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Zeitreisen – Europa in Ludwigsburg

ZEITREISE III

Europa in Ludwigsburg

Vorspann zur historischen Lage Deutschlands vor 1870

Europa nach dem Wiener Kongress 1815
Europa nach dem Wiener Kongress 1815: Der deutsche Raum ist kein Nationalstaat, sondern ein Mosaik aus Einzelstaaten im Deutschen Bund. Zwischen Österreich und Preußen beginnt der Machtkampf um die Führung in Deutschland.

Bevor die Gesandten in Ludwigsburg zusammentreffen, ist Deutschland keine Nation im modernen Sinn.

Was auf Karten wie ein zusammenhängender Raum erscheint, ist in Wirklichkeit ein zersplittertes Gefüge aus Königreichen, Großherzogtümern, Herzogtümern und freien Städten. Nach dem Wiener Kongress von 1815 entsteht kein deutscher Nationalstaat, sondern der Deutsche Bund – ein lockerer Zusammenschluss souveräner Einzelstaaten.

Im Mittelpunkt dieses Bundes stehen zwei Mächte, die einander mit wachsendem Misstrauen beobachten: Österreich unter den Habsburgern und Preußen unter den Hohenzollern.

Österreich verkörpert die alte Ordnung Europas: dynastisch, vielvölkisch, konservativ und auf den Erhalt des Gleichgewichts bedacht. Preußen dagegen wächst zur militärisch disziplinierten und politisch zielstrebigen Macht heran und beansprucht zunehmend die Führung im deutschen Raum.

Dazwischen liegen die süddeutschen Staaten – Württemberg, Baden und Bayern. Sie sind eigenständig, stolz auf ihre Geschichte und keineswegs bereit, sich widerstandslos einer preußischen Führung zu unterwerfen.

Doch unter der Oberfläche verändert sich das politische Denken. Die napoleonischen Kriege und die Befreiungskriege haben ein neues Bewusstsein hervorgebracht. In der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 kämpfen deutsche Kontingente gemeinsam gegen Napoleon. Zum ersten Mal entsteht in größerem Maßstab das Gefühl, dass die Deutschen mehr verbindet als ihre Grenzen sie trennen.

Nach 1815 wird dieses Gefühl nicht erfüllt, sondern gebremst. Der Wiener Kongress will Ordnung schaffen, nicht Freiheit. Europa soll stabilisiert, nicht neu erfunden werden. Die Fürsten bleiben im Amt, die alten Dynastien kehren zurück, und Deutschland bleibt ein politischer Flickenteppich.

Doch die Idee der Nation verschwindet nicht.

 

„Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche (1848): Der erste gesamtdeutsche Parlamentsversuch formulierte Freiheit und Einheit – scheiterte jedoch an Machtfragen und der fehlenden Durchsetzungskraft.“

1848 tritt sie mit Macht hervor. In der Frankfurter Paulskirche versuchen Liberale, Bürgerliche und Nationalgesinnte, Deutschland auf dem Weg von Verfassung und Parlament zu einen. Es ist der große Versuch, Einheit und Freiheit miteinander zu verbinden.

Der Versuch scheitert.

Die Fürsten behalten die Macht. Die Revolution zerbricht. Aber die Frage bleibt offen: Wer soll Deutschland führen? Österreich oder Preußen? Ein Parlament oder die Macht der Kabinette? Freiheit oder militärische Ordnung?

Die Antwort fällt nicht in der Paulskirche, sondern auf den Schlachtfeldern und in den Regierungsstuben der Macht.

1866 besiegt Preußen Österreich im Deutschen Krieg. Damit ist der Kampf um die Führung im deutschen Raum entschieden. Österreich scheidet aus der deutschen Politik aus. Im Norden entsteht der Norddeutsche Bund unter preußischer Führung.

Die süddeutschen Staaten bleiben formal selbständig. Doch ihre Unabhängigkeit ist bereits eingeschränkt. Bayern, Württemberg und Baden schließen Schutz- und Trutzbündnisse mit Preußen. Diese Verträge verpflichten sie, im Kriegsfall an Preußens Seite zu stehen.

