Die dritte Generation – Theaterstück (und Nachlese)

Die Dritte Generation

Ein Theaterstück über Erinnerung, Schweigen und das Weitergeben zwischen den Generationen.

Ilse – Archivfoto

Einführung

Die Dritte Generation erzählt von Wolfgang, dem Enkel und Schriftsteller, der sich durch Stimmen und Erinnerungen bewegt: von der Mutter und dem Vater, dem Schweigen des Großvaters, bis hin zu den inneren Stimmen der Dichtung und des Gewissens. Das Stück verwebt Vergangenheit und Gegenwart zu einem Geflecht von Fragen und Entscheidungen – und kulminiert in dem Bekenntnis: „Ich wähle: Erinnerung.“

Die Dritte Generation – Theaterstück in drei Akten

Figuren

  • Wolfgang – Enkel, Schriftsteller, Suchender
  • Annette – Stimme der Dichtung
  • Sophie – Stimme des Gewissens
  • Vater – Der Schweigende
  • Großvater – Schatten aus Verdun
  • Mutter – Trägerin des Ungesagten
  • Das Kind – Der frühe Wolfgang
  • Erwin – Der vergessene Bruder des Vaters
  • Die Vergessenen – Stimmen der Geschichte
  • Ilse – Die Bewahrerin, Chronistin der stillen Stimmen

Akt 1: Das Schweigen

Szene 1: Der Schreibtisch

Licht: Ein einfacher Schreibtisch in der Mitte der Bühne. Dunkler Raum, fast leer. Nur eine einzelne Schreibtischlampe brennt – warmes, schwaches Licht.

Auf der Bühne: Wolfgang sitzt allein. Vor ihm: Papier, Notizbücher, alte Briefe. Er schreibt nicht. Er sucht.

WOLFGANG (leise, nach innen gesprochen)
Ich wollte nicht schreiben.
Ich wollte… vergessen.
Oder wenigstens glauben, dass es vorbei ist.

(Er blättert in einem zerfledderten Notizbuch. Ein gefaltetes, vergilbtes Foto fällt heraus.)

Aber etwas bleibt.
Im Rücken.
Im Blut.
Im Raum.

(Stille. Dann: ein kaum hörbares Flüstern. Es könnte aus dem Off kommen. Oder aus ihm selbst.)

WOLFGANG (hebt den Kopf)
Ich bin die dritte Generation.
Ich war nicht dort.
Ich habe nichts getan.
Und trotzdem…

(Pause. Er schaut ins Publikum – nicht anklagend, sondern tastend.)

… schreibe ich.
Weil ich nicht mehr schweigen kann.

(Die Schreibtischlampe flackert leicht. Schatten huschen über die Rückwand der Bühne. Ein leiser Luftzug streift die Blätter auf dem Tisch. Irgendetwas ist anwesend – aber noch namenlos.)

BLACKOUT.

Szenen

Küche, spät

[Ein Tisch. Wolfgang sitzt. Annette am Fenster.]

ANNETTE: Du sammelst Geschichten wie Quittungen.

WOLFGANG: Damit ich weiß, was bezahlt wurde.

ANNETTE: Und was offen bleibt?

WOLFGANG: Das tragen wir weiter.

ANNETTE: Oder wir sprechen es aus. Heute.

Archiv

[Regale. Kartons. Sophie blättert.]

SOPHIE: Hier steht nichts von uns. Nur Zahlen, Namen, Stempel.

WOLFGANG: Wir sind die Ränder.

SOPHIE: Dann schreiben wir in den Rand. Groß.

WOLFGANG: Und wenn es nicht stimmt?

SOPHIE: Es stimmt, wenn wir es bezeugen.

Platz vor dem Haus

[Draußen. Geräusche der Stadt.]

ANNETTE: Dein Schweigen war auch Erbe.

WOLFGANG: Und dein Widerspruch meine Befreiung.

ANNETTE: Schreib’s so. Nicht als Schuld, als Anfang.

Schluss

SOPHIE: Erinnern ist kein Museum.

ANNETTE: Erinnern ist Gegenwart.

WOLFGANG: Und Schreiben unser Wagnis.

Akt 2: Die Lebenden

Szene 1: Wohnzimmer – Gegenwart

Licht: Mildes Tageslicht. Ein schlichtes Wohnzimmer. Ein Tisch, zwei Stühle. Die Mutter sitzt auf einem der Stühle, eine Kaffeetasse in der Hand. Wolfgang steht – nervös, tastend.

MUTTER
Du hast also wirklich damit angefangen.

WOLFGANG
Ja. Ich schreibe. Über… alles.

MUTTER (vorsichtig)
Und dein Vater?

WOLFGANG
Er weiß es. Aber er sagt nichts.

MUTTER
Das ist sein Muster. Schweigen war sein Schutz.

WOLFGANG
Und deiner?

