Ich sterbe – also frage ich
Eine Zeitreise zu Gilgamesch
Ich reise nicht nach Uruk, um Antworten zu finden.
Ich reise dorthin, um den Moment zu sehen, in dem der Mensch zu fragen beginnt.
Uruk.
Die erste Stadt.
Mauern, Tempel, Ordnung.
Und ein König, der zerbricht.
Gilgamesch ist kein Heiliger.
Kein Erlöser.
Er ist ein Mensch, der plötzlich versteht, dass er sterben wird.
Der Tod Enkidus ist kein religiöses Ereignis.
Er ist ein Schock.
Ein Riss.
Mit ihm stirbt nicht nur ein Freund,
sondern die Selbstverständlichkeit des Lebens.
Und genau hier beginnt Spiritualität.
Nicht mit der Frage:
„Gibt es einen Gott?“
Sondern mit der Erkenntnis:
„Ich sterbe – also frage ich.“
Heute nennen wir diesen Moment die existenzielle Schwelle.
Damals hatte sie keinen Namen.
Ein Raum ohne Zeit.
Besucher aus vielen Jahrhunderten.
Niemand weiß, warum er hier ist.
Gilgamesch steht nicht erhöht.
Kein Thron.
Keine Insignien.
Jemand fragt:
„Warum suchst du das ewige Leben?“
Gilgamesch antwortet ohne Pathos:
„Weil ich sterbe.“
Eine andere Stimme:
„Und wenn es keines gibt?“
Er schweigt lange.
Dann sagt er:
„Dann bleibt mir nur mein Leben.“
Niemand fragt weiter.
Gilgamesch sucht keinen Sinn, der ihn rettet.
Er sucht Aufschub.
Er sucht ein Dagegen.
Doch er findet keinen Trost.
Keine Erlösung.
Kein Jenseits.
Er findet Erkenntnis.
Dass der Mensch endlich ist.
Und dass genau darin seine Würde liegt.
Ein Besucher tritt näher:
„Reicht das?“
Gilgamesch legt die Hand auf die Mauer von Uruk.
Sie ist rau.
Sie ist wirklich.
„Es reicht“, sagt er,
„wenn du es bejahst.“
Nicht Erleuchtung.
Nicht Erlösung.
Sondern Bejahung trotz Wissen um Endlichkeit.
Viele Jahrtausende später wird jemand diese Haltung in Worte fassen.
Nicht als Lehre.
Nicht als Religion.
Sondern als Herausforderung und zur Einsicht.
Weil es keinen übergeordneten Sinn gibt, der rettet.
Aber die Möglichkeit, das eigene Leben zu bejahen.
Und dass genau das
eine spirituelle Leistung ist.
Gilgamesch kehrt zurück nach Uruk.
Nicht erlöst.
Nicht getröstet.
Verändert.
Er baut Mauern.
Nicht gegen den Tod,
sondern für die Lebenden.
Seine Botschaft ist leise.
Aber sie trägt weit:
Der Mensch wird sterben.
Und gerade deshalb
muss er leben.
Spiritualität beginnt nicht dort,
wo Hoffnung versprochen wird.
Sondern dort,
wo der Mensch nicht mehr ausweicht.

Aus dem Buch der Essays: Gilgamesch in Uruk – Zeitreise zur ersten Zivilisation in einer Stadt mit einer Gruppe aus dem FutureLab
1. Ankunft in Uruk – Eine lebendige Stadt zwischen Euphrat und Tigris
Die Gruppe materialisiert sich vor den mächtigen Mauern von Uruk, der Stadt, die Gilgamesch selbst hatte errichten lassen. Diese Mauern, aus Lehmziegeln gebaut und durch die Sonne in einem warmen Gelbton leuchtend, ziehen sich kilometerweit um die Stadt – ein Monument menschlicher Schaffenskraft.
Die Hitze des Tages ist spürbar, und die Reisenden riechen die trockene Erde und den Rauch, der aus den Häusern aufsteigt. Das Tor, bewacht von Soldaten mit Lederpanzern und Speeren, öffnet sich für sie, und sie treten ein in eine der ersten Städte der Menschheit.
