Idee: Wolfgang Bossert · Bild: ChatGPT-4 (generiert)
Dieser Essay steht im Kontext meines Gesprächs mit Hans Küng im FutureLab. Ich folge seiner Auffassung, dass Jesus in erster Linie ein Lehrer war – wie Buddha – und dass das Evangelium eine ethische Grundlage für Humanität legt, nicht ein System der Macht. Von hier aus stelle ich die Frage: Wie halten es die Religionen mit der Wahrheit – und was bedeutet das für unser Zusammenleben heute?
Kontext lesen: → Gespräch mit Hans Küng
1. Warum „Wahrheit“ heute ein Streitwort ist
Wahrheit ist kein Besitz, sondern ein Weg des Prüfens: Texte, Vernunft, Erfahrung, Gemeinschaft, Gewissen. Religionen bieten Deutungen – bewähren müssen sie sich in der Praxis: am Maßstab von Menschenwürde, Gewaltfreiheit und Friedensfähigkeit.
2. Die Gottesfrage: fünf Antworten
- Judentum: personaler Gott, Bund und Gebot.
- Christentum: trinitarischer Gott; Liebe als Maßstab.
- Islam: der Eine, Barmherzige, Gerechte.
- Hinduismus: vielfältige Götterbilder – von unpersönlich bis persönlich.
- Buddhismus: nicht-theistisch; Praxis der Leidüberwindung im Zentrum.
3. Gewalt und Heiligkeit: vom Anspruch zur Praxis
Alle fünf Traditionen bekennen Frieden. Brüche entstehen, wenn Religion zur Waffe wird. Typische Kippmechanismen:
- Instrumentalisierung: Heilige Worte decken weltliche Ziele (Macht, Land, Rache).
- Identitätstotalisierung: Aus „wir/ihr“ wird „Gut/Böse“ – die andere Seite wird entmenschlicht.
- Sakralisierte Politik: Entscheidungen werden unangreifbar erklärt; Kritik gilt als Lästerung.
Gegenmittel: Gewissensprüfung · Goldene Regel · Gewaltverzicht (Rituale der Unterbrechung) · rechtsstaatlicher Rahmen mit Religionsfreiheit.
4. Menschlichkeit als Prüfstein: Arme, Kranke, Kinder
An der Praxis gegenüber Verwundbaren entscheidet sich Glaubwürdigkeit:
- Judentum: chesed (Barmherzigkeit), zedaka (Gerechtigkeit)
- Christentum: agape (Liebe), Caritas, Diakonie
- Islam: rahma (Barmherzigkeit), zakat (Pflichtgabe)
- Hinduismus: dāna (Gabe), seva (Dienst)
- Buddhismus: mettā (liebende Güte), karuṇā (Mitgefühl)
5. Unsterblichkeit und Leben nach dem Tod: drei Modelle
Religiöse Hoffnungen lassen sich grob fassen als: (1) Auferstehung, (2) unsterbliche Seele, (3) Wiedergeburt/Neu-Werden.
| Religion | Grundmodell | Zwischenzustand | Endziel | Rolle der Ethik |
|---|---|---|---|---|
| Judentum | Auferstehung; Olam haBa | Gan Eden / Gehenna | Leben bei Gott / erneuerte Welt | Gebotsethik; Gerechtigkeit |
| Christentum | Leibliche Auferstehung am Ende | Zwischenzustand; (kath.) Fegefeuer | Gemeinschaft mit Gott / Theosis | Liebe/Caritas; Gericht bei Christus |
| Islam | Auferstehung (Jüngster Tag) | Barzakh (Zwischenreich) | Jannah / Jahannam | Glaube, Werke, Zakat |
| Hinduismus | Samsāra (Wiedergeburt) des ātman | kein fixer Warteraum; Karma wirkt fort | Moksha (Befreiung) | Karma/Dharma; Yoga-Wege |
| Buddhismus | Wiedergeburt ohne ewiges Selbst (anattā) | Bardo (je nach Schule) | Nirvāna; Reine Länder (Mahāyāna) | Edler Achtfacher Pfad; Mitgefühl & Weisheit |
6. Freiheit – zwischen Autonomie und Befreiung
Freiheit hat mindestens drei Gesichter: Freiheit von Zwang/Angst/Gewalt; Freiheit zu Verantwortung/Güte/Wahrheit; Freiheit für den Anderen.
- Perspektiven: Exodus (Judentum); Liebe & Gewissen (Christentum); Befreiung von Götzen (Islam); Moksha & seva (Hinduismus); Erlösung von Gier, Hass, Verblendung (Buddhismus).
- Gefährdungen: Freiheit ohne Verantwortung · religiöse Sprache gegen Recht · identitäre Vereinnahmung.
7. Wie Wahrheit gesucht wird – fünf Methoden
- Schrift: heilige Texte – auslegungsbedürftig.
- Vernunft: prüfende Kritik.
- Erfahrung: Gebet, Meditation, Alltagstugend.
- Gemeinschaft: Korrektiv & Lernraum.
- Gewissen: letzte Instanz, besonders im Konflikt.
8. Ein fairer Befragungsbogen
- Gott/Transzendenz: personaler Gott? Wenn nein – was trägt Ethik und Sinn?
- Gewalt: grundsätzlich nein? Falls Ausnahmen – welche, mit welchen Schutzregeln?
- Menschlichkeit: steht Mitgefühl/Barmherzigkeit im Zentrum – wie praktisch?
- Schwache: bindende Pflichten/Institutionen zum Schutz von Armen, Kranken, Kindern, Fremden?
- Widerspruch: Räume für Kritik und Korrektur – ohne Gewalt?
- Praxisprüfung: senkt die Lehre real die Wahrscheinlichkeit von Gewalt und fördert sie Würde?
9. Schluss: Wahrheit als Weg
Die fünf Weltreligionen sind keine identischen Straßen, doch sie können zum selben öffentlichen Gut beitragen: Menschenwürde, Friedensfähigkeit, Schutz der Schwachen. Wahrheit ist Bewegung – ein Üben des Gewissens und ein Lernen aus Geschichte.
Wo Glaube heilsam ist, befähigt er zur Menschlichkeit. Der härteste Test bleibt: Bewahrt er das Leben?
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© 2025 – Essay-Projekt „Die fünf Weltreligionen und die Suche nach der Wahrheit“

