PROLOG – DAS FUTURELAB
Bismarck und der Kaiser und ff.
Ein semantisches Theaterstück über den Weg Deutschlands in das 20. Jahrhundert
Personen
WOLFGANG – ein Fragender aus dem 21. Jahrhundert
OTTO VON BISMARCK – Reichskanzler a. D.
WILHELM II. – Deutscher Kaiser
DIE STIMME – das semantische Gedächtnis des FutureLab
Dunkelheit.
Langsam wird ein kreisförmiger Raum sichtbar. Keine historische Kulisse. Monitore, Lichtflächen, Projektionen. Das FutureLab.
Wolfgang steht allein im Raum.
WOLFGANG
Ich möchte etwas verstehen.
Nicht, wann welcher Vertrag unterschrieben wurde.
Nicht, welche Armee welche Grenze überschritt.
Das kann ich nachlesen.
Ich möchte verstehen, warum ein Land, das Dichter, Philosophen, Wissenschaftler und Musiker hervorgebracht hatte, wenige Jahrzehnte später in zwei Weltkriegen versank.
Wo begann es?
1914?
1918?
1933?
Oder viel früher?
Stille.
WOLFGANG
FutureLab – können wir die Vergangenheit fragen?
DIE STIMME
Die Vergangenheit kann nicht antworten.
WOLFGANG
Dann sind wir schon fertig.
DIE STIMME
Nein.
Die Toten schweigen.
Aber ihre Worte sind geblieben.
Briefe. Reden. Bücher. Erinnerungen. Entscheidungen. Widersprüche.
Ich kann daraus keine Menschen zurückbringen.
Aber ich kann ihr überliefertes Denken semantisch rekonstruieren.
WOLFGANG
Dann möchte ich mit zwei Männern sprechen.
Otto von Bismarck.
Und Wilhelm II.

Zwei Lichtfelder entstehen.
Zuerst erscheint Bismarck. Einige Meter entfernt materialisiert sich die Gestalt Wilhelms II.
Beide sehen sich an.
BISMARCK
Majestät.
WILHELM II.
Fürst Bismarck.
WOLFGANG
Meine Herren, Sie wissen nicht, warum ich Sie eingeladen habe.
Ich komme aus dem Jahr 2026.
Das Deutsche Reich, das Sie kannten, existiert nicht mehr.
Die Monarchie existiert nicht mehr.
Deutschland ist heute eine Demokratie.
Und zwischen Ihrer Zeit und meiner liegen zwei Weltkriege, eine Diktatur, die Ermordung von Millionen Menschen und die nahezu vollständige Zerstörung Deutschlands.
Schweigen.
WILHELM II.
Und Sie wollen dafür uns verantwortlich machen?
WOLFGANG
Nein.
Ich möchte etwas Schwierigeres.
Ich möchte verstehen.
Er geht auf Bismarck zu.
WOLFGANG
Herr Bismarck, beginnen wir mit Ihnen.
Sie haben 1871 das Deutsche Reich geschaffen.
Welches Deutschland haben Sie eigentlich geschaffen?
Bismarck betrachtet Wilhelm. Dann Wolfgang.
BISMARCK
Sie stellen die Frage falsch.
Ich habe Deutschland nicht geschaffen.
Ich habe politische Kräfte genutzt, die längst vorhanden waren. Meine Aufgabe bestand darin, aus ihnen einen Staat zu formen – und anschließend dafür zu sorgen, dass dieser Staat Europa nicht wieder in Brand setzte.
WOLFGANG
Aber dieses Deutschland war keine Demokratie, wie wir sie heute verstehen.
BISMARCK
Natürlich nicht.
Sie beurteilen das 19. Jahrhundert mit den Maßstäben des 21. Jahrhunderts.
WOLFGANG
Das muss ich.
Denn ich möchte wissen, was wir daraus lernen können.
Wolfgang wendet sich Wilhelm zu.
WOLFGANG
Und Sie, Majestät, entließen 1890 den Mann, der dieses Reich geschaffen hatte.
Warum?
WILHELM II.
Weil ein Kaiser regieren muss.
Ich war nicht bereit, neben einem Reichskanzler zu stehen, der sich für unersetzlich hielt.
