Homo Oeconomicus

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Projekt Sinnsuche 42

Homo Oeconomicus – Ein Menschenbild auf dem Prüfstand

Im Rahmen von Sinnsuche 42 fragen wir, welche Geschichten wir uns über den Menschen erzählen – und welche Folgen diese Erzählungen für Gesellschaft, Politik und Zukunft haben. Der Homo Oeconomicus gilt als nüchternes Modell des nutzenmaximierenden Individuums. Doch woher kommt dieses Bild, was leistet es – und wo verfehlt es den Menschen? Dieses Essay führt von der Antike über Locke, Hume und Smith bis in die Gegenwart und öffnet den Blick auf Alternativen jenseits reiner Nutzenkalkulation.

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FutureLab – Avatar von Adam Smith und die schützende Hand
FutureLab: Adam Smith als Avatar – die „schützende Hand“ im Diskurs.
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Wenn die Ökonomie vom „Homo Oeconomicus“ spricht, dann meint sie ein Modell: einen Menschen, der rational kalkuliert, seine Interessen kennt und unbeirrbar nach ihrem größtmöglichen Nutzen handelt. Ein nüchternes Wesen, kühl und berechenbar, ausgestattet mit Information und Vernunft. Doch wer diesen Spiegel betrachtet, erkennt schnell: Das Bild ist nicht neu – und es ist zugleich unvollständig.

Alte Fragen – Antike Wurzeln

Schon die Griechen fragten, was den Menschen antreibt. Aristoteles unterschied zwischen oikonomía – dem guten, maßvollen Haushalten – und chrēmatistikē, der bloßen Jagd nach Reichtum. In dieser Unterscheidung klingt eine frühe Kritik am ökonomischen Egoismus an. Epikur wiederum sah im klugen Abwägen von Lust und Schmerz den Weg zum Glück – fast wie eine frühe Kosten-Nutzen-Rechnung. Und die Stoiker widersprachen: Der Mensch sei nicht nur Berechner, sondern Teil einer Ordnung, eingebunden in Pflichten und Tugenden.

Locke, Hume, Smith – Aufklärung und Marktgesellschaft

In der Neuzeit verschob sich der Blick. John Locke begründete das Recht auf Eigentum aus der Arbeit – der Mensch erscheint als rationaler Gestalter seiner Welt. David Hume sah die Leidenschaften im Zentrum und doch entstehen aus dem Eigeninteresse Konventionen, die das soziale Miteinander tragen. Adam Smith schließlich, oft verkürzt als Prophet des Egoismus gelesen, beschrieb die „unsichtbare Hand“, durch die Eigeninteresse dem Gemeinwohl dienen kann. Gleichzeitig betonte er in der Theory of Moral Sentiments Mitgefühl und Sympathie – eine wichtige Korrektur am eindimensionalen Menschenbild.

Es ist nicht das Wohlwollen des Metzgers, des Brauers oder des Bäckers, das uns unser Abendessen verschafft, sondern ihr eigenes Interesse. – Adam Smith

Moderne Kritik – Der Mensch als begrenztes Wesen

Die neoklassische Ökonomie machte aus dem Homo Oeconomicus ein Rechenschema: Nutzenfunktionen, Gleichgewichte, perfekte Rationalität. Doch die Wirklichkeit sperrt sich. Herbert Simon sprach von bounded rationality, begrenzter Rationalität. Daniel Kahneman und Amos Tversky zeigten systematische Urteilsfehler und Heuristiken. Feministische Ökonomie machte sichtbar, wie Care-Arbeit, Beziehungen und Abhängigkeiten im Modell unsichtbar bleiben – obwohl sie das Leben tragen.