Nach außen sind sie souverän. In der Realität sind sie schon Teil einer Entwicklung, die auf ein neues Reich hinausläuft.

Was noch fehlt, ist der äußere Anlass.

Dieser Anlass kommt 1870.

Die Spannungen zwischen Frankreich und Preußen wachsen. In Bad Ems führt eine diplomatische Episode zu jenem Vorgang, der als Emser Depesche in die Geschichte eingeht. Otto von Bismarck kürzt und verschärft die Mitteilung so, dass sie in Paris wie eine Provokation wirkt und in Deutschland wie eine Kränkung der eigenen Würde.

Napoleon III. reagiert. Frankreich erklärt Preußen den Krieg.

Damit tritt der Bündnisfall ein.

Was bisher nebeneinander stand, wird nun gemeinsam in einen Krieg geführt. Die süddeutschen Staaten schließen sich Preußen an – nicht aus romantischer Einigkeit, sondern aus Bündnispflicht, politischer Berechnung und dem Sog einer nationalen Bewegung, die längst stärker geworden ist als die Vorbehalte der Einzelstaaten.

So entsteht die deutsche Nation nicht aus freier Verständigung, sondern aus Rivalität, Machtpolitik, Bündnistreue und einem provozierten Krieg.

Bevor also der Augenblick in Ludwigsburg sichtbar wird, muss man verstehen, wie tief die Zerrissenheit Deutschlands war – und wie sehr der Traum von Einheit mit dem Risiko verknüpft war, diese Einheit im Krieg zu suchen.

Erst vor diesem Hintergrund gewinnt die Szene im Schloss ihre eigentliche Bedeutung.

Der Moment in Ludwigsburg

 

ZEITREISE III

Europa in Ludwigsburg

Eine Zeitreise zwischen Täuschung und Versöhnung

Es ist derselbe Ort.

Der gleiche Saal, die gleichen Fenster, durch die das Licht fällt – nur die Zeit ist eine andere.

Wir stehen im Schloss von Ludwigsburg.

Hier, wo Jahrzehnte später Charles de Gaulle sprechen wird, beginnt unsere Zeitreise in eine andere Epoche. Eine Epoche, in der Europa nicht versöhnt, sondern zerrissen wird.

Die Türen öffnen sich.

Ein Gesandter aus Preußen tritt ein.

Er trägt keine Uniform, aber seine Haltung ist militärisch. Er spricht im Namen von König Wilhelm I. – und im Schatten eines Mannes, der nicht anwesend ist und doch alles bestimmt: Otto von Bismarck.

Am Tisch sitzen die Vertreter Württembergs, Bayerns und Badens.

Der württembergische Minister erhebt sich leicht.

„Wir begrüßen Sie in Ludwigsburg. Ihre Reise war sicher beschwerlich.“

Der Preuße neigt den Kopf.

„Die Reise war notwendig.“

Ein kurzer Moment der Stille.

Dann beginnt er.

„Meine Herren, die Lage Europas hat sich zugespitzt. Frankreich beobachtet unsere Entwicklung mit wachsender Feindseligkeit. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es handelt.“

Der bayerische Gesandte verschränkt die Hände.

„Oder bis es dazu gebracht wird, zu handeln.“

Ein leiser, aber deutlich hörbarer Satz.

Der Preuße lächelt kaum merklich.

„Frankreich ist ein stolzes Land. Es bedarf keiner Hilfe, um seine Ehre zu verteidigen.“

Der badische Vertreter beugt sich vor.

„Und doch sprechen Sie von einer Unvermeidlichkeit. Wer entscheidet, wann diese Unvermeidlichkeit eintritt?“

Der Preuße antwortet ruhig:

„Die Ereignisse werden es zeigen.“

Der württembergische Minister schaut aus dem Fenster.

„Wir sprechen von Krieg.“

„Wir sprechen von Sicherheit“, entgegnet der Preuße. „Und von Einheit.“

Jetzt hebt der bayerische Gesandte den Blick.

„Einheit wessen? Preußens? Oder Deutschlands?“

Ein Moment, in dem die Luft schwer wird.

Der Preuße tritt einen Schritt näher.

