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Wann kommt Ulrike wieder?

Ein Theateressay in vier Akten

Von Wolfgang Bossert · 2025

Ein Stück über die Grenze zwischen Denken und Gewalt, über die Monster unserer Zeit und die Verantwortung des Menschen.


Prolog: An mein Publikum

Manchmal genügt ein einziges Wort, um eine gedankliche Lawine auszulösen. In meinem Fall war es: „das Monster“.

Nicht aus einem Zeitungskommentar. Nicht aus dem Internet. Sondern aus einem alten, tintengetränkten Brief – geschrieben von Émilie du Châtelet, einer Frau der Aufklärung, an ihren Denkgefährten Voltaire.

Sie schrieb:

„Du begnügst dich damit, ein Monster zu verachten, das man eigentlich vernichten müsste.“

Es war kein Ruf zur Gewalt. Es war ein Ruf zur Klarheit. Ein Appell, sich dem Unrecht nicht nur innerlich zu entziehen, sondern ihm offen zu begegnen – mit Worten, mit Mut, mit Haltung.

Seit ich diesen Satz las, lässt mich eine andere Frau nicht mehr los: Ulrike Meinhof.

Sie war Journalistin, Intellektuelle, Mutter – und wurde zur Mitbegründerin der RAF. Sie verließ die Welt der Kolumnen, der Sprache, des Denkens – und tauchte ab in den Untergrund, in die Gewalt, in die Geschichte.

Was ist da passiert? Wo schlug bei ihr die Feder in die Faust um?

Diese Fragen haben mich zu einem Theateressay geführt. Ein Versuch, nicht zu urteilen, sondern zu fragen. Ein Versuch, zu begreifen, was Menschen aus der Sprache heraus treibt – und ob das auch heute wieder geschehen kann.

In vier Kapiteln spreche ich mit Ulrike. Nicht mit der Ikone. Nicht mit der Täterin. Sondern mit einer Stimme, die wir zu selten gehört haben, bevor sie verstummte.

Ich schreibe, wie viele, gegen das Rauschen. Gegen das Vergessen. Gegen das Zynischwerden. Ich fürchte mich – nicht nur vor neuen Ulrikes oder Baaders, sondern vor der Ohnmacht, aus der sie einst geboren wurden.

Ich sehe die Monster wieder – klarer denn je. Und mit meiner Art zu leben und zu schreiben kann ich sie nicht besiegen. Aber vielleicht kann ich sie benennen.

Wenn Sie mir zuhören, beginnt dieser Versuch. Und das genügt – für einen Anfang.


Einschub: Der Sprung durchs Fenster – Ulrikes Moment

Es war nicht der Moment der Gründung. Nicht das Schreiben eines Manifests. Nicht der Bau einer Bombe.

Es war ein Sprung. Durch ein Fenster. In den Untergrund. In eine andere Zeit. In ein anderes Ich.

Als Ulrike Meinhof Andreas Baader zur Flucht verhalf, tat sie es nicht mit einem Aufschrei, sondern mit einem Schritt.

Ein Sprung aus der Welt des Schreibens in den bewaffneten Untergrund. Ein Sprung aus der Analyse in die Aktion. Ein Sprung, nach dem es für sie kein einfaches Zurück mehr gab.

Später beschrieb sie ihren Bruch sinngemäß mit dem Bild, „durch den Spiegel gegangen“ zu sein.

Es ist dieser Sprung, der zur Metapher wurde – für den Punkt, an dem Wut, Ohnmacht und Überzeugung in Handlung umschlagen.

Nicht jede Handlung ist heroisch. Viele sind falsch. Manche zerstören Leben – das eigene, das anderer.

Doch genau hier liegt die Brisanz: Der Sprung durchs Fenster ist der Punkt, an dem Menschen glauben, sie hätten keine andere Wahl mehr.

Diesen Moment gibt es heute auch. In anderen Farben. In anderen Medien. In anderen Gesichtern.

Manche springen, metaphorisch, in Radikalisierung, Verschwörung, Gewalt.

Und immer stellt sich dieselbe Frage:

Wann wird ein Mensch so wütend, so verzweifelt, so vereinzelt, dass er das Menschsein aufgibt? Oder dass er glaubt, Menschsein heiße, nicht länger zuzusehen?

Ulrike Meinhof war nicht die Erste, deren Überzeugungen und Entscheidungen in eine Katastrophe führten.

