Museumsbesuche
Weissenhof Museum Stuttgart
Architektur der Moderne – und ein Blick auf das, was die Nationalsozialisten der Kultur genommen haben.

Ein persönlicher Museumsbesuch
Die Weissenhofsiedlung ist zwar ein Ensemble von Häusern in Stuttgart. Aber beim Besuch wurde mir sehr stark bewusst, dass hier etwas viel Größeres sichtbar wird: mutige Architekten, Künstlerinnen und Künstler des Werkbunds setzten ein Zeichen gegen langweilige, konventionelle Architektur.
Sie wollten nicht einfach nur anders bauen. Sie wollten anders denken. Licht, Luft, Offenheit, neue Grundrisse und Flachdächer wurden zu Zeichen einer neuen Zeit. Architektur wurde zur kulturellen Aussage.
Besonders beeindruckte mich eine kleine Karte von Ludwig Mies van der Rohe. Sie zeigt ironisch, wie die normale Sicht der Baubehörde damals vermutlich gewesen wäre: keine Flachdächer, keine Experimente, keine moderne Formensprache, sondern Giebeldächer, Ordnung, Anpassung und das Bekannte.

Gerade an dieser Stelle wurde mir klar: Der Konflikt um die Moderne war keine bloße Geschmacksfrage. Es ging um Freiheit des Denkens, um Offenheit, um internationale Zusammenarbeit und um den Mut, eine andere Zukunft zu entwerfen.
Stuttgart als Ort des Mutes
Man sollte dabei nicht nur klagen, sondern auch loben. Die Stadt Stuttgart unterstützte damals die Idee von Mies van der Rohe und gab diesem Experiment Raum. Das war mutig.
Denn was heute selbstverständlich wirkt, war 1927 eine Provokation. Flachdächer, helle Fassaden, offene Räume und funktionale Formen stellten die gewohnte Baukultur infrage. Stuttgart wurde damit für einen Moment zu einem europäischen Labor der Moderne.

Die sogenannte „Arabersiedlung“
Die Gegner der Moderne machten sich über die weißen Häuser mit Flachdächern lustig. In Spottbildern und Karikaturen wurde die Weissenhofsiedlung als „Araberdorf“ oder „Arabersiedlung“ diffamiert.
Das zeigt, wie tief der Widerstand gegen die Moderne ging. Die neue Architektur wurde nicht nur als ungewohnt empfunden, sondern als fremd, undeutsch und bedrohlich dargestellt. Die Ablehnung hatte damit bereits eine ideologische und rassistische Färbung.

Hier beginnt für mich der eigentliche historische Gedanke. Ich fragte mich nicht, ob die revolutionären Architekten die Nationalsozialisten hätten verhindern können. Vielmehr begriff ich, was die Nationalsozialisten der Kultur mit ihrem rigoristischen, rassistischen Verhindern der Moderne angetan haben.
Wie bei den Malern, Schriftstellern und Künstlerinnen, die später als „entartet“ diffamiert wurden, traf es auch die Architektur. Die Moderne wurde bekämpft, weil sie Freiheit, Internationalität und Offenheit ausdrückte.
Der Deutsche Werkbund
Der Deutsche Werkbund wurde 1907 gegründet. Er war eine Vereinigung von Architekten, Künstlern, Designern, Handwerkern und Industriellen. Sein Ziel war es, Kunst, Handwerk, Industrie und modernes Leben miteinander zu verbinden.
Der Werkbund wollte die Gestaltung des Alltags verbessern: Häuser, Möbel, Gebrauchsgegenstände, Städtebau und industrielle Produkte sollten nicht beliebig, sondern funktional, schön und zeitgemäß sein.
Die Weissenhofsiedlung wurde zu einer der wichtigsten gebauten Manifestationen dieser Idee. Sie zeigte, dass modernes Wohnen kein Luxus sein musste, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe.
Wikipedia: Deutscher Werkbund

Das Weissenhofmuseum
Das Weissenhofmuseum macht diesen Aufbruch der Moderne anschaulich. Man sieht nicht nur Architektur von außen, sondern kann auch nachvollziehen, wie radikal neu die Vorstellungen vom Wohnen waren.
Die Innenräume wirken heute fast selbstverständlich. Doch gerade das ist bemerkenswert. Was damals als revolutionär galt, wurde später in vielen Bereichen zur Normalität modernen Wohnens.


Architekten der Weissenhofsiedlung
Die Weissenhofsiedlung war ein internationales Projekt. Gerade das macht sie so bedeutend. Die Moderne war nicht national, sondern europäisch und weltläufig gedacht.
- Ludwig Mies van der Rohe – künstlerischer Leiter der Ausstellung, später einer der wichtigsten Architekten der Moderne. Wikipedia
- Le Corbusier – schweizerisch-französischer Architekt, einer der einflussreichsten Theoretiker und Praktiker der Moderne. Wikipedia
- Walter Gropius – Gründer des Bauhauses und Vordenker der Verbindung von Kunst, Handwerk und Technik. Wikipedia
- Hans Scharoun – Vertreter einer organischen Moderne, später Architekt der Berliner Philharmonie. Wikipedia
- Peter Behrens – Architekt und Designer, wichtiger Wegbereiter moderner Industriearchitektur. Wikipedia
- Bruno Taut – Architekt des sozialen Wohnens und Vertreter einer farbigen, lebensnahen Moderne. Wikipedia
- Mart Stam – niederländischer Architekt, bekannt für funktionales Bauen und den Freischwinger-Stuhl. Wikipedia
- J. J. P. Oud – niederländischer Architekt und wichtiger Vertreter des Neuen Bauens. Wikipedia
- Victor Bourgeois – belgischer Architekt der internationalen Moderne. Wikipedia
- Josef Frank – österreichischer Architekt und Designer, später wichtig für die skandinavische Moderne. Wikipedia
- Richard Döcker – deutscher Architekt und Vertreter des Neuen Bauens. Wikipedia
- Adolf Rading – deutscher Architekt der Moderne. Wikipedia
- Max Taut – deutscher Architekt, Bruder von Bruno Taut, Vertreter sachlicher moderner Architektur. Wikipedia
- Hans Poelzig – Architekt, Maler und Bühnenbildner, bedeutend für Expressionismus und Moderne. Wikipedia
Was bleibt?
Die Weissenhofsiedlung ist für mich kein abgeschlossenes Architekturdenkmal. Sie ist ein Denkraum.
Man sieht dort, wie eine Generation nach dem Ersten Weltkrieg versuchte, Zukunft zu bauen. Nicht mit Pathos, sondern mit Licht, Funktion, Klarheit und Offenheit.
Und man begreift, wie viel kulturelle Zukunft durch den Nationalsozialismus abgeschnitten wurde. Nicht nur Bilder wurden verboten, nicht nur Bücher verbrannt, nicht nur Künstler verfolgt. Auch die Idee einer offenen, internationalen Moderne wurde attackiert.
Darum ist der Besuch im Weissenhofmuseum mehr als ein Museumsbesuch. Er ist eine kleine Zeitreise in eine bessere Möglichkeit Europas.
Mein Fazit:
Die Weissenhofsiedlung zeigt nicht nur, wie modern Architektur sein konnte. Sie zeigt auch, was verloren ging, als die Moderne durch autoritäre, rassistische und nationalistische Ideologien bekämpft wurde.
