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Ein wachsender Wisssensraum – Geschichte · Philosophie · Essays · Digitalem Humanismus

Die Mitte war immer da

Warum schützt eine demokratische Mehrheit nicht automatisch vor dem Kippen der Demokratie?

Prolog

Zwei Zahlen

43,8 Prozent.

Eine Zahl, die nach dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt die politische Öffentlichkeit erschüttert.

Kommentatoren suchen nach Erklärungen. Parteien beraten über Konsequenzen. Wieder ist von der politischen Mitte die Rede, von den Rändern, von der Brandmauer, von Protestwählern, von enttäuschten Bürgern und von der Frage, wie eine Demokratie mit einer starken politischen Kraft an ihrem Rand umgehen soll.

Die Reaktionen wirken auf mich teilweise ratlos.

Mich beschäftigt dabei zunächst eine Zahl.

Denn 43,8 Prozent erinnern auf beinahe unheimliche Weise an eine andere Zahl der deutschen Geschichte:

43,9 Prozent.

So hoch war der Stimmenanteil der NSDAP bei der Reichstagswahl am 5. März 1933.

Zwei Wahlergebnisse, fast auf die Dezimalstelle gleich.

Zwischen ihnen liegen mehr als neun Jahrzehnte deutscher Geschichte.

Dazwischen liegen Diktatur und Krieg, Holocaust und Zerstörung, Teilung und Wiederaufbau, das Grundgesetz, die Bundesrepublik und die DDR, die friedliche Revolution von 1989, die deutsche Einheit und Jahrzehnte gefestigter parlamentarischer Demokratie.

Kann man diese beiden Zahlen überhaupt nebeneinanderstellen?

Man muss sogar sehr vorsichtig damit sein.

2026 ist nicht 1933

Ein Vergleich der Zahlen darf nicht zu einer Gleichsetzung der historischen Situationen führen.

Die Reichstagswahl vom 5. März 1933 war keine freie demokratische Wahl unter Bedingungen, wie wir sie heute verstehen. Adolf Hitler war bereits Reichskanzler. Nach dem Reichstagsbrand waren mit der Reichstagsbrandverordnung wesentliche Grundrechte außer Kraft gesetzt worden. Kommunisten und andere politische Gegner wurden verfolgt, verhaftet und misshandelt. SA und SS verbreiteten Gewalt und Einschüchterung. Die Möglichkeiten oppositioneller Parteien waren massiv eingeschränkt.

Wenn die NSDAP unter diesen Bedingungen 43,9 Prozent erreichte, dann ist diese Zahl also anders zu bewerten als das Ergebnis einer freien Landtagswahl in einer rechtsstaatlichen Demokratie.

Sachsen-Anhalt 2026 ist nicht Deutschland 1933.

Die AfD ist nicht einfach mit der NSDAP gleichzusetzen.

Und Geschichte wiederholt sich nicht wie ein Fahrplan.

Gerade deshalb interessiert mich etwas anderes.

Nicht die Gleichheit der Parteien.

Nicht die Gleichheit der Zeiten.

Sondern das politische Paradox hinter den beiden Zahlen.

Die anderen waren mehr

Denn die Zahl 43,9 enthält noch eine zweite Zahl.

56,1 Prozent.

Trotz der bereits bestehenden Einschüchterung und Repression wählte am 5. März 1933 eine Mehrheit der Wähler nicht die NSDAP.

Das ist bemerkenswert.

Wenige Wochen später, am 23. März 1933, wurde das Ermächtigungsgesetz beschlossen. Die parlamentarische Demokratie war faktisch beseitigt. Innerhalb weniger Monate wurden Parteien und Gewerkschaften ausgeschaltet, Länder gleichgeschaltet und politische Gegner verfolgt. Aus Deutschland wurde eine Diktatur.

Wie war das möglich?

Wie konnte eine politische Bewegung, die selbst bei dieser letzten Reichstagswahl keine absolute Stimmenmehrheit erreicht hatte, die gesamte staatliche Ordnung unter ihre Kontrolle bringen?

Diese Frage beschäftigt mich mehr als die bloße Feststellung, dass die Nationalsozialisten stark geworden waren.

Denn sie führt zu einem Problem, das weit über 1933 hinausreicht:

Eine Demokratie kann offenbar zerstört werden, obwohl nicht die Mehrheit ihrer Bürger ihre Zerstörung gewählt hat.

Wo war die Mitte?

Wir erzählen die Geschichte der Weimarer Republik häufig vom Ende her.

Wir kennen Hitler.

Wir kennen Auschwitz.

Wir kennen den Zweiten Weltkrieg.

Wir wissen, wohin die Geschichte führte.

Dadurch entsteht rückblickend leicht der Eindruck eines Landes, das immer radikaler wurde, bis schließlich der Nationalsozialismus die zwangsläufige Konsequenz gewesen sei.

Aber war das wirklich so?

Wo waren die Sozialdemokraten?

Wo waren die Liberalen?

Wo waren die katholischen und christlichen Kräfte?

Wo waren Gewerkschafter, Unternehmer, Beamte, Lehrer, Schriftsteller, Wissenschaftler, Handwerker und Arbeiter, die keine nationalsozialistische Diktatur wollten?

Wo waren die Menschen, die morgens zur Arbeit gingen, ihre Kinder großzogen, ihre Zeitung lasen, ins Theater gingen, miteinander stritten und eigentlich nur in Frieden leben wollten?

Sie waren da.

Vielleicht liegt genau hier ein Denkfehler unserer historischen Betrachtung.

Wir schauen so intensiv auf diejenigen, die die Demokratie zerstörten, dass wir diejenigen aus dem Blick verlieren, die keine Diktatur wollten.

Meine These

Daraus ist während meiner historischen Beschäftigung mit Deutschland eine These entstanden:

Die Mitte war immer da.

Damit meine ich nicht, dass Deutschland zu allen Zeiten eine demokratische Gesellschaft nach unserem heutigen Verständnis gewesen sei.

Das wäre historisch falsch.

Die Demokratie von 2026 lässt sich nicht einfach auf das Kaiserreich oder das 19. Jahrhundert zurückprojizieren.

Ich meine etwas Grundsätzlicheres.

In allen Perioden unserer Geschichte finden wir Menschen, die weder einer extremen Ideologie noch der vollständigen Unterordnung des Einzelnen unter eine politische Heilslehre folgen wollten.

Wir finden sie 1848.

Wir finden sie im Kaiserreich.

Wir finden sie in Weimar.

Wir finden sie selbst während der nationalsozialistischen Diktatur.

Wir finden sie nach 1945 in Westdeutschland.

Und wir finden sie auch in Ostdeutschland, obwohl dort eine zweite deutsche Diktatur entstand.

1989 treten Menschen auf die Straßen und rufen nach Freiheit.

1990 entsteht daraus wieder ein gemeinsamer demokratischer Staat.

Die Systeme ändern sich.

Die Parteien ändern sich.

Die politischen Begriffe ändern sich.

Aber die Mitte verschwindet nicht.

Dann stimmt möglicherweise unsere Frage nicht

Wenn diese These richtig ist, müssen wir eine der großen Fragen der deutschen Geschichte anders stellen.

Nicht:

Warum verschwand die Mitte?

Sondern:

Warum konnte eine vorhandene Mitte die Demokratie nicht schützen?

Das ist ein erheblicher Unterschied.

Denn solange wir glauben, Demokratien gingen unter, weil irgendwann die Mehrheit der Bevölkerung zu überzeugten Antidemokraten werde, können wir uns beruhigen.

Wir schauen uns um und stellen fest:

Die meisten Menschen wollen keine Diktatur.

Die meisten wollen keine Gewalt.

Die meisten wollen keine Abschaffung ihrer persönlichen Freiheit.

Also scheint die Demokratie sicher.

Aber 1933 warnt uns möglicherweise gerade vor dieser Beruhigung.

Vielleicht benötigt eine Demokratie zu ihrem Untergang überhaupt keine antidemokratische Mehrheit.

Mehrheit und Macht sind nicht dasselbe

Das führt zu einer zweiten Vermutung.

Politische Macht entsteht nicht allein durch die Zahl der Menschen, die eine bestimmte Überzeugung teilen.

Eine entschlossene und gut organisierte Minderheit kann möglicherweise größere Wirkung entfalten als eine wesentlich größere, aber zersplitterte Mehrheit.

Institutionen können versagen.

Demokratische Parteien können sich gegenseitig blockieren.

Politische Eliten können glauben, sie könnten Radikale für ihre eigenen Zwecke benutzen.

Wirtschaftliche Krisen können Vertrauen zerstören.

Propaganda kann Wirklichkeit vereinfachen.

Feindbilder können Gemeinschaft erzeugen.

Angst kann stärker werden als Vernunft.

Und Menschen können eine radikale Partei aus ganz unterschiedlichen Gründen wählen, ohne deren vollständiges Weltbild zu teilen.

Aber das sind zunächst nur Vermutungen.

Ich möchte die Antwort nicht an den Anfang dieses Essays stellen.

Ich möchte sie suchen.

Eine Reise durch die Mitte

Deshalb führt dieser Essay noch einmal durch deutsche Geschichte.

Aber diesmal reisen wir anders.

Wir folgen nicht Hitler.

Wir folgen nicht den Extremisten.

Wir folgen der Mitte.

Wir fragen, wo sie sich in unterschiedlichen Epochen zeigt.

Wir begegnen Friedrich Ebert und Thomas Mann.

Wir lassen Ernst Cassirer und Martin Heidegger über den Menschen streiten.

Wir betrachten 1933 nicht nur aus der Perspektive der Sieger, sondern auch aus der Perspektive derjenigen, die keine nationalsozialistische Diktatur wollten.

Wir fragen nach 1945, woher die demokratischen Kräfte plötzlich wieder kamen, wenn sie angeblich zuvor verschwunden waren.

Wir betrachten 1949 und das Grundgesetz.

Wir betrachten die DDR und 1989.

Und schließlich kehren wir zurück in das Deutschland des Jahres 2026.

Immer mit derselben Frage:

Was hält eine Demokratie zusammen, wenn ihre Gegner stark werden?

Eine Frage des Menschenbildes

Dabei geht es letztlich um mehr als Parteien und Wahlergebnisse.

Es geht um den Menschen.

Darf der einzelne Mensch anders denken?

Darf er widersprechen?

Darf er einer Minderheit angehören?

Besitzt er Rechte, die auch eine Mehrheit ihm nicht nehmen darf?

Oder muss er sich einer Nation, einer Klasse, einer Rasse, einer Religion, einer Partei, einem Führer oder irgendeiner vermeintlich höheren Wahrheit unterordnen?

Hier beginnt mein S–N-Kompass.

Settembrini steht für einen einfachen Grundsatz:

Die Ordnung dient dem Menschen.

Naphta steht für die Umkehrung:

Der Mensch dient der Ordnung.


 


Vielleicht verläuft die entscheidende politische Grenze deshalb gar nicht dort, wo wir sie gewöhnlich suchen.

Nicht einfach zwischen links und rechts.

Sondern zwischen zwei Vorstellungen vom Menschen.

Und damit komme ich zu meiner eigenen Arbeit

Seit Jahren schreibe ich über Geschichte, Philosophie, Demokratie, Freiheit und Humanismus.

Immer wieder habe ich mich gefragt:

Wozu?

Was kann ein weiterer Essay verändern?

Was bewirkt ein historischer Dialog mit Thomas Mann?

Was bringt es, Cassirer zu lesen oder noch einmal nach 1933 zurückzugehen?

Vielleicht liegt die Antwort genau in der Frage, mit der dieser Essay beginnt.

Eine Demokratie kann Gerichte errichten.

Sie kann eine Verfassung schaffen.

Sie kann Grundrechte garantieren.

Sie kann sich als wehrhafte Demokratie organisieren.

Aber keine Verfassung kann dem Bürger das Denken abnehmen.

Der Mensch muss unterscheiden können.

Zwischen Information und Propaganda.

Zwischen Kritik und Verachtung.

Zwischen Gegner und Feind.

Zwischen Gemeinschaft und Ausgrenzung.

Zwischen Führung und Unterwerfung.

Zwischen einer Ordnung, die ihm dient, und einer Ordnung, der er dienen soll.

Dafür gibt es ein altes Wort:

Bildung.

Vielleicht ist Bildung deshalb nicht nur die Vermittlung von Wissen.

Vielleicht ist sie eine Form der geistigen Selbstverteidigung der Demokratie.

Und vielleicht liegt genau darin der Sinn meiner Arbeit.

Nicht Menschen vorzuschreiben, was sie denken sollen.

Sondern ihnen Geschichte, Zusammenhänge und Fragen zur Verfügung zu stellen, damit sie selbst urteilen können.

Denn meine Ausgangsthese lautet:

Die Mitte war immer da.

Doch die Geschichte stellt uns eine unbequemere Frage:

Warum schützt eine demokratische Mehrheit nicht automatisch vor dem Kippen der Demokratie?

Mit dieser Frage beginnt die Reise.


1. Was ist eigentlich „die Mitte“?

Bevor wir fragen, warum die politische Mitte eine Demokratie nicht immer vor ihren Gegnern schützen kann, müssen wir klären, wovon wir überhaupt sprechen.

Was ist die Mitte?

Im politischen Alltag scheint die Antwort einfach. Links befinden sich die einen, rechts die anderen – und irgendwo dazwischen liegt die Mitte. Parteien kämpfen um ihre Wähler. Nach Wahlen wird darüber diskutiert, ob eine Partei nach links oder rechts gerückt sei und wer die „Mitte der Gesellschaft“ noch erreiche.

Aber diese Vorstellung reicht für meine historische Frage nicht aus.

Denn die Mitte, von der ich spreche, ist kein Punkt auf einer politischen Skala.

Sie ist auch keine Partei.

Und sie ist nicht einmal zwingend eine bestimmte politische Überzeugung.

Die Mitte ist größer als die Parteien

Ein Sozialdemokrat kann zu ihr gehören, ein Christdemokrat ebenso. Ein Liberaler, ein Grüner oder ein parteiloser Bürger ebenfalls. Menschen können über Steuern, Migration, soziale Gerechtigkeit, Klimapolitik oder die Rolle des Staates vollkommen unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem einer gemeinsamen demokratischen Mitte angehören.

Was verbindet sie?

Zunächst etwas sehr Einfaches: die Anerkennung des anderen Menschen als politisch gleichberechtigt.

Mein politischer Gegner darf irren.

Er darf eine andere Partei wählen.

Er darf meine Überzeugungen ablehnen.

Er darf sogar eine Politik fordern, die ich für grundfalsch halte.

Aber er bleibt mein Mitbürger.

Aus dem politischen Gegner wird kein Feind.

Damit beginnt für mich die Mitte.

Vernunft und Anstand

In der öffentlichen Diskussion ist von einer großen „Partei der Vernunft und des Anstands“ gesprochen worden.

Der Ausdruck gefällt mir, weil „Partei“ hier gerade nicht CDU, SPD, Grüne, FDP oder eine andere Organisation meint.

Es ist eine imaginäre Partei.

Ihr gehören alle an, die bereit sind, ihre politischen Interessen innerhalb gemeinsamer Regeln auszutragen.

Vernunft bedeutet dabei nicht, dass es immer eine objektiv richtige politische Antwort gibt. Demokratie lebt gerade davon, dass vernünftige Menschen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen können.

Und Anstand bedeutet mehr als Höflichkeit.

Er bezeichnet eine Grenze.

Ich kann meinen Gegner bekämpfen, ohne ihm seine Würde abzusprechen.

Ich kann eine Regierung abwählen wollen, ohne den demokratischen Staat beseitigen zu wollen.

Ich kann gegen eine politische Entscheidung demonstrieren und gleichzeitig akzeptieren, dass auch diejenigen, gegen die ich demonstriere, Grundrechte besitzen.

Die Mitte beginnt dort, wo der andere Mensch trotz des politischen Streits Mensch bleibt.

Aber gab es diese Mitte schon immer?

Hier beginnt meine These.

Unsere heutige Vorstellung von Demokratie ist historisch jung. Das Grundgesetz existiert seit 1949. Das allgemeine gleiche Wahlrecht musste erkämpft werden. Frauen durften in Deutschland erstmals 1919 an einer reichsweiten Wahl teilnehmen. Im Kaiserreich gab es noch keine parlamentarische Demokratie nach unserem heutigen Verständnis.

Wenn ich behaupte:

Die Mitte war immer da.

kann damit also nicht gemeint sein, dass es zu allen Zeiten eine demokratische Mitte im heutigen Sinne gegeben hätte.

Meine These geht tiefer.

Es gab in den unterschiedlichen Perioden deutscher Geschichte Menschen, die ihr Leben führen wollten, ohne andere beherrschen zu müssen. Menschen, die Familie, Arbeit, Kultur, Religion, Bildung, Sicherheit und gesellschaftliche Ordnung suchten. Menschen, die Reformen wollten, ohne Revolutionäre zu sein. Menschen, die unterschiedliche Überzeugungen besaßen und dennoch miteinander leben konnten.

1848 finden wir sie.

Im Kaiserreich finden wir sie.

In der Weimarer Republik finden wir sie.

Selbst während der nationalsozialistischen Diktatur verschwanden solche Menschen nicht.

Wir finden sie nach 1945 wieder.

Wir finden sie in der DDR.

Und 1989 treten Menschen auf die Straßen und verlangen Freiheit und Selbstbestimmung.

Die politischen Systeme wechseln.

Die Mitte bleibt.

Mitte bedeutet nicht Mittelmäßigkeit

Dabei lauert ein Missverständnis.

Wer Mitte sagt, meint nicht zwangsläufig Mäßigung in jeder Frage.

Die Mitte kann leidenschaftlich sein.

Ein Mensch kann leidenschaftlich für soziale Gerechtigkeit kämpfen. Er kann ein entschiedener Konservativer sein. Er kann radikale Reformen des Wirtschaftssystems verlangen oder eine sehr restriktive Migrationspolitik vertreten.

