Empört euch! – Aber worüber?
Stéphane Hessel und die Moral der Empörung
Ein 93-jähriger Mann schreibt ein schmales Buch von wenigen Seiten.
Der Titel besteht aus zwei Worten:
Empört euch!
Das Buch wird zum internationalen Bestseller.
Warum?
Vielleicht weil Stéphane Hessel eine Frage stellte, die unsere moderne Gesellschaft bis heute nicht beantwortet hat:
Worüber sind wir noch bereit, uns wirklich zu empören?
Nicht über einen verspäteten Zug.
Nicht über einen Politiker, dessen Gesicht uns nicht gefällt.
Nicht über den täglichen Skandal in den sozialen Medien.
Sondern über etwas, von dem wir sagen:
Das darf nicht sein.
Für Stéphane Hessel war genau dieser Satz der Anfang des Widerstands.
Wer war Stéphane Hessel?
Stéphane Frédéric Hessel wurde am 20. Oktober 1917 in Berlin geboren. Sein Vater war der deutsche Schriftsteller Franz Hessel, seine Mutter die Journalistin und Schriftstellerin Helen Grund. Die Familie zog nach Paris; Stéphane Hessel wurde später französischer Staatsbürger.
Seine Biografie ist eng mit den Katastrophen und Hoffnungen des 20. Jahrhunderts verbunden.
Nach der deutschen Besetzung Frankreichs schloss er sich dem Freien Frankreich um Charles de Gaulle und dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus an. 1944 wurde er von der Gestapo verhaftet, gefoltert und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert.
Er überlebte.
Nach dem Krieg trat Hessel in den französischen diplomatischen Dienst ein und arbeitete im Umfeld der neu gegründeten Vereinten Nationen. Er erlebte die Entstehung jener internationalen Ordnung mit, deren große moralische Antwort auf Krieg, Holocaust und Barbarei die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 wurde.
Der erste Satz ihres ersten Artikels lautet:
„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“
Dieser Gedanke wurde zum geistigen Fundament seines späteren politischen Engagements.
Hessel war Diplomat, Menschenrechtsaktivist und politischer Mahner.
2010, im Alter von 93 Jahren, veröffentlichte er den französischen Aufruf Indignez-vous!, auf Deutsch Empört Euch!
Stéphane Hessel starb am 27. Februar 2013 in Paris.
Er wurde 95 Jahre alt.
Empörung als Anfang des Widerstands
Hessel wusste, was Empörung bedeuten konnte.
Seine Generation hatte Gründe, sich zu empören:
Nationalsozialismus.
Besatzung.
Entrechtung.
Deportation.
Mord.
Doch Hessel stellte den nachfolgenden Generationen eine unbequeme Frage:
Habt ihr heute keine Gründe mehr, euch zu empören?
Oder habt ihr nur verlernt, sie zu erkennen?
Er sah soziale Ungleichheit, den wachsenden Einfluss wirtschaftlicher Interessen, den Umgang mit Migranten und Minderheiten und den Verlust gesellschaftlicher Solidarität.
Seine größte Sorge aber galt der Gleichgültigkeit.
Die Gleichgültigkeit sagt:
Was kann ich schon tun?
Es betrifft mich nicht.
Die Welt war schon immer so.
Für Hessel war diese Haltung gefährlich.
Denn Demokratie lebt nicht allein von Parlamenten, Verfassungen und Wahlen.
Sie lebt vom Bürger.
Der Bürger ist nicht Zuschauer der Demokratie.
Er ist ihr Träger.
Warum Palästina?
Besonders kontrovers wurde Hessel in seiner Haltung zum israelisch-palästinensischen Konflikt.
Er kritisierte die israelische Besatzungs- und Siedlungspolitik und die Lebensbedingungen der palästinensischen Bevölkerung, insbesondere im Gazastreifen.
Warum war ihm gerade dieses Thema so wichtig?
Die Antwort liegt in seinem Verständnis der Menschenrechte.
Menschenrechte sind unteilbar.
Sie gelten nicht nur für Menschen, deren Geschichte wir kennen.
Nicht nur für Menschen, mit denen wir uns kulturell verbunden fühlen.
Nicht nur für unsere Freunde.
Sie gelten für alle.
Für Hessel bedeutete die historische Verantwortung Europas gegenüber den Juden nicht, auf Kritik an der Politik einer israelischen Regierung verzichten zu müssen.
Seine Empörung richtete sich nicht gegen Juden.
Sie richtete sich gegen das, was er als Verletzung der Menschenrechte der Palästinenser verstand.