„Meine Herren, Deutschland existiert bereits. Es fehlt ihm nur die Form.“

„Und diese Form“, sagt der Württemberger langsam, „soll durch Krieg entstehen?“

„Durch Notwendigkeit“, korrigiert der Preuße.

Der badische Vertreter lehnt sich zurück.

„Wir haben 1848 gesehen, wohin Träume führen können.“

„Und wir haben gesehen“, antwortet der Preuße scharf, „wohin Zögern führt.“

Stille.

Dann – leiser:

„Frankreich wird den ersten Schritt tun.“

Der bayerische Gesandte blickt auf.

„Sind Sie sich da so sicher?“

Ein kaum wahrnehmbares Zögern.

„Sicher genug.“

Der württembergische Minister spricht jetzt langsamer.

„Und wenn wir uns anschließen – was geschieht dann?“

„Dann handeln wir gemeinsam.“

„Und wenn wir uns nicht anschließen?“

Der Preuße sieht ihn direkt an.

„Dann handeln Sie allein.“

Ein Satz, der nicht laut ist – aber endgültig.

Die Männer am Tisch wissen, was er bedeutet.

Bündnistreue.

Isolation.

Entscheidung.

Der württembergische Minister senkt den Blick.

„Wir werden unsere Verpflichtungen prüfen.“

Der Preuße nickt.

„Ich zweifle nicht daran.“

Die Sitzung endet ohne Beschluss.

Und doch ist alles entschieden.

Denn außerhalb dieses Raumes hat sich bereits etwas bewegt.

In Bad Ems.

Eine Depesche.

Gekürzt. Geschärft. Verändert.

Die Worte eines Königs werden zu einer Provokation.

Napoleon III. reagiert.

Frankreich erklärt den Krieg.

Und plötzlich ist das, was hier noch verhandelt wurde, Wirklichkeit geworden.

Die süddeutschen Staaten treten ein.

Nicht als Sieger.

Nicht als Verlierer.

Sondern als Teil eines Geschehens, das größer ist als ihre Entscheidung.

Wir verlassen den Raum.

Die Stimmen verhallen.

Und wir wissen:

Hier wurde kein Krieg beschlossen.

Aber hier wurde er möglich gemacht.

Und aus ihm entsteht das Deutsche Reich.

In Versailles.

Im Spiegel der Macht.

Und im Schatten der Zukunft.

Bismarck als Bundestagsgesandter, 1858, mit Halsdekoration und Brustkreuz eines Ehrenritters der Johanniterordens. „Otto von Bismarck (ab 1862): Der preußische Ministerpräsident setzte nationale Einheit nicht durch Revolution, sondern durch Machtpolitik, Diplomatie und Krieg durch.“
Porträit von Jakob Becker

 

Erster Deutscher Kaiser ab 1871

Wilhelm I., mit vollem Namen Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen, aus dem Haus Hohenzollern war von 1861 bis zu seinem Tod König von Preußen und seit der Reichsgründung 1871 erster Deutscher Kaiser. Als zweitgeborener Sohn Friedrich Wilhelms III. wurde er zunächst nicht auf die Aufgaben eines Monarchen vorbereitet, sondern schlug eine militärische Laufbahn ein. Infolge des… wikipedia.org

Geboren: 22. März 1797, Kronprinzenpalais, Deutschland
Gestorben: 9. März 1888
Ehe: Augusta of Saxe-Weimar(verh. 1829-1888)
Partner: Elisa Radziwiłł
Eltern: Friedrich Wilhelm III., Luise von Mecklenburg-Strelitz
Kinder: Friedrich III., Luise von Preußen

 

 

 

Karl I. von Württemberg                                                                                                                                        Regierungszeit: 1864–1891
Geboren: 1823
Gestorben: 1891
Nachfolger von König Wilhelm I.
Mitglied des Hauses Württemberg

„König Karl von Württemberg – ein Monarch zwischen Eigenstaatlichkeit und dem Sog der neuen Nation. Noch ist er König eines eigenen Reiches. Doch die Entscheidungen dieses Tages führen ihn unaufhaltsam in ein größeres Gefüge.“