Die entscheidende Frage lautet nicht:

Wie weit links oder rechts steht er?

Sondern:

Welches Menschenbild liegt seiner Politik zugrunde?

Hier berührt die Frage nach der Mitte meinen S–N-Kompass.

Settembrini steht für den Gedanken:

Die Ordnung dient dem Menschen.

Naphta verkörpert die Gegenbewegung:

Der Mensch dient der Ordnung.

Damit verändert sich auch unser Blick auf politische Radikalität.

Nicht jede radikale Forderung ist automatisch antihumanistisch. Die Abschaffung der Sklaverei war einmal eine radikale Forderung. Gleichberechtigung war radikal. Demokratie selbst war über lange Zeit eine radikale Idee.

Entscheidend ist deshalb nicht allein, wie stark eine politische Forderung vom Bestehenden abweicht, sondern was mit dem einzelnen Menschen geschieht, wenn sie verwirklicht wird.

Bleibt seine Würde unantastbar?

Bleibt er Träger eigener Rechte?

Darf er widersprechen?

Darf er anders sein?

Oder wird von ihm verlangt, sich einer Nation, einer Klasse, einer Rasse, einer Religion, einem Führer oder einer vermeintlich höheren geschichtlichen Wahrheit unterzuordnen?

Hier verläuft für mich die entscheidende Grenze.

Die Mehrheit ist noch keine Mitte

Damit müssen wir eine weitere Unterscheidung treffen.

Mitte und Mehrheit sind nicht dasselbe.

Eine Mehrheit kann irren. Eine Mehrheit kann Menschenrechte verletzen. Eine Mehrheit könnte sogar beschließen wollen, einer Minderheit ihre Rechte zu nehmen.

Demokratie bedeutet deshalb mehr als Mehrheitsentscheidung.

Das Grundgesetz zieht genau hier eine Grenze. Die Würde des Menschen steht nicht unter Mehrheitsvorbehalt. Bestimmte Grundlagen unserer Verfassungsordnung können auch mit einer parlamentarischen Zweidrittelmehrheit nicht abgeschafft werden.

Das ist eine der großen Lehren aus der deutschen Geschichte:

Nicht alles darf zur Abstimmung stehen.

Die demokratische Mitte definiert sich deshalb nicht allein durch ihre Größe, sondern durch ihre Bindung an ein Menschenbild.

Meine Arbeitshypothese

Damit lässt sich die These dieses Essays präzisieren:

Die Mitte ist jene gesellschaftliche Kraft, die politische Unterschiede akzeptiert, ohne die gleiche Würde und Freiheit des einzelnen Menschen grundsätzlich infrage zu stellen.

Sie verändert sich historisch. Ihre politischen Vorstellungen verändern sich. Ihre Parteien verändern sich.

Aber ein Grundgedanke bleibt:

Wir müssen miteinander leben können, obwohl wir verschieden sind.

Wenn diese These stimmt, bekommt die deutsche Geschichte eine überraschende Dramaturgie.

Denn dann müssen wir nicht mehr fragen:

Wann verschwand die Mitte?

Vielleicht verschwand sie überhaupt nicht.

Dann lautet die viel schwierigere Frage:

Wenn die Mitte immer da war – warum konnte sie 1933 die Demokratie nicht retten?

Und genau dort beginnt unsere historische Untersuchung.

Denn möglicherweise liegt eine der gefährlichsten Illusionen der Demokratie in dem beruhigenden Satz:

„Wir sind doch die Mehrheit.“

Die deutsche Geschichte zwingt uns zu fragen, ob das genügt.


2. Die Mitte vor der Demokratie

Gab es eine Mitte, bevor es unsere Demokratie gab?

Wenn meine These lautet, „Die Mitte war immer da“, entsteht sofort ein Einwand.

Wie kann von einer demokratischen Mitte gesprochen werden, wenn Deutschland über weite Strecken seiner Geschichte überhaupt keine Demokratie im heutigen Sinne war?

Im Deutschen Kaiserreich gab es einen Kaiser. Die Regierung war nicht vom Vertrauen einer parlamentarischen Mehrheit abhängig. Frauen besaßen kein Wahlrecht. Gesellschaftliche Stellung, Herkunft und Vermögen bestimmten die Lebenschancen weit stärker als heute.

Gehen wir noch weiter zurück, wird der Abstand zu unserem heutigen Demokratieverständnis noch größer.

Die Revolution von 1848/49 scheiterte. Deutschland bestand zuvor aus zahlreichen Einzelstaaten. Fürsten regierten, Zensur begrenzte die Öffentlichkeit, politische Mitwirkung war eingeschränkt.

Wenn ich trotzdem von einer Mitte spreche, darf ich unseren heutigen Begriff nicht einfach in die Vergangenheit übertragen.

Meine These ist eine andere.

Die demokratische Mitte entstand nicht erst mit der Demokratie. Ihre geistigen Voraussetzungen sind älter.

Es gab lange vor dem Grundgesetz Menschen, die Freiheit wollten, ohne die Freiheit des anderen abschaffen zu wollen. Menschen, die Recht statt Willkür, Bildung statt Unterwerfung und Reform statt Gewalt suchten.

Vielleicht müssen wir dort anfangen.

1848 – eine Revolution der Mitte?

Die deutsche Revolution von 1848 ist dafür ein bemerkenswerter Ausgangspunkt.

Menschen forderten Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Verfassungen, politische Mitbestimmung und nationale Einheit. In der Frankfurter Paulskirche trat erstmals ein gesamtdeutsches Parlament zusammen.

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Natürlich war diese Bewegung nicht unsere heutige Demokratie.

Die Abgeordneten der Paulskirche waren überwiegend Männer aus dem gebildeten Bürgertum. Die Vorstellungen von politischer und gesellschaftlicher Gleichheit waren begrenzt. Auch innerhalb der Nationalversammlung stritten Konservative, Liberale und Demokraten heftig über die zukünftige Ordnung.

Aber etwas Entscheidendes war geschehen:

Politische Herrschaft musste sich rechtfertigen.

Der Untertan begann, Bürger werden zu wollen.

Nicht der Fürst allein sollte darüber entscheiden, welche Rechte Menschen besaßen. Recht sollte geschrieben, Macht begrenzt und politische Herrschaft an Regeln gebunden werden.

Das erscheint uns heute selbstverständlich.

Damals war es revolutionär.

Und doch war es keine Forderung nach einer totalen Umwälzung des menschlichen Lebens. Viele wollten Eigentum, Familie, Religion und gesellschaftliche Ordnung erhalten und gleichzeitig politische Freiheit gewinnen.

Vielleicht begegnen wir hier bereits jener Mitte, nach der ich suche.

Nicht als Partei.

Nicht als fest umrissene gesellschaftliche Gruppe.

Sondern als Menschenbild.

Vom Untertan zum Bürger

Dahinter steht eine Entwicklung, die viel älter ist als 1848.

Die Aufklärung hatte eine ungeheure Idee in die europäische Geschichte gesetzt:

Der Mensch kann selbst denken.

Kant formulierte 1784 seinen berühmten Aufruf:

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Das war weit mehr als ein pädagogischer Ratschlag.

Wer seinen eigenen Verstand benutzen darf, kann nicht gleichzeitig verlangen, dass ein anderer Mensch ihm blind vorschreibt, was er zu denken hat.

Damit entsteht eine Voraussetzung demokratischer Kultur, lange bevor eine demokratische Verfassung existiert.

Der Mensch wird zum Subjekt.

Er besitzt Vernunft.

Er besitzt Würde.

Er trägt Verantwortung.

Und er kann politische Herrschaft beurteilen.

Damit beginnt etwas, das für meine Untersuchung entscheidend ist:

Demokratie entsteht zunächst im Kopf, bevor sie in einer Verfassung steht.

Aber war das wirklich die Mitte?

Hier muss ich meiner eigenen These widersprechen.

Denn natürlich dachte im 19. Jahrhundert keineswegs die Mehrheit der Menschen wie Kant.

Nationalismus nahm zu. Antisemitismus existierte. Gesellschaftliche Hierarchien wurden als selbstverständlich betrachtet. Militarismus gewann Einfluss. Arbeiter lebten teilweise unter Bedingungen, die wir heute als unerträglich empfinden würden.

Auch diejenigen, die sich selbst als liberal verstanden, vertraten keineswegs immer ein Menschenbild, das unserem heutigen Verständnis von Gleichheit entspricht.

Deshalb wäre es falsch zu sagen:

1848 gab es bereits unsere heutige demokratische Mitte.

Aber vielleicht ist das auch gar nicht notwendig.

Ich suche nicht nach unseren heutigen Parteien in der Vergangenheit.

Ich suche nach einer Haltung.

Und deren Kern lautet:

Der Mensch darf nicht vollständig zum Mittel einer politischen Ordnung werden.

Genau dort beginnt mein S–N-Kompass wieder zu reagieren.

Das Kaiserreich – eine autoritäre Gesellschaft?

1871 entstand das Deutsche Kaiserreich.

An seiner Spitze stand der Kaiser. Der Reichskanzler wurde nicht vom Parlament gewählt und war diesem auch nicht in unserem heutigen Sinne verantwortlich.

War Deutschland deshalb eine Gesellschaft von Untertanen?

So einfach ist es nicht.

Das Kaiserreich besaß gleichzeitig einen gewählten Reichstag. Für Männer galt bei Reichstagswahlen ein allgemeines und gleiches Wahlrecht – für seine Zeit bemerkenswert fortschrittlich. Parteien entwickelten sich zu großen gesellschaftlichen Organisationen. Zeitungen verbreiteten politische Diskussionen. Vereine, Kirchen, Gewerkschaften und Verbände bildeten eine immer vielfältigere Zivilgesellschaft.

Und Millionen Menschen beteiligten sich daran.

Das ist für meine These wichtig.

Denn politische Geschichte wird häufig von oben erzählt:

Kaiser – Kanzler – Generäle – Kriege.

Aber eine Gesellschaft besteht nicht nur aus ihren Herrschern.

Unterhalb der staatlichen Ordnung existierte eine zunehmend vielfältige Bürgergesellschaft.

Menschen gründeten Vereine.

Sie lasen Zeitungen.

Sie organisierten sich in Gewerkschaften.

Sie engagierten sich in Kirchen.

Sie wählten Parteien.

Sie diskutierten Politik.

Sie verlangten soziale Verbesserungen.

Sie wollten Bildung für ihre Kinder.

Sie bauten Unternehmen auf.

Sie schrieben Bücher.

Sie gingen ins Theater.

Sie stritten.

Und sie arrangierten sich mit einer politischen Ordnung, die sich gleichzeitig langsam veränderte.

Auch das war Deutschland.

Die Sozialdemokratie – vom Staatsfeind zur demokratischen Kraft

Besonders interessant ist dabei die Entwicklung der Sozialdemokratie.

Bismarck versuchte mit den Sozialistengesetzen zwischen 1878 und 1890, die sozialdemokratische Bewegung zurückzudrängen.

Es gelang nicht.

Die Arbeiterbewegung wuchs.

Millionen Menschen organisierten sich politisch und gewerkschaftlich. Sie verlangten soziale Rechte und politische Teilhabe.

Das Bemerkenswerte daran ist nicht nur ihr Wachstum.

Es ist ihre zunehmende Einbindung in parlamentarische Politik.

Eine Bewegung, die aus Sicht des Staates zeitweise als Bedrohung erschien, wurde schließlich zu einer der tragenden Kräfte der ersten deutschen Demokratie.

Auch das widerspricht einem einfachen Geschichtsbild, in dem es nur eine gemäßigte Mitte und zwei unveränderliche radikale Ränder gibt.

Menschen und Parteien können sich verändern.

Die Grenze der Mitte ist beweglich.

Aber das Menschenbild bleibt die entscheidende Prüffrage.

Das Zentrum – schon der Name ist bemerkenswert

Daneben entstand 1870 die Deutsche Zentrumspartei.

Schon ihr Name erscheint im Zusammenhang mit meiner Untersuchung beinahe symbolisch.

Sie vertrat vor allem katholische Interessen, entwickelte sich aber zu einer wichtigen parlamentarischen Kraft des Kaiserreichs und später der Weimarer Republik.

Auch hier sehen wir etwas, das für die spätere Demokratie entscheidend werden sollte:

Menschen mit starken religiösen und gesellschaftlichen Überzeugungen akzeptierten zunehmend den parlamentarischen Interessenausgleich.

Sie mussten ihre Überzeugungen nicht aufgeben.

Sie mussten lernen, mit anderen Überzeugungen zusammenzuleben.

Genau das ist eine Grundbedingung demokratischer Mitte.

Die Mitte bedeutet nicht, dass alle gleich denken

Vielleicht liegt hier ein weiterer Denkfehler.

Wir stellen uns die Mitte manchmal als eine große Gruppe vernünftiger Menschen vor, die ungefähr dasselbe denken.

Eine solche Mitte hat vermutlich niemals existiert.

Die gesellschaftliche Mitte war immer voller Gegensätze.

Arbeiter und Unternehmer gehörten dazu.

Katholiken und Protestanten.

Konservative und Liberale.

Stadt und Land.

Bürgerliche und Sozialdemokraten.

Menschen, die mehr Staat wollten, und Menschen, die weniger Staat wollten.

Sie stritten über Eigentum, Religion, Nation, soziale Gerechtigkeit und politische Macht.

Was sie zur Mitte machen konnte, war deshalb nicht ihre Übereinstimmung.

Es war ihre Fähigkeit, Verschiedenheit auszuhalten.

Damit komme ich zu einer Definition, die für meine historische Reise immer wichtiger wird:

Die Mitte ist kein Konsens über Politik.
Sie ist ein Konsens darüber, wie wir trotz unterschiedlicher Politik miteinander leben.

Und dann kam der Krieg

1914 beginnt der Erste Weltkrieg.

Hier wird meine These erstmals einer schweren Belastungsprobe ausgesetzt.

Nationalismus, militärische Begeisterung und die Vorstellung einer nationalen Schicksalsgemeinschaft überlagerten gesellschaftliche Gegensätze.

Auch viele Intellektuelle ließen sich davon erfassen.

Thomas Mann gehört dazu.

Der spätere Verteidiger der Republik war 1914 noch weit von seiner demokratischen Haltung der 1920er Jahre entfernt.

Gerade deshalb ist er für meine Untersuchung so interessant.

Denn Thomas Mann zeigt:

Die Mitte ist keine feste persönliche Eigenschaft.

Ein Mensch kann sich verändern.

Er kann sich irren.

Er kann nationalen Leidenschaften folgen.

Er kann später seine Haltung überprüfen.

Und er kann zum Verteidiger einer politischen Ordnung werden, die er zuvor skeptisch betrachtet hatte.

Das macht Geschichte menschlicher.

Und komplizierter.

1918 – die alte Ordnung bricht zusammen

Vier Jahre später war das Kaiserreich am Ende.

Deutschland hatte den Krieg verloren.

Millionen Menschen waren tot.

Der Kaiser ging ins Exil.

Revolutionäre Unruhen erfassten das Land.

Plötzlich stand Deutschland vor einer fundamentalen Entscheidung.

Monarchie?

Räterepublik?

Parlamentarische Demokratie?

Revolution?

Ordnung?

Hier begegnen wir der Mitte nicht mehr nur als gesellschaftlicher Haltung.

Jetzt muss sie politische Verantwortung übernehmen.

Friedrich Ebert wird dabei zu einer Schlüsselfigur.

Er war Sozialdemokrat.

Ein Vertreter jener politischen Bewegung, die wenige Jahrzehnte zuvor unter Bismarck noch staatlich verfolgt worden war.

Nun sollte ausgerechnet ein Sozialdemokrat helfen, Deutschland in eine parlamentarische Demokratie zu führen.

Das ist eine bemerkenswerte historische Entwicklung.

Die Mitte tritt auf die politische Bühne

1919 wird in Weimar eine demokratische Nationalversammlung gewählt.

SPD, Zentrum und die linksliberale Deutsche Demokratische Partei bilden die sogenannte Weimarer Koalition.

Bei der Wahl zur Nationalversammlung im Januar 1919 erreichen diese drei Parteien zusammen rund drei Viertel der Stimmen.

Das ist für meine These ein entscheidender Moment.

Deutschland beginnt seine erste parlamentarische Demokratie nicht mit einer kleinen demokratischen Minderheit.

Es beginnt sie mit einer breiten demokratischen Mehrheit.

Die Mitte war nicht nur da.

Sie war stark.

Sie besaß Wähler.

Sie besaß Parteien.

Sie besaß ein Parlament.

Sie schuf eine Verfassung.

Sie hatte die Möglichkeit, eine demokratische Ordnung aufzubauen.

Und genau deshalb wird das, was anschließend geschieht, für meine Untersuchung so wichtig.

Denn nur vierzehn Jahre später ist diese Demokratie zerstört.

Das Paradox wird sichtbar

Damit stehen wir am Beginn der Weimarer Republik vor einem historischen Paradox.

1919 verfügt die demokratische Mitte über eine überwältigende parlamentarische Mehrheit.

1933 übernimmt eine Bewegung die Macht, die diese Demokratie beseitigen wird.

Was geschah dazwischen?

Sind Millionen Demokraten plötzlich verschwunden?

Haben sie ihr Menschenbild vollständig verändert?

Oder geschah etwas anderes?

Vielleicht blieb die gesellschaftliche Mitte bestehen, während ihre politische Bindungs- und Handlungsfähigkeit zerfiel.

Vielleicht ist genau das der Unterschied, den wir bisher übersehen haben.

Dann wäre die entscheidende Frage nicht:

Warum wurde Deutschland extremistisch?

Sondern:

Wie konnte eine Demokratie ihre politische Mitte verlieren, obwohl die gesellschaftliche Mitte weiterhin existierte?

Damit erreichen wir 1919.

Die Mitte hat eine Verfassung.

Sie besitzt eine große Mehrheit.

