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The brain is not a Democrat

FUTURELAB

Demokratie beginnt im Kopf

Ein semantischer Diskurs über Angst, Vernunft und die Fähigkeit zur Demokratie

Das FutureLab ist gut besucht.

Bildidee: Wolfgang Bossert, v.i.n.r.Thomas Mann, Erich Maria Remarque, Dr. Francoise Fischer, 
Wolfgang, Dr. Gottfried Behrends, Max Frisch, Bertold Brecht, Immanuel Kant - als Avatare.

Auf der großen Projektionsfläche steht nur ein Satz:

DEMOKRATIE BEGINNT IM KOPF

Wolfgang sitzt nicht auf einem Podium. Er sitzt mit den anderen im Halbkreis.

Neben ihm Dr. Françoise Fischer und Dr. Gottfried Behrends. Im Raum sind die vertrauten Gäste des FutureLab: Philosophen, Schriftsteller, Wissenschaftler und historische Stimmen.

Wolfgang schaut auf die Projektionsfläche.

WOLFGANG

Ich möchte heute mit einer einfachen Frage beginnen.

Vielleicht ist sie gar nicht so einfach.

Wir reden ständig davon, dass wir die Demokratie verteidigen müssen.

Aber gegen wen eigentlich?

Gegen Extremisten?

Gegen Populisten?

Gegen Diktatoren?

Oder manchmal auch gegen etwas in uns selbst?


1. DAS GEHIRN IST KEIN DEMOKRAT

DR. FRANÇOISE FISCHER

Vielleicht sollten wir zunächst einen Irrtum beseitigen.

Unser Gehirn ist nicht für Demokratie entstanden.

WOLFGANG

Das klingt ziemlich ernüchternd.

FISCHER

Es ist zunächst nur eine biologische Feststellung.

Das menschliche Gehirn musste über sehr lange Zeiträume vor allem eines leisten:

Überleben.

Gefahren erkennen.

Freund und Feind unterscheiden.

Schnell entscheiden.

Komplexität reduzieren.

WOLFGANG

Also genau das Gegenteil dessen, was Demokratie von uns verlangt?

FISCHER

In mancher Hinsicht: ja.

Demokratie verlangt, dass wir Unsicherheit aushalten.

Dass wir andere Meinungen akzeptieren.

Dass wir Kompromisse schließen.

Dass wir Menschen Rechte zugestehen, die wir vielleicht überhaupt nicht mögen.

Das sind anspruchsvolle kulturelle Leistungen.

DR. GOTTFRIED BEHRENDS

Dann wäre Demokratie gewissermaßen eine Zivilisationsleistung gegen unsere eigene Bequemlichkeit.

FISCHER

Gegen bestimmte automatische Reaktionen jedenfalls.


2. WOLFGANG STELLT DIE HISTORISCHE FRAGE

WOLFGANG

Dann muss ich natürlich an meine Zwischenzeit denken.

Deutschland wird eine Demokratie.

Diese Demokratie verschwindet.

Und meine Frage war immer:

Wie konnte eine Kulturnation so kippen?

Auf der Projektionsfläche erscheinen die Jahreszahlen:

1919

DEMOKRATIE BEGINNT

1933

DEMOKRATIE SCHEITERT

Einen Augenblick ist es still.

WOLFGANG

Reichen Wirtschaftskrise, Versailler Vertrag, Arbeitslosigkeit und politische Fehler wirklich als Erklärung?

BEHRENDS

Nein.

Sie erklären Bedingungen.

Aber sie erklären noch nicht vollständig, was Menschen daraus machen.

FISCHER

Und hier wird Angst interessant.

Angst verändert Aufmerksamkeit.

Menschen suchen stärker nach Sicherheit und Orientierung. Komplexe Situationen können dann besonders belastend werden.

Und einfache Erklärungen gewinnen an Attraktivität.