Vor ihr waren es Soldaten in Verdun, die sich der Kriegsmaschine unterwarfen. Es waren Menschen in der NS-Zeit, die zu Mitläufern wurden. Es sind heute Menschen unterschiedlicher politischer Lager, die ihre vermeintliche Gewissheit über die Würde anderer stellen.

Der Sprung durchs Fenster ist also nicht nur ein Bild für Ulrike.

Er ist ein Symbol für den Moment, in dem Denken kippt.

Ein Moment, den wir alle fürchten sollten. Und den wir verhindern müssen – durch Aufklärung, demokratischen Widerspruch und das stille, unbequeme Bestehen auf Menschlichkeit.


Kapitel I – Die Intellektuelle

Szene: Denkraum

Ein leerer, weißer Raum. Keine Möbel. Keine Requisiten. Nur Licht. Nur Stimme.

DIE FRAGE tritt auf.

DIE FRAGE:

Ulrike Meinhof war Journalistin. Mutter. Linke Intellektuelle. Eine bekannte Stimme der Bundesrepublik.

Sie schrieb gegen gesellschaftliche Missstände, gegen den Krieg und gegen das Vergessen.

Aber was geschieht, wenn ein Mensch nicht mehr daran glaubt, dass Worte etwas verändern können?

ULRIKE tritt aus dem Schatten.

ULRIKE:

Worte können aufklären. Worte können entlarven. Worte können Menschen bewegen.

Aber Worte können auch folgenlos bleiben.

DIE FRAGE:

Und deshalb Gewalt?

ULRIKE:

Du stellst die Frage aus einer anderen Zeit. Du kennst die Folgen.

DIE FRAGE:

Ja. Ich kenne sie.

Ich kenne die Menschen, die verletzt wurden. Ich kenne die Toten. Ich kenne die Angst, die der Terrorismus ausgelöst hat.

Aber ich möchte verstehen, warum du geglaubt hast, den Weg des Schreibens verlassen zu müssen.

ULRIKE:

Vielleicht beginnt es damit, dass man irgendwann nur noch die eigene Wahrheit sieht.

DIE FRAGE:

Und alles andere zum Feind erklärt?

ULRIKE:

Vielleicht.

DIE FRAGE:

Dann beginnt das Monster nicht erst mit der Waffe.

Es beginnt im Denken.

Dort, wo der Mensch aufhört, seine eigenen Überzeugungen infrage zu stellen.

Lange Pause.

DIE FRAGE:

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht nur: Warum hast du den Sprung gewagt?

Sondern auch: Warum hast du geglaubt, ihn wagen zu müssen?

Das Licht erlischt.


Kapitel II – Das Monster heute

Szene: Welt in Splittern

Auf der Bühne: vier Bildschirme oder Projektionen.

Gaza. Ukraine. Paris. Berlin.

Schlagzeilen. Zitate. Geräusche von Debatten, Protesten, Bomben.

DIE FRAGE steht im Zentrum. ULRIKE tritt aus dem Dunkel ins Licht.

DIE FRAGE:

Das Monster ist nicht tot, Ulrike.

Es trägt heute Anzug. Es hält Reden. Es beruft sich auf Sicherheit, auf Ordnung, auf Gerechtigkeit.

Es spricht in Talkshows, regiert in Ministerien, bombardiert Städte.

Und manchmal steht es schweigend in der Menge.

Was siehst du, wenn du die Gegenwart betrachtest?

ULRIKE:

Ich sehe viele Monster.

Einige mit Fahnen. Andere mit Algorithmen.

Einige schlagen mit Waffen. Andere mit Worten.

Einige sprechen von Frieden, während sie Krieg planen.

Einige nennen sich demokratisch – und meinen Gehorsam.

DIE FRAGE:

Gibt es noch Schriftstellerinnen, die widersprechen?

ULRIKE:

Ja.

Adania Shibli. Olga Tokarczuk. Swetlana Alexijewitsch. Colum McCann. Yishai Sarid.

Sie schreiben gegen das Vergessen. Gegen die Lüge. Gegen den Strom.

Aber sie kämpfen gegen ein Rauschen.

Früher war Schweigen tödlich. Heute ist es das Geräusch, das alles verschluckt.

DIE FRAGE:

Und die Leser?

ULRIKE:

Viele lesen. Wenige handeln.

Viele empören sich. Wenige erinnern sich.

Empörung ist schnell. Erinnerung ist Arbeit.

Ich fürchte, wir haben die Geduld verloren, die Gerechtigkeit braucht.

DIE FRAGE:

Was wäre dein Text heute, Ulrike?