Sie hat die historische Gelegenheit, Demokratie in Deutschland dauerhaft zu verankern.

Und trotzdem wird diese Republik scheitern.

Warum?

Das ist die Frage des nächsten Kapitels.


3. Weimar – die Demokratie und ihre Mehrheit

Eine Demokratie beginnt mit Zustimmung

Am Anfang steht eine Zahl, die heute beinahe vergessen ist.

Bei der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919 erhielten SPD, Zentrum und Deutsche Demokratische Partei zusammen mehr als drei Viertel der Stimmen.

Die Parteien der später sogenannten Weimarer Koalition verfügten damit über eine eindrucksvolle demokratische Mehrheit.

Das ist für meine These von großer Bedeutung.

Denn wenn wir heute auf die Weimarer Republik zurückblicken, sehen wir meistens ihr Ende.

Wir sehen Straßenschlachten.

Wir sehen Kommunisten und Nationalsozialisten.

Wir sehen SA-Kolonnen.

Wir sehen Arbeitslosigkeit und Weltwirtschaftskrise.

Wir sehen schließlich Hitler.

Doch so begann Weimar nicht.

Weimar begann mit einer Wahl, einer Nationalversammlung, einer Verfassung – und mit einer breiten Zustimmung zu Parteien, die bereit waren, parlamentarische Verantwortung zu übernehmen.

Die Mitte war da.

Mehr noch:

Sie war die Mehrheit.

Friedrich Ebert – Revolution oder Demokratie?

Friedrich Ebert steht für dieses schwierige Deutschland des Übergangs.

Er war kein Revolutionär, der die bestehende Gesellschaft vollständig zerstören wollte. Er war Sozialdemokrat und wollte grundlegende Veränderungen – aber innerhalb einer politischen Ordnung.

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs im November 1918 stand Deutschland vor einer offenen Zukunft.

Auf der einen Seite standen Kräfte, die eine parlamentarische Republik wollten.

Auf der anderen Seite gab es revolutionäre Vorstellungen einer Räterepublik.

Von rechts wiederum wurde die Republik von Beginn an als Ergebnis von Niederlage und Revolution bekämpft.

Ebert entschied sich für die parlamentarische Demokratie.

Das bedeutete Kompromisse.

Und Kompromisse haben eine merkwürdige Eigenschaft: Sie können eine Gesellschaft zusammenhalten und gleichzeitig diejenigen enttäuschen, die eine eindeutige Lösung erwarten.

Vielleicht begegnen wir hier bereits einem Grundproblem der Mitte.

Die Mitte verspricht selten Erlösung.

Sie organisiert das Zusammenleben.

Die Stärke und Schwäche des Kompromisses

Eine Demokratie muss Interessen ausgleichen.

Arbeiter wollen höhere Löhne.

Unternehmer wollen wirtschaftliche Freiheit.

Religiöse Menschen wollen ihre Überzeugungen bewahren.

Liberale wollen individuelle Rechte.

Konservative wollen Kontinuität.

Sozialisten wollen gesellschaftliche Veränderungen.

Keine dieser Gruppen bekommt in einer Demokratie alles, was sie will.

Das ist kein Fehler des Systems.

Es ist sein Prinzip.

Der Kompromiss sagt:

Du bekommst nicht alles. Aber der andere auch nicht. Und deshalb können wir beide miteinander leben.

Gerade das unterscheidet die demokratische Mitte vom politischen Extremismus.

Der Extremismus verspricht nicht Ausgleich.

Er verspricht Eindeutigkeit.

Und Eindeutigkeit kann in Zeiten der Unsicherheit verführerisch sein.

Die Republik beginnt unter schlechten Bedingungen

Die junge Demokratie hatte kaum Zeit, sich selbst zu erklären.

Sie musste sofort Krisen bewältigen.

Deutschland hatte den Ersten Weltkrieg verloren. Millionen Soldaten kehrten zurück. Die Wirtschaft war erschüttert. Die Monarchie war zusammengebrochen. Revolutionäre Unruhen bedrohten die öffentliche Ordnung.

Dann kam der Versailler Vertrag.

Gebietsverluste, Reparationsforderungen und die Kriegsschuldfrage wurden für viele Deutsche zu einer nationalen Demütigung.

Die Republik musste einen Vertrag tragen, dessen Ursachen weit vor ihrer eigenen Entstehung lagen.

Das hatte eine verhängnisvolle Folge:

Die Demokratie wurde für die Folgen einer Politik verantwortlich gemacht, die sie nicht verursacht hatte.

Die neue Ordnung begann mit einer schweren Hypothek.

Die Dolchstoßlegende – wenn eine Erzählung stärker wird als eine Tatsache

Besonders gefährlich wurde eine politische Erzählung:

Deutschland sei militärisch eigentlich nicht besiegt worden. Das Heer sei „im Felde unbesiegt“ geblieben und von Kräften in der Heimat – Demokraten, Sozialisten, Revolutionären und häufig antisemitisch markierten Gruppen – verraten worden.

Die sogenannte Dolchstoßlegende war falsch.

Aber politisch wirksam.

Und hier begegnet uns ein Mechanismus, der für meine Untersuchung wichtig wird:

Menschen handeln nicht nur nach Tatsachen. Sie handeln nach der Bedeutung, die sie Tatsachen geben.

Eine komplizierte militärische Niederlage lässt sich schwer erklären.

Ein Verrat lässt sich leicht erklären.

Eine komplexe wirtschaftliche Krise hat viele Ursachen.

Ein Schuldiger ist einfacher.

Damit entsteht etwas, das Ernst Cassirer später beschäftigen wird:

der politische Mythos.

1923 – eine Demokratie unter extremem Druck

Dann kam das Krisenjahr 1923.

Die Besetzung des Ruhrgebiets verschärfte die wirtschaftliche Lage.

Die Inflation wurde zur Hyperinflation.

Geld verlor in dramatischem Tempo seinen Wert.

Ersparnisse verschwanden.

Menschen, die glaubten, für ihr Alter vorgesorgt zu haben, standen plötzlich vor dem Nichts.

Das ist mehr als eine wirtschaftliche Erfahrung.

Es ist eine Erfahrung des Vertrauensverlustes.

Ein Geldschein funktioniert nur, solange Menschen darauf vertrauen, dass er morgen noch etwas wert ist.

Ein Staat funktioniert ebenfalls nur, solange Menschen darauf vertrauen, dass seine Regeln Bestand haben.

Wenn beides gleichzeitig erschüttert wird, entsteht politische Unsicherheit.

Und dennoch:

Die Republik überlebte.

Das dürfen wir in der Rückschau nicht vergessen.

Weimar war nicht nur Krise

Zwischen 1924 und 1929 stabilisierte sich Deutschland erheblich.

Die Währung war stabilisiert.

Die Wirtschaft erholte sich.

Deutschland wurde 1926 Mitglied des Völkerbundes.

Gustav Stresemann und der französische Außenminister Aristide Briand erhielten den Friedensnobelpreis.

Berlin wurde zu einem der kulturellen Zentren Europas.

Literatur, Theater, Architektur, Film, Wissenschaft und Journalismus erlebten eine außergewöhnliche Blüte.

Bauhaus.

Neue Sachlichkeit.

Brecht.

Kästner.

Tucholsky.

Thomas Mann.

Einstein.

Marlene Dietrich.

Die Weimarer Republik bestand nicht dreizehn Jahre lang aus einem ununterbrochenen Marsch in die Diktatur.

Sie war auch eine Zeit ungeheurer kultureller Modernität.

Gerade deshalb muss man vorsichtig sein, Geschichte vom Ende her zu erzählen.

1933 war nicht 1919 bereits vorprogrammiert.

Thomas Mann entdeckt die Demokratie

Thomas Mann ist dafür ein besonders interessanter Zeuge.

Während des Ersten Weltkriegs hatte er demokratischen Vorstellungen noch skeptisch gegenübergestanden.

Doch er veränderte sich.

1922 hielt er seine berühmte Rede „Von deutscher Republik“.

Der Schriftsteller, der zuvor die westliche Demokratie kritisch betrachtet hatte, stellte sich nun öffentlich hinter die Republik.

Warum ist das für meine These wichtig?

Weil Thomas Mann zeigt, dass demokratische Überzeugung gelernt werden kann.

Demokratie ist keine angeborene Eigenschaft.

Menschen können ihre politische Haltung überprüfen.

Sie können historische Erfahrungen verarbeiten.

Sie können dazulernen.

Und genau hier erscheint zum ersten Mal ein Begriff, der am Ende meiner Untersuchung noch entscheidend werden wird:

Bildung.

Eine Demokratie muss verstanden werden

Vielleicht war eines der Probleme Weimars, dass Deutschland zwar eine demokratische Verfassung erhalten hatte, aber noch nicht genügend Zeit gehabt hatte, eine demokratische Kultur entstehen zu lassen.

Man kann eine Verfassung innerhalb weniger Monate schreiben.

Eine politische Kultur entsteht über Generationen.

Demokratie verlangt Fähigkeiten, die keineswegs selbstverständlich sind:

den politischen Gegner auszuhalten,

eine Wahlniederlage zu akzeptieren,

Kompromisse nicht als Verrat zu betrachten,

zwischen Regierung und Staat zu unterscheiden,

Pressefreiheit auch für unbequeme Meinungen zu akzeptieren,

und darauf zu verzichten, den eigenen politischen Willen mit Gewalt durchzusetzen.

Das muss gelernt werden.

Demokratie ist auch eine Bildungsaufgabe.

Dann kam 1929

Im Oktober 1929 begann mit dem Börsenkrach in New York eine Weltwirtschaftskrise, die Deutschland besonders schwer traf.

Unternehmen gingen zugrunde.

Banken gerieten in Schwierigkeiten.

Millionen Menschen verloren ihre Arbeit.

Familien verloren ihre wirtschaftliche Sicherheit.

Die politische Landschaft veränderte sich.

Und nun geschieht etwas, das für meine These entscheidend ist.

Die Menschen verschwinden nicht.

Die gesellschaftliche Mitte verschwindet nicht plötzlich.

Aber ihre politische Organisation verändert sich.

Die Parteien, die 1919 gemeinsam die demokratische Republik getragen hatten, verloren erheblich an Zustimmung.

Gleichzeitig gewannen die politischen Ränder.

Die Wahl von 1930 – das Warnsignal

Bei der Reichstagswahl vom September 1930 erreichte die NSDAP plötzlich 18,3 Prozent.

Zwei Jahre zuvor hatte sie lediglich 2,6 Prozent erhalten.

Das war ein dramatischer Sprung.

Auf der anderen Seite blieb auch die KPD stark.

Damit veränderte sich das Parlament.

Nicht weil plötzlich alle Deutschen Extremisten geworden waren.

Sondern weil die politischen Kräfte, die zu grundlegender parlamentarischer Zusammenarbeit bereit waren, schwächer wurden, während Parteien stärker wurden, die das bestehende System grundsätzlich ablehnten.

Hier zeigt sich ein entscheidender Unterschied:

Eine gesellschaftliche Mehrheit kann bestehen bleiben, während eine parlamentarische Mehrheit für die Demokratie verloren geht.

Das könnte einer der Schlüssel zu meinem Rätsel sein.

Die Mitte zerfällt in verschiedene Lager

Vielleicht müssen wir deshalb den Begriff „Mitte“ noch einmal präzisieren.

Die Mitte war keine geschlossene politische Formation.

Sie bestand aus Sozialdemokraten, katholischem Zentrum, Liberalen, gemäßigten Konservativen und vielen Menschen ohne feste ideologische Bindung.

Diese Menschen hatten unterschiedliche Interessen.

Und in der Krise wurden diese Unterschiede wichtiger.

Der Arbeiter fürchtete Arbeitslosigkeit.

Der Unternehmer fürchtete den wirtschaftlichen Zusammenbruch.

Der Mittelständler fürchtete den sozialen Abstieg.

Der Bauer kämpfte mit Schulden.

Der Konservative fürchtete den Kommunismus.

Der Sozialdemokrat fürchtete den Nationalsozialismus.

Alle konnten zur gesellschaftlichen Mitte gehören.

Aber sie reagierten nicht gemeinsam.

Vielleicht liegt hier ein wichtiger Unterschied:

Die Mitte kann gesellschaftlich groß und politisch gleichzeitig schwach sein.

Präsidialkabinette – Demokratie ohne funktionierende Mehrheit

Ab 1930 wurde Deutschland zunehmend durch sogenannte Präsidialkabinette regiert.

Heinrich Brüning und seine Nachfolger stützten sich immer stärker auf die Notverordnungsrechte des Reichspräsidenten nach Artikel 48 der Weimarer Verfassung.

Das Parlament verlor an politischer Gestaltungskraft.

Formal bestand die Republik weiter.

Es gab einen Reichstag.

Es gab Parteien.

Es gab Wahlen.

Aber die parlamentarische Demokratie funktionierte immer schlechter.

Das ist für unsere Gegenwartsfrage bedeutsam.

Eine Demokratie verschwindet nicht unbedingt an einem einzigen Tag.

Sie kann zunächst ihre Funktionsfähigkeit verlieren.

Die Institutionen stehen noch.

Aber das Vertrauen in sie nimmt ab.

Die Sehnsucht nach der einfachen Antwort

In einer solchen Situation besitzt der politische Radikalismus einen Vorteil.

Er muss nicht beweisen, dass seine Lösungen funktionieren.

Er muss zunächst nur behaupten, dass die anderen versagt haben.

Parlament?

Gerede.

Kompromiss?

Schwäche.

Pluralismus?

Zerstrittenheit.

Presse?

Lüge.

Politische Gegner?

Schuldige.

Komplexität wird reduziert.

Aus vielen Ursachen wird eine Ursache.

Aus politischen Gegnern werden Feinde.

Aus Unsicherheit wird Gewissheit.

Und aus der Frage:

„Wie lösen wir dieses Problem?“

wird die Behauptung:

„Wir wissen, wer daran schuld ist.“

Damit verändert sich Politik fundamental.

Aber die Mehrheit?

Und nun kehre ich zu meiner Ausgangsfrage zurück.

Wo war währenddessen die Mitte?

Sie war da.

Bei der Reichstagswahl im Juli 1932 erreichte die NSDAP 37,3 Prozent.

Sie wurde damit mit Abstand stärkste Partei.

Aber fast zwei Drittel der Wähler wählten sie nicht.

Im November 1932 verlor die NSDAP sogar Stimmen und fiel auf 33,1 Prozent zurück.

Das ist ein bemerkenswerter Moment.

Aus unserer heutigen Rückschau erscheint Hitlers Aufstieg manchmal unaufhaltsam.

Für die Menschen im November 1932 musste das keineswegs so aussehen.

Die NSDAP hatte Stimmen verloren.

Sie besaß keine parlamentarische Mehrheit.

Hitler war noch nicht Reichskanzler.

Die Geschichte war noch offen.

Und dann geschieht das Entscheidende

Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt.

Nicht weil die Mehrheit der Deutschen an diesem Tag über die Abschaffung der Demokratie abgestimmt hätte.

Nicht weil die NSDAP eine absolute Mehrheit im Reichstag besessen hätte.

Sondern aufgrund einer politischen Entscheidung innerhalb des bestehenden Machtgefüges.

Konservative Eliten glaubten, Hitler einbinden und kontrollieren zu können.

Sie irrten sich.

Und hier verändert sich die Fragestellung meines Essays endgültig.

Vielleicht haben wir zu lange gefragt:

Warum wählten so viele Menschen Hitler?

Das bleibt eine wichtige Frage.

Aber für das Ende der Demokratie reicht sie nicht aus.

Wir müssen zusätzlich fragen:

Wie konnte eine politische Minderheit Zugang zu den Machtmitteln des Staates erhalten?

Und:

Warum konnten diejenigen, die keine nationalsozialistische Diktatur wollten, das nicht verhindern?

Die entscheidende Unterscheidung

Damit führt Weimar zu einer Erkenntnis, die meine These nicht widerlegt, sondern präzisiert.

Die Mitte war vorhanden.

Aber:

Vorhandensein ist nicht dasselbe wie Macht.

Mehrheit ist nicht dasselbe wie Handlungsfähigkeit.

Demokratische Einstellung ist nicht dasselbe wie demokratische Wehrhaftigkeit.

Eine Gesellschaft kann mehrheitlich keine Diktatur wollen und trotzdem in eine Diktatur geraten.

Das ist vielleicht die beunruhigendste Lehre Weimars.

Und damit stehen wir am 5. März 1933.

Die NSDAP erhält unter Bedingungen von Gewalt, Verfolgung und massiver Einschränkung ihrer Gegner 43,9 Prozent.

Noch immer keine absolute Mehrheit.

Und dennoch wird wenige Wochen später das Ermächtigungsgesetz verabschiedet.

Jetzt müssen wir den entscheidenden Moment untersuchen.

Nicht mehr:

Wo war die Mitte?

Sondern:

Wie konnte eine Minderheit die Demokratie ausschalten, obwohl die Mehrheit nicht nationalsozialistisch gewählt hatte?

Das ist die Frage des nächsten Kapitels.


4. 1933 – Wie kann eine Minderheit die Macht übernehmen?

Der Blick auf die falsche Zahl

Wenn wir über den Untergang der Weimarer Republik sprechen, schauen wir fast zwangsläufig auf den Wahlerfolg der Nationalsozialisten.

37,3 Prozent im Juli 1932.

33,1 Prozent im November 1932.

43,9 Prozent am 5. März 1933.

Diese Zahlen zeigen den erschreckenden Aufstieg der NSDAP.

Aber seit ich mich mit meiner These beschäftige, interessiert mich zunehmend die andere Zahl.

Am 5. März 1933 wählten trotz bereits massiver Einschüchterung und Verfolgung 56,1 Prozent nicht die NSDAP.

Die Mehrheit.

Und trotzdem entstand innerhalb weniger Monate eine nationalsozialistische Diktatur.

Damit sind wir beim Kern dieses Essays.