(Pause. Die Mutter blickt hinaus, durch das Fenster.)

MUTTER
Ich habe gelernt, zu tragen, was niemand sagt.
Es bleibt im Körper, im Blick, im Tonfall.

WOLFGANG
Ich will nicht mehr tragen. Ich will verstehen.

MUTTER
Dann wirst du ihn verletzen. Und dich.
Aber vielleicht… heilen.

(Wolfgang setzt sich. Die Mutter legt eine Hand auf seine.)

MUTTER
Geh langsam. Aber geh.

(Licht dimmt sanft. Die Szene bleibt offen.)

Szene 2: Erwin wird gehört

Licht: Ein Raum zwischen Erinnerung und Gegenwart. Wolfgang sitzt allein mit einem Aufnahmegerät. Das Licht fokussiert ihn. Plötzlich hört man Erwins Stimme – nicht von außen, sondern als innere Stimme.

ERWIN (aus dem Off)
Du hast mich gehört. Endlich.

WOLFGANG
Ich wusste, du warst da. In den Briefen, den Lücken. Aber niemand hat von dir gesprochen.

ERWIN
Sie haben sich geschämt. Oder gefürchtet. Oder beides.

WOLFGANG
Ich schreibe deinen Namen. Ich schreibe deine Geschichte.

ERWIN
Dann existiere ich. Dann war ich nicht vergebens.

WOLFGANG (bewegt)
Du warst mein Onkel. Mein Vorbild, ohne dass ich es wusste.

ERWIN
Und jetzt bin ich dein Zeuge. Und du meiner.

(Stille. Licht auf Wolfgang. Die Verbindung ist hergestellt. Vergangenheit spricht mit Gegenwart.)

BLACKOUT.

Szene 3: Der Großvater spricht (Schattenform)

Licht: Kalt, fast geisterhaft. Nebel steigt leicht vom Bühnenboden auf. Der Schatten des Großvaters erscheint – undeutlich, aber präsent. Er tritt nicht, er erscheint – zwischen Licht und Erinnerung.

GROSSVATER
Ich habe lange geschwiegen.
Nicht, weil ich wollte –
weil ich nicht konnte.

(Er spricht langsam, eindringlich.)

Ich habe Verdun gesehen.
Ich habe das Brüllen der Granaten gehört –
das Verstummen der Stimmen.
Ich habe Kameraden in den Matsch sinken sehen.
Mit offenen Augen. Ohne Abschied.

(Pause)

Und ich kam zurück.
Mit einem Körper.
Aber ohne Sprache.

(Er blickt auf Wolfgang.)

GROSSVATER
Du suchst nach mir in Briefen.
Aber ich habe sie nie geschrieben.
Denn wie beschreibt man die Hölle,
wenn sie in einem selbst weiterbrennt?

WOLFGANG (leise)
Ich will dich verstehen. Nicht richten.

GROSSVATER
Dann hör zu. Und erzähle.
Nicht nur von mir –
sondern von allen,
die schweigend starben.

(Er verblasst. Nebel steigt auf. Nur Wolfgang bleibt.)

BLACKOUT.

Akt 3: Die Entscheidung

Szene 1: Der öffentliche Raum

Bühnenbild: Ein leerer Platz. Ein Rednerpult. Vielleicht ein Mikrofon. Vielleicht nur ein Stein, auf dem jemand stehen kann. Stühle im Hintergrund. Es ist nicht klar, ob es ein Ort der Erinnerung ist oder ein Ort der Gegenwart.

Licht: Ruhig, hell, offen. Keine Schatten – nur Präsenz.

WOLFGANG (tritt auf. In der Hand ein Blatt Papier. Ruhig.)
Ich schreibe, weil ich hören musste.
Ich höre, weil geschwiegen wurde.
Ich spreche, weil die Stimmen nicht sterben durften.

Ich bin nicht der Held dieser Geschichte.
Ich bin nur ein Enkel.
Ein Zeuge der zweiten Erinnerung.
Ein Sammler der Schatten.

Aber ich habe erkannt:
Was unausgesprochen bleibt, wird wiederholt.
Was vergraben wird, fault in der Tiefe.
Was erinnert wird, lebt – ohne zu herrschen.

(Er hält inne. Blick ins Publikum.)

Heute erinnere ich.
Nicht, um Schuld zu verteilen.
Sondern um Verbindung zu schaffen.
Zwischen Vergangenheit – und dem, was noch kommen kann.

(Er legt das Blatt beiseite. Spricht nun frei.)

Wenn ihr zuhört,
spricht vielleicht auch jemand in euch.
Ein Großvater. Eine Schwester. Ein Bruder.
Oder nur das eigene Herz.

(Annette tritt hinter ihn. Legt ihm still die Hand auf die Schulter. Sophie nickt. Die Schatten verschwinden langsam. Nur Wolfgang bleibt.)