Auf den Straßen herrscht reges Treiben: Händler bieten Körbe mit Datteln und Getreide an, Frauen mit kunstvoll geflochtenen Haaren tragen Wasserkrüge, und Kinder laufen barfuß zwischen den Gassen. Im Hintergrund erhebt sich die massive Zikkurat, das Herz der Stadt, umgeben von Palästen und Tempeln.
Françoise Fischer:
„Es ist unglaublich, wie organisiert diese Stadt ist. Das erinnert fast an eine moderne Metropole.“
Henry Müller:
„Schaut euch die Tontafeln an, die dieser Schreiber beschreibt. Das ist die Keilschrift – die erste Schrift der Menschheit!“
Die Gruppe bleibt kurz stehen, um einem Schreiber zuzusehen, der konzentriert Zeichen auf eine feuchte Tontafel ritzt. Er erklärt, dass er die Menge an Getreide notiert, die für die Tempelarbeit benötigt wird.
2. Begegnung mit den Priestern und Schreiberklassen
Die Gruppe wird von einem Priester begrüßt, der ein weißes Gewand und eine mit Symbolen bestickte Schärpe trägt. Er führt sie zur Zikkurat, dem heiligen Tempel, der der Göttin Inanna gewidmet ist.
Priester:
„Willkommen in Uruk, der Stadt der Götter und Menschen. Diese Zikkurat ist nicht nur ein Ort der Verehrung, sondern auch das Zentrum unserer Verwaltung und unseres Wissens.“
Die Gruppe betritt die kühlen Hallen der Zikkurat, wo mehrere Schreiber Tontafeln mit mathematischen Berechnungen und Listen füllen. Der Priester erklärt, wie die Keilschrift entwickelt wurde, um Handel, Steuern und religiöse Rituale zu dokumentieren.
Dr. Behrends:
„Diese Menschen hatten also nicht nur religiöse Motive, sondern auch wirtschaftliche und administrative Gründe, eine Schrift zu entwickeln.“
3. Der Alltag der Bewohner
Zurück auf den Straßen erleben die Reisenden den Alltag der Bewohner von Uruk:
- Ein Arzt zeigt ihnen, wie er Salben aus Myrrhe und Zedernöl anfertigt, um Wunden zu behandeln. „Unsere Götter haben uns die Heilkunst gelehrt“, erklärt er.
- Ein Händler preist Töpferwaren an, die er aus einer Nachbarstadt importiert hat. Die Gruppe erfährt, dass Uruk ein Handelszentrum ist, das mit Regionen bis nach Anatolien und Persien verbunden ist.
- Eine Bäuerin bietet Gerstenfladen an und erzählt, wie wichtig die Bewässerungssysteme für die Landwirtschaft sind.
4. Der König Gilgamesch
Am Abend wird die Gruppe in den Palast eingeladen, wo sie schließlich den legendären König Gilgamesch trifft. Er sitzt auf einem prächtigen Thron aus Holz und Bronze, flankiert von Beratern und Kriegern. Seine Erscheinung ist imposant: ein kräftiger Mann mit dunklen, durchdringenden Augen und einem goldenen Umhang.
Gilgamesch:
„Ihr seid nicht von hier, das sehe ich an euren Gewändern. Erzählt mir, was euch nach Uruk geführt hat.“
Die Gruppe spricht über die Entwicklung der Stadt und die Bedeutung von Gilgameschs Herrschaft.
Françoise Fischer:
„Man erzählt, dass Ihr die Mauern von Uruk selbst errichtet habt, um die Stadt vor Feinden zu schützen. Was ist Euer größtes Ziel als Herrscher?“
Gilgamesch:
„Mein Ziel ist es, etwas zu schaffen, das die Zeit überdauert. Diese Mauern, diese Stadt – das ist mein Vermächtnis. Doch…“ – er hält inne – „was nützt mir das alles, wenn der Tod unausweichlich ist?“
Hinweis (Bildzuordnung): Gilgamesch (der Mann links mit Bart und Kriegerausrüstung) · Ishtar / Inanna (die Frau in der Mitte mit Strahlenkranz und Flügeln – Göttin der Liebe und des Krieges) · Enkidu oder ein anderer Gott wie Marduk oder Shamash (der Mann rechts mit Krone und Zepter)
5. Diskussion über Unsterblichkeit
Die Gruppe spricht mit Gilgamesch über seine Suche nach Unsterblichkeit.