Wie kann eine Demokratie kippen, obwohl die Mehrheit ihre Abschaffung nicht gewählt hat?

Vielleicht haben wir Demokratie zu lange vor allem als eine Frage von Mehrheiten verstanden.

1933 zeigt etwas anderes.

Mehrheit und Macht sind nicht dasselbe.


Hitler wurde nicht von einer absoluten Mehrheit gewählt

Eine historische Präzisierung ist wichtig.

Adolf Hitler wurde am 30. Januar 1933 nicht in einer Volkswahl zum Reichskanzler gewählt.

Reichspräsident Paul von Hindenburg ernannte ihn zum Reichskanzler.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die NSDAP bei der letzten Reichstagswahl vom November 1932 33,1 Prozent erhalten.

Sie war die stärkste Partei.

Aber zwei Drittel der Wähler hatten andere Parteien gewählt.

Das bedeutet nicht, dass die NSDAP politisch unbedeutend gewesen wäre. Im Gegenteil. Millionen Menschen unterstützten Hitler. Ohne diesen massenhaften Zuspruch wäre sein Aufstieg kaum denkbar gewesen.

Aber es bedeutet etwas anderes:

Die nationalsozialistische Diktatur entstand nicht dadurch, dass eines Morgens eine absolute Mehrheit der Deutschen beschloss, die Demokratie abzuschaffen.

Das ist für meine Untersuchung entscheidend.


Die Tür wurde geöffnet

Hitler kam innerhalb der bestehenden staatlichen Ordnung ins Amt.

Konservative Politiker und Eliten um Franz von Papen glaubten, Hitler in eine Regierung einbinden und kontrollieren zu können.

Nur wenige Nationalsozialisten gehörten zunächst dem Kabinett an.

Man glaubte, die Machtverhältnisse unter Kontrolle zu haben.

Das erwies sich als eine der folgenreichsten politischen Fehleinschätzungen der deutschen Geschichte.

Denn die Frage lautete nun nicht mehr:

Wie viele Menschen wählen die NSDAP?

Die entscheidende Frage lautete:

Über welche Machtmittel verfügt sie?

Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Eine Partei kann 40 Prozent der Stimmen besitzen und dennoch Opposition bleiben.

Sie kann aber auch mit weniger als 50 Prozent Zugang zu Regierung, Verwaltung, Polizei und staatlichen Entscheidungsstrukturen erhalten.

Dann verändert sich die Bedeutung ihrer Stimmen.

Aus Zustimmung wird Macht.


Die Geschwindigkeit der Zerstörung

Was anschließend geschah, ist auch deshalb erschreckend, weil es so schnell geschah.

  1. Januar 1933: Hitler wird Reichskanzler.
  2. Februar: Der Reichstag brennt.
  3. Februar: Die sogenannte Reichstagsbrandverordnung setzt wesentliche Grundrechte außer Kraft.
  4. März: Reichstagswahl.
  5. März: Das Ermächtigungsgesetz wird beschlossen.

Innerhalb von weniger als zwei Monaten waren zentrale Sicherungen der parlamentarischen Demokratie außer Kraft gesetzt oder entscheidend geschwächt.

Das ist vielleicht eine der wichtigsten Erkenntnisse für meine Frage:

Demokratien können sich über Jahrzehnte entwickeln und in erstaunlich kurzer Zeit ihre Schutzmechanismen verlieren.

Die Mitte war während dieser Wochen nicht plötzlich verschwunden.

Aber die Bedingungen, unter denen sie handeln konnte, veränderten sich dramatisch.


Was geschieht mit dem Recht?

Die Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 trägt einen bemerkenswert harmlos klingenden Titel:

„Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“.

Zum Schutz.

Gerade dieses Wort sollte uns aufmerksam machen.

Denn mit der Verordnung wurden zentrale Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt: persönliche Freiheit, Meinungs- und Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Brief- und Postgeheimnis sowie Schutz vor willkürlichen Eingriffen in die Wohnung wurden massiv eingeschränkt.

Die Begründung lautete: Gefahr.

Der Staat müsse handeln.

Damit begegnen wir einem Mechanismus, der weit über 1933 hinausweist:

Freiheit wird selten mit der Begründung abgeschafft, Freiheit sei schlecht.

Sie wird eingeschränkt, weil angeblich eine außergewöhnliche Gefahr außergewöhnliche Maßnahmen verlangt.

Das macht die Sache so schwierig.

Denn selbstverständlich muss sich auch eine Demokratie gegen Gefahren schützen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb:

Wer kontrolliert diejenigen, die im Namen der Sicherheit handeln?


Wenn der Gegner zum Feind wird

Jetzt zeigt sich auch die Bedeutung des Menschenbildes.

In einer Demokratie ist der politische Gegner ein Gegner.

Er kann bekämpft werden.

Er kann abgewählt werden.

Seine Argumente können widerlegt werden.

Aber er besitzt Rechte.

Im totalitären Denken verändert sich diese Beziehung.

Aus dem Gegner wird der Feind.

Und der Feind muss nicht überzeugt werden.

Er muss beseitigt werden.

Kommunisten waren die ersten großen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung nach der Machtübernahme.

Sozialdemokraten folgten.

Gewerkschaften wurden zerschlagen.

Andere Parteien verschwanden.

Juden wurden zunehmend aus der Gesellschaft ausgeschlossen und verfolgt.

Hier reagiert mein S–N-Kompass eindeutig.

Der einzelne Mensch besitzt seinen Wert nicht mehr aus sich selbst heraus.

Sein Wert wird danach bestimmt, ob er zur gewünschten politischen und rassistischen Ordnung gehört.

Damit ist die Grenze überschritten:

Nicht mehr die Ordnung dient dem Menschen.
Der Mensch muss der Ordnung dienen.


Aber warum wehrte sich die Mehrheit nicht?

Damit kommen wir zur schwierigsten Frage.

Wenn die Mehrheit keine Nationalsozialisten gewählt hatte – warum verhinderte sie die Entwicklung nicht?

Eine erste Antwort lautet:

Weil „die Mehrheit“ kein handelndes Wesen ist.

56 Prozent können aus Millionen einzelner Menschen bestehen, die völlig unterschiedliche politische Vorstellungen haben.

Kommunisten.

Sozialdemokraten.

Katholiken.

Liberale.

Konservative.

Monarchisten.

Parteilose.

Sie alle konnten gegen Hitler sein.

Aber daraus entstand noch keine gemeinsame politische Kraft.

Das ist für meine These von größter Bedeutung.

Eine Mehrheit existiert statistisch.
Politische Macht entsteht organisatorisch.

Die Minderheit kann deshalb stärker sein als die Mehrheit, wenn sie geschlossener handelt.


Die Feinde meiner Feinde

Hinzu kam ein zweites Problem.

Die Gegner Hitlers waren nicht automatisch Verbündete.

Kommunisten bekämpften Sozialdemokraten.

Konservative misstrauten der Linken.

Teile des Bürgertums fürchteten den Kommunismus stärker als den Nationalsozialismus.

Nationalisten verachteten die Republik.

Demokratische Parteien waren untereinander zerstritten.

Damit entsteht ein paradoxer Zustand:

Viele Menschen wollen nicht dasselbe.

Aber sie können sich auch nicht darauf einigen, was sie gemeinsam verhindern müssen.

Vielleicht liegt darin eine der gefährlichsten Situationen einer Demokratie.

Die demokratische Mitte muss nicht verschwinden.

Es genügt möglicherweise, dass sie sich nicht mehr als gemeinsame demokratische Kraft erkennt.


Der politische Gegner wird wichtiger als die Demokratie

Das lässt sich noch schärfer formulieren.

Eine Demokratie gerät in Gefahr, wenn politische Akteure beginnen zu denken:

Mein demokratischer Konkurrent ist gefährlicher als der Feind der Demokratie.

Dann verändert sich die Rangordnung.

Der Sozialdemokrat sieht zuerst den Kommunisten.

Der Kommunist sieht zuerst den Sozialdemokraten.

Der Konservative sieht zuerst die Linke.

Der Unternehmer sieht zuerst die wirtschaftliche Bedrohung.

Der Nationalist sieht zuerst Versailles.

Jeder besitzt seinen eigenen Gegner.

Währenddessen gewinnt diejenige Bewegung an Macht, die bereit ist, das gesamte demokratische Spielfeld abzuschaffen.

Die Mitte ist noch vorhanden.

Aber sie verteidigt nicht mehr gemeinsam das Spielfeld, auf dem sie miteinander streitet.

Dieses Bild erscheint mir wichtig.

Demokratie verlangt nicht, dass die Spieler dieselben Ziele verfolgen.

Sie verlangt lediglich, dass niemand während des Spiels das Spielfeld zerstört.


Der 5. März 1933

Dann kommt jene Wahl, deren Zahl am Beginn dieses Essays stand.

43,9 Prozent für die NSDAP.

Aber diese Wahl fand bereits unter Bedingungen statt, die mit einer normalen demokratischen Wahl nicht mehr vergleichbar waren.

Politische Gegner wurden verfolgt.

Kommunistische Abgeordnete und Funktionäre wurden verhaftet.

Versammlungen wurden behindert.

Presseorgane wurden verboten.

SA und SS verbreiteten Gewalt und Angst.

Der Staatsapparat stand der nationalsozialistischen Bewegung nun in einem ganz anderen Maße zur Verfügung.

Und trotzdem:

43,9 Prozent.

Keine absolute Mehrheit.

Gemeinsam mit der DNVP verfügte das Regierungslager allerdings über eine parlamentarische Mehrheit.

Doch selbst das genügte noch nicht für das, was Hitler wollte.

Denn zur Veränderung der Verfassungsordnung brauchte er mehr.


Der 23. März – der entscheidende Tag

Das Ermächtigungsgesetz ist deshalb für meine Fragestellung möglicherweise wichtiger als der 30. Januar.

Am 23. März 1933 stimmte der Reichstag darüber ab, ob die Regierung Gesetze ohne parlamentarische Zustimmung erlassen durfte – sogar solche, die von der Verfassung abwichen.

Die kommunistischen Abgeordneten konnten an der Abstimmung nicht teilnehmen; zahlreiche von ihnen waren bereits verhaftet oder auf der Flucht.

Die SPD stimmte als einzige anwesende Fraktion geschlossen dagegen.

Otto Wels sprach für sie.

Die übrigen anwesenden Parteien stimmten zu, darunter auch das Zentrum.

Das Gesetz wurde mit 444 gegen 94 Stimmen angenommen.

Und hier wird meine Untersuchung unangenehm.

Denn jetzt genügt die Erklärung nicht mehr:

Die Nationalsozialisten zerstörten die Demokratie.

Das taten sie.

Aber sie erhielten für diesen entscheidenden Schritt Stimmen von Abgeordneten, die selbst keine Nationalsozialisten waren.

Warum?

Angst?

Illusion?

Politischer Druck?

Die Hoffnung, Schlimmeres verhindern zu können?

Der Glaube an Zusicherungen Hitlers?

Die Vorstellung, die Entwicklung noch kontrollieren zu können?

Wahrscheinlich wirkte vieles zusammen.

Aber eines steht fest:

Die Demokratie wurde nicht nur von ihren erklärten Feinden angegriffen. Menschen aus anderen politischen Lagern halfen dabei, ihre Schutzmechanismen preiszugeben.


Otto Wels – die Stimme der anderen Mitte

Gerade deshalb gehört Otto Wels in diese Geschichte.

Seine Rede gegen das Ermächtigungsgesetz gehört zu den bedeutendsten parlamentarischen Momenten der deutschen Geschichte.

Während draußen SA und SS standen und politische Gegner bereits verfolgt wurden, widersprach er.

Die Sozialdemokraten wussten, dass ihre Stimme das Gesetz nicht verhindern würde.

Sie stimmten trotzdem dagegen.

Das ist für meine These wichtig.

Denn selbst im Augenblick, in dem die Demokratie bereits zusammenbrach, war die demokratische Haltung noch vorhanden.

Sie war politisch unterlegen.

Aber sie war nicht verschwunden.

Das ist ein Unterschied.


Wo waren die 56 Prozent?

Vielleicht lautet die Antwort nun:

Überall.

Sie saßen zu Hause.

Sie gingen zur Arbeit.

Sie waren Sozialdemokraten, Katholiken, Liberale, Konservative, Kommunisten oder politisch Ungebundene.

Manche hatten Angst.

Manche hofften, dass alles nicht so schlimm werde.

Manche arrangierten sich.

Manche widersetzten sich.

Manche begrüßten einzelne Maßnahmen und lehnten andere ab.

Manche schwiegen.

Manche wurden verfolgt.

Und manche passten sich später an.

Eine statistische Mehrheit besitzt keinen gemeinsamen Willen.

Das ist möglicherweise die erste große Antwort auf meine Ausgangsfrage.

Die Mitte kann die Mehrheit bilden und trotzdem machtlos sein, wenn sie nicht als demokratische Gemeinschaft handelt.


Die Gleichschaltung

Nach dem Ermächtigungsgesetz ging die Entwicklung schnell weiter.

Am 2. Mai 1933 wurden die freien Gewerkschaften zerschlagen.

Andere Parteien lösten sich auf oder wurden zur Aufgabe gezwungen.

Im Juli 1933 war die NSDAP die einzige zugelassene Partei.

Die Länder verloren ihre politische Eigenständigkeit.

Verbände, Kultur, Medien und gesellschaftliche Organisationen wurden zunehmend der nationalsozialistischen Herrschaft unterworfen.

Dafür verwendeten die Nationalsozialisten selbst einen Begriff, der das Prinzip geradezu perfekt beschreibt:

Gleichschaltung.

Das Wort bedeutet im Kern:

Verschiedenheit soll verschwinden.

Doch gerade von Verschiedenheit lebt Demokratie.


Eine neue Erkenntnis

Damit können wir erstmals eine Antwort auf die große Frage dieses Essays formulieren.

Warum schützt eine demokratische Mehrheit nicht automatisch vor dem Kippen einer Demokratie?

Weil Demokratie mehr benötigt als eine Mehrheit von Menschen, die keine Diktatur wollen.

Sie benötigt:

handlungsfähige Institutionen,

Gewaltenteilung,

freie Öffentlichkeit,

unabhängiges Recht,

politische Organisation,

und vor allem Menschen, die erkennen, wann ihr gemeinsames demokratisches Fundament wichtiger wird als ihre politischen Gegensätze.

1933 fehlte nicht einfach „die Mitte“.

Das Problem war dramatischer:

Die Mitte war da – aber sie konnte ihre gemeinsame Freiheit nicht mehr verteidigen.


Aber warum erkannten so viele die Gefahr nicht?

Damit bleibt eine Frage offen.

Vielleicht sogar die wichtigste.

Warum glaubten intelligente, gebildete und erfahrene Menschen, Hitler kontrollieren zu können?

Warum unterschätzten Konservative die Nationalsozialisten?

Warum konnten politische Mythen eine solche Macht entwickeln?

Warum wurde aus Unsicherheit die Sehnsucht nach Entschiedenheit?

Und warum können sogar hochgebildete Menschen einem politischen Denken folgen, in dem der Einzelne hinter Volk, Geschichte oder einer vermeintlich höheren Bestimmung zurücktritt?

Jetzt reicht politische Geschichte allein nicht mehr aus.

Wir müssen nach dem Menschenbild fragen.

Und dafür kehren wir vier Jahre zurück.

Nach Davos.

Ins Jahr 1929.

Dort begegnen sich zwei der bedeutendsten deutschen Philosophen ihrer Zeit:

Ernst Cassirer und Martin Heidegger.

Der eine vertraut auf Vernunft, Kultur und die Fähigkeit des Menschen, sich eine freie Welt zu schaffen.

Der andere fragt nach Angst, Endlichkeit, Geworfenheit und Entschlossenheit.

Noch wissen beide nicht, was vier Jahre später geschehen wird.

Wir wissen es.

Und deshalb möchte ich ihnen eine Frage stellen:

Meine Herren, die Mitte war da. Warum hat Bildung allein sie 1933 nicht geschützt?

Damit beginnt der nächste Disput.


5. Cassirer und Heidegger – zwei Menschenbilder

Davos 1929

Wir gehen vier Jahre zurück.

Nicht nach Berlin. Nicht in den Reichstag. Nicht in eine Parteizentrale.

Wir fahren in die Schweizer Berge.

Nach Davos.

Im Frühjahr 1929 treffen dort zwei Philosophen aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Ernst Cassirer und Martin Heidegger.

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Ihr berühmter Disput dreht sich um Kant, Erkenntnis, Freiheit und die Frage, was der Mensch eigentlich ist.

Noch ist Hitler nicht Reichskanzler.

Noch besteht die Weimarer Republik.

Noch liegen die großen Wahlerfolge der NSDAP in der Zukunft.

Und doch erscheint mir dieses philosophische Treffen im Rückblick beinahe wie ein Vorspiel zu der Frage, die mich beschäftigt.

Denn hinter der Auseinandersetzung zwischen Cassirer und Heidegger stehen zwei unterschiedliche Blicke auf den Menschen.

Und deshalb möchte ich die beiden Philosophen in meinem Digitalen Buch noch einmal miteinander sprechen lassen.

Was folgt, ist kein historisches Protokoll des Davoser Disputs.

Es ist ein semantischer Dialog aus der Gegenwart – gegründet auf ihren unterschiedlichen philosophischen Positionen und auf dem Wissen darüber, was nach 1929 geschah.

Ich stelle ihnen meine Frage.


Die Frage aus dem Jahr 2026

Bossert:

Meine Herren, ich komme aus einer Zukunft, die Sie nicht kennen können.

Vier Jahre nach Ihrem Treffen wird Hitler Reichskanzler sein.

Die Demokratie wird beseitigt.

Deutschland wird zur Diktatur.

Es folgen Verfolgung, Holocaust, Krieg und Zerstörung.

Ich beschäftige mich mit einer Frage, auf die mir die politische Geschichte allein keine ausreichende Antwort gibt.

