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Film criticism Heimat

Vaterland – Thomas Mann, die Ironie und die Menschlichkeit

Mein persönlicher Eindruck von Paweł Pawlikowskis Film (2026)

Von Wolfgang Bossert

Eine Reise in die Vergangenheit

Vaterland war für mich ein aussergewöhnliches Filmerlebnis. Besonders beeindruckt haben mich die Bilder des zerstörten Deutschlands. Frankfurt und Weimar erscheinen als nahezu vollständig rekonstruierte Nachkriegslandschaften: Trümmer, Ruinen, Militärfahrzeuge und die sichtbare Präsenz der alliierten Besatzungsmächte.

Für Augenblicke hatte ich das Gefühl, nicht einen Spielfilm, sondern Aufnahmen aus dem Jahr 1949 zu sehen.

Diese Bilder weckten eigene Erinnerungen. Als Kind habe ich die Amerikaner noch erlebt. Für uns Kinder waren sie faszinierend: ihre Fahrzeuge, ihre Maschinen, der Kaugummi – und zugleich erlebte ich sie als Menschen, die beim Wiederaufbau halfen und das zerstörte Land unterstützten.

Vielleicht sehe ich diese Nachkriegswelt deshalb anders als Paweł Pawlikowski. Ich erinnere mich nicht nur an die Trümmer, sondern auch an den Neubeginn, an die Hoffnung und an Menschen, die wieder leben wollten.

Ein Schriftsteller, der sich hinter seinen Worten verbirgt

Auch die emotionale Konstruktion des Films hat mich beschäftigt.

Thomas Mann zeigt kaum Gefühle. Hanns Zischler verkörpert ihn als einen beherrschten, distanzierten Intellektuellen. Er spricht in seiner vollkommenen literarischen Sprache über Goethe, Kultur und Deutschland, bleibt aber merkwürdig hinter seinen Worten verborgen.

Erika ist das Gegenbild. Sandra Hüller spielt diese Emotionalität überwältigend: ihre Wut, ihre Verletzlichkeit, die Ohrfeige für Gustaf Gründgens und schliesslich ihr Ausbruch gegen einen Vater, dem sie vorwirft, sich hinter seinen Worten zu verschanzen und Gefühle kaum zuzulassen.

Gerade hier beginnt mein Widerspruch gegen den Film.

Pawlikowski zeigt nicht einfach den historischen Thomas Mann. Er konstruiert seinen Thomas Mann – einen grossen Humanisten, dessen eigenes Menschsein auf die Probe gestellt wird.

Das ist dramaturgisch eindrucksvoll, erscheint mir gegenüber dem historischen Thomas Mann aber zu düster und zu einseitig.

Hat Pawlikowski Thomas Manns Ironie unterschätzt?

Erst nach dem Film wurde mir durch eine literarische Diskussion bewusst, welche Bedeutung die Ironie im Werk Thomas Manns besitzt.

Ich hatte Settembrini und Naphta im Zauberberg als Prototypen zweier gegensätzlicher Menschenbilder kennengelernt. Settembrini steht für Humanismus, Aufklärung und Vernunft; Naphta für die Unterordnung des Menschen unter eine höhere, absolute Ordnung.

Aus diesem Gegensatz entwickelte ich meinen S–N-Kompass und Überlegungen für meine Trilogie Man is the measure.

Doch Thomas Mann ironisiert beide Figuren. Selbst der vernunftgläubige Settembrini bleibt nicht von seiner literarischen Distanz verschont.

Die Ironie bewahrt Thomas Mann davor, seine Figuren zu Trägern unangreifbarer Wahrheiten zu machen.

Und genau diese Fähigkeit zur Selbstrelativierung vermisse ich teilweise in Pawlikowskis filmischem Porträt.

Dabei hat der Regisseur Manns Ironie durchaus erkannt. In einem Interview hebt er ausdrücklich die Ironie hervor, die Hanns Zischler mit Thomas Mann verbindet.

