Wann kommt Ulrike wieder?
Prolog: An mein Publikum
Manchmal genügt ein einziges Wort, um eine gedankliche Lawine auszulösen. In meinem Fall war es: „das Monster“.
Nicht aus einem Zeitungskommentar. Nicht aus dem Internet. Sondern aus einem alten, tintengetränkten Brief – geschrieben von Émilie du Châtelet, einer Frau der Aufklärung, an ihren Denkgefährten Voltaire.
Sie schrieb:
„Du begnügst dich damit, ein Monster zu verachten, das man eigentlich vernichten müsste.“
Es war kein Ruf zur Gewalt. Es war ein Ruf zur Klarheit. Ein Appell, sich dem Unrecht nicht nur innerlich zu entziehen, sondern ihm offen zu begegnen – mit Worten, mit Mut, mit Haltung.
Seit ich diesen Satz las, lässt mich eine andere Frau nicht mehr los: Ulrike Meinhof.
Sie war Journalistin, Intellektuelle, Mutter – und wurde zur Mitbegründerin der RAF. Sie verließ die Welt der Kolumnen, der Sprache, des Denkens – und tauchte ab in den Untergrund, in die Gewalt, in die Geschichte.
Was ist da passiert? Wo schlug bei ihr die Feder in die Faust um?
Diese Fragen haben mich zu einem Theateressay geführt. Ein Versuch, nicht zu urteilen, sondern zu fragen. Ein Versuch, zu begreifen, was Menschen aus der Sprache heraus treibt – und ob das auch heute wieder geschehen kann.
In vier Kapiteln spreche ich mit Ulrike. Nicht mit der Ikone. Nicht mit der Täterin. Sondern mit einer Stimme, die wir zu selten gehört haben, bevor sie verstummte.
Ich schreibe, wie viele, gegen das Rauschen. Gegen das Vergessen. Gegen das Zynischwerden. Ich fürchte mich – nicht nur vor neuen Ulrikes oder Baaders, sondern vor der Ohnmacht, aus der sie einst geboren wurden.
Ich sehe die Monster wieder – klarer denn je. Und mit meiner Art zu leben und zu schreiben kann ich sie nicht besiegen. Aber vielleicht kann ich sie benennen.
Wenn Sie mir zuhören, beginnt dieser Versuch. Und das genügt – für einen Anfang.
Einschub: Der Sprung durchs Fenster – Ulrikes Moment
Es war nicht der Moment der Gründung. Nicht das Schreiben eines Manifests. Nicht der Bau einer Bombe.
Es war ein Sprung. Durch ein Fenster. In den Untergrund. In eine andere Zeit. In ein anderes Ich.
Als Ulrike Meinhof Andreas Baader zur Flucht verhalf, tat sie es nicht mit einem Aufschrei, sondern mit einem Schritt. Ein Sprung aus der Redaktion in den Widerstand. Ein Sprung aus der Analyse in die Aktion. Ein Sprung, von dem sie wusste, dass es kein Zurück geben würde.
Später sagte sie sinngemäß: Das war der Moment, in dem ich „durch den Spiegel gegangen“ bin. Es ist dieser Sprung, der zur Metapher wurde – für den Punkt, an dem Wut, Ohnmacht und Überzeugung in Handlung umschlagen.
Doch genau hier liegt die Brisanz: Der Sprung durchs Fenster ist der Punkt, an dem Menschen glauben, sie hätten keine andere Wahl mehr. Diesen Moment gibt es heute auch – in anderen Farben, Medien, Gesichtern.
Der Sprung durchs Fenster ist also nicht nur ein Bild für Ulrike. Er ist ein Symbol für den Moment, in dem Denken kippt. Ein Moment, den wir verhindern müssen – durch Zuhören, Aufklärung, und das unbequeme Bestehen auf Menschlichkeit.
Kapitel I – Die Intellektuelle
Ein Theateressay aus dem Buch der Essays „Wann kommt Ulrike wieder?“
Szene: Denkraum
Ein leerer, weißer Raum. Keine Möbel. Keine Requisiten. Nur Licht. Nur Stimme. DIE FRAGE tritt auf.
DIE FRAGE: Ulrike Meinhof war Journalistin. Mutter. Linke Intellektuelle. Stimme der Bundesrepublik…
Kapitel II – Das Monster heute
Ein Theateressay aus dem Buch der Essays „Wann kommt Ulrike wieder?“
Szene: Welt in Splittern
Auf der Bühne: vier Bildschirme oder Projektionen. Gaza. Ukraine. Paris. Berlin. Schlagzeilen…
Kapitel III – Die nächste Ulrike
Ein Theateressay aus dem Buch der Essays „Wann kommt Ulrike wieder?“
Szene: Zukunftsfenster
Die Bühne ist fast leer. In der Mitte: ein Smartphone auf einem Podest. Davor: DIE FRAGE…
Kapitel IV – Der Schreibende
Ein Theateressay aus dem Buch der Essays „Wann kommt Ulrike wieder?“
Szene: Innenraum
Ein einzelner Stuhl. Ein Tisch mit Notizbuch. Eine Stimme. Keine Bühne. Kein Publikum…
Historischer Anhang – Biografien der Hauptfiguren
Ulrike Meinhof (1934–1976) Ulrike Meinhof war Journalistin, Intellektuelle und Mitbegründerin der RAF…
Wann kommt Ulrike wieder?
Ein Theateressay in vier Akten
Mit einem Prolog, Einschub und historischem Anhang
von Wolfgang
© 2025
Text & Konzept: Wolfgang …
Szenisches Format zur Matinee oder Theaterfassung
Dieses Werk wurde im FutureLab entwickelt – ein Raum für Erinnerung, Widerspruch und Gegenwart.

Privataufnahme, mit Genehmigung von Bettina Röhl (Tochter von Ulrike Meinhof); als gemeinfrei auf Wikimedia Commons veröffentlicht :contentReference[oaicite:1]{index=1}