ULRIKE:

Kein Aufruf. Eine Frage:

„Was siehst du, wenn du in den Spiegel der Welt blickst – und dich selbst nicht mehr erkennst?“

Dann schreib.

Aber schreib nicht, um zu gefallen. Schreib, um zu widersprechen. Auch dir selbst.

ZEITGEIST (aus dem Off):

Ich bin der Schatten zwischen den Zeiten.

Ich war in der Luft, als Bomben fielen und Kameras schwiegen.

Ich war das Echo der Verdrängung, das Pochen in der Wand.

Heute spreche ich anders.

Ich spreche in Bildern. In Pushnachrichten. In müden Augen.

Ich bin nicht verschwunden.

Nur leiser geworden.

Doch leise ist nicht harmlos.


Kapitel III – Die nächste Ulrike

Szene: Zukunftsfenster

Die Bühne ist fast leer. In der Mitte steht ein Smartphone auf einem Podest.

Davor: DIE FRAGE.

Auf einer Leinwand erscheinen Bilder von Demonstrationen, Menschenmengen, politischen Parolen und vermummten Gestalten.

DIE FRAGE:

Wann kommt Ulrike wieder?

Vielleicht ist diese Frage falsch gestellt.

Vielleicht müssen wir fragen: Unter welchen Umständen könnte sich ein Mensch erneut für den Weg der Gewalt entscheiden?

ZEITGEIST:

Die Welt ist schneller geworden.

Ein Bild geht um die Welt, bevor es verstanden wird.

Eine Empörung wird geteilt, bevor jemand nach ihrer Ursache fragt.

Aus Worten werden Feindbilder.

Aus Feindbildern kann Hass werden.

DIE FRAGE:

Aber nicht jeder, der sich empört, wird gewalttätig.

Nicht jeder Demonstrant ist ein Fanatiker.

Und nicht jeder, der die Gesellschaft verändern will, ist ihr Feind.

ZEITGEIST:

Nein.

Gerade deshalb musst du unterscheiden.

DIE FRAGE:

Ich habe das Schweigen meiner Elterngeneration erlebt.

Ich habe erlebt, wie die 68er die Autoritäten infrage stellten.

Und ich habe erlebt, wie eine kleine Minderheit schließlich glaubte, politische Veränderung mit Gewalt erzwingen zu dürfen.

Heute sehe ich neue Konflikte, neue Ängste und neue Formen öffentlicher Empörung.

Aber ich weiß nicht, ob daraus eine neue RAF entstehen könnte.

Ich weiß nur, dass wir politische Gewalt nicht verharmlosen dürfen.

ULRIKE:

Was würdest du ihnen sagen?

DIE FRAGE:

Dass Freiheit Verantwortung verlangt.

Dass eine gerechte Sache ungerechte Mittel nicht rechtfertigt.

Dass die Gesellschaft nicht sämtliche Probleme des Einzelnen lösen kann.

Und dass jeder Mensch Verantwortung für seine Entscheidungen trägt.

ULRIKE:

Auch wenn er sich ohnmächtig fühlt?

DIE FRAGE:

Gerade dann.

Denn Ohnmacht kann erklären, weshalb ein Mensch verzweifelt.

Aber sie rechtfertigt nicht, andere Menschen zu verletzen.

ZEITGEIST:

Und wenn die Worte nicht mehr genügen?

DIE FRAGE:

Dann brauchen wir vielleicht bessere Worte.

Mehr Mut.

Mehr Widerspruch.

Mehr Bereitschaft, sich einzumischen.

Aber keine neue Ulrike, die durch ein Fenster in den bewaffneten Untergrund springt.

Das Smartphone erlischt.

Dunkelheit.


Kapitel IV – Der Schreibende

Szene: Innenraum

Ein einzelner Stuhl. Ein Tisch mit Notizbuch. Eine Stimme.

Keine Bühne. Kein Publikum.

Nur DIE FRAGE, allein im Licht.

DIE FRAGE:

Ich schreibe, wie du weißt, fast täglich.

Gegen das Rauschen.

Gegen das Verstummen.

Gegen die Versuchung, zynisch zu werden.

Aber immer öfter frage ich mich:

Was, wenn die nächste Ulrike längst geboren ist?

Was, wenn der nächste Baader bereits wartet – in einer digitalen Welt, die radikaler kommuniziert, schneller entflammt, unkontrollierbarer explodiert?

Ich sehe die Monster heute klarer denn je – sie haben Logos, Sprecher, Berater.

Sie sind wählbar, zensierbar, abonnierbar.

