Wir gingen ins Theater

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Wir gingen ins Theater – ein Vorspiel für die Digitale Seele

Ein Stück in zwei Akten – der dritte Akt beginnt im Kopf.

Im ersten Akt geschieht scheinbar nichts, im zweiten alles zugleich – erst im dritten, der in uns beginnt, erkennt das Ich, was bewusst leben heißt. Dieses Vorspiel öffnet den Blick für Die Digitale Seele.

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Theaterbesuch bei Nacht im Stil von Edward Hopper: leerer Straßenraum, stilles Licht, Erwartung vor dem Eingang.
Motiv in Anlehnung an Edward Hopper · Bitte nur lizenziertes Bildmaterial verwenden.
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Prolog zu Die Digitale Seele: Leere und Überfülle als Spiegel der Selbstreflexion – der eigentliche Schluss entsteht im Publikum.

Vorspiel – Vor dem Theater

Wir beschlossen, ins Theater zu gehen. Vor dem Theater standen schon eine Menge Leute und wollten hinein. Viele taten es auch, aber bei der großen Menschenmenge warteten eben viele, dass andere hineingingen, um dann bequemer hineinzukommen.

So geht es eben zu. Wir überquerten die Straße, um zum Theatereingang zu gelangen, und studierten erst einmal die Plakate. Wir wollten wissen, welches Ensemble an diesem Abend spielte.

Die Plakate waren links und rechts vom Eingang angeklebt, und es stand nur darauf, wann die Aufführung begann. Eben zu der Stunde, an der normalerweise Theateraufführungen beginnen.

Aber der Titel des Schauspieles fehlte. Ich will damit sagen, dass nicht darauf stand, was eigentlich gegeben wurde. Nur die Stunde des Beginns und die Namen der Schauspieler. Vielleicht improvisierte man an diesem Abend? Es kann ja vorkommen, dass ein Ensemble eines Tages nicht weiß, was für ein Stück es aufführen soll oder das Textbuch ging verloren und so erfindet man halt irgendetwas.

Kann so etwas vorkommen? Einige sagen nein, so etwas kann nicht vorkommen, aber in dieser unserer Welt kann im Grunde alles passieren, davor kann man nie sicher sein. Nur eine Sache im Leben ist todsicher: dass man vor nichts sicher ist. Manchmal glauben wir, dass ein Stuhl uns sicher trägt, wir setzen uns vertrauensvoll darauf, ein Bein bricht ab, und wir sitzen am Boden. Diesen Abend würde das nicht der Fall sein: ganz sicher würden wir uns nicht auf den Boden setzen. Einmal ist es mir jedoch passiert, und deshalb sage ich, dass man vor nichts sicher sein kann. Jedenfalls war es ganz unnötig, erraten zu wollen, was heute in diesem Theater gespielt wird. Wir mussten nur das tun, was alle taten: Karten kaufen, die Mäntel in der Garderobe abgeben, unsere Plätze suchen und uns darauf setzen.

Und das taten wir denn auch.

Erster Akt – Das leere Zimmer

An der Kasse bekamen wir Karten, die genauso aussahen wie alle Theaterkarten, die Platznummern waren mit Bleistift daraufgeschrieben. Dann gingen wir hinein. Ihr alle kennt das charakteristische Summen in einem Theater voller Menschen, die sitzen, Menschen die stehen oder sich eben setzen wollen. Menschen, die zwischen den Reihen umhergehen, Menschen, die schon Sitzende zum Aufstehen zwingen, Menschen, die herumspazieren und rauchen, Menschen, die miteinander schwatzen. Der Saal ist sehr hell, weil alle Lichter brennen, und man sieht alles ganz genau. Dann endlich sitzen alle und erwarten den Anfang der Vorstellung. Die Lichter erlöschen nach und nach, und der große Vorhang hebt sich langsam.