Gerade hier liegt eine bis heute notwendige Unterscheidung:
Kritik an der Politik des Staates Israel ist nicht automatisch Antisemitismus.
Aber ebenso gilt:
Antisemitismus kann sich als vermeintliche Israelkritik tarnen.
Beides muss erkannt werden.
Hessels Haltung und manche seiner historischen Vergleiche wurden heftig kritisiert. Man warf ihm vor, die Besonderheit der nationalsozialistischen Verbrechen durch problematische Vergleiche zu relativieren.
Diese Kritik darf nicht verschwiegen werden.
Vielleicht zeigt gerade die Kontroverse um Hessel, wie schwierig moralische Empörung wird, sobald Geschichte, Schuld, Religion, nationale Identität und gegenwärtige Politik aufeinandertreffen.
Ist Empörung immer moralisch?
Hier beginnt für mich die eigentliche Frage.
Denn auch Fanatiker sind empört.
Auch Populisten sind empört.
Auch Extremisten glauben, gegen unerträgliches Unrecht zu kämpfen.
Empörung allein ist keine Tugend.
Sie ist eine Energie.
Und Energie braucht eine Richtung.
Vielleicht müssen wir unsere Empörung deshalb an drei Fragen prüfen:
Ist sie human?
Achte ich die Würde des Menschen – auch die Würde meines Gegners?
Ist sie wahrhaftig?
Beruht meine Empörung auf überprüfbaren Tatsachen oder nur auf Bildern, Gerüchten und Behauptungen?
Ist sie universell?
Würde ich dasselbe Verhalten auch dann verurteilen, wenn es von meiner eigenen politischen Seite ausgeübt würde?
Die letzte Frage ist vermutlich die schwierigste.
Wer Menschenrechte nur für die eigene Gruppe fordert, verteidigt keine Menschenrechte.
Er verteidigt Interessen.
Die Empörungsmaschine des digitalen Zeitalters
Als Stéphane Hessel 2010 Empört Euch! veröffentlichte, standen wir erst am Anfang einer gewaltigen Veränderung.
Heute leben wir in einer permanenten Empörungsmaschine.
Jeden Morgen wartet ein neuer Skandal.
Ein Satz.
Ein Bild.
Ein Video.
Ein Krieg.
Ein Politiker.
Ein angeblicher Verrat.
Wir klicken.
Wir kommentieren.
Wir teilen.
Wir empören uns.
Die digitale Gesellschaft leidet möglicherweise nicht mehr an einem Mangel an Empörung.
Sie leidet an einer Überproduktion von Empörung.
Denn Empörung erzeugt Aufmerksamkeit.
Aufmerksamkeit erzeugt Klicks.
Klicks erzeugen Daten.
Und Daten erzeugen Geld und Macht.
Algorithmen lernen, was uns wütend macht.
Sie kennen unsere Ängste.
Unsere politischen Überzeugungen.
Unsere Vorurteile.
Unsere Verletzungen.
Damit stellt sich Hessels Frage heute neu.
Nicht nur:
Worüber empörst du dich?
Sondern:
Wer hat deine Empörung erzeugt?
Empört euch – aber denkt!
Vielleicht müsste Stéphane Hessels berühmter Aufruf heute erweitert werden.
Empört euch!
Aber prüft die Fakten.
Empört euch!
Aber achtet die Würde des Menschen.
Empört euch!
Aber fragt euch, ob ihr dasselbe Unrecht auch beim eigenen politischen Lager erkennen würdet.
Empört euch!
Aber lasst euch eure Empörung nicht von Algorithmen verkaufen.
Empörung kann der Anfang des Handelns sein.
Aber sie darf niemals das Ende des Denkens werden.
Vielleicht führt der Weg deshalb über vier Stufen:
Empörung.
Erkenntnis.
Verantwortung.
Handeln.
Empörung ohne Erkenntnis wird zur Wut.
Erkenntnis ohne Verantwortung bleibt Theorie.
Verantwortung ohne Handeln bleibt eine gute Absicht.
Stéphane Hessel erinnerte uns daran, dass Freiheit und Menschenrechte niemals selbstverständlich sind.
Jede Generation muss neu entscheiden, was sie bereit ist hinzunehmen.
Und was nicht.
Die Frage lautet deshalb auch heute:
Was ist für mich so unerträglich, dass ich nicht gleichgültig bleiben kann?
Doch im Zeitalter der künstlichen Intelligenz und der sozialen Medien gehört eine zweite Frage untrennbar dazu:
Ist es wirklich meine Empörung – oder hat jemand gelernt, sie für mich zu erzeugen?
(M)Ein Beitrag zum Digitalen Humanismus – Mensch · Information · Gesellschaft
