Im FutureLab auf dem Zauberberg 2.0 begegne ich Hans Küng. Die kalte, klare Luft der Schweizer Alpen liegt noch um uns, während wir im imaginären Resonanzraum des Magic Mountain Institute Platz nehmen. Küng tritt mir nicht als Dogmatiker, sondern als Lehrer gegenüber – einer, der die Sprache der Religion mit der Sprache des Humanismus zu verbinden suchte.
Hans Küng – Biographischer Hintergrund
Hans Küng (1928–2021) war einer der bedeutendsten katholischen Theologen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Geboren in der Schweiz, studierte er Theologie in Rom und in Paris, bevor er in den 1960er Jahren eine Professur in Tübingen annahm. Küng gehörte zu den prägenden Stimmen des Zweiten Vatikanischen Konzils, wo er für eine Öffnung der Kirche zur modernen Welt eintrat.
Eine besondere historische Konstellation: In Tübingen lehrten zugleich Küng und Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI. Beide verband zunächst gegenseitige Achtung – und eine ähnliche Herkunft aus der katholischen Theologie. Doch bald traten die Gegensätze offen zutage: Küng stellte das kirchliche Lehramt unter den Prüfstein des Evangeliums, Ratzinger verteidigte das Dogma als verbindliche Autorität.
Legendär ist die Auseinandersetzung zwischen den beiden: Für Küng war die Kirche nur dann glaubwürdig, wenn sie sich am Evangelium, an der Botschaft Jesu und an der Humanität orientierte. Für Ratzinger dagegen blieb die dogmatische Einheit der Kirche unverzichtbar. Der Konflikt eskalierte in den 1970er Jahren, als Küng die Unfehlbarkeit des Papstes öffentlich kritisierte. Das führte 1979 zu seiner Entlassung aus der katholischen Lehrbefugnis – ein Schritt, der international Aufsehen erregte. Küng blieb dennoch Professor in Tübingen, nunmehr auf einem ökumenischen Lehrstuhl, und wirkte als unermüdlicher Denker, Buchautor und Vermittler.
Mit seinem Projekt eines „Weltethos“ trat er für eine gemeinsame Basis aller Religionen und Kulturen ein: keine absolute Wahrheit gegen den Menschen, sondern ein gemeinsames Ethos für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenwürde. Sein Name steht bis heute für einen kritischen Katholizismus, der Humanität über kirchliche Machtstrukturen stellt.
Das Gespräch
Meine Frage: Buddha war ein Lehrer und hat doch Milliarden Menschen geholfen. Was bedeutet das für uns heute, mit anderen kulturellen Hintergründen?
Küng: Buddha war ein Lehrer, kein Herrscher, kein Dogmatiker. Darin liegt seine Kraft: eine Praxis, die Leid ernstnimmt und Überwindung sucht. Für uns im Westen heißt das: Religion muss Lehrerfahrung sein, nicht Machtsystem.
Meine Frage: Ich habe ambivalente Gefühle gegenüber der Kirche – sie hat über Jahrhunderte mit Gewalt Macht verteidigt. Wie kann ein Humanist wie ich dazu stehen?
Küng: Diese Ambivalenz teile ich. Kirche kann zerstörerisch sein, wenn sie Macht schützt statt Wahrheit. Doch das Christentum ist größer als die Kirche – sein Prüfstein bleibt das Evangelium, nicht das System. Ein Humanist muss kritisieren dürfen und gleichzeitig die befreiende Botschaft sehen.
Meine Frage: Goethe stellte Gretchen die Frage: „Wie hältst du es mit der Religion?“ Was antworten Sie darauf heute?
Küng: Ich würde antworten: Religion ist nur wahr, wenn sie Humanität fördert. Darum habe ich immer für ein Weltethos gestritten: keine Wahrheit gegen den Menschen, sondern für ihn.
Meine Frage: Voltaire sagte: „Wäre Gott nicht vorhanden, müsste man ihn erfinden.“ Und für mich, aus der deutschen Geschichte, bleibt das Grundgesetz die beste ethische Basis. Wie sehen Sie das?
Küng: Voltaire provoziert. Der Gott der Philosophen ist ein Gedanke, aber für viele auch eine Hoffnung. Doch entscheidend ist: Wir brauchen Normen, die das Leben schützen. Das Grundgesetz ist ein Glücksfall – ein säkulares Ethos, das religiöse und nicht-religiöse Menschen gemeinsam tragen können. Das ist auch mein Weltethos: Menschlichkeit als letzte Instanz.
Ich: Herr Küng, ich folge Ihrer Auffassung, dass Jesus in erster Linie ein Lehrer war – so wie Buddha. Das Evangelium erscheint mir dabei als eine Art ethische Grundlage für Humanismus: nicht Dogma, sondern Orientierung. In dieser Lesart kann das Christentum ein Lehrer für Humanität sein, ohne Machtanspruch.
Küng: Ja, genau darin liegt die Zukunft der Religion: nicht in der Verteidigung alter Macht, sondern in der Fähigkeit, zu lehren, zu inspirieren, zum Menschsein zu befähigen. Wenn Religion das verliert, verliert sie sich selbst.
Weiterführend
Aus diesem Gespräch erwächst die nächste Frage: Wie halten es die Religionen mit der Wahrheit? → Zum Essay: Die fünf Weltreligionen – Wahrheit als Weg
https://mypapergate.net/projekt-sinnsuche-42/die-funf-weltreligionen-wahrheit-als-weg/