WOLFGANG

Dann könnte der gefährlichste Satz in einer Demokratie lauten:

Ich weiß, wer schuld ist.

BEHRENDS

Und unmittelbar danach:

Ich weiß, wer nicht zu uns gehört.


3. DER MENSCH SUCHT DEN FEIND

Eine Stimme aus dem hinteren Teil des FutureLabs meldet sich.

ERICH MARIA REMARQUE

Das kenne ich.

Im Krieg braucht man den Feind.

Sonst lässt sich schwer erklären, warum ein junger Mensch auf einen anderen jungen Menschen schießen soll, den er nie zuvor gesehen hat.

WOLFGANG

Und die Politik kann diesen Mechanismus übernehmen?

REMARQUE

Sie muss nicht schießen lassen.

Manchmal genügt es zunächst, Menschen in Gruppen einzuteilen.

Wir.

Die anderen.

Die Guten.

Die Schuldigen.

WOLFGANG

Das erinnert mich an meinen Verdun-Text.

Der einzelne Mensch verschwindet.

Er wird Soldat.

Material.

Zahl.

BEHRENDS

Und genau deshalb ist Humanismus politisch so wichtig.

Humanismus gibt dem Einzelnen sein Gesicht zurück.


4. THOMAS MANN MISCHT SICH EIN

THOMAS MANN

Dann gestatten Sie einem Schriftsteller eine Bemerkung.

Vielleicht besteht die Aufgabe der Kultur genau darin.

Sie macht aus einer Kategorie wieder einen Menschen.

WOLFGANG

Durch Literatur?

THOMAS MANN

Natürlich.

Wer einen Roman liest, verbringt Stunden im Bewusstsein eines anderen Menschen.

Er erlebt dessen Angst.

Dessen Liebe.

Dessen Irrtum.

Dessen Hoffnung.

Literatur ist eine Schule der Vorstellungskraft.

BEHRENDS

Und damit möglicherweise auch eine Schule demokratischer Empathie.

WOLFGANG

Das gefällt mir.

Dann wären Bildung, Literatur und Kunst keine luxuriösen Zugaben zur Demokratie.

Sie gehörten zu ihren Voraussetzungen.


5. ABER WAS MACHT DIE ANGST?

WOLFGANG

Ich möchte bei der Angst bleiben.

Denn Angst ist merkwürdig.

Sie schützt uns.

Aber sie kann uns gleichzeitig unfrei machen.

Wie unterscheide ich berechtigte Angst von manipulierter Angst?

FISCHER

Indem Sie zunächst bemerken, dass Sie Angst haben.

Das klingt banal.

Ist es aber nicht.

Zwischen einem Reiz und unserer Reaktion können wir einen Moment der Beobachtung schaffen.

WOLFGANG

Da sind wir plötzlich bei der Achtsamkeit.

FISCHER

Durchaus.

WOLFGANG

Darüber habe ich gerade nachgedacht.

Ich hatte zunächst einen Einwand:

Wenn ich meine Angst einfach wegmeditiere, verliere ich dann nicht auch die Motivation zum Handeln?

FISCHER

Achtsamkeit bedeutet nicht, Angst abzuschaffen.

Sie bedeutet, Angst wahrzunehmen, ohne ihr automatisch die Entscheidung zu überlassen.

WOLFGANG

Das ist ein großer Unterschied.

BEHRENDS

Ein entscheidender.

Freiheit bedeutet nicht, keine Impulse zu besitzen.

Freiheit beginnt dort, wo ein Impuls nicht automatisch zum Befehl wird.


6. KANT BETRITT DAS FUTURELAB

Auf der Projektionsfläche erscheint ein Porträt Immanuel Kants.

KANT

Sapere aude.

WOLFGANG

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

Das kenne ich.

Aber heute würde ich Sie gerne etwas fragen, Herr Kant.

Reicht Vernunft?

KANT

Was schlagen Sie vor?

