„Die Zukunft sei Sprache. Im Sich-Ergründen leben. Ich schreibe, um zu wagen.“
In Welt am Draht begegne ich als Autor Wolfgang zwei literarischen Größen: Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Ihre Liebe, ihre Konflikte und ihr Scheitern werden auf der Bühne zu einem Spiegel meiner eigenen Lebenswunden. Zentrales Symbol ist die Telefonzelle – ein Portal ins Unterbewusstsein, ein Raum zwischen Erinnerung und Erkenntnis, Zauberberg und FutureLab. Das Stück umfasst Prolog, den Einakter Frisch gewagt, das Nachspiel Bachmann Overdrive und eine Nachlese.
Prolog
[Eine leere Bühne. Hinten eine schwach beleuchtete Telefonzelle.]
WOLFGANG: Ich schreibe, weil ich sonst nicht weiß, ob ich bin. Ich schreibe, weil die Welt ein Draht ist – gespannt zwischen Erinnerung und Wunsch. Und dort, am Ende des Drahtes, klingelt es immer wieder.
[Das Telefon in der Zelle klingelt. Niemand geht hin.]
(nur im Text) Es klingelt in mir seit meiner Jugend – seit die Welt nicht nur gesehen, sondern gefühlt wurde. Es klingelte bei den ersten Lieben, die nicht hielten. Bei Fragen ohne Antwort.
Frisch gewagt – Ein Einakter
Szene 1 – Das Paar
[Frisch und Bachmann treten auf. Wolfgang weicht zur Seite, beobachtet.]
BACHMANN: Du nennst mich eine Figur. Aber ich bin keine Figur. Ich bin eine Frau, Max.
FRISCH: Jeder Mensch ist eine Figur. Manche sind zu lang, manche zu kurz. Ich habe versucht, dich zu schreiben – und dabei habe ich dich verloren.
BACHMANN: Du hast mich verloren, weil du mich erklärt hast, statt mich zu lieben.
FRISCH: Vielleicht konnte ich nicht anders. Im Manuskript bleibt das Leben. Menschen bleiben nie.
[Das Telefon klingelt schärfer. Bachmann blickt zur Zelle, geht hinein, hebt ab.]
BACHMANN (ins Telefon): Ich habe keine Stimme, die nicht von dir berührt ist. Dein Schweigen liegt wie Blei über meinen Sätzen.
WOLFGANG: Die Telefonzelle: ein Draht ins Unterbewusstsein. Dort, wo niemand sich verstecken kann.
(nur im Text) Auch mein Schweigen wurde zur Wunde.
Szene 2 – Erzählung einer Liebe: Anfang
BACHMANN: Es war Wien. Ein Abend voller Stimmen. Ich sprach von Gedichten, von einer Welt, die zu schwer war. Du standest da – ein Architekt im Herzen, ein Autor im Kopf.
FRISCH: Deine Stimme trug Zukunft. Ich wollte ihr zuhören.
BACHMANN: Wir sprachen Nächte hindurch. Die Worte waren jung, wie wir.
Szene 3 – Erzählung einer Liebe: Zusammenleben
[Ein Schreibtisch, Manuskripte, Bücher.]
FRISCH: Ich schrieb dich in meine Figuren. Dein Lachen, deine Tränen, deine Sätze. Es war meine Art, dich zu lieben.
BACHMANN: Nein, Max. Du hast mich verwendet. Ich wollte leben, nicht in einem Buch sterben.
FRISCH: Alles, was ich berühre, wird Sprache. Auch du.
BACHMANN: Und meine Worte? Sie brannten für dich – fanden aber keinen Raum neben deinen.
Szene 4 – Erzählung einer Liebe: Zerbrechen
[Dunkel. Nur die Telefonzelle glimmt.]
BACHMANN: Es blieb Schmerz. Und das Wissen, dass wir einander verloren, während wir noch nebeneinander saßen.
FRISCH: Ich griff nach dem Stift statt nach deiner Hand. Ich habe dich verraten. Vielleicht war es unvermeidlich.
BACHMANN: Wir wollten zu viel. Liebe und Literatur sind schlechte Mitbewohner. Sie nehmen einander die Luft.
FRISCH (zu Wolfgang): Darum sage ich: Frisch gewagt. Wir wagten zu lieben. Wir wagten zu scheitern.
BACHMANN (sanft): Und du, Wolfgang – wage dich selbst. Schreib, auch wenn es weh tut.
(nur im Text) Jeder Satz legt frei, was schmerzt. Und doch schreibe ich – sonst bliebe nur Stille.
Schlussbild des Einakters – Wolfgang hebt ab
[Wolfgang geht in die Telefonzelle. Das Klingeln verstummt. Er sieht sein Spiegelbild.]
WOLFGANG: Ich weiß, was mich verwundet hat. Es ist das Leben selbst. Und jetzt – im Erkennen – heilt es. Schlagartig.
[Er legt den Hörer auf. Stille.]
(nur im Text) Die Narbe bleibt. Manchmal, nachts, höre ich es wieder klingeln.
Nachspiel – Bachmann Overdrive
[Die Telefonzelle leuchtet noch einmal schwach – wie ein Herzschlag. Wolfgang nimmt den Hörer ohne Zögern.]
WOLFGANG: Es klingelt. Und diesmal hebe ich ab.
Ich höre kein Schweigen. Ich höre mich – gespiegelt durch zwei Stimmen, die geliebt und verloren, gewagt und gescheitert, aber nie verstummt sind.
Max. Ingeborg.
Sie sind keine Denkmäler. Sie sind Hüter eines Wissens, das mir niemand sonst schenken konnte:
Dass Wunden Worte werden. Dass Worte Wagnis sind. Nicht langsam, nicht tröpfelnd – plötzlich, wie ein Überstrom.
Bachmann Overdrive.
Ein Ruck. Ein Schub. Ein Lächeln.
Ich schreibe nicht, um zu verbluten. Ich schreibe, um zu wagen.
[Der Hörer wird sanft aufgelegt. Die Zelle erlischt. Ein kleines, warmes Licht bleibt. Stille.]
Nachlese
(nur im Text) Die Bühne zeigt Bilder; der Text zeigt Spuren. Wer liest, sieht mehr. Wer weiterliest, riskiert sich – und wird gesehen.