BISMARCK
Das Problem war nicht, dass Sie regieren wollten, Majestät.
Das Problem war, dass Sie glaubten, Außenpolitik bestehe aus Willenskraft.
WILHELM II.
Und Sie glaubten, Deutschland müsse für immer in Ihren Bündnissen gefangen bleiben.
BISMARCK
Ich glaubte, Deutschland müsse verhindern, dass seine Gegner sich verbünden.
WOLFGANG
Und genau das geschah.
Stille.
WOLFGANG
1914 begann der Große Krieg.
1918 war das Kaiserreich verschwunden.
Millionen Menschen waren tot.
Und aus den Trümmern entstand eine Demokratie, die nur vierzehn Jahre später unterging.
Deshalb habe ich Sie beide hierhergebracht.
Nicht um ein Urteil zu sprechen.
Sondern um die erste Frage meiner Reise durch die deutsche Geschichte zu stellen:
Wann beginnt eine Katastrophe?
Wenn der erste Schuss fällt?
Wenn ein Diktator die Macht übernimmt?
Oder viel früher – wenn eine Gesellschaft beginnt, Macht, Nation und Größe höher zu bewerten als Freiheit, Menschenwürde und Frieden?
Die beiden historischen Gestalten schweigen.
DIE STIMME
Diese Frage kann die Vergangenheit nicht beantworten.
WOLFGANG
Warum habe ich sie dann gerufen?
DIE STIMME
Damit die Gegenwart darüber nachdenkt.
Dunkelheit.
Szene 2 – Die Inspektion
WOLFGANG
Meine Herren, bevor wir über den Krieg sprechen, möchte ich Ihr Deutschland genauer ansehen.
Nicht mit den Augen eines Richters.
Mit den Augen eines Menschen, der wissen möchte, was 1914 bereits vorhanden war.
Herr Bismarck, Sie haben ein Reich hinterlassen, das wirtschaftlich und wissenschaftlich zu den modernsten Ländern Europas gehörte. Es gab Industrie, Universitäten, Forschung, soziale Gesetzgebung.
Und gleichzeitig einen Kaiser, einen mächtigen Militärstand und eine Gesellschaft, in der Gehorsam und Autorität einen hohen Stellenwert besaßen.
Was war Deutschland?
Modern oder obrigkeitlich?
BISMARCK
Beides.
Das scheint Ihnen vielleicht ein Widerspruch zu sein. Für meine Zeit war es keiner.
Deutschland benötigte Ordnung. Es bestand aus Staaten mit unterschiedlichen Traditionen, Interessen und Konfessionen. Dieses Reich zusammenzuhalten war keine philosophische Übung.
WOLFGANG
Aber Sie gaben den Deutschen einen Reichstag und allgemeines Männerwahlrecht.
Gleichzeitig blieb der Reichskanzler vom Vertrauen des Kaisers abhängig und nicht vom Parlament.
Warum diese halbe Demokratie?
BISMARCK
Sie nennen es eine halbe Demokratie.
Ich würde es eine konstitutionelle Monarchie nennen.
Ich misstraute der unbeschränkten Herrschaft eines Parlaments ebenso wie der unbeschränkten Herrschaft der Straße.
WILHELM II.
Und Sie misstrauten dem Kaiser.
BISMARCK
Nicht dem Kaiser, Majestät.
Unberechenbarkeit.
Wilhelm sieht ihn scharf an.
WOLFGANG
Da sind wir vielleicht bei einem ersten Punkt unserer Inspektion.
Deutschland war modern genug, um eine der führenden Industrienationen der Welt zu werden.
Aber war sein politisches Denken ebenso modern geworden?
Kurze Pause.
WILHELM II.
Sie sprechen aus einer Zeit, in der Monarchien offenbar verdächtig geworden sind.
Für meine Generation bedeutete der Kaiser Einheit. Kontinuität. Verantwortung.
WOLFGANG
Und Größe?
WILHELM II.
Selbstverständlich auch Größe.
Deutschland war keine unbedeutende Macht mehr. Warum sollte es sich damit begnügen, anderen Nationen zuzusehen, wie sie die Welt unter sich aufteilten?