Meine These lautet:

Die Mitte war immer da.

Auch 1933 wollte die Mehrheit der Wähler keine nationalsozialistische Alleinherrschaft.

Warum konnte die Demokratie trotzdem untergehen?


Cassirer: Der Mensch kann sich eine Welt schaffen

Cassirer:

Dann müssen wir zunächst fragen, was Sie unter einem Menschen verstehen.

Der Mensch lebt nicht einfach in einer gegebenen Wirklichkeit.

Er lebt in einer Welt der Symbole.

Sprache ist ein Symbolsystem.

Religion ist ein Symbolsystem.

Kunst ist eines.

Wissenschaft ebenso.

Auch Politik lebt von Symbolen.

Der Mensch interpretiert seine Wirklichkeit.

Er gibt ihr Bedeutung.

Darin liegt eine ungeheure Fähigkeit.

Der Mensch ist seiner unmittelbaren Umwelt nicht einfach ausgeliefert. Er kann über sie nachdenken, sie gestalten und verändern.

Darin liegt seine Freiheit.


Heidegger: Der Mensch ist nicht zuerst vernünftig

Heidegger:

Sie beginnen bereits zu spät.

Bevor der Mensch seine Welt vernünftig interpretiert, befindet er sich schon in ihr.

Er hat sich nicht ausgesucht, wann er geboren wird.

Nicht seine Eltern.

Nicht sein Land.

Nicht seine Zeit.

Er findet sich vor.

Er ist in die Welt geworfen.

Und er weiß, dass seine Existenz endlich ist.

Der Mensch ist deshalb nicht zuerst das vernünftige Wesen, das in Ruhe seine Möglichkeiten prüft.

Er kennt Sorge.

Unsicherheit.

Angst.

Tod.


Bossert: Und was hat das mit Demokratie zu tun?

Bossert:

Dann könnte darin bereits ein Teil meiner Antwort liegen.

Eine Demokratie setzt voraus, dass Menschen argumentieren, abwägen und Kompromisse schließen.

Aber Menschen bestehen nicht nur aus Vernunft.

Sie haben Angst.

Sie suchen Sicherheit.

Sie wollen dazugehören.

Sie suchen Sinn.

Heidegger:

Sie suchen eine Möglichkeit, ihr eigenes Dasein zu verstehen.

Cassirer:

Das bestreite ich nicht.

Aber gerade deshalb ist entscheidend, wie Menschen ihre Wirklichkeit verstehen.

Denn die Angst selbst sagt dem Menschen noch nicht, was er tun soll.

Erst eine Interpretation macht aus Angst Politik.


Der politische Mythos

Bossert:

Dann kommen wir zu einem Begriff, Herr Cassirer, mit dem Sie sich später intensiv beschäftigt haben: dem politischen Mythos.

Cassirer:

Ja.

In normalen Zeiten können Menschen Widersprüche aushalten.

Sie diskutieren.

Sie prüfen.

Sie zweifeln.

Aber in schweren gesellschaftlichen Krisen entsteht der Wunsch nach Vereinfachung.

Der Mythos bietet diese Vereinfachung.

Er erklärt nicht:

Die Wirklichkeit ist kompliziert.

Er sagt:

Ich kenne die Ursache.

Er sagt nicht:

Wir müssen verschiedene Interessen ausgleichen.

Er sagt:

Ich kenne den Schuldigen.

Er sagt nicht:

Die Zukunft ist offen.

Er sagt:

Ich kenne unser Schicksal.

Damit verwandelt sich Politik.


Die Macht der einfachen Geschichte

Ich unterbreche meinen Dialog.

Denn hier erkenne ich einen Mechanismus, der für meine historische Untersuchung entscheidend sein könnte.

Die politische Mitte hat einen strukturellen Nachteil.

Sie muss erklären.

Eine Wirtschaftskrise hat viele Ursachen.

Inflation hat viele Ursachen.

Migration hat viele Ursachen.

Krieg hat viele Ursachen.

Gesellschaftliche Veränderungen haben viele Ursachen.

Eine demokratische Antwort lautet deshalb häufig:

Es ist kompliziert.

Der politische Mythos hat es leichter.

Er braucht keine komplizierte Erklärung.

Er braucht eine Geschichte.

Wir gegen die anderen.

Volk gegen Elite.

Arbeiter gegen Kapitalisten.

Nation gegen Fremde.

Gläubige gegen Ungläubige.

Die Guten gegen die Bösen.

Eine komplexe Wirklichkeit wird plötzlich überschaubar.

Und damit wird sie emotional beherrschbar.


Heidegger widerspricht

Heidegger:

Sie erklären damit jedoch noch nicht, warum Menschen solche Geschichten überhaupt annehmen.

Sie sprechen über Manipulation.

Ich frage nach dem Menschen, der dafür empfänglich wird.

Was geschieht, wenn seine vertraute Welt zerbricht?

Wenn seine gesellschaftliche Stellung unsicher wird?

Wenn die Institutionen, auf die er vertraute, keine überzeugenden Antworten mehr geben?

Wenn er das Gefühl bekommt, dass sein eigenes Leben keine Richtung besitzt?

Dann reicht es nicht, ihm zu sagen:

Seien Sie vernünftig.


Cassirer:

Das stimmt.

Aber daraus folgt nicht, dass er sich einer höheren Macht unterwerfen muss.


Heidegger:

Das habe ich nicht gesagt.


Cassirer:

Noch nicht.


Der Blick aus unserer Gegenwart

Hier muss ich den Dialog unterbrechen.

Denn wir wissen etwas, das der Cassirer und der Heidegger des Jahres 1929 noch nicht wissen konnten.

1933 trat Heidegger in die NSDAP ein.

Im selben Jahr wurde er Rektor der Universität Freiburg und verband sich öffentlich mit der neuen politischen Ordnung.

Cassirer hingegen war Jude.

Er verließ Deutschland 1933.

Diese biografische Entwicklung darf nicht dazu verführen, den philosophischen Disput von 1929 nachträglich zu einem einfachen Kampf zwischen „Demokrat“ und „Nationalsozialist“ umzuschreiben.

Das wäre zu einfach.

Aber gerade deshalb stellt sich für meine Untersuchung eine unbequeme Frage:

Wie konnte einer der bedeutendsten Philosophen seiner Zeit sich einer Bewegung anschließen, deren Menschenbild schließlich in radikalem Gegensatz zu Menschenwürde und individueller Freiheit stand?

Bildung allein hatte Heidegger offensichtlich nicht geschützt.

Das ist wichtig.

Denn am Ende dieses Essays möchte ich behaupten:

Bildung ist die Lösung.

Dann muss ich mich diesem Einwand stellen.


Reicht Bildung also nicht?

Bossert:

Herr Cassirer, ich habe ein Problem.

Ich glaube, dass Bildung eine Demokratie schützen kann.

Aber neben Ihnen sitzt einer der gebildetsten Menschen Deutschlands.

Und wenige Jahre später wird er Mitglied der NSDAP.

Dann scheint meine These widerlegt.


Cassirer:

Nur wenn Sie Bildung mit Wissen verwechseln.


Bossert:

Das tue ich nicht.


Cassirer:

Dann unterscheiden Sie.

Ein Mensch kann ungeheuer viel wissen.

Er kann Plato und Kant lesen.

Er kann Griechisch sprechen.

Er kann die Geschichte der Philosophie beherrschen.

Er kann Professor sein.

Das alles beweist noch nicht, dass er gelernt hat, die Freiheit des anderen Menschen als Grenze seines eigenen politischen Wollens anzuerkennen.

Wissen ist noch keine Urteilskraft.


Da ist er.

Der Begriff, nach dem ich gesucht habe:

Urteilskraft.

Vielleicht ist das die Bildung, die eine Demokratie benötigt.

Nicht die Menge dessen, was jemand weiß.

Sondern seine Fähigkeit zu unterscheiden.


Mein S–N-Kompass tritt in den Dialog

Bossert:

Dann möchte ich Ihnen beiden meine eigene Frage stellen.

Ich habe sie aus Thomas Manns Zauberberg entwickelt.

Settembrini und Naphta stehen für zwei gegensätzliche Menschenbilder.

Ich habe daraus einen einfachen Kompass gemacht.

S: Die Ordnung dient dem Menschen.

N: Der Mensch dient der Ordnung.

Herr Cassirer, wo stehen Sie?


Cassirer:

Wenn Ihre Frage bedeutet, ob politische und kulturelle Ordnungen ihre Legitimität aus der Freiheit des Menschen beziehen, dann eindeutig auf Ihrer Seite S.

Institutionen sind menschliche Schöpfungen.

Sie dürfen nicht zu Götzen werden.


Bossert:

Herr Heidegger?


Heidegger:

Ihre Alternative ist mir zu einfach.

Der Mensch steht einer „Ordnung“ nicht einfach als unabhängiges Subjekt gegenüber.

Er ist immer schon geschichtlich in eine Welt eingebunden.


Bossert:

Das verstehe ich philosophisch.

Politisch reicht mir die Antwort nicht.

Deshalb frage ich konkreter:

Wenn der Staat verlangt, dass ein Mensch sich einer vermeintlichen historischen Bestimmung unterordnet – besitzt dieser Mensch ein Recht, Nein zu sagen?


Heidegger:

Das ist keine Frage, die sich aus meiner Fundamentalontologie unmittelbar beantworten lässt.


Bossert:

Aber genau darin liegt möglicherweise das Problem.

Eine Philosophie kann eine Frage offenlassen.

Eine politische Ordnung darf es an dieser Stelle nicht.

Der Staat muss wissen, ob der einzelne Mensch einen unantastbaren Wert besitzt.


Cassirers Antwort

Cassirer:

Dann haben Sie den entscheidenden Punkt erreicht.

Freiheit bedeutet nicht, dass der Mensch außerhalb jeder Gemeinschaft lebt.

Das wäre Unsinn.

Wir leben durch Sprache, Kultur, Geschichte und Gesellschaft.

Aber diese Ordnungen sind von Menschen geschaffen.

Sie dürfen deshalb niemals einen absoluten Anspruch auf den Menschen erheben.

In dem Augenblick, in dem ein politisches Symbol – Volk, Nation, Klasse, Rasse, Geschichte – absolut gesetzt wird, kann der einzelne Mensch zum bloßen Mittel werden.

Dann beginnt die Gefahr.


Vielleicht verläuft die Grenze nicht zwischen links und rechts

Damit führt mich der Dialog zu einer weiteren Konsequenz.

Wir ordnen Politik gewöhnlich auf einer Linie:

links – Mitte – rechts.

Aber vielleicht reicht diese Linie nicht aus.

Denn autoritäres und totalitäres Denken kann von unterschiedlichen politischen Seiten kommen.

Nationalsozialismus und Stalinismus waren ideologisch keineswegs dasselbe.

Aber beide konnten den einzelnen Menschen einer vermeintlich höheren Ordnung unterwerfen.

Damit entsteht eine zweite Achse.

Nicht:

links oder rechts?

Sondern:

humanistisch oder antihumanistisch?

Und genau diese Achse interessiert mich.

Der S–N-Kompass misst nicht zuerst ein Parteiprogramm.

Er stellt eine andere Frage:

Welchen Wert besitzt der einzelne Mensch innerhalb dieser Ordnung?


Was hält den Menschen in der Mitte?

Jetzt kehre ich zu meiner ursprünglichen Frage zurück.

Bossert:

Meine Herren, vielleicht haben wir uns am Anfang missverstanden.

Ich frage nicht mehr:

Warum verlassen Menschen die Mitte?

Denn meine These lautet gerade, dass die Mitte gesellschaftlich bestehen bleibt.

Meine Frage lautet:

Warum kann eine vorhandene Mitte politisch machtlos werden?


Cassirer:

Weil Vernunft nicht automatisch organisiert ist.


Heidegger:

Und weil menschliches Handeln nicht allein aus Vernunft entsteht.


Cassirer:

Dann haben wir ausnahmsweise einen gemeinsamen Ausgangspunkt.


Bossert:

Das überrascht mich.


Cassirer:

Mich ebenfalls.


Vernunft braucht Institutionen

Cassirer:

Eine demokratische Gesellschaft darf nicht darauf vertrauen, dass vernünftige Menschen automatisch das Richtige tun.

Freiheit benötigt Formen.

Recht.

Institutionen.

Bildung.

Öffentlichkeit.

Eine Sprache, in der unterschiedliche Menschen miteinander sprechen können.

Wenn diese Formen zerfallen, genügt die private Vernunft des Einzelnen nicht.


Heidegger:

Und eine politische Ordnung, die den Menschen nur verwaltet, wird ebenfalls nicht genügen.

Der Mensch fragt nach seinem Platz in der Welt.


Cassirer:

Dann muss die Demokratie ihm darauf eine demokratische Antwort geben.

Nicht einen Mythos der Unterwerfung.


Ein überraschendes Ergebnis

Vielleicht ergänzen sich Cassirer und Heidegger an diesem Punkt stärker, als ich zunächst erwartet hätte.

Heidegger erinnert uns daran:

Der Mensch ist kein reines Vernunftwesen.

Cassirer erinnert uns daran:

Gerade deshalb braucht er kulturelle Formen, durch die er seine Ängste und Hoffnungen verstehen kann, ohne ihnen ausgeliefert zu sein.

Und daraus entsteht eine neue Definition von Bildung.

Bildung bedeutet nicht:

Ich weiß viel.

Bildung bedeutet:

Ich kann meine eigene Wahrnehmung prüfen.

Ich kann fragen:

Warum glaube ich das?

Woher kommt meine Angst?

Wer erzählt mir diese Geschichte?

Welche Tatsachen sprechen dafür?

Welche dagegen?

Wer wird zum Schuldigen erklärt?

Welches Menschenbild steckt hinter einer politischen Forderung?

Und vor allem:

Was geschieht mit dem Menschen, der nicht dazugehört?


Bildung als Urteilskraft

Jetzt wird mir klarer, was ich am Ende meiner historischen Reise mit „Bildung“ meine.

Nicht Schulabschluss.

Nicht Universität.

Nicht Bücherwissen.

Nicht Intelligenz.

Sondern:

Bildung ist die Fähigkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden und gleichzeitig die Würde des anderen Menschen mitzudenken.

Das wäre demokratische Bildung.

Sie verhindert nicht jeden Irrtum.

Sie macht Menschen nicht automatisch gut.

Sie garantiert keine vernünftige Wahlentscheidung.

Aber sie schafft etwas, ohne das Demokratie kaum bestehen kann:

Distanz zur eigenen Gewissheit.

Der gebildete Demokrat kann sagen:

Vielleicht irre ich mich.

Der Fanatiker kann das nicht.


Eine letzte Frage an Heidegger

Bossert:

Herr Heidegger, dann möchte ich Ihnen zum Schluss nur eine Frage stellen.

Nicht als Philosoph.

Als Mensch.

Wenn eine politische Bewegung einem Menschen sagt:

Du gehörst nicht zu uns.

Du bist weniger wert.

Deine Herkunft entscheidet über deinen Wert.

Deine Freiheit muss unserem historischen Ziel weichen.

Was antworten Sie?


Hier würde ich Heidegger nicht antworten lassen.

Nicht, weil wir seine historische Haltung nicht kennen.

Sondern weil das Schweigen an dieser Stelle dramaturgisch stärker ist.

Denn die Antwort gibt vier Jahre später seine Biografie.


Cassirer verlässt Deutschland

1933 verlässt Ernst Cassirer Deutschland.

Heidegger wird im selben Jahr Rektor der Universität Freiburg und Mitglied der NSDAP.

Zwei hochgebildete deutsche Philosophen.

Zwei Wege.

Damit ist eine meiner ursprünglichen Vorstellungen widerlegt:

Bildung allein schützt nicht vor dem Antihumanismus.

Aber eine andere Vorstellung entsteht.

Es kommt darauf an, welche Bildung wir meinen.

Eine Bildung ohne Menschenbild kann brillant sein und trotzdem politisch versagen.

Eine demokratische Bildung muss deshalb Wissen mit Urteilskraft und Humanismus verbinden.

Vielleicht lautet die Formel:

Wissen + Urteilskraft + Menschenwürde = demokratische Bildung

Das ist keine mathematische Gleichung.

Aber es könnte ein Kompass sein.


Die Frage bleibt

Davos beantwortet noch nicht, warum die Demokratie 1933 unterging.

Aber der Disput zeigt uns etwas, das Wahlergebnisse allein nicht zeigen können.

Die politische Entscheidung beginnt tiefer.

Sie beginnt mit der Vorstellung davon, was ein Mensch ist.

Ist er ein freies Individuum, das gemeinsam mit anderen seine politische Ordnung gestaltet?

Oder erhält er seinen Wert erst dadurch, dass er einer größeren Gemeinschaft, einer geschichtlichen Mission oder einer Ideologie dient?

Damit führt unser Weg zurück in die Geschichte.

Denn nach zwölf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft ist Deutschland 1945 zerstört.

Die demokratischen Institutionen sind verschwunden.

Parteien waren verboten.

Freie Presse gab es nicht.

Eine ganze Generation hatte Diktatur, Propaganda und Krieg erlebt.

Wenn meine These falsch ist, müsste die demokratische Mitte jetzt weitgehend verschwunden sein.

Und doch geschieht etwas Erstaunliches.

Nur vier Jahre später entsteht in Westdeutschland eine parlamentarische Demokratie.

Das Grundgesetz stellt einen Satz an seinen Anfang, der kaum deutlicher auf unsere Frage antworten könnte:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Nicht die Nation.

Nicht der Staat.

Nicht eine Klasse.

Nicht eine Rasse.

Der Mensch.

Woher kam dieser Gedanke nach zwölf Jahren Diktatur?

Oder war er vielleicht niemals ganz verschwunden?

Damit kommen wir zum nächsten Kapitel:


6. 1949 – War die Mitte plötzlich wieder da?

Deutschland nach der Katastrophe

Mai 1945.