WOLFGANG

Vielleicht müssen wir zuerst verstehen, was in uns geschieht, bevor wir unseren Verstand gebrauchen können.

Angst.

Vorurteile.

Gewohnheiten.

Gruppendenken.

KANT

Dann erweitern Sie die Aufklärung.

WOLFGANG

Vielleicht.

Aufklärung hieße heute dann nicht nur:

Denke selbst.

Sondern auch:

Beobachte, wie du denkst.

Kant schweigt.

Dann nickt er.


7. DER WIDERSPRUCH

BEHRENDS

Damit kommen wir zu einem weiteren Problem.

Demokratie verlangt etwas, das Menschen häufig schwerfällt:

Widerspruch auszuhalten.

WOLFGANG

Das beschäftigt mich schon länger.

Ich habe den Widerspruch sogar als Modell der Hoffnung bezeichnet.

BEHRENDS

Zu Recht.

Denn der demokratische Fortschritt besteht nicht darin, den Widerspruch abzuschaffen.

Er besteht darin, ihn zu zivilisieren.

WOLFGANG

Das gefällt mir noch besser.

Den Widerspruch zivilisieren.

BEHRENDS

Ich widerspreche Ihnen.

Aber ich vernichte Sie nicht.

Ich bekämpfe Ihre Argumente.

Aber nicht Ihre Menschenwürde.

Ich kann sogar akzeptieren, dass ich mich möglicherweise irre.

WOLFGANG

Dann wäre der politische Gegner kein Feind.

BEHRENDS

Sondern Mitbürger.


8. BRECHT HAT EINEN EINWAND

BERTOLT BRECHT

Mir wird das hier ein wenig zu gemütlich.

Wolfgang lacht.

WOLFGANG

Darauf habe ich gewartet.

BRECHT

Man kann die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht wegmeditieren.

Wenn Menschen ungerecht behandelt werden, brauchen sie nicht nur Achtsamkeit.

Dann müssen die Verhältnisse verändert werden.

FISCHER

Da widerspreche ich Ihnen überhaupt nicht.

BRECHT

Schade.

FISCHER

Achtsamkeit ersetzt keine Politik.

Neurokognition ersetzt keine Sozialwissenschaft.

Und die Erklärung menschlicher Verhaltensmuster entschuldigt keine Ungerechtigkeit.

WOLFGANG

Dann brauchen wir beides.

Die Veränderung der Verhältnisse.

Und die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu beobachten.

BRECHT

Damit kann ich leben.

Vorläufig.


9. DIE ENTSCHEIDENDE FRAGE

Wolfgang steht auf.

WOLFGANG

Dann möchte ich meine Ausgangsfrage verändern.

Ich fragte:

Ist der Mensch überhaupt für Demokratie geschaffen?

Vielleicht war das falsch gefragt.

Er geht zur Projektionsfläche.

WOLFGANG

Die bessere Frage lautet:

KANN DER MENSCH DEMOKRATIE LERNEN?

FISCHER

Ja.

BEHRENDS

Er muss sie sogar lernen.

THOMAS MANN

Durch Kultur.

REMARQUE

Durch Erinnerung.

BRECHT

Durch Widerspruch.

KANT

Durch Vernunft.

Wolfgang schaut in die Runde.

WOLFGANG

Und durch Erfahrung?

BEHRENDS

Vor allem durch Erfahrung.

Demokratie ist keine Theorie, die man einmal versteht und anschließend besitzt.

Sie ist Praxis.


10. MAX FRISCH UND DIE BRANDSTIFTER

Aus dem Hintergrund meldet sich ein weiterer Gast.

MAX FRISCH

Sie sprechen die ganze Zeit über Angst.

Mich interessiert noch etwas anderes.

Was geschieht, wenn die Gefahr längst erkennbar ist – und niemand handeln will?

WOLFGANG

Max Frisch.

Jetzt fehlen eigentlich nur noch die Streichhölzer.