WOLFGANG
Jetzt wird es interessant.
Wolfgang geht zur großen Projektionsfläche.

Darauf erscheint eine Karte Europas um 1900. (ChatGPT)
WOLFGANG
Herr Bismarck, Sie wollten nach 1871 keinen weiteren großen europäischen Krieg.
Deutschland war für Sie, vereinfacht gesagt, saturiert.
BISMARCK
Ein Reich in der Mitte Europas muss vorsichtiger sein als andere Mächte.
Geographie lässt sich nicht durch Begeisterung abschaffen.
WOLFGANG
Majestät, bei Ihnen wurde daraus Weltpolitik.
Flotte. Kolonien. Weltgeltung.
Warum?
WILHELM II.
Weil Deutschland gewachsen war.
Unsere Industrie wuchs. Unsere Bevölkerung wuchs. Unsere Wissenschaft wurde bewundert. Unsere Waren gingen in die Welt.
Sollte Deutschland politisch ein Zwerg bleiben?
WOLFGANG
Das ist vielleicht die nächste Spur.
Nicht nur Nationalismus.
Status.
Die Vorstellung, dass wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung zwangsläufig auch politische und militärische Macht verlangen.
Wolfgang betrachtet beide.
WOLFGANG
Aber ich suche noch etwas anderes.
Ich suche die deutsche Seele.
BISMARCK
Die deutsche Seele?
WOLFGANG
Ja.
Natürlich weiß ich, dass es keine einheitliche deutsche Seele gibt.
Ich benutze den Begriff als Bild.
Ich suche nach dem Selbstverständnis einer Gesellschaft.
Wonach sehnten sich die Deutschen?
Wovor hatten sie Angst?
Worauf waren sie stolz?
Wem gehorchten sie?
Und was bedeutete ihnen Freiheit?
BISMARCK
Dann werden Sie viele Deutsche finden und nicht eine deutsche Seele.
WOLFGANG
Genau das hoffe ich.
Denn vielleicht beginnt unser späteres Unglück dort, wo Menschen glauben, ein Volk müsse eine Seele, einen Willen und schließlich einen Führer haben.
Stille.
Wilhelm II. kennt die Bedeutung dieses letzten Wortes noch nicht.
Wolfgang schon.
WILHELM II.
Sie wissen etwas, das wir nicht wissen.
WOLFGANG
Ja.
Und genau deshalb muss ich aufpassen, Ihnen nicht nachträglich unser Wissen in den Mund zu legen.
Sie befinden sich im Jahr 1914.
Ich komme aus dem Jahr 2026.
Zwischen uns liegt die deutsche Katastrophe.
Auf der Projektionsfläche erscheint nur eine Jahreszahl.
1914
WOLFGANG
Deshalb verlassen wir jetzt das Kaiserreich.
Es ist Sommer.

Sarajevo.
Ein österreichischer Thronfolger ist ermordet worden.
Europa beginnt, seine Armeen zu mobilisieren.
Und meine nächste Frage lautet:
Wie kann aus einem Attentat auf dem Balkan ein Weltkrieg werden?
Das Licht erlischt.
ENDE DER INSPEKTION – BEGINN DES ERSTEN AKTES: DER GROSSE KRIEG

ERSTER AKT – DER GROSSE KRIEG
Szene 2 – Otto Dix: Ich habe es gesehen
Das FutureLab ist dunkel.
Auf der Projektionsfläche verschwindet das Bild vom August 1914. Keine Fahnen mehr. Keine jubelnden Menschen.
Ein Schützengraben.
Schlamm. Stacheldraht. Zerstörte Landschaft.
Ein junger Mann erscheint.
WOLFGANG
Otto Dix.
Geboren 1891.
Sie waren dreiundzwanzig Jahre alt, als der Krieg begann.
Sie meldeten sich zum Militär und erlebten den Krieg als Soldat an verschiedenen Fronten.
Warum sind Sie gegangen?

DIX
Sie dürfen nicht glauben, dass ich 1914 schon der Mann war, der später das Bild „Der Krieg“ geschaffen hat.
Ich wollte diese Wirklichkeit erleben.