Politik und Gesellschaft – Zwischen Egoismus und Gemeinwohl

Das Modell wirkt jedoch weiter – in Institutionen. Der Kapitalismus vertraut auf das Eigeninteresse als Motor. Die soziale Marktwirtschaft hält eine „schützende Hand“ über die Schwachen und korrigiert Märkte durch Regeln, Umverteilung und Solidarität. In Demokratien erscheint der Bürger als rationaler Entscheider – und doch prägen Emotionen, Zugehörigkeiten und Geschichten die Wahlkabine ebenso wie nüchterne Abwägungen. Spätestens bei Klimapolitik, Ungleichheit oder der digitalen Transformation zeigt sich: Ein zu schmales Menschenbild führt zu zu schmalen Antworten.

Jenseits des Homo Oeconomicus – Ein neuer Horizont

Vielleicht braucht es Ergänzungen: den Homo reciprocans, den kooperativen Menschen; das Vertrauen in Gemeinsinn, Versprechen und Verantwortung. „Der Mensch ist das einzige Tier, das Versprechen gibt“, notierte Nietzsche – darin liegen Zukunft und Bindung. Der Homo Oeconomicus bleibt ein nützliches Werkzeug, wie Lineal oder Waage. Für die Sinnsuche unserer Zeit ist er alleine zu schmal. Wir sind mehr als Nutzenmaximierer: Wir suchen, irren, teilen – und finden im gemeinsamen Handeln Sinn.

Gespräch im FutureLab: Die „schützende Hand“ heute

Frage

Herr Smith, Sie sprachen von der „unsichtbaren Hand“. In Europa reden wir heute oft von einer schützenden Hand. Was bedeutet sie im 21. Jahrhundert – persönlich und gesellschaftlich?

Adam Smith (Avatar)

Die unsichtbare Hand beschreibt die Nebenfolgen des Eigeninteresses. Doch Märkte allein tragen nicht jede Last. Eine schützende Hand – klare Regeln, Wettbewerbsschutz, soziale Sicherung – bewahrt die Freiheit der Vielen. Ohne sie zerfällt Vertrauen; mit ihr entsteht Wohlstand, der geteilt werden kann.

Frage

Ist die Idee des Homo Oeconomicus eine britisch-angelsächsische Erfindung? Welchen Einfluss hatte das auf den amerikanischen Kapitalismus – 1776 und darüber hinaus?

Moderator (FutureLab)

Die Debatte reifte stark im britischen Denken (Locke, Hume, Smith). 1776 erschienen Smiths Wealth of Nations und die amerikanische Unabhängigkeitserklärung – zwei Dokumente einer Epoche, die auf Eigentum, Verträgen und Märkten vertraute. Daraus wuchs ein amerikanischer Kapitalismus mit großem Optimismus gegenüber Unternehmertum und Konkurrenz.

Frage

Wie sehen das die Klassiker im Lichte der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland/Europa?

Adam Smith

Wettbewerb schafft Wohlstand, aber er braucht institutionelle Pflege: offene Märkte, Rechtssicherheit, breite Teilhabe. Sozialstaatliche Elemente sind kein Widerspruch, sondern Stabilisierung – solange sie Eigeninitiative nicht ersticken.

John Locke

Eigentum gründet im Recht der Arbeit. Der Staat schützt Freiheit und Güter – auch gegen Übermacht und Willkür. Wo Armut Freiheit zerstört, darf der Gesetzgeber ordnen: Bildung, faire Verfahren, Schutz der Person und des Vertrags.

John Stuart Mill

Freiheit ist das höchste Gut – doch sie endet, wo Schaden beginnt. Eine soziale Marktwirtschaft ist legitim, wenn sie die Chancen für alle erweitert: Wettbewerb, aber mit Sicherung gegen Not; Fortschritt, aber mit Rücksicht auf Bildung, Gesundheit und Teilhabe.

Schluss – Sinnsuche 42

Die britische Tradition gab dem Markt ein starkes Vertrauen. Europa antwortete nach den Brüchen des 20. Jahrhunderts mit einem Balancemodell: unsichtbare Hand plus schützende Hand. Für die Gegenwart heißt das: Institutionen, die Freiheit sichern, Chancen verbreitern und Krisenresilienz schaffen – ohne Unternehmungsgeist zu ersticken.

Sinnsuche 42 · Menschenbild, Ökonomie, soziale Marktwirtschaft