Dr. Behrends:
„Eure Geschichte zeigt, dass die Menschen schon immer nach einer Antwort auf die Sterblichkeit gesucht haben. Doch ist es nicht so, dass wahre Unsterblichkeit in den Taten und Werken liegt, die ihr hinterlasst?“
Gilgamesch (nachdenklich):
„Vielleicht habt ihr recht. Doch der Gedanke an den Tod lässt mich nicht los. Mein Freund Enkidu hat mir gezeigt, wie vergänglich alles ist. Ich werde weiter nach der Antwort suchen.“
5.1. Kapitel: Die Unterweltreise des Gilgamesch – Vom Schmerz zur Erkenntnis
Die flimmernde Vision der antiken Stadt Uruk verblasst, und das Hologramm des FutureLabs projiziert nun eine andere Welt. Die Besucher spüren es sofort: Die Luft wird kälter, die Farben dunkler, und selbst die Geräusche scheinen gedämpft. Die Simulation verändert sich, denn was nun folgt, ist kein gewöhnlicher Ausflug in die Antike, sondern eine Reise in die Schattenwelt – die Unterwelt.
Gilgamesch steht auf einer fahlen Ebene, von gespenstischen Nebeln umhüllt. Er wirkt verändert. Nicht mehr der unbezwingbare Herrscher, nicht der kriegerische Held, sondern ein trauernder Freund, ein Suchender. Sein Blick ist leer, sein Gang schwer. Die Gäste aus dem 21. Jahrhundert, noch immer im Bann der Zeitreise, beobachten ihn andächtig.
Dr. Behrends flüstert: „Das ist der Wendepunkt. Hier beginnt Gilgameschs tiefste Reise – nicht durch Länder, sondern durch seine eigene Seele.“
Nachdem Enkidu, sein engster Freund, durch den Willen der Götter gestorben war, konnte Gilgamesch den Tod nicht akzeptieren. Der Tod hatte Enkidu aus seinem Leben gerissen, und mit ihm ein Stück seines eigenen Wesens. Verzweifelt zog Gilgamesch hinaus, über Berge und Meere, durch brennende Wüsten und stürmische Ebenen, auf der Suche nach Utanapischtim – dem einzigen Menschen, dem die Götter Unsterblichkeit geschenkt hatten.
Seine Reise führte ihn schließlich zur Schwelle der Unterwelt. Dort, zwischen Leben und Tod, wurde er geprüft. Er sprach mit Siduri, der weisen Schankwirtin, die ihm vom Sinn des Lebens berichtete. Er begegnete Ur-Schanabi, dem Fährmann, der ihn über das „Meer des Todes“ brachte, jenen geheimnisvollen Strom zwischen der Welt der Lebenden und der Schatten.
Und dann betrat er die Unterwelt.
Der Erzähler des FutureLabs beschreibt es nüchtern: „Hier ist kein Höllenfeuer, keine Bestrafung im klassischen Sinne. Die Unterwelt Mesopotamiens ist ein Ort der Stille, des Staubs, der Vergessenheit. Die Toten kauern im Dunkeln, ernähren sich von Lehm und Schatten, ihre Stimmen sind nur Flüstern.“
Gilgamesch ruft nach Enkidu. Und Enkidu erscheint – nur für einen Moment. Sein Schatten tritt aus der Finsternis, gezeichnet vom Reich der Toten. Die beiden Freunde sprechen. Enkidu erzählt, was er sieht, doch er darf nicht alles preisgeben. Die Ordnung der Götter duldet kein vollständiges Wissen. Die Mysterien des Todes bleiben unerschlossen.
