Nachklapp zum Vortrag von Mathias Hofmann am 4.5.2026
Türkei, Erdogan, NATO, Werte, Abschreckung und die neue Weltordnung
What it matters:
Der Vortrag hat nicht nur die Türkei erklärt. Er hat den Blick geöffnet auf eine Welt,
in der alte Gewissheiten brüchig werden: der Westen, die NATO, die EU, die USA,
die Pressefreiheit, unsere Werte – und die Frage, ob Europa noch Weltmacht ist
oder bereits zur Mittelmacht im Schatten anderer geworden ist.
Sehr geehrter Herr Hofmann,
liebe Bildungswillige,
Ihr Vortrag über die Türkei auf dem Weg zu einer regionalen Macht hat mich stark beschäftigt.
Besten Dank zuerst dafür. Er war für mich nicht nur eine politische Analyse, sondern eine Lehrstunde über die Verschiebungen der Weltordnung.
Ich möchte deshalb meine Gedanken als Kommentar zur dialogischen Diskussion ordnen.
1. Die Türkei: säkularer Staat oder religiös-national geprägte Präsidialmacht?
Die moderne Türkei wurde unter Atatürk als säkularer Staat begründet.
Formal gilt dieses Fundament weiter. Aber unter Erdogan hat sich das politische System deutlich verändert. Die Macht konzentriert sich im Präsidialsystem, die religiöse Symbolik nimmt zu, und die Umwandlung der Hagia Sophia
in eine Moschee ist dafür ein sichtbares Zeichen.
Deshalb erscheint mir die Türkei heute als ein hybrides Gebilde:nicht einfach religiöser Staat, nicht einfach westliche Demokratie, sondern eine säkular grundierte Präsidialmacht mit religiös-nationalem Selbstverständnis.
2. Erdogan und der Revisionismus
Ein Begriff drängt sich auf: Revisionismus. Erdogan wirkt auf mich wie ein Politiker, der alte imperiale Erinnerungsräume neu besetzt. Nicht im gleichen Sinn wie Putin, der offen territorialen Revisionismus betreibt, aber doch mit einem neo-osmanischen Machtanspruch: Syrien, Libyen, Kaukasus, Zypern, Griechenland –überall zeigt sich der Wille, Einflussräume auszubauen.
Neo-Osmanischer Revisionismus: Rechts unten zeigt sich auf der Karte von 1815 das Territorium des Osmanischen Reiches. Es grenzt an Östereich-Ungarbn überspannt Griechenland und einige vermeintlich-revisionistischen Regierungen auf dem Balkan.
Die Türkei bleibt für die NATO unverzichtbar. Gerade deshalb ist sie schwierig:
Sie ist Partner, aber kein einfacher Partner. Sie hält sich Türen offen –
auch zu BRICS, zu Russland, zu China. Das ist keine klassische Bündnistreue mehr,
sondern strategische Mehrgleisigkeit.
3. BRICS, Mercosur und die neue Netzlogik der Welt
Besonders eindrucksvoll war der Hinweis auf die neuen internationalen Netzwerke.
Die Welt besteht nicht mehr aus klaren Blöcken wie im Kalten Krieg.
Staaten bewegen sich in mehreren Systemen zugleich: NATO, EU, BRICS, Mercosur,
G20, regionale Bündnisse.
Mercosur ist dabei kein Bündnis, dem die EU beitreten will,
sondern ein südamerikanischer Wirtschaftsraum, mit dem die EU Handelsbeziehungen
vertiefen möchte. Entscheidend ist aber der größere Punkt:
Macht entsteht heute nicht nur durch Militär, sondern durch Netzwerke,
Märkte, Rohstoffe, Technologie und strategische Anschlussfähigkeit.
4. Unsere Werte – und die deutsche Widersprüchlichkeit
Ein kritischer Punkt des Vortrags war die Frage:
Wo finden wir eigentlich unsere Werte wieder?
Meine spontane Antwort war: im Grundgesetz.
Aber ganz so einfach ist es nicht. Deutschland versteht sich als säkularer Staat,
doch die Kirchen haben weiterhin große gesellschaftliche und institutionelle Bedeutung.
Fast alle Feiertage sind christlich geprägt, abgesehen vom 1. Mai und dem 3. Oktober.
Das Verhältnis von Staat und Kirche ist also nicht laizistisch wie in Frankreich,
sondern historisch gewachsen, kooperativ und widersprüchlich.
