Willy Brandt kniet am Denkmal des Warschauer Ghettos, 7. Dezember 1970
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R97512 / Fotograf: Engelbert Reineke
Nutzung als historisches Bildzitat zu Bildungs- und Dokumentationszwecken
Zeitschleifen · Episode IV – Nachhall & Gegenwart
Versöhnung, Verantwortung und die neue Rolle Deutschlands
Kurz-Bio
Willy Brandt (*1913, Lübeck; †1992, Unkel*) war Journalist, Sozialdemokrat, Widerstandskämpfer im Exil, Regierender Bürgermeister von Berlin, Außenminister und schließlich Bundeskanzler der Bundesrepublik. Als junger Mann floh er vor den Nationalsozialisten nach Norwegen und Schweden; seine antifaschistische Haltung prägte sein politisches Denken zeitlebens.
Brandts Kanzlerschaft (1969–1974) steht für eine historische Wende: Die Neue Ostpolitik, die Versöhnung, Dialog und die Anerkennung politischer Realitäten suchte – als Weg zu Frieden und Entspannung in Europa. Am 7. Dezember 1970 kniete Brandt am Mahnmal des Warschauer Ghetto-Aufstands nieder. Diese stille Geste wurde zu einem globalen Symbol für die Anerkennung deutscher Schuld und für das moralische Fundament der neuen Bundesrepublik. 1971 erhielt er den Friedensnobelpreis.
„Nachhall & Gegenwart“. Kuratierte, fiktive Gespräche auf dokumentarischer Grundlage.
Die Politikerstimme – Gespräch mit „der Frage“
Die Frage: Herr Brandt, Sie knieten 1970 am Mahnmal in Warschau. Was bedeutete diese Geste für Sie?
Brandt: Schweigen kann mehr sagen als Politik. Ich kniete dort, wo Worte versagen – vor der Schuld, die Deutschland auf sich geladen hatte. Es war ein Moment der Demut, nicht der Inszenierung.
Die Frage: Wie definieren Sie Verantwortung eines demokratischen Staates?
Brandt: Verantwortung beginnt beim Anerkennen der eigenen Geschichte. Ein Staat, der seine Vergangenheit verdrängt, verliert seine Zukunft. Demokratie braucht Klarheit, nicht Beschönigung.
Die Frage: Ihre Ostpolitik war umstritten. Was trieb Sie an?
Brandt: Frieden entsteht, wenn man den Mut hat, dem Gegner die Hand zu reichen. Wir mussten die Realität anerkennen, um sie verändern zu können. Annäherung ist kein Nachgeben – sie ist politische Vernunft.
Die Frage: Was bedeutet für Sie Freiheit?
Brandt: Freiheit ist kein Besitz. Sie wird jeden Tag neu errungen – durch Recht, Respekt und offene Gesellschaften. Wo Menschen nicht widersprechen dürfen, wird die Freiheit hohl.
Die Frage: Wie würden Sie die heutige Welt sehen?
Brandt: Europa steht erneut am Prüfstand. Polarisierung ersetzt Gespräch. Aber Frieden bleibt möglich, wo Menschen bereit sind, aufeinander zuzugehen. Die Zukunft wird aus Mut gemacht, nicht aus Angst.
Die Frage: Was bleibt Ihr Reim der Geschichte?
Brandt: Dass Versöhnung stärker ist als Vergeltung. Und dass ein leiser Schritt – ein Kniefall – manchmal mehr bewegt als ein lauter Sieg.
Erkenntnis
Versöhnung ist kein Zeichen der Schwäche, sondern die Grundlage des Friedens.
Verantwortung beginnt mit der Ehrlichkeit gegenüber der eigenen Vergangenheit.
© Zeitschleifen – Projekttext.

