollte ich die Zeit zu Pferde nicht mit albernen, ungelehrten Geschichten vertun. Lieber dachte ich über unsere gemeinsamen Studien nach und erfreute mich in Gedanken an die Freunde, die ich hier als die gelehrtesten und zugleich liebenswürdigsten zurückgelassen hatte. Unter ihnen tratst du mir, mein lieber Morus, als Erster vor Augen. An deiner Erinnerung hatte ich in der Abwesenheit nicht weniger Freude als sonst an deiner Gegenwart. Da nun doch etwas getan werden musste, die Zeit aber für ernsthafte Arbeit wenig geeignet schien, beschloss ich, ein Lob der Torheit zu spielen.
„Wie kommt dir so etwas in den Sinn?“, wirst du fragen. Zuerst erinnerte mich dein Familienname Morus, der dem Wort Moria (Torheit) so nahe steht – auch wenn du der Sache selbst fernstehst, ja wie alle bezeugen, am fernsten. Dann vermutete ich, dass dir dieses Spiel unseres Geistes besonders zusagen werde; denn du liebst solche Scherze – nicht ungelehrten, aber auch nicht ganz geschmacklosen Witz – und spielst überhaupt im menschlichen Leben ein wenig den Demokrit. Obwohl du dich mit deiner Klarsicht weit vom Volk abhebst, kannst du doch durch deine Milde und Leutseligkeit mit jedermann zu jeder Stunde umgehen.
Nimm also dieses kleine Stück nicht nur willig als Erinnerungszeichen eines Freundes an, sondern nimm es auch in Schutz; denn es ist dir gewidmet und gehört damit mehr dir als mir. Es wird, fürchte ich, nicht an Nörgelnden fehlen, die behaupten, die Späße seien zu leicht für einen Theologen oder zu beißend für christliche Bescheidenheit; sie werden schreien, ich belebe die alte Komödie oder Lucian und knabbere an allem mit scharfen Zähnen.
Wer sich aber an der Leichtigkeit und dem Spielerischen stößt, möge bedenken, dass das kein neues Beispiel ist: Schon Homer spielte die „Froschmäusefehde“, Vergil den „Mücke“ und das „Moretum“, Ovid die „Nuss“; Polykrates pries den Busiris, dessen Tadler Isokrates; Favorin die Ungerechtigkeit des Glaukos, Synesios die Kahlheit, Lucian die Fliege und den Schmarotzer; Seneca spottete von der Vergöttlichung des Claudius, Plutarchus schrieb den Dialog zwischen Gryllus und Odysseus, Lucian und Apuleius den „Esel“, und irgendwer sogar das „Testament des Ferkels Grunnius Corocotta“, dessen auch der heilige Hieronymus gedenkt. Sollen sie also meinetwegen sagen, ich hätte einstweilen mit Bauklötzen gespielt oder auf einem langen Schilfrohr geritten.
Ist es denn gerecht, dass wir dem ganzen Leben seine Spiele zugestehen, den Studien aber gar keine? Zumal, wenn der Scherz zum Ernst führt und so behandelt wird, dass ein nicht ganz stumpfnasiger Leser daraus mehr Nutzen zieht als aus manch steifem und prunkvollem Thema. – Was den Vorwurf der Schärfe betrifft: Es war den Geistern immer erlaubt, mit Witzen ungestraft das Gemeinleben zu berühren, solange die Freiheit nicht zur Raserei ausartet. Umso mehr staune ich über die zarten Ohren unserer Zeit, die kaum noch anderes ertragen als feierliche Titel; und wie verkehrt religiös manche sind, die eher schwerste Schmähungen gegen Christus dulden als den leisesten Scherz über Papst oder Fürst – zumal, wenn’s an den Geldbeutel geht. Wer sich getroffen fühlt, verrät damit sein Gewissen oder doch seine Furcht.
Wir haben jedenfalls gänzlich auf Namen verzichtet und den Stil so gemäßigt, dass ein verständiger Leser leicht erkennen wird: Wir suchten mehr die Freude als den Biss. Wir haben, anders als Juvenal, nirgends den verborgenen Sumpf der Verbrechen aufgewühlt, sondern eher das Lächerliche als das Widerliche aufgezählt. Und wenn sich dennoch einer nicht besänftigen lässt, erinnere er sich wenigstens, dass es schön ist, von der Torheit getadelt zu werden – da wir sie sprechen lassen, mussten wir ihrem Charakter treu bleiben.