Hofmann hatte hier recht: Auch unsere Werteordnung ist nicht frei
von historischen Sonderwegen und inneren Spannungen.
5. Pressefreiheit, Journalismus und soziale Medien
Ich musste an den Tag der Pressefreiheit denken.
Ich vertraue der klassischen deutschen Presse grundsätzlich,
weil sie sich journalistischen Regeln, Pressekodex und Verantwortung unterwirft.
Aber Hofmanns Kritik trifft dennoch einen wunden Punkt.
Heute kann sich fast jeder als Journalist verstehen.
In den sozialen Medien gelten andere Maßstäbe.
Dort verschwimmen Meinung, Behauptung, Propaganda und Information.
Oder mit Karl Valentin zugespitzt:
Der Mensch bleibt der unsicherste Faktor, denn
„Der Mensch ist gut, aber die Leute sind schlecht!“
https://mypapergate.net/was-ist-der-mensch-ein-manifest/
6. Alte Männer an der Spitze
Auffällig ist, dass viele Machtzentren der Welt von alten Männern geprägt werden:
Trump, Putin, Xi Jinping, Erdogan, Modi.
Das Problem ist dabei nicht das Alter an sich,
sondern die lange Dauer von Macht und die Konzentration politischer Kontrolle.
Demokratie lebt nicht davon, dass diese sich und wir uns für gut halten,
sondern davon, dass wir Macht begrenzen und Institutionen schützen.
7. Revisionisten befrieden: Wohlstand, Appeasement, Abschreckung
Herfried Münkler sagte einmal:
- Wohlstandstransfer: wirtschaftliche Einbindung
- Appeasement: Zeitgewinn durch Nachgeben
- Abschreckung: glaubhafte Verteidigung
https://www.blaetter.de/node/31100/download?utm_source=chatgpt.com
Gegenüber Putin hat Europa lange auf die ersten beiden Stufen gesetzt.
Aber irgendwann zeigt sich: Gegen entschlossene Revisionisten reicht das nicht.
Dann bleibt nur Abschreckung.
8. Erinnerungskultur und Abschreckung
Erinnerung verhindert Wiederholung im Inneren.
Abschreckung verhindert Angriff von außen.
Die Erinnerungskultur ist eine der größten Friedensleistungen Europas.
Aber sie allein genügt nicht.
9. Der Westen wankt
Nach Jahrzehnten wird eine Gewissheit erschüttert:
die Orientierung am Westen, besonders an den USA.
Europa erkennt seine Abhängigkeit –
und seine strategische Unvollständigkeit.
10. Schaden vom Land abzuwenden
Wenn Deutschland geopolitisch oder wirtschaftlich geschädigt wird,
muss die Frage erlaubt sein:
Reagieren wir souverän genug? (z.B.vs.Trumps Zölle?)
11. Weltmacht EU?
Die EU ist wirtschaftlich stark, aber politisch fragmentiert.
Sie will Weltmacht sein, handelt aber oft wie eine Mittelmacht.
12. Neue Weltordnung
Die Welt bewegt sich hin zu einer asymmetrischen Multipolarität:
USA und China dominieren,
Europa bleibt stark – aber zögerlich.
Europa gehört nicht mehr automatisch zu den bestimmenden Kräften.
Es muss seine Rolle neu definieren.
13. Wahrnehmungslücken
Konflikte wie Türkei–Griechenland zeigen,
wie stark historische Linien bis heute wirken.
14. Selektive Aufmerksamkeit
Wir reagieren auf das, was gerade brennt –
und übersehen oft das, was langfristig gefährlich ist.
15. Schluss
Wir müssen unsere Werte verteidigen,
unsere Widersprüche erkennen
und Europa zugleich lieben und kritisch sehen.
Die Stabilität unserer Welt beruht nicht auf Gewissheiten,
sondern auf einem fragilen Gleichgewicht
aus Erinnerung, Macht, Verantwortung und Verteidigung.
Mit Dank für die anregende Lehrstunde
Wolfgang Bossert
(leider haben Untertitel für mich gefehlt 🙂
Autorenschaft und digitale Werkzeuge
Künstliche Intelligenz ist in diesem Prozess ein Werkzeug.
Sie unterstützt bei Struktur, sprachlicher Präzision
und der Ordnung großer Informationsmengen.
Die Fragen stelle ich. Die Auswahl der Perspektiven,
die Dramaturgie der Szenen und die inhaltliche Verantwortung liegen bei mir.