Das Deutsche Reich ist militärisch besiegt.

Städte liegen in Trümmern. Millionen Menschen sind tot. Millionen sind auf der Flucht oder aus ihrer Heimat vertrieben. Familien suchen Vermisste. Die staatliche Ordnung ist zusammengebrochen.

Und nach und nach wird das ganze Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen sichtbar.

Auschwitz.

Treblinka.

Majdanek.

Bergen-Belsen.

Millionen ermordete Juden. Verfolgte Sinti und Roma. Menschen mit Behinderungen. Politische Gegner. Homosexuelle. Zwangsarbeiter. Kriegsgefangene. Millionen Opfer eines von Deutschland begonnenen Krieges.

Nach zwölf Jahren nationalsozialistischer Diktatur steht nicht nur ein Staat vor seinen Trümmern.

Es steht auch eine Frage im Raum:

Was ist aus den Deutschen geworden?

Wenn eine Diktatur zwölf Jahre lang Schulen, Universitäten, Presse, Rundfunk, Kultur, Verwaltung und Jugendorganisationen beherrscht, wenn sie Menschen von Kindheit an mit ihrer Ideologie konfrontiert – was bleibt danach von einer demokratischen Mitte?

Wenn meine These falsch ist, müsste die Antwort eigentlich lauten:

Nicht viel.

Und doch geschieht etwas Bemerkenswertes.

Nur vier Jahre später entsteht in Westdeutschland eine neue parlamentarische Demokratie.


Vier Jahre

Mehr Zeit liegt nicht zwischen der bedingungslosen Kapitulation und dem Inkrafttreten des Grundgesetzes am 23. Mai 1949.

Vier Jahre.

Das ist historisch beinahe ein Augenblick.

Woher kamen plötzlich wieder die Demokraten?

Woher kamen Menschen, die Parteien gründeten?

Woher kamen Bürgermeister und Ministerpräsidenten?

Woher kamen Gewerkschaften, Zeitungen und gesellschaftliche Organisationen?

Woher kamen Politiker, die bereit waren, parlamentarisch miteinander zu streiten?

Woher kamen Menschen, die eine Verfassung entwarfen, in deren erstem Artikel steht:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Kann eine demokratische Kultur innerhalb von vier Jahren aus dem Nichts entstehen?

Oder liegt die Erklärung näher:

Sie war nicht aus dem Nichts entstanden, weil sie nie vollständig verschwunden war.


Die Mitte unter der Diktatur

Damit müssen wir noch einmal auf die Jahre 1933 bis 1945 schauen.

Die nationalsozialistische Diktatur hatte die politische Mitte institutionell zerstört.

Parteien waren verboten.

Gewerkschaften waren zerschlagen.

Die Presse war gleichgeschaltet.

Politische Gegner wurden verfolgt.

Öffentliche Kritik konnte Gefängnis, Konzentrationslager oder Tod bedeuten.

Aber daraus folgt nicht automatisch, dass sämtliche Menschen innerlich zu Nationalsozialisten geworden waren.

Eine Diktatur kann Verhalten erzwingen.

Sie kann Organisationen zerstören.

Sie kann Sprache beherrschen.

Sie kann Menschen einschüchtern.

Sie kann Anpassung belohnen.

Sie kann Widerstand bestrafen.

Aber sie kann nicht ohne Weiteres feststellen, was Millionen einzelne Menschen tatsächlich denken.

Das ist für meine These entscheidend.

Politisches Schweigen ist nicht dasselbe wie politische Zustimmung.


Aber auch hier keine Legende von der „guten Mitte“

An dieser Stelle muss ich vorsichtig sein.

Meine These darf nicht zu einer Entlastungsgeschichte werden.

Es wäre historisch falsch, nach 1933 eine große unschuldige demokratische Mitte zu konstruieren, die lediglich von einer kleinen Gruppe Nationalsozialisten unterdrückt worden sei.

Millionen Menschen unterstützten das Regime.

Millionen passten sich an.

Viele profitierten.

Viele sahen weg.

Antisemitismus war nicht auf die NSDAP beschränkt.

Menschen beteiligten sich an Ausgrenzung, Enteignung, Verfolgung und Verbrechen.

Andere wussten Teile dessen, was geschah, und schwiegen.

Die Grenzen zwischen Überzeugung, Opportunismus, Anpassung, Angst und Gleichgültigkeit waren fließend.

Meine These lautet deshalb ausdrücklich nicht:

Die Mitte war unschuldig.

Sie lautet:

Die Mitte war weiterhin vorhanden.

Das ist etwas anderes.

Und gerade dieser Unterschied wird später wichtig.

Denn Demokratie braucht nicht nur Menschen, die selbst keine Verbrechen begehen wollen.

Sie braucht Menschen, die bereit sind, die Rechte anderer zu verteidigen.


Der Widerstand zeigt: Es gab ein anderes Deutschland

Es gab Menschen, die Nein sagten.

Sozialdemokraten.

Kommunisten.

Christen.

Konservative.

Gewerkschafter.

Studenten.

Militärs.

Einzelne Bürger.

Die Weiße Rose.

Dietrich Bonhoeffer.

Die Männer und Frauen des 20. Juli 1944.

Und viele weniger bekannte Menschen.

Ihre politischen Vorstellungen waren sehr unterschiedlich.

Nicht jeder Widerstandskämpfer war Demokrat nach unserem heutigen Verständnis.

Auch das gehört zur historischen Wahrheit.

Aber ihre Existenz beweist etwas:

Der Nationalsozialismus hatte niemals sämtliche moralischen und politischen Alternativen aus der deutschen Gesellschaft ausgelöscht.

Das andere Deutschland existierte.

Es war schwach.

Es war verfolgt.

Es war zersplittert.

Aber es war da.


Und dann kommt 1945

Nach dem Zusammenbruch kehren Menschen aus Gefängnissen, Konzentrationslagern und Exil zurück.

Andere treten wieder öffentlich hervor, die während der Diktatur geschwiegen oder sich zurückgezogen hatten.

Politische Traditionen, die 1933 verboten worden waren, erscheinen erneut.

Die SPD entsteht wieder.

Christlich-demokratische Parteien werden gegründet.

Liberale organisieren sich neu.

Gewerkschaften entstehen.

Zeitungen erscheinen.

Politische Diskussion wird wieder möglich.

Natürlich geschieht dies unter den Bedingungen der alliierten Besatzung. Die westlichen Besatzungsmächte treiben Demokratisierung und Entnazifizierung voran.

Die Demokratie von 1949 entsteht also nicht einfach spontan aus der deutschen Gesellschaft.

Aber die Alliierten konnten Institutionen ermöglichen.

Sie konnten nicht Millionen Demokraten erfinden.

Die Menschen, die diese Institutionen mit Leben füllten, mussten vorhanden sein.


Adenauer – ein Mann aus der Zeit vor Hitler

Konrad Adenauer ist dafür eine geradezu symbolische Figur.

1949 wird er erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Da ist er bereits 73 Jahre alt.

Er stammt nicht aus einer neuen demokratischen Generation, die erst nach Hitler herangewachsen wäre.

Er war schon während der Weimarer Republik Oberbürgermeister von Köln und Präsident des Preußischen Staatsrats gewesen.

1933 wurde er von den Nationalsozialisten aus seinem Amt entfernt.

Seine Biografie verbindet die Zeit vor Hitler mit der Bundesrepublik.

Das ist für meine These bemerkenswert.

Die Demokratie nach 1945 musste nicht sämtliche demokratischen Erfahrungen neu erfinden.

Sie konnte an Menschen und Traditionen anknüpfen, die 1933 politisch ausgeschaltet worden waren.


Auch die Sozialdemokratie ist wieder da

Dasselbe gilt für die SPD.

Sie war 1933 verboten worden.

Ihre Funktionäre waren verfolgt, verhaftet oder ins Exil getrieben worden.

Aber die politische Tradition war nicht verschwunden.

Nach 1945 war die Sozialdemokratie wieder eine der großen politischen Kräfte.

Kurt Schumacher, der viele Jahre in nationalsozialistischen Konzentrationslagern verbracht hatte, wurde zum großen Gegenspieler Adenauers.

Adenauer und Schumacher waren erbitterte politische Konkurrenten.

Sie stritten über die Zukunft Deutschlands.

Aber sie wollten beide keine Rückkehr zur nationalsozialistischen Diktatur.

Hier begegnet uns wieder meine Definition der Mitte:

Die Mitte besteht nicht darin, dass Menschen dasselbe wollen.
Sie besteht darin, dass sie ihre Unterschiede innerhalb einer gemeinsamen freiheitlichen Ordnung austragen.


Das Grundgesetz antwortet auf 1933

Und nun geschieht etwas, das für meinen S–N-Kompass von besonderer Bedeutung ist.

Der Parlamentarische Rat erarbeitet 1948 und 1949 das Grundgesetz.

An seinem Anfang steht nicht der Staat.

Nicht Deutschland.

Nicht das Volk.

Nicht die Nation.

Sondern:

Der Mensch.

Artikel 1 beginnt:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Nach der Erfahrung des Nationalsozialismus ist das eine fundamentale Entscheidung.

Die politische Ordnung erhält eine Grenze.

Es gibt etwas, über das auch der Staat nicht verfügen darf.

Den Wert des einzelnen Menschen.

Damit erhält mein S–N-Kompass beinahe eine verfassungsrechtliche Form:

Die Ordnung dient dem Menschen.

Nicht umgekehrt.


Auch die Mehrheit bekommt Grenzen

Das Grundgesetz zieht noch eine weitere Konsequenz aus Weimar.

Demokratie bedeutet nicht, dass eine Mehrheit alles darf.

Bestimmte Grundprinzipien können selbst mit einer parlamentarischen Zweidrittelmehrheit nicht abgeschafft werden.

Artikel 79 Absatz 3 – die sogenannte Ewigkeitsklausel – schützt unter anderem die Grundsätze der Artikel 1 und 20.

Menschenwürde.

Demokratie.

Rechtsstaat.

Bundesstaatlichkeit.

Sozialstaatsprinzip.

Die Verfassung sagt damit sinngemäß:

Auch die Mehrheit besitzt nicht das Recht, die Grundlagen der freiheitlichen Ordnung zu beseitigen.

Das ist eine direkte Antwort auf das Scheitern Weimars.


Wehrhafte Demokratie

Damit entsteht ein Begriff, der für meine gesamte Untersuchung zentral wird:

wehrhafte Demokratie.

Die Weimarer Republik hatte ihren Gegnern Möglichkeiten eröffnet, die diese nutzen konnten, um die Republik selbst zu beseitigen.

Das Grundgesetz sollte daraus lernen.

Parteien können unter hohen verfassungsrechtlichen Voraussetzungen verboten werden, wenn sie darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen.

Der Staat soll nicht hilflos zusehen müssen, wenn seine eigene Freiheit dazu benutzt wird, die Freiheit abzuschaffen.

Aber damit entsteht sofort ein schwieriges Gleichgewicht.

Eine Demokratie, die sich schützen will, darf dabei nicht selbst autoritär werden.

Sie muss ihre Gegner bekämpfen können und gleichzeitig deren individuelle Grundrechte achten.

Auch hier hilft der S–N-Kompass.

Die wehrhafte Demokratie verteidigt die Ordnung, weil diese dem Menschen dient – nicht den Menschen, weil er der Ordnung dienen soll.


1949 – eine demokratische Mehrheit

Am 14. August 1949 findet die erste Bundestagswahl statt.

CDU/CSU, SPD, FDP und andere demokratische Parteien bestimmen das neue Parlament.

Die extremistischen Kräfte besitzen keine Mehrheit.

Wieder ist die Mitte da.

Aber diesmal verfügt sie über etwas, das 1919 noch nicht in gleicher Weise vorhanden war:

die Erfahrung von 1933.

Die Bundesrepublik ist deshalb nicht einfach Weimar II.

Sie ist eine Demokratie, die aus dem Scheitern ihrer Vorgängerin lernen will.


Aber hatten die Menschen wirklich alle gelernt?

Auch hier wäre eine Erfolgsgeschichte zu einfach.

Nationalsozialistische Einstellungen verschwanden 1945 nicht plötzlich.

Ehemalige NSDAP-Mitglieder kehrten in gesellschaftliche und staatliche Positionen zurück.

Antisemitische und autoritäre Einstellungen blieben bestehen.

Über Schuld und Verantwortung wurde lange geschwiegen.

Viele Familien erzählten lieber vom eigenen Leid als von eigener Beteiligung.

Die Demokratisierung Westdeutschlands war ein Prozess.

Sie war nicht am 23. Mai 1949 abgeschlossen.

Das ist für meine Bildungsthese wichtig.

Eine Verfassung kann Demokratie ermöglichen.

Aber sie kann demokratische Überzeugung nicht verordnen.


Demokratie wird gelernt

Vielleicht liegt genau darin eine der bemerkenswertesten Entwicklungen der Bundesrepublik.

Die Demokratie wurde mit der Zeit nicht nur institutionell stabiler.

Sie wurde gesellschaftlich gelernt.

Wahlen wiederholten sich.

Regierungen wechselten.

Gerichte entschieden gegen Regierungen.

Zeitungen kritisierten Politiker.

Demonstrationen fanden statt.

Politische Konflikte wurden ausgehalten.

1957 gewann Adenauer eine absolute Mehrheit.

1969 kam es zu einem politischen Machtwechsel.

1982 wechselte die Regierung erneut.

1998 wieder.

Keine Panzer.

Keine SA.

Kein Bürgerkrieg.

Der Verlierer räumt das Kanzleramt.

Der Gewinner zieht ein.

Vielleicht ist gerade dieser unspektakuläre Vorgang eine der größten kulturellen Leistungen einer Demokratie.

Macht wird vorübergehend.


Die Mitte wird zur demokratischen Gewohnheit

Damit verändert sich meine These noch einmal.

1919 besaß Deutschland eine demokratische Mehrheit.

Nach 1949 entstand zunehmend etwas Zusätzliches:

demokratische Erfahrung.

Menschen lernten über Jahrzehnte:

Eine verlorene Wahl ist keine Katastrophe.

Eine andere Regierung ist kein Staatsuntergang.

Der politische Gegner bleibt Mitbürger.

Ein Kompromiss ist nicht Verrat.

Eine kritische Zeitung ist kein Staatsfeind.

Eine Demonstration ist nicht automatisch Revolution.

Das klingt banal.

Vielleicht ist gerade diese Banalität der größte Erfolg.

Demokratie wird zur Normalität.


Bildung geschieht nicht nur in der Schule

Und hier kehre ich zu meiner eigenen Frage zurück.

Was bedeutet Bildung?

Nach Cassirer und Heidegger hatte ich festgestellt:

Wissen allein genügt nicht.

Die Geschichte der Bundesrepublik fügt etwas hinzu.

Menschen lernen Demokratie nicht nur aus Büchern.

Sie lernen sie durch Erfahrung.

Durch Wahlen.

Durch Diskussion.

Durch Vereine.

Durch Gemeinderäte.

Durch Parteien.

Durch Bürgerinitiativen.

Durch Zeitungen.

Durch Schulen.

Durch Universitäten.

Durch Theater und Literatur.

Durch Gespräche am Arbeitsplatz und am Familientisch.

Demokratie wird nicht nur unterrichtet.

Demokratie wird praktiziert.


Die unscheinbare Schule der Demokratie

Vielleicht wird die Bedeutung dieser alltäglichen Erfahrung unterschätzt.

Wer einmal in einem Gemeinderat erlebt hat, wie unterschiedliche Auffassungen aufeinanderprallen und am Ende trotzdem eine Entscheidung getroffen werden muss, erlebt Demokratie im Kleinen.

Der eine stimmt dafür.

Der andere dagegen.

Danach geht man gemeinsam aus dem Sitzungssaal.

Der politische Streit beendet nicht die menschliche Beziehung.

Genau das ist demokratische Kultur.

Sie ist unspektakulär.

Aber vielleicht ist sie wichtiger als viele große politische Reden.

Denn sie vermittelt etwas, das keine Verfassung allein garantieren kann:

die Gewohnheit, Verschiedenheit auszuhalten.


Meine These besteht die erste Gegenprobe

Damit komme ich zu meiner Ausgangsfrage zurück.

War die Mitte 1949 plötzlich wieder da?

Meine Antwort lautet:

Nein.

Sie war nicht plötzlich wieder da.

Menschen und politische Traditionen hatten die Diktatur überlebt.

Aber 1949 geschah etwas Entscheidendes:

Die vorhandene Mitte erhielt wieder demokratische Institutionen.

Und diesmal wurden diese Institutionen bewusst so gestaltet, dass sie aus dem Scheitern von Weimar lernen sollten.

Menschenwürde.

Grundrechte.

Gewaltenteilung.

Verfassungsgerichtsbarkeit.

Föderalismus.

Wehrhafte Demokratie.

Grenzen der Mehrheitsmacht.

Das alles bildet eine Architektur.

Aber eine Architektur bleibt leer, wenn niemand in ihr lebt.

Die eigentliche Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik besteht deshalb möglicherweise aus zwei Komponenten:

demokratische Institutionen + demokratische Bildung und Erfahrung.


Aber Deutschland hatte jetzt zwei Geschichten

Damit wäre die Sache beinahe zu einfach.

Denn 1949 entstand nicht nur die Bundesrepublik Deutschland.

Im Osten entstand die Deutsche Demokratische Republik.

Auch sie nannte sich demokratisch.

Auch dort lebten Deutsche, die Nationalsozialismus und Krieg erlebt hatten.

Auch dort wurde behauptet, aus 1933 gelernt zu haben.

Aber es entstand keine pluralistische parlamentarische Demokratie westdeutscher Prägung.

Es gab keine freie Konkurrenz um die politische Macht.

Die SED bestimmte die politische Ordnung.

Opposition wurde unterdrückt.

Und damit entsteht für meine These ein geradezu ideales historisches Experiment.

Ein Volk.