Vielleicht klingt das für Sie heute befremdlich.
Aber ich wollte sehen.
Erfahren.
Ich wollte wissen, wozu der Mensch fähig ist.
WOLFGANG
Und was haben Sie gesehen?
Dix schweigt.
Auf der Projektionsfläche erscheinen keine Schlachtengemälde, sondern einzelne Begriffe.
SCHLAMM.
ANGST.
VERWUNDUNG.
TOD.
DIX
Dinge, die man nicht vergisst.
Tote Körper.
Verwundete.
Zerstörte Landschaften.
Menschen, die eben noch neben einem standen und plötzlich nicht mehr da waren.
WOLFGANG
Warum haben Sie das später gemalt?
DIX
Weil es in meinem Kopf geblieben war.
Man kann solche Bilder verdrängen.
Aber sie verschwinden nicht.
Ich musste sie wieder hervorholen.
Ich musste sie ansehen.
WOLFGANG
Sie haben 1924 einen Radierzyklus geschaffen.
Fünfzig Blätter.
Der Krieg.
Kein Heldentum.
Kaum etwas von jener Schönheit der Uniformen, die wir zu Beginn unseres Stückes gesehen haben.
Warum zeigen Sie den Krieg so hässlich?
DIX
Weil er hässlich war.
WOLFGANG
Dann sind Ihre Bilder Antikriegsbilder?
Dix zögert.
DIX
Machen Sie es sich nicht so einfach.
Ich bin kein Prediger.
Ich male, was ich gesehen habe.
Was Sie daraus erkennen, ist Ihre Sache.
WOLFGANG
Das gefällt mir nicht.
DIX
Warum?
WOLFGANG
Weil ich aus dem Jahr 2026 komme.
Ich weiß, dass nach diesem Krieg noch ein größerer kommen wird.
Ich würde von Ihnen gerne hören:
„Nie wieder Krieg.“
DIX
Dann wollen Sie nicht mich hören.
Dann wollen Sie, dass ich sage, was Sie bereits wissen.
Stille.
Das ist ein Schlüsselmoment für das gesamte Projekt.
Wolfgang erkennt hier erstmals die Grenze seines FutureLabs: Er darf die Toten nicht zu Zeugen seiner eigenen Überzeugungen machen.
Dann geht das Gespräch weiter:
WOLFGANG
Sie haben recht.
Dann frage ich anders.
Was macht der Krieg mit einem Menschen?
DIX
Er bleibt in ihm.
WOLFGANG
Und was macht er mit Millionen Menschen, die gleichzeitig aus diesem Krieg zurückkehren?
Dix sieht ihn an.
DIX
Das müssen Sie nicht den Maler fragen.
Sehen Sie sich Deutschland nach 1918 an.
Auf der Projektionswand verändert sich das Bild.
Verwundete Soldaten.
Kriegsversehrte.
Arbeitslose.
Menschen auf den Straßen.
Daneben Tanzlokale, Lichtreklame und die neue Großstadt.
WOLFGANG
Und genau das haben Sie wieder gemalt.
DIX
Ja.
WOLFGANG
Die Verwundeten neben den Vergnügungssüchtigen.
Armut neben Reichtum.
Prostituierte, Kriegskrüppel, Bürger, Künstler.
DIX
Ich habe hingesehen.
WOLFGANG
Vielleicht ist das Ihre Aufgabe in unserem FutureLab.
Nicht uns zu erklären, was Deutschland war.
Sondern uns zu zwingen, hinzusehen.
Dix verschwindet langsam.
Wolfgang bleibt stehen.
WOLFGANG
Vielleicht verändert ein Krieg die Seele eines Landes nicht erst durch die Niederlage.
Vielleicht beginnt die Veränderung bei jedem Einzelnen, der etwas gesehen hat, das er nicht mehr vergessen kann.
Auf der Wand erscheint:
1916 – VERDUN
WOLFGANG
Und jetzt möchte ich denjenigen sprechen, die diesen Krieg noch immer gewinnen wollen.
Holen Sie mir Hindenburg.
Dunkelheit.

