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Gehört der Islam zu Deutschland?

Eine essayistische Annäherung

Vor einigen Jahren nahm ich an einer öffentlichen Diskussion teil. Die Frage lautete:

„Gehört der Islam zu Deutschland?“

Ein Diskussionsteilnehmer antwortete ohne zu zögern:

„Nein.“

Als ich an der Reihe war, sagte ich:

„Ja.“

Nicht deshalb, weil Deutschland ein islamisches Land wäre.

Sondern weil unser Grundgesetz jedem Menschen Religionsfreiheit garantiert. Wer seinen Glauben friedlich lebt und unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung achtet, gehört selbstverständlich zu unserer Gesellschaft – unabhängig davon, ob er Christ, Muslim, Jude, Buddhist oder konfessionslos ist.

Damals ahnte ich nicht, dass diese Diskussion Jahre später eine ganz neue Aktualität gewinnen würde.


Ein Vortrag, der zum Nachdenken anregte

Vor wenigen Tagen hörte ich den Vortrag einer Islamwissenschaftlerin und Soziologin. Beeindruckt hat mich nicht nur ihre Fachkenntnis, sondern vor allem ihre Fähigkeit, zwischen Religion, Geschichte und Politik zu unterscheiden.

Sie sprach nicht über den Islam als Bedrohung Europas.

Sie sprach über Menschen.

Über ihre Herkunft.

Über ihre Geschichte.

Über ihre Flucht.

Dabei wurde deutlich, dass die Ursachen der großen Migrationsbewegungen keineswegs im Islam als Religion liegen. Sie liegen vielmehr in Bürgerkriegen, autoritären Herrschaftssystemen, wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit, fehlender Rechtsstaatlichkeit, religiöser Verfolgung und geopolitischen Konflikten.

Viele dieser Länder sind mehrheitlich muslimisch geprägt.

Das erklärt jedoch die Herkunft der Flüchtlinge – nicht deren Fluchtursache.

Wer vor Bomben flieht, flieht nicht wegen seiner Religion.

Wer vor Folter flieht, flieht nicht wegen des Korans.

Wer seine Heimat verlässt, flieht vor Krieg, Gewalt oder Hoffnungslosigkeit.

Religion und Fluchtursachen dürfen deshalb nicht miteinander verwechselt werden.


Islam ist nicht Islamismus

Diese Unterscheidung erscheint mir von grundlegender Bedeutung.

Der Islam ist eine der großen Weltreligionen. Mehr als eine Milliarde Menschen verstehen ihn als Grundlage ihres persönlichen Glaubens.

Etwas anderes ist der Islamismus.

Islamismus ist keine Religion, sondern eine politische Ideologie. Er benutzt Religion, um Machtansprüche zu legitimieren, demokratische Ordnungen abzulehnen oder Gewalt zu rechtfertigen.

Organisationen wie Hamas, der sogenannte Islamische Staat, Al-Qaida oder der Palästinensische Islamische Dschihad stehen für eine solche Ideologie. Auch die Taliban errichteten in Afghanistan eine Herrschaftsform, in der politische Macht religiös begründet wird und grundlegende Freiheitsrechte massiv eingeschränkt werden.

Diese Organisationen vertreten jedoch nicht den Islam als Ganzes.

Zwischen Islam und Islamismus besteht derselbe Unterschied wie zwischen Christentum und christlichem Fundamentalismus.

Wer beides gleichsetzt, wird weder der Religion noch der politischen Wirklichkeit gerecht.


Das Grundgesetz als gemeinsame Ordnung

Ich bin stolz darauf, dass unser Grundgesetz Religionsfreiheit garantiert.

Es schützt Christen.

Es schützt Muslime.

Es schützt Juden.

Es schützt alle Menschen – auch diejenigen, die keiner Religion angehören.

Gerade darin zeigt sich die Größe einer freiheitlichen Demokratie.

Sie verlangt nicht, dass alle gleich glauben.

Sie verlangt nur, dass alle dieselben Rechte achten.


Das Asylrecht – eine Lehre aus unserer Geschichte

Zu den wichtigsten Errungenschaften unseres Grundgesetzes gehört das Asylrecht.

Es entstand nicht zufällig.

Es ist eine unmittelbare Konsequenz aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus.

Millionen Menschen wurden verfolgt, entrechtet, deportiert oder ermordet. Viele fanden damals keinen Staat, der ihnen Schutz gewährte.

Die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes wollten aus dieser Erfahrung lernen.

Politisch Verfolgte sollten künftig Schutz finden können.

Darauf dürfen wir stolz sein.

Gleichzeitig ist das Asylrecht Teil unseres Rechtsstaates.

Es setzt Verfahren, Gesetze und gerichtliche Entscheidungen voraus.

Wer Anspruch auf Schutz hat, muss ihn erhalten.

Wer keinen Schutzanspruch besitzt, muss nach rechtsstaatlichen Verfahren in sein Herkunftsland zurückkehren.

Humanität und Rechtsstaatlichkeit gehören untrennbar zusammen.

Beides gegeneinander auszuspielen, hilft niemandem.


Das alte Muster der Feindbilder

Während des Vortrags wurde mir noch etwas anderes bewusst.

Geschichte wiederholt sich nicht.

Aber bestimmte Muster kehren immer wieder zurück.

Gesellschaften suchen in Zeiten der Unsicherheit nach einfachen Erklärungen.