Eine gemeinsame Geschichte bis 1945.

Danach zwei politische Systeme.

Im Westen entwickelt sich über vier Jahrzehnte eine stabile parlamentarische Demokratie.

Im Osten eine sozialistische Diktatur.

Wenn die politische Ordnung tatsächlich das Denken der Menschen vollständig bestimmen könnte, müsste nach vierzig Jahren DDR die demokratische Mitte im Osten verschwunden sein.

Doch dann kommt 1989.

Menschen gehen auf die Straße.

Sie verlangen Freiheit.

Sie verlangen freie Wahlen.

Und sie rufen einen Satz, der für meine ganze Untersuchung von außergewöhnlicher Bedeutung ist:

„Wir sind das Volk.“

Nicht der Staat.

Nicht die Partei.

Wir.

Die Menschen.

Damit beginnt die nächste Gegenprobe meiner These:

 


7. Die andere deutsche Erfahrung – DDR und 1989

Ein Volk – zwei politische Systeme

1949 entstehen zwei deutsche Staaten.

Im Westen die Bundesrepublik Deutschland.

Im Osten die Deutsche Demokratische Republik.

Beide berufen sich auf die Erfahrung des Nationalsozialismus.

Beide behaupten, die richtigen Konsequenzen aus der deutschen Katastrophe gezogen zu haben.

Aber sie ziehen grundverschiedene Schlussfolgerungen.

Die Bundesrepublik entscheidet sich für Parteienpluralismus, Gewaltenteilung, freie Wahlen, Grundrechte und eine parlamentarische Demokratie.

Die DDR bezeichnet sich ebenfalls als demokratisch.

Doch die politische Wirklichkeit sieht anders aus.

Die SED besitzt die führende Stellung. Wahlen ermöglichen keinen freien Regierungswechsel. Oppositionelle politische Organisation wird nicht zugelassen. Presse und Medien unterliegen staatlicher Kontrolle. Das Ministerium für Staatssicherheit überwacht die Bevölkerung.

Damit entsteht nach 1949 eine historische Situation, die für meine These von besonderer Bedeutung ist.

Bis 1945 hatten Ost- und Westdeutsche dieselbe deutsche Geschichte erlebt.

Danach leben sie vier Jahrzehnte lang in unterschiedlichen politischen Ordnungen.

Was geschieht mit der Mitte?


Kann eine Diktatur die Mitte beseitigen?

Wenn politische Systeme das Denken ihrer Bürger vollständig bestimmen könnten, müsste die Antwort eindeutig sein.

Vierzig Jahre sind eine lange Zeit.

Eine ganze Generation wird in der DDR geboren, besucht dort die Schule, absolviert Ausbildung oder Studium, arbeitet in volkseigenen Betrieben, erlebt staatlich gelenkte Medien und kennt die parlamentarische Demokratie des Westens nicht aus eigener Alltagserfahrung.

Der Staat besitzt enorme Möglichkeiten der politischen Erziehung.

Und trotzdem entsteht keine Gesellschaft, in der sämtliche Menschen das politische System innerlich übernommen haben.

Es gibt überzeugte Sozialisten.

Es gibt Funktionäre.

Es gibt Angepasste.

Es gibt Menschen, die sich mit den Verhältnissen arrangieren.

Es gibt Menschen, die sich ins Private zurückziehen.

Es gibt Oppositionelle.

Es gibt Ausreisewillige.

Und es gibt viele Zwischentöne.

Schon diese Vielfalt zeigt:

Eine politische Ordnung und das Denken ihrer Bürger sind nicht dasselbe.


Die Mitte lebt im Privaten weiter

Vielleicht müssen wir auch hier unseren Blick verändern.

Politische Geschichte sucht häufig nach Organisationen, Parteien und prominenten Oppositionellen.

Aber eine gesellschaftliche Mitte muss nicht ständig politisch organisiert sein.

Sie kann sich im Alltag zeigen.

Menschen wollen ihre Familie schützen.

Sie wollen arbeiten.

Sie wollen Freunde treffen.

Sie wollen reisen.

Sie wollen lesen.

Sie wollen ihre Meinung sagen.

Sie wollen selbst entscheiden, wo sie leben.

Sie wollen nicht ständig erklären müssen, was sie denken.

Das klingt unpolitisch.

Aber sobald ein Staat diese persönlichen Freiräume begrenzt, werden scheinbar alltägliche Wünsche politisch.

Freiheit beginnt manchmal mit dem Wunsch, in Ruhe sein eigenes Leben führen zu dürfen.


1989 – plötzlich sind sie auf der Straße

Und dann geschieht etwas, das für meine These geradezu entscheidend ist.

1989 gehen immer mehr Menschen auf die Straße.

Leipzig.

Dresden.

Berlin.

Plauen.

Und viele andere Städte.

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Die Menschen fordern Reisefreiheit.

Meinungsfreiheit.

Freie Wahlen.

Politische Mitbestimmung.

Sie verlangen nicht zuerst eine neue totalitäre Gegenideologie.

Sie verlangen Rechte.

Und schließlich erklingt der Satz:

„Wir sind das Volk.“

Dieser Satz fasziniert mich.

Denn er dreht das Verhältnis zwischen Mensch und Ordnung um.

Nicht die Partei bestimmt, was das Volk zu wollen hat.

Die Bürger erklären:

Wir selbst sind das Volk.


Der S–N-Kompass schlägt aus

Damit sind wir wieder bei meiner einfachen Frage:

Dient der Mensch der Ordnung – oder dient die Ordnung dem Menschen?

Das politische System der DDR verlangte Loyalität gegenüber einer vorgegebenen Ordnung.

1989 beanspruchen Bürger das Recht, diese Ordnung selbst zu beurteilen.

Das ist Settembrini.

Das ist die Bewegung von N nach S.

Der Mensch nimmt sich das Recht zurück, über die Ordnung zu entscheiden.


Woher kam diese Demokratie?

Und nun stelle ich dieselbe Frage wie 1949.

Woher kamen diese Menschen?

Wer hatte ihnen vierzig Jahre lang parlamentarische Demokratie beigebracht?

Natürlich war die Bundesrepublik sichtbar. Westfernsehen und Westmedien spielten für viele Menschen eine Rolle. Kirchen boten Räume. Oppositionelle Gruppen hatten sich gebildet. Gorbatschows Reformpolitik veränderte das internationale Umfeld.

Aber all das erklärt noch nicht vollständig die entscheidende menschliche Voraussetzung:

Menschen wollten selbst entscheiden.

Vielleicht ist das Bedürfnis nach persönlicher Freiheit stärker, als politische Systeme glauben.

Damit besteht meine These ihre zweite große Gegenprobe.

Auch eine Diktatur kann die Mitte politisch unterdrücken, ohne sie vollständig aus der Gesellschaft zu entfernen.


8. 2026 – Die Mitte ist noch immer da

Zurück zum Anfang

Jetzt kehren wir zurück in die Gegenwart.

Zurück zu jener Zahl, mit der dieser Essay begann.

43,8 Prozent.

Und zurück zu der historischen Zahl:

43,9 Prozent am 5. März 1933.

Nach unserer Reise durch die deutsche Geschichte sehen diese beiden Zahlen anders aus.

Sie sind keine Beweise dafür, dass sich Geschichte wiederholt.

Das tut sie nicht.

2026 ist nicht 1933.

Die Bundesrepublik besitzt eine gefestigte Verfassung, ein Bundesverfassungsgericht, föderale Strukturen, freie Medien, eine pluralistische Gesellschaft und jahrzehntelange demokratische Erfahrung.

Gerade deshalb wäre es falsch, aus einer zahlenmäßigen Ähnlichkeit eine historische Gleichsetzung zu konstruieren.

Aber die Zahlen stellen weiterhin eine Frage.


Wo ist die Mitte heute?

Die öffentliche Diskussion erweckt manchmal den Eindruck, als löse sich die politische Mitte auf.

Aber stimmt das?

Die große Mehrheit der Menschen lebt weiterhin innerhalb der demokratischen Ordnung.

Menschen wählen unterschiedliche Parteien.

Sie streiten über Migration.

Über Klima.

Über Steuern.

Über soziale Gerechtigkeit.

Über Europa.

Über Krieg und Frieden.

Über Energie.

Über die Zukunft Deutschlands.

Das ist zunächst kein Zeichen einer kranken Demokratie.

Das ist Demokratie.

Eine demokratische Gesellschaft muss nicht einer Meinung sein.

Im Gegenteil.

Wenn alle dieselbe politische Auffassung haben müssten, hätten wir keine Demokratie mehr.


Nicht jede Unzufriedenheit ist Extremismus

Auch das scheint mir wichtig.

Wer mit der Bundesregierung unzufrieden ist, ist deshalb kein Feind der Demokratie.

Wer eine andere Migrationspolitik fordert, ist deshalb nicht automatisch antihumanistisch.

Wer höhere Sozialleistungen verlangt, ist deshalb kein Kommunist.

Wer Steuern senken will, ist deshalb kein Feind des Sozialstaates.

Demokratie lebt gerade davon, dass politische Alternativen möglich sind.

Wir sollten deshalb vorsichtig damit sein, jede scharfe politische Position aus der Mitte herauszudefinieren.

Die entscheidende Frage meines S–N-Kompasses lautet nicht:

Wie weit rechts oder links steht jemand?

Sie lautet:

Was geschieht mit der Würde und Freiheit des einzelnen Menschen, wenn seine politische Vorstellung Wirklichkeit wird?


Die gefährliche Beruhigung

Aber auch die umgekehrte Schlussfolgerung wäre falsch.

Wir könnten sagen:

Die Mehrheit ist doch demokratisch.

Unsere Institutionen funktionieren.

Also besteht keine Gefahr.

Genau hier mahnt 1933 zur Vorsicht.

Denn unsere historische Reise hat gezeigt:

Eine demokratische Mehrheit allein garantiert noch keine demokratische Zukunft.

Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieses Essays.

Nicht weil 2026 dasselbe wäre wie 1933.

Sondern weil der Mechanismus allgemeiner ist.

Mehrheit ist nicht automatisch Macht.

Mehrheit ist nicht automatisch Handlungsfähigkeit.

Mehrheit ist nicht automatisch Wehrhaftigkeit.


Die Mitte muss sich ihrer selbst bewusst sein

Vielleicht besteht deshalb die eigentliche Gefahr nicht darin, dass die Mitte plötzlich verschwindet.

Sie könnte darin bestehen, dass die Mitte nicht mehr erkennt, was sie trotz aller politischen Unterschiede miteinander verbindet.

Ein Sozialdemokrat und ein Christdemokrat müssen nicht dieselbe Steuerpolitik wollen.

Ein Grüner und ein Konservativer müssen nicht dieselbe Migrationspolitik vertreten.

Ein Liberaler und ein Sozialist müssen nicht dasselbe Verständnis von Wirtschaft haben.

Aber sie müssen etwas Gemeinsames anerkennen:

Wir streiten innerhalb derselben demokratischen Ordnung.

Der andere ist mein Gegner.

Nicht mein Feind.

Und morgen kann er die Wahl gewinnen.

Dann akzeptiere ich das Ergebnis.

Bis zur nächsten Wahl.

So unspektakulär funktioniert Demokratie.


9. Warum Mehrheiten machtlos werden können

Jetzt können wir die historische Reise auswerten.

Was haben 1919, 1933, 1949, 1989 und 2026 miteinander zu tun?

Nicht die politischen Systeme.

Nicht die Parteien.

Nicht die historischen Umstände.

Sondern eine Frage:

Wie wird aus gesellschaftlicher Mehrheit politische Handlungsfähigkeit?

Denn genau hier liegt offenbar das Problem.


Eine Mehrheit ist zunächst nur Mathematik

51 Prozent sind eine Mehrheit.

60 Prozent sind eine größere Mehrheit.

70 Prozent noch größer.

Aber Zahlen handeln nicht.

Menschen handeln.

Parteien handeln.

Parlamente handeln.

Regierungen handeln.

Gerichte entscheiden.

Medien informieren.

Bürger organisieren sich.

Deshalb kann eine politisch entschlossene Minderheit unter bestimmten Umständen wirkungsvoller sein als eine größere, aber unverbundene Mehrheit.

Das ist die erste Antwort.

1. Zersplitterung

Eine Mehrheit kann aus Gruppen bestehen, die einander stärker bekämpfen als den Gegner ihrer gemeinsamen demokratischen Ordnung.

Weimar zeigt, wie gefährlich das werden kann.

2. Angst

Angst verändert politische Entscheidungen.

Wirtschaftlicher Abstieg.

Arbeitslosigkeit.

Krieg.

Migration.

Inflation.

Verlust gesellschaftlicher Stellung.

Angst verlangt nach Sicherheit.

Das ist menschlich.

Gefährlich wird es, wenn politische Kräfte behaupten:

Nur wir können euch schützen.

3. Die einfache Erklärung

Demokratische Politik ist kompliziert.

Radikale Politik kann einfach erscheinen.

Ein Problem.

Ein Schuldiger.

Eine Lösung.

Cassirers politischer Mythos beginnt genau hier.

4. Feindbilder

Wenn aus politischen Gegnern Feinde werden, verändert sich Demokratie.

Dann geht es nicht mehr darum, eine Wahl zu gewinnen.

Es geht darum, den anderen auszuschalten.

5. Institutionelles Versagen

Auch eine demokratische Bevölkerung braucht funktionierende Institutionen.

Parlament.

Regierung.

Gerichte.

Verwaltung.

Freie Medien.

Wenn Menschen den Eindruck gewinnen, dass diese Institutionen Probleme dauerhaft nicht mehr lösen können, verlieren sie Vertrauen.

6. Die Fehleinschätzung der Radikalen

1933 glaubten konservative Politiker, Hitler kontrollieren zu können.

Das war ein verhängnisvoller Irrtum.

Demokratische Kräfte können Radikale stärken, wenn sie glauben, sie taktisch benutzen zu können.

7. Gewöhnung

Vielleicht gibt es noch einen subtileren Mechanismus.

Grenzüberschreitungen können normal werden.

Eine Beleidigung empört beim ersten Mal.

Beim zehnten Mal kaum noch.

Eine Lüge schockiert zunächst.

Später wird sie Teil des politischen Geräusches.

Die Grenze verschiebt sich.

Nicht plötzlich.

Millimeterweise.


Wann kippt eine Demokratie?

Jetzt können wir meine alte Leitfrage präziser beantworten.

Eine Demokratie kippt vermutlich nicht an einem einzigen Tag.

Sie kippt auch nicht automatisch bei einem bestimmten Wahlergebnis.

Es gibt keine magische Grenze von 30, 40 oder 50 Prozent.

Vielleicht beginnt das Kippen viel früher.

Wenn Menschen den politischen Gegner nicht mehr als legitimen Mitbürger betrachten.

Wenn Tatsachen ihre gemeinsame Bedeutung verlieren.

Wenn Institutionen grundsätzlich verächtlich gemacht werden.

Wenn Kompromiss nur noch als Schwäche gilt.

Wenn politische Gewalt gerechtfertigt wird.

Wenn Menschenrechte davon abhängig gemacht werden, wer ein Mensch ist.

Und wenn eine demokratische Mehrheit zwar vorhanden ist, aber nicht mehr erkennt, was sie gemeinsam verteidigen muss.

Damit sind wir bei der letzten Frage.

Was kann eine Demokratie dagegen tun?


10. Bildung – die unsichtbare Verfassung der Demokratie

Meine Antwort

Nach dieser historischen Reise komme ich zu einer Antwort, die erstaunlich einfach klingt:

Bildung.

Aber sofort muss ich erklären, was ich damit meine.

Denn Heidegger war gebildet.

Viele Nationalsozialisten waren Akademiker.

Juristen halfen dabei, Unrecht in Gesetze zu verwandeln.

Ärzte beteiligten sich an Verbrechen.

Professoren dienten der Diktatur.

Ein Universitätsabschluss schützt nicht vor Antihumanismus.

Deshalb meine ich mit Bildung nicht Wissen allein.


Wissen ist nicht Bildung

Ein Mensch kann tausend historische Daten kennen und trotzdem nichts aus Geschichte gelernt haben.

Er kann Kant zitieren und gleichzeitig die Würde anderer Menschen missachten.

Er kann intelligent sein und Propaganda verbreiten.

Er kann wissenschaftlich hervorragend ausgebildet sein und einer totalitären Ideologie folgen.

Deshalb brauche ich eine andere Definition.

Bildung ist Wissen, das Urteilskraft erzeugt.

Und demokratische Bildung fügt etwas Entscheidendes hinzu:

Urteilskraft unter Anerkennung der gleichen Würde des anderen Menschen.

Damit kommen Cassirer und das Grundgesetz zusammen.


Die Fähigkeit zum Zweifel

Vielleicht gehört zu demokratischer Bildung eine Fähigkeit, die wir unterschätzen:

zweifeln zu können.

Nicht an allem.

Nicht permanent.

Sondern an der eigenen Gewissheit.

Der demokratisch gebildete Mensch kann sagen:

Vielleicht irre ich mich.

Deshalb höre ich dem anderen zu.

Deshalb prüfe ich eine Quelle.

Deshalb lese ich Geschichte.

Deshalb unterscheide ich Behauptung und Tatsache.

Deshalb brauche ich eine freie Presse.

Deshalb akzeptiere ich Wissenschaft, ohne sie für unfehlbar zu halten.

Und deshalb benötige ich Menschen, die mir widersprechen.

Der Fanatiker braucht keinen Widerspruch.

Er besitzt bereits die Wahrheit.


Bildung schützt vor der einfachen Geschichte

Cassirer hat uns gezeigt, wie politische Mythen funktionieren.

Sie reduzieren Komplexität.

Bildung macht das Gegenteil.

Sie fragt:

Stimmt das wirklich?

Wer behauptet das?

Welche Quelle gibt es?

Was fehlt in dieser Erzählung?

Welche andere Erklärung wäre möglich?