Doch wozu sage ich dir das, der du als einzigartiger Patron selbst nicht die besten Ursachen aufs beste zu verteidigen vermagst? Leb wohl, beredtester Morus, und verteidige tapfer deine Torheit!
Auf dem Lande, am fünften Tag vor den Iden des Juni [1507].“
„Lob der Torheit“ – warum Erasmus satirisch schrieb
Kernidee: Die „Torheit“ redet – und darf sagen, was ein Autor im Ernstfall nicht ungestraft aussprechen konnte. Die Satire war Schutzschild gegen Zensur und Machtmissbrauch: indirekte Kritik statt offener Konfrontation.
Erasmus verweist im Brief ausdrücklich auf literarische Vorbilder (Homer, Lucian, Seneca u. a.) und darauf, dass er keine Personen namentlich angreift. So wahrt er die Form – und kann dennoch Missstände von Theologie, Klerus und Gesellschaft entlarven.
Der Autor kommentiert:
Ein helles Beispiel für die Meinungs- und Pressefreiheit, die wir
Demokratinnen und Demokraten heute besitzen. Erasmus musste in Bildern, Ironie und
Rollenrede sprechen, weil offene Kritik gefährlich war. Wir dürfen frei sagen und
drucken – ein Privileg, das es zu verteidigen gilt.
Das FutureLab-Gespräch
In einer modernen Inszenierung, mit Hilfe von Hologrammen, traten Erasmus und Thomas Morus vor ein Publikum von Historikern, Philosophinnen, Schriftstellern und Ärztinnen. Sie diskutierten die Kraft der Satire, den Wert der Freundschaft und die Notwendigkeit des kritischen Denkens in verwirrenden Zeiten.
Thomas Morus: „Humor, Weisheit und Freundschaft bleiben die sichersten
Mittel, um Orientierung zu finden.“
Erasmus: „Satire war die sicherste Waffe, um Kritik zu üben – verborgen
im Spiel, aber scharf in der Wahrheit.“
Erasmus und die Aufklärung
Erasmus bereitete mit Humanismus, Bibelkritik und Spracharbeit den Boden der Aufklärung: Würde des Menschen, Freiheit des Gewissens, Vorrang von Bildung und Vernunft. Er suchte Reform ohne Spaltung – ein Vermittler zwischen Antike und Moderne.
Die Botschaft für Europa
- Humanismus als Fundament: Die Würde jedes Menschen ist unantastbar.
- Bildung als Schlüssel: Sie schärft den inneren Kompass für Wahrheit und Gerechtigkeit.
- Toleranz mit Witz: Humor entgiftet den Streit und öffnet Räume für Erkenntnis.
- Europa als Wertegemeinschaft: Einheit in Vielfalt – Friede durch Vernunft.
Thomas Morus: Schicksal und Vermächtnis
Thomas Morus (1478–1535), Humanist, Jurist und Autor von „Utopia“, stieg unter Heinrich VIII. zum Lordkanzler auf. Als der König sich 1534 zum Oberhaupt der Kirche von England erklärte, verweigerte Morus den Suprematseid – aus Gewissensgründen. Er wurde inhaftiert, wegen Hochverrats verurteilt und am 6. Juli 1535 enthauptet. Seine überlieferten letzten Worte: „Ich sterbe als treuer Diener des Königs, aber zuerst als Diener Gottes.“
Hinweis: Der lateinische Widmungsbrief ist in der gemeinfreien Überlieferung belegt; Textgrundlage u. a. The Latin Library. Die deutsche Übertragung oben ist eine behutsame Arbeitsübersetzung für diese Seite.
Erasmus von Rotterdam – dargestellt von Hans Holbein d. J.. Obwohl er hier als Schreibender erscheint, verdankte er seine Berühmtheit dem gedruckten Text – etwa seiner Satire Lob der Torheit. Er war der meistgelesene Autor seiner Zeit.
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