Und ich fürchte mich.

Nicht nur vor ihnen.

Sondern vor dem Moment, wo jemand glaubt, dass Worte wieder nicht mehr genügen.

Pause.

Ich bin nicht mehr dort, wo ich einmal war.

Nach schmerzlicher Selbstreflexion, nach dunklen Tagen der Depression, habe ich mir einen Ort erarbeitet, an dem ich leben kann.

Nicht siegen.

Nicht schreien.

Leben.

Ich bin nicht mutiger geworden.

Aber ruhiger.

Und in dieser Ruhe liegt eine andere Form von Mut.

Abschluss

Und ich bin dankbar – weil ich, wie Émilie, jemanden habe, der mir zuhört.

Zumindest glaube ich das.

Zumindest hoffe ich das.

Vielleicht bist du das, der du meine Texte liest.

Vielleicht bist du die, die in diesen Zeilen nach Antworten sucht.

Vielleicht ist es nur dieser Gedanke, der mich aufrechterhält: dass da jemand ist.

ZEITGEIST (leise, aus der Ferne):

Ich bin nicht verschwunden.

Ich war da, als du schwiegst.

Ich bleibe, wenn du schreibst.

Und ich höre, wenn du fragst.

Das Licht erlischt.


Historischer Anhang – Biografien der Hauptfiguren

Ulrike Meinhof als junge Journalistin (retuschiert)
Privataufnahme, mit Genehmigung von Bettina Röhl (Tochter von Ulrike Meinhof); als gemeinfrei auf Wikimedia Commons veröffentlicht

Ulrike Meinhof (1934–1976)

Journalistin, Intellektuelle und Mitbegründerin der Roten Armee Fraktion. Sie schrieb für die Zeitschrift konkret und war mit deren Herausgeber Klaus Rainer Röhl verheiratet. Am 14. Mai 1970 war sie an der gewaltsamen Befreiung Andreas Baaders beteiligt und ging anschließend in den Untergrund. 1972 wurde sie verhaftet. 1976 starb sie in ihrer Zelle in Stuttgart-Stammheim. Die offiziellen Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass sie Suizid beging.

Andreas Baader (1943–1977)

Mitbegründer und führendes Mitglied der RAF. Nach frühen Brandanschlägen und seiner Verhaftung wurde er 1970 gewaltsam befreit. 1972 erneut festgenommen, starb er 1977 in Stammheim. Die offiziellen Untersuchungen stellten Suizid fest.

Gudrun Ensslin (1940–1977)

Mitbegründerin der RAF. Sie studierte Germanistik und Anglistik, engagierte sich in der Studentenbewegung und war an den Frankfurter Kaufhausbrandstiftungen 1968 beteiligt. Nach ihrer Festnahme 1972 starb sie 1977 in Stammheim.

Jan-Carl Raspe (1944–1977)

Mitglied der ersten RAF-Generation. Er wurde 1972 gemeinsam mit Baader und Holger Meins verhaftet und starb 1977 in Stammheim.

Holger Meins (1941–1974)

Filmstudent und RAF-Mitglied. Er wurde 1972 verhaftet und starb 1974 an den Folgen eines Hungerstreiks. Sein Tod wurde zu einem wichtigen Bezugspunkt der weiteren RAF-Radikalisierung.

Weitere Zeitzeugen aus dem persönlichen Umfeld des Autors

Klaus Pflieger: Jurist aus Sersheim, später Generalstaatsanwalt in Stuttgart, befasste sich dienstlich mit RAF-Verfahren und der rechtsstaatlichen Bewältigung des Terrorismus.

Willi Fronius: Ehemaliger Vollzugsbeamter in Stammheim, aus Nussdorf. Der Autor kannte ihn persönlich durch gemeinsame Radtouren und Skifahrten. Seine Erzählungen vermittelten unmittelbare Eindrücke aus der Haftzeit der RAF-Mitglieder.

Rudolf Bubeck: Ebenfalls ehemaliger Vollzugsbeamter in Stammheim. Seine Erfahrungen stehen für das Spannungsfeld zwischen staatlicher Pflicht, persönlicher Haltung und dem Umgang mit den inhaftierten RAF-Mitgliedern.


Dieses Werk wurde im FutureLab entwickelt – einem Raum für Erinnerung, Widerspruch und Gegenwart.

© 2025 Wolfgang Bossert
Text und Konzept: Wolfgang Bossert
Szenisches Format zur Matinee oder Theateraufführung

© Wolfgang Bossert · mypapergate.net
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