Die Bühne zeigt einen großen, vollständig leeren Raum. Dieser absolut leere Raum hat im Hintergrund eine Tür und ein Fenster. Sowohl die Tür als auch das Fenster sind geschlossen und wir warten, dass jemand hereinkommt. Die Zeit vergeht und niemand kommt. Das Publikum ist ruhig, aber man fühlt seine Erwartung. Niemand weiß allerdings was es erwartet. Vielleicht den Auftritt irgendeiner Person oder einen Lärm von fern oder nah, wenigstens ein Geräusch, das endlich die Stille unterbräche. Wir verblieben mehrere Minuten in dieser Stille. Dann hören wir ein Husten, ein Scharren von Füßen, einen quietschenden Stuhl. Aber all diese Geräusche kommen aus dem Zuschauerraum, der Husten zieht einen zweiten nach sich, dann einen dritten und noch einen.

Nun beginnt einer zu zischen, dann zischt ein anderer gegen den ersten Zischer und ein dritter will beide zur Ruhe zischen. Nach und nach zischen wir alle, um Ruhe vor den Hustern zu haben und so zischt endlich das ganze Publikum. Auf der Bühne ist immer noch keine lebende Seele, und abgesehen vom zischenden Publikum rührt sich nichts. Da keiner mehr hustet, verstehen wir nicht, was das Publikum eigentlich zur Ruhe zischt, aber nach und nach hören alle auf zu zischen und der Zuschauerraum fällt wieder in die gleiche Stille zurück wie die Bühne.

Auf ihr geschieht immer noch nichts. Was kann schon geschehen, wenn kein Mensch droben ist? Das Zimmer ist leer und die Tür und das Fenster sind noch immer geschlossen. Keinerlei Geräusch ist zu hören. Es vergehen ungefähr weitere sieben Minuten absoluter Stille, dann hören wir wieder ein Husten, dann noch eines und noch eines. Keiner zischt diesmal, und das Husten hört von selber wieder auf. Als der Vorhang fällt und die Lichter im Zuschauerraum wieder aufflammen, steht das Publikum auf. Der erste Akt ist zu Ende und das übliche Pausengesurre beginnt.

Die Leute fangen sofort an zu schwatzen und zu kommentieren: auf der Bühne war nichts passiert, und die Schauspieler hatten sich nicht sehen lassen. Dieses leere Zimmer war den ganzen ersten Akt über leer geblieben.

Wir überlegten, dass es tatsächlich ab und zu vorkommt, dass gar nichts passiert in der Welt und bei den Menschen. Nichts passiert und wir bemerken es nicht einmal. Wahrscheinlich, sogar sicher, war dieses Zimmer die Wohnung eines Hauptdarstellers, oder vielleicht doch nur das Zimmer irgendeiner Wohnung. Die in diesem Zimmer wohnten, waren ausgegangen, hatten Türen und Fenster geschlossen und… weg waren sie. Außerhalb des Zimmers konnte alles Mögliche passieren, aber innerhalb nichts. Es war ein verschlossenes und verlassenes Zimmer. Auch die Möbel waren ausgegangen. Vielleicht wurden sie vorher weggetragen oder es waren da überhaupt keine Möbel gestanden. Wenn man nur ein einziges Möbelstück dagelassen hätte, dann konnte etwas passieren. Es kann ja vorkommen bei einem großen Künstler, dass er ein Zimmer ganz leer lässt.

Auf der Bühne allerdings wurde uns noch nie ein leeres Zimmer gezeigt, in dem nichts passierte. Diesen Abend nun wurde es uns geboten, den ganzen ersten Akt lang und der Hauptdarsteller war die Stille, die in einem leeren Zimmer herrscht. Von wem nur war es verlassen worden? Hier nun hatte unsere Fantasie volle Freiheit, sich die Menschen, die Tatsachen und Ereignisse ganz nach Gutdünken auszumalen.

Während dieses ersten Aktes schlief kein Mensch ein, ganz im Gegensatz zu anderen Theaterabenden. Alle erwarteten etwas, das von einem Moment zum anderen passieren konnte und diese Erwartung erlaubte es den Menschen nicht, einzuschlafen, wie es manchmal in großen Dialogszenen vorkommt. Uns gefiel dieser erste Akt. Wir hatten bei anderen Theaterbesuchen so viele Geschehnisse auf der Bühne miterlebt, dass wir richtig bewegt waren, weil nichts, aber auch gar nichts geschehen war. An niemandem war etwas auszusetzen gewesen. Das ganze Ensemble war gleichwertig und alle verdienten Beifall. Dass es am Schluss keinen Applaus gab, lag daran, dass niemand es bemerkte, als der Akt zu Ende war. Die Schlussszene, die den Beifall herausforderte, fehlte.

