FutureLab Podiumsdiskussion

FutureLab · Fiktive Podiumsdiskussion

Wehret den Anfängen 2025 – was antworten die Schriftsteller 100 Jahre später?

Moderation: Meine Damen und Herren, herzlich willkommen im FutureLab. Heute wagen wir ein Gedankenexperiment: eine fiktive Diskussion mit Autorinnen und Autoren, deren Stimmen die Weimarer Zeit prägten – und die bis heute mahnen.

Hinweis: Dies ist eine literarische Inszenierung. Bitte verstehen Sie die Form als Einladung zur immersiven Erkenntnis: Stellen Sie sich vor, Sie säßen im Saal – was würden Sie fragen?

Kurt Tucholsky – Satiriker, hellwach, sprachkritisch, allergisch gegen Phrasen.

Hannah Arendt – politische Theoretikerin, fragt nach Verantwortung, Handlung, Freiheit.

Erich Maria Remarque – Chronist des Krieges, nüchtern, mitleidsvoll, illusionslos.

Stefan Zweig – Humanist, Europäer des Geistes, sensibel für das Zerbrechen von Zivilisation.

Bertolt Brecht – Theatermacher, materialistische Analyse, fordert Veränderung der Verhältnisse.

Georg Stefan Troller – Jahrhundertzeuge, fragt, bohrt nach, macht Menschen „zur Kenntlichkeit“ sichtbar.

Ich danke Ihnen fürs Kommen. Die Veranstaltung beginnt.


Einstiegsfrage der Moderation

Moderation: „Was heißt Wehret den Anfängen im Jahr 2025?“

Kurt Tucholsky

Anfänge kommen als alte Hüte daher: vergiftete Sprache, kleine Ausgrenzungen, gemütliche Lügen. Wer wartet, bis der Krach groß ist, kommt immer zu spät. Also: früh widersprechen, schreiben, spotten – laut, deutlich, unbequem. Schweigen ist Zustimmung.

Hannah Arendt

Totalitarismus wächst im Schatten der Gleichgültigkeit. Er beginnt, wenn Bürger Politik anderen überlassen, wenn Institutionen verächtlich gemacht werden und Wahrheit zur Meinung schrumpft. Wehren heißt: Verantwortung übernehmen, handeln, Öffentlichkeit pflegen.

Erich Maria Remarque

Krieg ist Elend, bevor er beginnt. Die erste Granate fällt lange, bevor sie explodiert – in den Köpfen. Wehren heißt, Frieden praktisch zu verteidigen: Mitfühlen, verhandeln, deeskalieren – ehe junge Menschen wieder in Schützengräben verschwinden.

Stefan Zweig

Europa ist eine geistige Heimat. Sie zerbricht an Engstirnigkeit und Nationalstolz. Wehren heißt: die leise, beharrliche Arbeit der Kultur – Übersetzen, Zuhören, neugierig bleiben – gegen die lauten Trommeln der Vereinfacher.

Bertolt Brecht

Der Schoß ist fruchtbar noch. Parolen wachsen auf Angst und Ungleichheit. Wer die Verhältnisse nicht ändert, ändert gar nichts. Wehren ist nicht nur Moral, es ist Praxis: Bildung, soziale Sicherheit, Kontrolle der Macht – sonst kommen die alten Lieder wieder.

Georg Stefan Troller

Fragen, bis es wehtut. Hinhören, bis das Versteckte sichtbar wird. In einer Welt der Bilder braucht es die unbestechliche Neugier: „Wie wissen Sie das? Wessen Geschichte fehlt hier?“ Wehren heißt, die Bequemlichkeit zu stören.

Vertiefung: Sprache, Medien, Verantwortung

Moderation

Wenn heute digitale Propaganda Gefühle überrollt – was wäre Ihre Gegenrede?

Tucholsky

Kurze Texte, klare Sätze, pointierte Bilder – und Humor als Gegengift. Lüge entwaffnet man, indem man sie lächerlich macht.

Arendt

Gegenrede braucht Räume: Schule, Zeitung, Parlament, Platz. Öffentlichkeit ist kein Algorithmus – sie ist eine Übung.

Brecht

Zeigt, wie es gemacht ist: Wer profitiert? Wem nützt die Angst? Lehrstücke für die Gegenwart – zum Mitdenken, nicht zum Beifall.

Publikumsfragen

Publikum 1: Wie kann ich in meinem Alltag „wehren“, ohne ständig zu missionieren?

Arendt: „Handeln im Kleinen: korrekt zitieren, widersprechen, wenn entmenschlicht wird, lokale Politik unterstützen. Freiheit braucht Gewohnheit.“

Publikum 2: Was tun gegen Hass in sozialen Medien?

Tucholsky: „Nicht füttern, aber sichtbar kontern. Humor hilft. Und: Allianzen bilden – viele leise Stimmen werden laut.“

Publikum 3: Wie sprechen wir über Krieg, ohne zu zynisch oder naiv zu sein?

Remarque: „Nüchtern bleiben, Menschen in den Mittelpunkt stellen, konkrete Schicksale zeigen. Der Pathos kommt von allein – den braucht es nicht.“

Publikum 4: Wie kann Kunst heute wirksam sein?

Brecht: „Nicht nur rühren – klüger machen. Formen erfinden, in denen Zuschauer zu Mitspielern werden.“

Publikum 5: Was ist der humane Kern Europas – und wie schützen wir ihn?

Zweig: „Gastfreundschaft des Geistes: Übersetzen, Reisen, die Freude am Anderen. Finanzieren wir Kultur, als hinge Zukunft davon ab – denn sie tut es.“

Publikum 6: Was ist die journalistische Aufgabe in dieser Lage?

Troller: „Geduldige Genauigkeit. Weniger Meinung, mehr Erfahrung: hingehen, reden, zweifeln – und dann erst schreiben.“

Moderation (Schlusswort): Danke, dass Sie dieses Gedankenexperiment mitgegangen sind. Wenn „Nie wieder“ mehr sein soll als ein Spruch, braucht es Haltung – und Übung. Nehmen Sie zwei Fragen mit nach Hause: Was sehe ich – und was übersehe ich?