Oft entstehen dabei Feindbilder.

Im Nationalsozialismus waren es die Juden.

Im Kalten Krieg waren es die Kommunisten.

Heute geraten häufig Muslime unter Generalverdacht.

Natürlich müssen wir islamistischen Terror bekämpfen.

Ebenso entschlossen müssen wir Antisemitismus bekämpfen.

Ebenso entschlossen Rechtsextremismus.

Ebenso entschlossen Linksextremismus.

Demokratie kennt keinen guten Extremismus.

Sie verteidigt vielmehr die Freiheit gegen jede Form ideologischer Gewalt.

Gerade deshalb sollten wir niemals ganze Religionsgemeinschaften oder Bevölkerungsgruppen für die Verbrechen extremistischer Minderheiten verantwortlich machen.


Nationalismus – wenn Liebe zur Heimat zur Ideologie wird

Auch Nationalismus gehört für mich zu den großen politischen Ideologien.

Liebe zur eigenen Heimat ist etwas Schönes.

Nationalismus beginnt dort, wo die eigene Nation über andere gestellt wird.

Wo nationale Größe wichtiger wird als Menschenrechte.

Wo politische Gegner nicht mehr als Mitbürger, sondern als Feinde betrachtet werden.

Das 20. Jahrhundert hat gezeigt, wohin solche Entwicklungen führen können.

Nationalismus hat Europa mehrfach in den Krieg geführt.

Er zerstört Vertrauen zwischen Völkern.

Er verhindert Frieden.


Macht braucht Kontrolle

Je länger ich mich mit Geschichte beschäftige, desto klarer erkenne ich einen Zusammenhang.

Nicht Religionen sind die größte Gefahr für den Frieden.

Gefährlich wird Macht dort, wo sie sich jeder Kontrolle entzieht.

Autoritäre Systeme unterscheiden sich in ihrer Ideologie.

Manche berufen sich auf Religion.

Andere auf Nationalismus.

Andere auf Revolution.

Andere auf ethnische Überlegenheit.

Gemeinsam ist ihnen eines:

Sie konzentrieren Macht.

Sie schwächen unabhängige Gerichte.

Sie bekämpfen freie Medien.

Sie stellen den politischen Gegner als Feind dar.

Sie nähren sich von Angst.

Die Friedens- und Konfliktforschung zeigt seit Jahrzehnten, dass dauerhafter Frieden dort entsteht, wo Macht begrenzt wird, Gewaltenteilung funktioniert, Regierungen abgewählt werden können und Konflikte auf rechtsstaatlichem Wege gelöst werden.

Das ist der eigentliche Unterschied zwischen autoritären Herrschaftsformen und demokratischen Ordnungen.


Politische und kulturelle Ordnungen

Wer meinen Essay „Politische und kulturelle Ordnungen“ gelesen hat, wird feststellen, dass diese Gedanken keine isolierte Stellungnahme zum Islam sind.

Sie gehören zu einer größeren Frage.

Wie entstehen stabile Gesellschaften?

Wie schützen sie Freiheit?

Warum zerbrechen Demokratien?

Meine Antwort lautet:

Nicht Religionen entscheiden darüber.

Entscheidend ist, ob Macht kontrolliert wird.

Ob Menschenrechte gelten.

Ob Gerichte unabhängig bleiben.

Ob Medien frei berichten dürfen.

Ob Minderheiten geschützt werden.

Ob Bildung Vorurteile überwindet.


Gehört der Islam zu Deutschland?

Vielleicht lautet die eigentliche Frage gar nicht:

„Gehört der Islam zu Deutschland?“

Sondern:

„Wie gelingt das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen in einer freiheitlichen Demokratie?“

Meine Antwort ist einfach.

Das Grundgesetz gehört zu Deutschland.

Die Menschenwürde gehört zu Deutschland.

Die Religionsfreiheit gehört zu Deutschland.

Das Asylrecht gehört zu Deutschland.

Die Meinungsfreiheit gehört zu Deutschland.

Die Gleichberechtigung gehört zu Deutschland.

Wer diese Werte achtet, gehört zu unserer demokratischen Gemeinschaft – unabhängig von seiner Religion oder Herkunft.


Schlussgedanke

Meine Website und meine Bücher beschäftigen sich seit Jahren mit politischen und kulturellen Ordnungen.

Sie alle kreisen letztlich um dieselbe Frage:

Wie können Menschen friedlich zusammenleben?

Ich glaube nicht, dass Religionen die entscheidende Trennlinie unserer Zeit sind.

Die eigentliche Trennlinie verläuft zwischen offenen und geschlossenen Gesellschaften.

Zwischen Demokratie und Autoritarismus.

Zwischen Rechtsstaat und Willkür.

Zwischen Humanität und Menschenverachtung.

Gerade deshalb halte ich an einem Satz fest, der aktueller ist denn je:

Nie wieder Krieg.

Nie wieder Nationalismus als Ideologie.

Nie wieder Antisemitismus.

Nie wieder Islamfeindlichkeit.

Nie wieder Menschenverachtung.

Vielleicht gehört deshalb nicht eine bestimmte Religion zu Deutschland.

Was zu Deutschland gehört, ist das Grundgesetz.

Es schützt alle Religionen.

Es schützt alle Menschen.

Und es erinnert uns jeden Tag daran, dass Freiheit niemals selbstverständlich ist, sondern immer wieder neu verteidigt werden muss.

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