Wer profitiert davon, wenn ich diese Geschichte glaube?

Und:

Wer wird darin zum Feind erklärt?

Das ist keine akademische Übung.

Es ist demokratische Selbstverteidigung.


Geschichte als Frühwarnsystem

Damit verstehe ich auch meine eigene Beschäftigung mit Geschichte neu.

Warum 1848?

Warum Weimar?

Warum Thomas Mann?

Warum Cassirer?

Warum Adenauer?

Warum 1989?

Nicht weil wir die Vergangenheit sammeln sollen wie Gegenstände in einem Museum.

Geschichte kann etwas anderes leisten.

Sie zeigt uns Muster.

Nicht um zu behaupten:

Es wird wieder genauso kommen.

Sondern um rechtzeitig fragen zu können:

Habe ich etwas Ähnliches schon einmal gesehen?

Geschichte wiederholt sich nicht.

Aber Menschen stehen immer wieder vor vergleichbaren Versuchungen.

Angst.

Macht.

Zugehörigkeit.

Feindbilder.

Gewissheit.

Unterwerfung.

Freiheit.


Mein S–N-Kompass als Bildungsinstrument

Damit bekommt auch der S–N-Kompass für mich eine neue Bedeutung.

Er soll niemandem vorschreiben, welche Partei er wählen soll.

Er soll keine politische Gesinnungsprüfung sein.

Er stellt lediglich eine Frage:

Dient die Ordnung dem Menschen – oder soll der Mensch der Ordnung dienen?

Diese Frage kann ich an eine historische Ideologie stellen.

An eine Religion.

An eine politische Partei.

An einen Staat.

An eine technologische Entwicklung.

An Künstliche Intelligenz.

Und auch an meine eigene Überzeugung.

Gerade das Letzte ist wichtig.

Ein Kompass, den ich nur auf meine Gegner anwende, ist wertlos.


Demokratie braucht keine gleichdenkenden Menschen

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse meiner Reise.

Demokratie braucht keine Gesellschaft, in der alle Menschen dieselben politischen Ansichten besitzen.

Sie braucht etwas Anspruchsvolleres:

Menschen, die verschieden denken können, ohne einander die gleiche Würde abzusprechen.

Das ist die Mitte, von der ich spreche.

Sie kann konservativ sein.

Sie kann liberal sein.

Sie kann sozialdemokratisch sein.

Sie kann grün sein.

Sie kann christlich sein.

Sie kann konfessionslos sein.

Sie kann links oder rechts von einer gedachten politischen Mitte stehen.

Entscheidend ist nicht ihre Position auf dieser Linie.

Entscheidend ist die Grenze, die sie nicht überschreitet:

Der andere bleibt Mensch.


Bildung ist deshalb politisch – aber nicht parteipolitisch

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Demokratische Bildung darf Menschen nicht sagen:

Wählt diese Partei.

Dann würde sie selbst zur Propaganda.

Sie muss Menschen befähigen zu fragen:

Was bedeutet diese politische Forderung?

Welche Folgen hätte sie?

Ist sie mit den Grundrechten vereinbar?

Welches Menschenbild steht dahinter?

Sind ihre Behauptungen überprüfbar?

Gibt es Gegenargumente?

Das Ergebnis dieser Prüfung darf unterschiedlich sein.

Genau darin besteht Freiheit.


Die unsichtbare Verfassung

Das Grundgesetz ist die geschriebene Verfassung Deutschlands.

Aber vielleicht besitzt jede Demokratie noch eine zweite Verfassung.

Sie steht in keinem Gesetzbuch.

Sie besteht aus den Fähigkeiten ihrer Bürger.

Zuhören.

Unterscheiden.

Zweifeln.

Widersprechen.

Kompromisse schließen.

Niederlagen akzeptieren.

Verantwortung übernehmen.

Den anderen als Menschen anerkennen.

Diese Fähigkeiten nenne ich:

die unsichtbare Verfassung der Demokratie.

Und ihr Name ist Bildung.


Damit verstehe ich auch mein eigenes Schreiben

Seit Jahren beschäftige ich mich mit Geschichte.

Ich schreibe Essays.

Ich unterhalte mich gedanklich mit Thomas Mann, Cassirer, Ebert, Adenauer und anderen.

Ich entwickle den S–N-Kompass.

Ich stelle Fragen an mein Digitales Buch.

Und immer wieder steht dahinter dieselbe Frage:

Wozu?

Vielleicht habe ich jetzt eine Antwort.

Ich schreibe nicht, um Menschen zu sagen, was sie denken sollen.

Ich schreibe, weil Menschen Material benötigen, mit dem sie denken können.

Geschichte.

Philosophie.

Widerspruch.

Zusammenhänge.

Fragen.

Das ist Bildung.


Die Goldene Spur

Und damit führt dieser Essay zu etwas zurück, das mich schon lange beschäftigt.

Zu meiner Goldenen Spur.

Wissen weitergeben.

Geschichte lebendig halten.

Menschen zum Denken anregen.

Freiheit erklären.

Demokratie verständlich machen.

Humanismus im digitalen Zeitalter verteidigen.

Vielleicht sind das gar nicht verschiedene Projekte.

Vielleicht sind es verschiedene Formen derselben Aufgabe.

Bildung stärkt die Urteilskraft.
Urteilskraft stärkt den Menschen.
Und Menschen, die selbst urteilen können, stärken die Demokratie.

Damit bekommt auch mein Satz

Find the Meaning

eine politische Bedeutung.

Nicht:

Glaube mir.

Sondern:

Frage selbst.

Nicht:

Übernimm meine Antwort.

Sondern:

Finde die Bedeutung.


Die Antwort auf die Ausgangsfrage

Am Anfang dieses Essays stand eine Frage:

Warum schützt eine demokratische Mehrheit nicht automatisch vor dem Kippen einer Demokratie?

Nach dieser Reise würde ich antworten:

Weil Mehrheit zunächst nur eine Zahl ist.

Eine Demokratie braucht mehr.

Sie braucht Institutionen.

Recht.

Gewaltenteilung.

Freie Medien.

Eine wehrhafte Verfassung.

Politische Beteiligung.

Und sie braucht Menschen, die verstehen, warum diese Dinge schützenswert sind.

Damit komme ich zu meiner These zurück:

Die Mitte war immer da.

Aber die Geschichte zeigt:

Es genügt nicht, dass sie da ist.

Sie muss urteilsfähig sein.

Sie muss erkennen können.

Sie muss widersprechen können.

Und wenn die Grundlagen der Freiheit gefährdet sind, muss sie handeln können.

Deshalb ist Bildung für mich keine schöne Ergänzung zur Demokratie.

Bildung ist eine ihrer Lebensbedingungen.

Und vielleicht ist das die wichtigste Lehre meiner historischen Reise:

Eine Demokratie ist nicht deshalb sicher, weil die Mehrheit Demokraten sind.
Sie ist sicherer, wenn genügend Menschen verstehen, warum sie Demokraten sein wollen.


Epilog – Die Mitte war immer da

Zwei Zahlen

Am Anfang dieser Reise standen zwei Zahlen.

43,9 Prozent.

So viele Stimmen erhielt die NSDAP bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933.

Und:

43,8 Prozent.

So viele Stimmen erhielt die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026.

Fast dieselbe Zahl.

Und doch zwei völlig verschiedene historische Situationen.

1933 war Hitler bereits Reichskanzler. Grundrechte waren außer Kraft gesetzt, politische Gegner wurden verfolgt, Gewalt und Einschüchterung bestimmten den Wahlkampf.

2026 leben wir in einer gefestigten parlamentarischen Demokratie des Grundgesetzes.

Deshalb wäre es falsch zu sagen:

Die Geschichte wiederholt sich.

Aber ebenso falsch wäre es, die Ähnlichkeit der Zahlen einfach abzutun.

Denn sie hat mich zu einer anderen Frage geführt.

Nicht:

Sind wir wieder im Jahr 1933?

Sondern:

Wie sicher ist eine Demokratie, wenn eine große Mehrheit sie grundsätzlich erhalten will?


Meine historische Reise

Ich bin weit zurückgegangen.

Zu 1848.

Ins Kaiserreich.

Zu 1919 und Friedrich Ebert.

Nach Weimar.

Zu Thomas Mann.

Nach Davos zu Ernst Cassirer und Martin Heidegger.

Zum 30. Januar und zum 23. März 1933.

In die Katastrophe der nationalsozialistischen Diktatur.

Dann zu 1949 und zum Grundgesetz.

In die DDR.

Zu den Menschen, die 1989 auf die Straße gingen.

Und schließlich zurück in das Jahr 2026.

Dabei hat sich meine ursprüngliche Frage verändert.

Ich wollte wissen:

Wo ist die Mitte geblieben?

Heute würde ich anders fragen.

Was kann eine vorhandene Mitte bewirken?

Denn meine Reise hat mich zu einer These geführt:

Die Mitte war immer da.


Die Mitte ist kein Ort

Vielleicht war schon das Bild falsch.

Wir sprechen von links, rechts und Mitte, als ließe sich eine Gesellschaft mit einem Lineal vermessen.

Aber die Mitte, die ich suche, liegt nicht genau zwischen zwei politischen Extremen.

Sie ist auch keine bestimmte Partei.

Sie ist eine Haltung.

Ein Sozialdemokrat und ein Konservativer können zu ihr gehören.

Ein Liberaler und ein Grüner.

Ein Christ und ein Atheist.

Menschen können über Steuern, Migration, Sozialpolitik, Europa, Klima oder Verteidigung heftig streiten und trotzdem etwas Entscheidendes gemeinsam haben:

Der andere bleibt Mensch.

Er bleibt Bürger.

Er besitzt Rechte.

Er darf widersprechen.

Er darf mich kritisieren.

Er darf anders wählen.

Und er darf morgen sogar die Wahl gewinnen.

Das ist die Mitte, von der ich spreche.


Die Mehrheit ist keine Versicherung

1933 hat mir die wichtigste Antwort gegeben.

Die Mehrheit der Wähler hatte die NSDAP selbst bei der bereits massiv beeinträchtigten Reichstagswahl vom 5. März nicht gewählt.

Und trotzdem entstand die Diktatur.

Warum?

Weil eine Mehrheit zunächst nur eine Zahl ist.

Sie kann zersplittert sein.

Sie kann sich gegenseitig bekämpfen.

Sie kann Angst haben.

Sie kann schweigen.

Sie kann die Gefahr unterschätzen.

Sie kann darauf vertrauen, dass andere handeln werden.

Und sie kann zu spät erkennen, dass der gemeinsame demokratische Boden wichtiger ist als der politische Streit auf diesem Boden.

Das ist vielleicht die beunruhigendste Erkenntnis meiner Reise:

Eine Demokratie kann verloren gehen, obwohl die Mehrheit ihrer Bürger ihren Verlust nicht gewollt hat.


1949 gibt eine andere Antwort

Aber die deutsche Geschichte endet nicht 1933.

Das ist für meine These genauso wichtig.

1949 beginnt das Grundgesetz mit einem Satz:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Nach Rasse, Führer, Volksgemeinschaft und totalitärer Unterordnung steht plötzlich wieder der einzelne Mensch am Anfang der staatlichen Ordnung.

War dieser Gedanke plötzlich entstanden?

Nein.

Menschen hatten ihn bewahrt.

Politische Traditionen hatten überlebt.

Demokraten kehrten zurück.

Andere lernten Demokratie neu.

Die Mitte erhielt wieder Institutionen.

Und sie bekam etwas hinzu:

Erfahrung.

Die Erfahrung ihres eigenen Scheiterns.


1989 liefert den nächsten Beweis

Vierzig Jahre lang hatte die DDR eine andere politische Ordnung.

Und dann gingen Menschen auf die Straße.

Sie riefen:

„Wir sind das Volk.“

Vielleicht steckt darin die kürzeste Antwort auf meinen S–N-Kompass.

Nicht:

Der Mensch gehört der Ordnung.

Sondern:

Die Ordnung gehört den Menschen.

Auch hier war die Mitte nicht plötzlich entstanden.

Sie war sichtbar geworden.


Und heute?

Damit stehe ich wieder im Jahr 2026.

Wir leben seit mehr als sieben Jahrzehnten in einer freiheitlichen Demokratie.

Für meine Generation ist das eine außergewöhnliche historische Erfahrung.

Frieden.

Freiheit.

Wahlen.

Reisen.

Freie Presse.

Politischer Streit.

Regierungswechsel.

Das Recht, den Bundeskanzler, eine Partei, eine Zeitung oder auch den Staat selbst öffentlich zu kritisieren.

Vieles davon erscheint selbstverständlich.

Aber Geschichte zeigt:

Es ist nicht selbstverständlich.

Demokratie ist niemals fertig.


Die eigentliche Brandmauer

Wir sprechen heute häufig von einer Brandmauer.

Dabei denken wir an Parteien und Koalitionen.

Das ist eine politische Frage.

Aber vielleicht gibt es eine tiefere Brandmauer.

Sie verläuft im Denken des Menschen.

Sie beginnt dort, wo ich sage:

Bis hierher darf mein politischer Gegner gehen.

Er darf mir widersprechen.

Er darf mich ärgern.

Er darf eine völlig andere Vorstellung von Deutschland haben.

Aber auch ich ziehe eine Grenze.

Dort, wo Menschen ihre Würde verlieren sollen.

Dort, wo Herkunft über den Wert eines Menschen entscheidet.

Dort, wo Gewalt politische Argumente ersetzt.

Dort, wo der Gegner zum Feind erklärt wird, dem keine gleichen Rechte mehr zustehen.

Dort schlägt mein S–N-Kompass aus.


Settembrini oder Naphta?

Am Ende meiner Reise bleibt deshalb eine erstaunlich einfache Frage.

Dient die Ordnung dem Menschen?

Oder:

Soll der Mensch der Ordnung dienen?

Vielleicht kann man nicht jede politische Frage damit beantworten.

Das soll der S–N-Kompass auch gar nicht.

Aber er zwingt mich, hinter Programme, Schlagworte und Ideologien zu schauen.

Was geschieht mit dem einzelnen Menschen?

Bleibt seine Würde bestehen?

Bleibt seine Freiheit?

Darf er widersprechen?

Darf er anders sein?

Darf er Nein sagen?

Wenn ich diese Fragen stelle, wird aus Politik eine Frage des Menschenbildes.


Deshalb Bildung

Und damit komme ich zu meiner eigenen Arbeit.

Warum schreibe ich?

Warum Geschichte?

Warum Thomas Mann?

Warum Cassirer?

Warum meine Zeitreisen?

Warum die semantischen Dialoge?

Warum ein Digitales Buch, das antwortet?

Vielleicht liegt die Antwort in diesem Essay.

Ich kann Demokratie nicht retten.

Ich kann niemandem vorschreiben, was er wählen soll.

Das möchte ich auch nicht.

Aber ich kann etwas tun, das kleiner erscheint und vielleicht grundlegender ist:

Material zum Denken bereitstellen.

Geschichte erzählen.

Zusammenhänge herstellen.

Widersprüche zeigen.

Fragen stellen.

Andere Stimmen zu Wort kommen lassen.

Und den Leser auffordern, selbst zu urteilen.

Das ist meine Vorstellung von Bildung.

Nicht Belehrung.

Urteilskraft.


Die unsichtbare Verfassung

Das Grundgesetz schützt unsere Demokratie von außen durch Institutionen und Recht.

Aber es gibt noch eine zweite Verfassung.

Sie steht nirgendwo vollständig geschrieben.

Sie lebt in den Köpfen der Bürger.

Die Fähigkeit zuzuhören.

Die Bereitschaft zum Widerspruch.

Das Aushalten anderer Meinungen.

Das Prüfen von Behauptungen.

Das Misstrauen gegenüber einfachen Wahrheiten.

Die Bereitschaft, die eigene Meinung zu korrigieren.

Und die Gewissheit:

Auch der andere besitzt dieselbe Würde wie ich.

Diese unsichtbare Verfassung muss jede Generation neu lernen.

Keine Demokratie kann sie für immer speichern.


Die Mitte war immer da

Deshalb endet meine Reise nicht pessimistisch.

Im Gegenteil.

Die politischen Systeme wechselten.

Grenzen verschoben sich.

Parteien entstanden und verschwanden.

Demokratien wurden gegründet und zerstört.

Deutschland wurde geteilt und wiedervereinigt.

Aber immer wieder finden wir Menschen, die Freiheit wollten, ohne die Freiheit des anderen abschaffen zu wollen.

Menschen, die Reform wollten statt Unterwerfung.

Menschen, die miteinander leben wollten, obwohl sie verschieden waren.

Die Mitte war immer da.

Das beruhigt mich.

Aber es beruhigt mich nicht vollständig.

Denn Geschichte hat mir gleichzeitig etwas anderes gezeigt:

Es genügt nicht, dass die Mitte die Mehrheit ist.

Sie muss wissen, was sie verbindet.

Sie muss erkennen, was sie verlieren kann.

Sie muss urteilen können.

Und sie muss bereit sein, ihre Freiheit zu verteidigen.


43,8 und 43,9

Damit komme ich zu den beiden Zahlen zurück.

Sie sind fast gleich.

Ihre Geschichte ist es nicht.

Und genau darin liegt ihre Bedeutung.

Die Zahl 43,9 erzählt uns, was geschehen kann, wenn demokratische Institutionen zerbrechen und eine vorhandene Mehrheit ihre gemeinsame Freiheit nicht mehr schützen kann.

Die Zahl 43,8 stellt uns heute keine historische Gleichung.

Sie stellt uns eine Frage.

Was tun wir mit unserer Freiheit, solange wir sie haben?

Meine Antwort lautet:

Wir müssen sie verstehen.

Und deshalb schreibe ich.

Nicht um meinen Lesern zu sagen, was sie denken sollen.

Sondern um sie einzuladen, selbst zu denken.

Find the Meaning.


Der S-N-Kompass

© Wolfgang Bossert · mypapergate.net
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