Zweiter Akt – Das überfüllte Zimmer

Wir kehrten auf unsere Plätze zurück und konnten kaum erwarten, wie es weiterging. Alle waren sehr gespannt, das sah man schon daran, dass die Zuschauer pünktlich auf ihre Plätze zurückkamen. Als das Licht endlich erlosch, herrschte tiefste Stille und der Vorhang hob sich langsam.

Nun sah man auf der Bühne ein großes Zimmer, vielleicht das gleiche wie vorher, aber voll, voll mit Möbeln aller Art und auf unglaubliche Weise überfüllt mit Menschen. Wie viele Schauspieler waren es? Man konnte es nicht feststellen, vielleicht fünfzig oder sechzig, sie standen so dicht beieinander, dass sie sich kaum rühren konnten, im Zimmer, auf den Stühlen, den Tischen und auch auf den hohen Möbeln.

Alle bewegten sich und sprachen durcheinander, einige ruhig, andere nervös, ein paar gestikulierten, andere standen nur still da. Der Lärm war so groß, dass man auch nicht ein Wort von dem verstehen konnte, was die Schauspieler sagten. Man konnte auch nicht wahrnehmen, was sie eigentlich machten… Hier und da machte sich einer Platz in der Menge um zu einer anderen Gruppe zu stoßen, einer stieg von einem Möbel herunter, ein anderer hinauf. Einer weinte, ein anderer lachte, wieder einer zeigte sich wütend, ein anderer zufrieden. Zwei umarmten sich, zwei wieder ohrfeigten sich, ein Einzelgänger stand stumm da und beschaute die anderen.

Wir begriffen, dass zwischen dem ersten und dem zweiten Akt keinerlei Unterschied bestand. Auch in diesem Akt passierte nichts Besonderes. Alle diese Menschen taten irgendetwas, aber alles zusammen bedeutete nichts. Gar nichts. Es war, als ob das Zimmer so leer wäre, wie im ersten Akt. Diese ganzen Leute bewegten sich, sprachen, waren unglücklich oder lachten, einer von ihnen hatte sogar angefangen, Trompete zu blasen, um die Konfusion noch zu erhöhen. Aber alles zusammen vermittelte den gleichen Eindruck wie der erste Akt.

Vielleicht musste man die Gruppen zerteilen, von den Personen eine nach der anderen oder auch zwei miteinander sprechen zu lassen – ein Dialog kann etwas bedeuten, genau wie die Idee von jenem, auf den Schrank zu klettern und von dort Worte herunterzurufen, die man nicht verstehen konnte. Auch der Trompeter hätte vielleicht etwas auszusagen.

Der Lärm wurde immer ohrenbetäubender, bis endlich der Vorhang über diesem Tohuwabohu fiel. Diesmal war auf der Bühne eine Menge passiert, es war viel geredet worden, aber es war, wie wenn nichts, gar nichts vorgefallen wäre und keiner den Mund aufgemacht hätte.

Der dritte Akt – im Kopf

Wir verließen alle das Theater und die Lichter verlöschten. Die Komödie hatte nur zwei Akte, aber in unserem Inneren würde sie wohl viel länger dauern. Der dritte Akt spielte sich in unserem Gehirn ab und wir mussten uns den Schluss selbst erdenken. Wir sprachen lange davon, während wir mit vielen anderen Menschen auf der Strasse gingen: mit denen, die wir aus dem Theater kannten, die vom Kino nachhause gingen oder die nächtliche Geschäfte hatten. Wir verloren uns in der Menge und waren wie die Schauspieler auf der Bühne, wir taten und sagten etwas, aber zusammen mit den anderen, die mit uns und um uns waren auf der Strasse, ergab es keinen Sinn, überhaupt keinen.

Es war, wie wenn wir gar nicht existierten.

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Idee Wolfgang Bossert & Text: Carlo Manzoni
 
Carlo Manzoni (* 16. April 1909 in Mailand; † 16. Mai 1975 in Mailand) war ein italienischer Maler und Schriftsteller.
Edward Hopper https://de.wikipedia.org/wiki/Edward_Hopper