Otto Dix, fotografiert von Hugo Erfurth (ca. 1929). Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: Public Domain (USA).
Otto Dix – „Ich wollte zeigen, was ist.“
Fiktives Gespräch auf dokumentarischer Grundlage • Neue Sachlichkeit • Erster Weltkrieg · Weimarer Jahre · Diffamierung als „entartet“
Otto Dix (1891–1969) gehört zu den kompromisslosesten Zeugen seiner Zeit. Als Soldat erlebte er den Ersten Weltkrieg aus nächster Nähe; als Maler der Neuen Sachlichkeit hielt er das Sichtbare fest – ungeschönt, präzise, oft schmerzhaft. In diesem gedachten Gespräch verdichten sich Motive und Haltungen, wie sie aus Briefen, Interviews und Werkzusammenhängen überliefert sind.
„Mein Bestreben war es, die Wahrheit unverhüllt darzustellen. Nicht heroisch – sondern so, wie sie ist.“
Frage: Herr Dix, warum diese Unerbittlichkeit der Darstellung?
Dix: Weil Verklärung ein zweites Verbrechen ist. Der Krieg hat mir gezeigt, wie dünn der Lack der Zivilisation ist. In den Radierungen des Zyklus Der Krieg wollte ich nichts beschönigen: zerfetztes Fleisch, Schlamm, Leere. Wer hinsieht, versteht vielleicht, was Worte oft nicht erreichen.
Frage: Nach 1918 wenden Sie den Blick auf die Städte der Weimarer Republik. Was suchten Sie dort?
Dix: Wirklichkeit. Porträts, Straßenbilder, Bars, Varietés – die oberen und die unteren Ränge. Die gläsernen Gesichter der Aufsteiger, die Müdigkeit der Tänzerinnen, die Verletzlichkeit der Kriegsversehrten. Neue Sachlichkeit heißt, genau hinsehen. Nicht moralisieren, sondern bezeugen.
Frage: 1933 werden Sie entlassen, Werke beschlagnahmt, als „entartet“ diffamiert. Wie hat das Ihre Arbeit verändert?
Dix: Ich zog mich zurück. Landschaften, biblische Motive – scheinbar leise. Aber auch in der Stille kann Widerstand liegen. Malerei ist nicht nur Sujet, sie ist Haltung. Ich habe nie gelernt, zu lügen.
Frage: Und nach 1945?
Dix: Die Welt war eine andere – und doch dieselbe. Ich habe weiter gefragt: nach Schuld, nach Gnade, nach dem, was vom Menschen bleibt. Vielleicht ist die späte Strenge meiner Bilder die ehrlichste Form von Trost, zu der ich fähig war.
„Kunst ist kein Gerichtsurteil – aber sie ist ein Protokoll. Wer es liest, darf sich nicht herausreden.“
Nachklang
Dix’ Werk bleibt ein Archiv der Zumutungen des 20. Jahrhunderts. Es zeigt, wie genaues Hinsehen zur Ethik werden kann – und wie eine Epoche im Spiegel ihrer Gesichter sichtbar wird.
Quellenhinweis: Fiktive Rekonstruktion unter Rückgriff auf biografische Daten, zeitgenössische Interviews, den Zyklus Der Krieg (1924) und Werkzusammenhänge der Neuen Sachlichkeit.
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