Neue Szene – Der Krieg verändert die Welt
Wolfgang erkennt im FutureLab, dass er bisher zu deutsch gedacht hat.
Auf der Projektionsfläche liegt Europa. Nach dem Wiener Kongress 1815. Man erkennt die Zerrissenheit Deutschlands vor 1900.
WOLFGANG
Moment.
Ich mache einen Fehler.
Ich frage nach der deutschen Seele und schaue deshalb ständig auf Deutschland.
Aber dieser Krieg heißt nicht der Deutsche Krieg.
Er heißt:
Weltkrieg.
FutureLab – zeigen Sie mir, was außerhalb Deutschlands geschieht.
Die Karte weitet sich.
Österreich-Ungarn.
Balkan.
Russland.
Osmanisches Reich.
Naher Osten.
WOLFGANG
1914 kämpft Deutschland an der Seite Österreich-Ungarns.
Das Osmanische Reich tritt wenig später auf Seiten der Mittelmächte in den Krieg.
Vier Jahre später ist die politische Landkarte Europas und des Nahen Ostens kaum wiederzuerkennen.
Auf der Karte zerfällt Österreich-Ungarn.
Österreich.
Ungarn.
Tschechoslowakei.
Das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen.
Neue Grenzen in Mittel- und Osteuropa.
Dann verändert sich die Karte des Osmanischen Reiches.
WOLFGANG
Und hier beginnen Entwicklungen, deren Folgen wir noch im 21. Jahrhundert spüren.
Aber darüber möchte ich nicht selbst dozieren.
Ich brauche einen Sachverständigen.
FutureLab:
Dr. Uli Kühn.
Der Sachverständige tritt ein
Die zweite Erkenntnisebene
WOLFGANG
Uli, ich habe Bismarck, Wilhelm, Dix und die Generäle gefragt.
Aber jetzt brauche ich den Blick eines Arabienkenners.
Was geschieht mit dem Osmanischen Reich?
ULI
Zunächst müssen wir vorsichtig mit dem Wort „zerschlagen“ sein.
Das Osmanische Reich verliert den Krieg und zerfällt. Die Siegermächte, insbesondere Großbritannien und Frankreich, gestalten anschließend wesentliche Teile der ehemaligen osmanischen Gebiete neu. Mandatsgebiete und neue politische Einheiten entstehen.
Aber die heutigen Konflikte im Nahen Osten einfach auf damals gezogene Grenzen zurückzuführen wäre zu einfach.
WOLFGANG
Aber wir sehen Folgen bis heute?
ULI
Ja. Nur nicht als gerade Linie.
Koloniale Interessen, Grenzziehungen, Nationalbewegungen, ethnische und religiöse Gemeinschaften, Öl, Großmachtpolitik, die Gründung Israels, der Kalte Krieg, autoritäre Regime und regionale Machtkämpfe überlagern sich später.
Geschichte hinterlässt Schichten.
Dann kommt unsere Gegenwartsfrage
WOLFGANG
Du hast mir einmal einen Gedanken vermittelt, der mich beschäftigt:
Alte Konflikte verschwinden nicht unbedingt.
Sie können von politischen und religiösen Kräften wieder aktiviert werden.
ULI
Ja.
Geschichte allein führt keinen Krieg.
Menschen benutzen Geschichte.
Sie können alte Verletzungen zur Versöhnung verwenden – indem sie sagen: Das darf nicht wieder geschehen.
Oder sie können dieselben Verletzungen benutzen, um neuen Hass zu erzeugen.
WOLFGANG
Dann wäre das eine Verbindung zu meiner deutschen Frage.
Deutschland hatte nach 1918 ebenfalls eine historische Verletzung.
Niederlage.
Versailles.
Gebietsverluste.
Reparationen.
ULI
Und entscheidend ist dann nicht nur, dass diese Verletzungen existieren.
Entscheidend ist, wer ihnen eine politische Bedeutung gibt.
Wolfgang schweigt.
WOLFGANG
Das ist es.
Vielleicht suche ich die ganze Zeit nach einer „deutschen Seele“, obwohl ich eigentlich etwas anderes untersuche:
Wie verwandelt sich Erinnerung in Politik?