Tränen laufen Gilgamesch über das Gesicht. Zum ersten Mal erkennen die Besucher seine Menschlichkeit. Er, der Halbgott, kann den Tod nicht besiegen. Er, der Krieger, ist machtlos gegenüber dem Verlust.
Als er zurückkehrt aus der Unterwelt, ist er nicht mehr derselbe.
Er findet die Pflanze der Unsterblichkeit – nur um sie an eine Schlange zu verlieren.
Die Gäste im FutureLab halten den Atem an.
Ist dies der Moment der totalen Niederlage?
Oder der Moment, in dem etwas anderes beginnt?
Gilgamesch setzt sich auf einen Felsen. Die Projektion zeigt ihn reglos, den Blick ins Leere gerichtet. Zum ersten Mal versucht er nicht, dem Verlust etwas entgegenzusetzen. Er sucht keinen Ausweg mehr.
„Ich werde sterben“, sagt er schließlich. Seine Stimme ist ruhig, nicht verzweifelt. „Und nichts, was ich finde, wird das ändern.“
In der Gruppe entsteht Unruhe. Manche hatten gehofft, die Geschichte würde an dieser Stelle eine andere Wendung nehmen – eine Rettung, ein Geschenk der Götter, ein Geheimnis, das den Tod relativiert.
Doch Gilgamesch sieht diese Hoffnung und widerspricht ihr nicht. Er lässt sie stehen – und damit auch scheitern.
„Ich habe geglaubt“, fährt er fort, „Unsterblichkeit bedeute, dem Ende zu entkommen. Jetzt weiß ich: Sie bedeutet, es anzusehen.“
Stille breitet sich aus. Nicht die Stille der Enttäuschung, sondern eine andere – schwerer, klarer.
„Ich kehre zurück“, sagt Gilgamesch, „nicht mit ewigem Leben, sondern mit dem Wissen, dass dieses Leben mir gehört, solange es dauert.“
Erst jetzt richtet er sich auf.
Nicht als Sieger.
Nicht als Erlöster.
Sondern als einer, der das Scheitern nicht mehr vermeiden muss.
Der Erzähler des FutureLabs spricht ruhig:
„Hier endet die Suche nach Unsterblichkeit. Und hier beginnt etwas anderes.“
Die Gäste verstehen langsam:
Unsterblichkeit liegt nicht darin, dem Tod zu entkommen,
sondern darin, das eigene Leben nicht gegen ein anderes einzutauschen.
Gilgamesch kehrt nach Uruk zurück. Er lässt die Mauern beschreiben, die Stadt, die Geschichte, die Wege, die er gegangen ist. Er hinterlässt Worte – Keilschrift auf Tontafeln –, nicht als Sieg über den Tod, sondern als Zeichen eines gelebten Lebens.
Die Projektion endet.
Die Gäste sitzen still. In Gilgameschs Scheitern erkennen sie ihre eigene Lage:
dass Sinn nicht gegeben wird,
sondern entsteht, wenn man aufhört, gerettet werden zu wollen.
Dr. Behrends sagt leise:
„Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis: Nicht dass wir weiterleben – sondern dass wir unser Leben bejahen können, obwohl es endet.“
Der Bildschirm verdunkelt sich. Die Zeitreise ist beendet. Doch die Erkenntnis bleibt: Gilgamesch lebt – nicht durch seinen Körper, sondern durch das, was er erzählt hat. Und durch das, was wir bereit sind, weiterzutragen.
Hinweis (Bildzuordnung): Gilgamesch (der Mann links mit Bart und Kriegerausrüstung) · Ishtar / Inanna (die Frau in der Mitte mit Strahlenkranz und Flügeln – Göttin der Liebe und des Krieges) · Enkidu oder ein anderer Gott wie Marduk oder Shamash (der Mann rechts mit Krone und Zepter)
6. Rückkehr ins FutureLab
Nach ihrer Rückkehr diskutieren die Reisenden über die Erfahrungen in Uruk:
Henry Müller:
„Es ist beeindruckend, wie fortschrittlich diese Zivilisation war. Sie hatten ein Rechtssystem, Schrift, Architektur – alles, was eine Gesellschaft braucht.“
Françoise Fischer:
„Und doch war die zentrale Frage die gleiche wie heute: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Wie gehen wir mit der Vergänglichkeit um?“
Dr. Behrends:
„Gilgamesch lehrt uns, dass es nicht die Unsterblichkeit ist, die zählt, sondern die Spuren, die wir hinterlassen.