WOLFGANG
Ich bin die dritte Generation.
Und ich wähle: Erinnerung.

BLACKOUT.

Akt 4: Ilse spricht

Szene 1: Ilse

Bühne: Ein leerer Raum. Ein einzelner Stuhl. Dämmerlicht. Es herrscht Stille.

Licht: Warm, aber gedämpft. Eine intime, fast wohnliche Atmosphäre.

(Aus dem Off oder von einer Figur, z. B. Wolfgang:)

STIMME (leise)
Ilse… Wer bist du?

(Kurze Pause. ILSE tritt auf – ruhig, älter, mit klarer Präsenz. Sie trägt ein schlichtes Kleid, vielleicht ein Tuch. Ihre Bewegungen sind bedacht.)

ILSE
Ich habe vieles gesehen.
Nicht alles verstanden.
Aber ich habe aufgehoben,
was andere wegwerfen wollten.

Ich war jung,
als Erwin fiel.
Lore weinte heimlich.
Rudolf wurde still.
Und Alfred…?
Der ging,
als wäre nichts gewesen.

Aber ich blieb.
Mit Briefen.
Mit dem Klang alter Lieder.
Mit Stimmen,
die in mir wohnten,
auch wenn keiner mehr zuhören wollte.

(Sie hält ein vergilbtes Foto in der Hand. Sie schaut es an, dann wieder ins Licht.)

Ich war kein Held.
Ich habe gekocht.
Gewaschen.
Zugehört.
Getrauert.

Und irgendwann habe ich verstanden:
Erinnern ist kein Museum.
Es ist ein inneres Gespräch.
Mit jenen, die nicht mehr sprechen –
und jenen, die noch nicht fragen können.

(Sie blickt auf – ins Publikum oder in die Zeit.)

Jetzt kommen sie.
Die Dritte Generation.
Sie wollen wissen.
Sie wollen fühlen.
Und ich –
ich bin bereit zu erzählen.

(Sie setzt sich. Das Licht wird langsam dunkler. Ein letzter Blick. Stille.)

BLACKOUT.

© Die Dritte Generation – Alle Rechte vorbehalten.

Nachlese: Vererbte Schuld und Trauma

Für das Schlussbild von Die dritte Generation

Was bleibt, wenn der Vorhang fällt? Nicht nur Erinnerungen – auch Spuren. Manche sieht man, viele nicht. Zwischen Körper und Biografie, zwischen Familienalbum und Schweigen stellt sich eine Frage: Was von gestern wirkt in uns weiter – und wie?

1. Genetik

Wir erben Gene. Sie beeinflussen sichtbare und unsichtbare Merkmale – Augenfarbe, Blutgruppe, bestimmte Krankheitsrisiken. Aber: Schuld, Verantwortung oder Ideologien sind nicht genetisch vererbbar. Es gibt kein „Schuld-Gen“.

2. Epigenetik

Epigenetik erforscht, wie Erfahrungen die Aktivität von Genen verändern können, ohne die DNA selbst umzuschreiben. Stress, Hunger oder Trauma können biochemische Markierungen hinterlassen (etwa Methylierungen). Manchmal werden solche Spuren auch an Kinder weitergegeben – die Effekte sind meist subtil, nicht deterministisch:

  • Kinder von Holocaust-Überlebenden zeigen veränderte Stresshormonprofile.
  • Nachkommen der vom Holländischen Hungerwinter 1944/45 Betroffenen tragen ein erhöhtes Risiko für Stoffwechselerkrankungen.

Die Forschung bleibt im Fluss: Nicht jede Erfahrung hinterlässt vererbbare Spuren, und Spuren sind keine Schicksale.

3. Kulturelle und psychologische Weitergabe

Stärker als Moleküle wirken oft Erzählungen – und ihr Fehlen: Familienmythen, Scham, Schuldgefühle, Rollenbilder. „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“ tragen seelische Lasten, obwohl sie den Krieg nicht erlebt haben. Weitergegeben wird in Blicken und Pausen, in Sätzen wie „Darüber sprechen wir nicht“, in Erziehungsstilen, die Sicherheit schaffen sollen und doch Unruhe bewahren.

4. Zwischenfazit

  • Schuld ist nicht vererbbar – sie bleibt individuell.
  • Traumafolgen können fortwirken – begrenzt biologisch (epigenetisch) und nachhaltig sozial (durch Erzählungen, Schweigen, Muster).

Für die Praxis heißt das: Aufarbeiten, erzählen, transparent werden. Reden wirkt heilsamer als Weiter-Schweigen. Jede Generation kann neue Entscheidungen treffen – für Verantwortung statt Verstrickung, für Kontakt statt Abbruch.

Vielleicht ist dies die eigentliche Erbschaft: die Freiheit, hinzuschauen – und anders weiterzumachen.