Pawlikowski hat sie also nicht einfach übersehen. Aber er stellt eine andere Seite des Schriftstellers in den Mittelpunkt: seine Melancholie, seine Entwurzelung, die Schwierigkeit, Nähe zuzulassen.

Damit gewinnt der Film eine tragische Dimension, während der spielerische, skeptische und bisweilen spöttische Thomas Mann weniger sichtbar wird.

Vielleicht liegt darin mein eigentlicher Einwand: Ein Schriftsteller, der die Selbstgewissheit seiner eigenen Figuren so meisterhaft ironisierte, wird im Film selbst zu einer beinahe unbeweglichen Figur.

Der Humanismus und die Schuld

Thomas Manns Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1949 war eine Begegnung mit einem Land, das sich seiner nationalsozialistischen Vergangenheit stellen musste.

Die Frage der deutschen Schuld durfte nicht verdrängt werden. Aber bedeutete die Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus auch, dass jeder einzelne Deutsche nur noch unter dem Gesichtspunkt dieser Schuld betrachtet werden konnte?

Gerade hier beginnt für mich die Frage nach dem Menschenbild.

Meine eigene Kindheitserinnerung zeigt mir ein Deutschland, in dem Schuld, Zerstörung, materielle Not, Hoffnung und Neubeginn nebeneinander existierten.

Ich hätte mir gewünscht, dass diese menschliche Vielfalt im Film stärker sichtbar wird.

Ein Humanismus, der den Menschen zum Mass erklärt, muss auch zwischen historischer Verantwortung und individueller Lebenswirklichkeit unterscheiden können.

Das bedeutet nicht, Schuld zu relativieren. Es bedeutet, den einzelnen Menschen nicht in einem kollektiven Urteil verschwinden zu lassen.

Die schönste Szene: Menschlichkeit ohne Worte

Und dann kommt für mich eine der schönsten Szenen des Films.

In einer beschädigten Kirche hören Vater und Tochter Bach, Jesus bleibet meine Freude.

Plötzlich werden die Worte unwichtig.

Thomas Mann und Erika berühren sich mit den Händen.

Keine grosse Aussprache. Keine literarische Rede.

Nur Berührung.

Vielleicht ist das Pawlikowskis eigentliche Antwort auf den ganzen Film: Der Schriftsteller, der sich in Sprache schützt, erreicht den anderen Menschen für einen Augenblick nicht durch Worte, sondern durch Nähe.

Diese Szene gewinnt noch eine besondere Bedeutung, wenn man an Thomas Manns Roman Doktor Faustus denkt, in dem das stille Zusammensein und das Halten einer Hand ebenfalls Ausdruck menschlicher Verbundenheit werden.

Sie versöhnt mich ein wenig mit dem Film – aber mein Unmut bleibt.

Mein Fazit: Die Würde des Menschen

Ich bewundere Vaterland als grosses Kunstwerk. Seine Bilder haben mich überwältigt, Sandra Hüllers Erika hat mich bewegt und Hanns Zischlers Thomas Mann beschäftigt mich noch immer.

Doch Pawlikowskis düsterer Thomas Mann bleibt für mich eine Interpretation.

Mir fehlen die traumatisierten Deutschen, der Neubeginn, die Hoffnung und etwas von jener Solidarität mit dem einzelnen Menschen, die ich gerade von einem Humanisten wie Thomas Mann erwartet hätte.

Auch seine Ironie hätte dieser Darstellung eine weitere Dimension verleihen können.

Denn Ironie kann mehr sein als Spott. Sie kann den Menschen davor bewahren, seine eigene moralische Überzeugung für die einzige Wahrheit zu halten.

Vielleicht ist gerade dies eine der bedeutendsten Lehren, die ich aus Thomas Manns Werk mitnehme:

Der Mensch ist das Mass. Aber auch der Mensch, der dieses Mass anlegt, bleibt fehlbar.

Vielleicht liegt genau darin die Qualität von Pawlikowskis Film: Ich verlasse das Kino nicht mit seinem Urteil, sondern mit meinen eigenen Fragen.

Und das ist letztlich auch eine Aufgabe der Kunst.


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