Das Gilgamesch-Epos – Ursprung, Inhalt und Deutung
Das Gilgamesch-Epos gilt als das älteste überlieferte literarische Werk der Menschheit. Seine Ursprünge reichen bis ins 3. Jahrtausend v. Chr. zurück. Erhalten ist es auf Keilschrifttafeln aus Mesopotamien, insbesondere aus der Bibliothek des assyrischen Königs Assurbanipal in Ninive.
Kurzinhalt
Gilgamesch, König von Uruk, ist zu Beginn ein mächtiger, aber tyrannischer Herrscher. Die Götter erschaffen Enkidu als Gegengewicht zu ihm. Aus Feinden werden Freunde, und gemeinsam bestehen sie große Abenteuer, darunter den Kampf gegen den Dämon Humbaba.
Als Enkidu jedoch stirbt, zerbricht Gilgameschs Selbstverständnis. Zum ersten Mal erkennt er seine eigene Sterblichkeit. Getrieben von Angst und Schmerz begibt er sich auf eine lange Reise, um Unsterblichkeit zu erlangen.
Er findet den Unsterblichen Utanapischtim, erfährt von der Sintflut und erhält schließlich eine Pflanze, die ewige Jugend verspricht. Doch eine Schlange raubt sie ihm – und Gilgamesch bleibt sterblich.
Am Ende kehrt er nach Uruk zurück. Nicht als Sieger über den Tod, sondern als Mensch, der ihn akzeptiert.
Interpretation
Das Gilgamesch-Epos ist keine Heldengeschichte im klassischen Sinn. Es ist eine Erzählung über Verlust, Scheitern und Erkenntnis.
Gilgamesch scheitert an seinem größten Wunsch: dem Sieg über den Tod. Doch gerade dieses Scheitern führt zur zentralen Einsicht des Epos:
Der Mensch ist sterblich – und gerade deshalb verantwortlich für sein Leben.
Unsterblichkeit erscheint im Epos nicht als biologisches Weiterleben, sondern als Erinnerung, Werk und Erzählung. Gilgameschs wahres Vermächtnis sind nicht göttliche Gaben, sondern die Mauern von Uruk und die Geschichte selbst, die von ihm erzählt wird.
Damit markiert das Gilgamesch-Epos einen Urmoment menschlicher Spiritualität: Nicht der Satz „Es gibt einen Gott, also glaube“ steht am Anfang, sondern die Erfahrung „Ich sterbe – also frage ich“.
In dieser Erkenntnis liegt keine Erlösung, sondern eine Haltung: die Bejahung des endlichen Lebens trotz seines Wissens um den Tod.

Historische Einordnung
Gilgamesch ist keine rein mythische Figur. Er gilt als historischer König von Uruk und lebte nach heutiger Forschung vermutlich um 2700 v. Chr., also in der frühdynastischen Zeit Mesopotamiens.
Archäologische und textliche Hinweise deuten darauf hin, dass Gilgamesch der fünfte König der ersten Dynastie von Uruk war. Sein Name erscheint in der Sumerischen Königsliste, wo ihm eine außergewöhnlich lange Regierungszeit zugeschrieben wird – ein typisches Merkmal der frühen Verbindung von Geschichte und Mythos.
Das Epos selbst wurde jedoch erst viele Jahrhunderte später schriftlich fixiert. Die ältesten Fassungen stammen aus dem 3. Jahrtausend v. Chr., die sogenannte „Standardfassung“ aus dem 2. Jahrtausend v. Chr., vor allem in altbabylonischer und später assyrischer Überlieferung.
Damit steht Gilgamesch an einer einzigartigen Schwelle: als möglicherweise realer Herrscher, der bereits zu Lebzeiten zur mythischen Figur wurde – und dessen Geschichte über Jahrtausende weitergetragen wurde.