FRISCH

Die bringen die Menschen manchmal selbst.

WOLFGANG

Sie meinen Biedermann und die Brandstifter.

FRISCH

Natürlich.

Biedermann sieht, was geschieht.

Er nimmt die Männer bei sich auf.

Er hört ihre Geschichten.

Er sieht die Benzinfässer.

Er ahnt, was sie vorhaben.

Und trotzdem versucht er, sich einzureden, dass alles schon nicht so schlimm sein werde.

WOLFGANG

Warum?

Ist er feige?

FRISCH

Vielleicht.

Aber das wäre mir zu einfach.

Er möchte vor allem seine gewohnte Welt nicht verlieren.

Er will höflich bleiben.

Er möchte keinen Konflikt.

Er findet für jedes Warnzeichen eine beruhigende Erklärung.

FISCHER

Dann wären wir wieder beim menschlichen Gehirn.

Wir neigen durchaus dazu, Informationen so zu verarbeiten, dass unser bestehendes Weltbild möglichst wenig erschüttert wird.

FRISCH

Und genau dort wird es politisch gefährlich.

Nicht jeder Brandstifter kommt heimlich.

Manche kündigen ziemlich deutlich an, was sie vorhaben.

WOLFGANG

Das ist ein erschreckender Gedanke.

Vielleicht scheitert Demokratie also nicht nur daran, dass Menschen die Gefahr nicht erkennen.

Sondern manchmal daran, dass sie sie erkennen – und nicht wahrhaben wollen.

BEHRENDS

Weil Erkenntnis Konsequenzen verlangt.

FRISCH

Genau.

Wer etwas erkannt hat, kann sich irgendwann nicht mehr mit Unwissenheit entschuldigen.


WOLFGANG

Dann muss ich wieder nach 1933 fragen.

Es gab doch Warnzeichen.

Gewalt.

Menschenverachtung.

Antisemitismus.

Verachtung des Parlamentarismus.

Die Sprache des Feindes.

Das alles war nicht vollkommen verborgen.

FRISCH

Deshalb interessiert mich Biedermann.

Er ist kein historisches Porträt.

Er ist eine menschliche Möglichkeit.

Er sagt sich:

So schlimm wird es schon nicht kommen.

BRECHT

Bis es kommt.

FRISCH

Bis es kommt.


Wolfgang geht langsam zur Projektionsfläche.

Er schreibt:

ANGST

Darunter:

VORURTEIL

Dann:

VERDRÄNGUNG

Und schließlich:

BEQUEMLICHKEIT

WOLFGANG

Dann haben wir inzwischen vier Gefahren.

Angst kann mein Denken verengen.

Vorurteile können meine Wahrnehmung bestimmen.

Verdrängung kann verhindern, dass ich eine Gefahr anerkenne.

Und Bequemlichkeit kann verhindern, dass ich handle.

FRISCH

Jetzt fehlt noch eine.

WOLFGANG

Welche?

FRISCH

Die Selbsttäuschung.

Wolfgang schreibt das Wort dazu.

SELBSTTÄUSCHUNG

WOLFGANG

Dann ist Demokratie noch anstrengender, als ich dachte.

FRISCH

Freiheit war nie besonders bequem.


WOLFGANG

Aber jetzt muss ich Ihnen widersprechen.

Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, die überall Brandstifter vermutet.

Das wäre doch ebenfalls Angst.

FRISCH

Sehr richtig.

WOLFGANG

Wie unterscheide ich also zwischen Wachsamkeit und Misstrauen?

Zwischen berechtigter Warnung und Hysterie?

BEHRENDS

Durch Prüfung.

FISCHER

Durch Distanz zur eigenen ersten Reaktion.

BRECHT

Durch Tatsachen.

KANT

Durch Urteilskraft.

THOMAS MANN

Durch Bildung.

REMARQUE

Und durch Erinnerung.

Wolfgang schaut zu Frisch.

WOLFGANG

Und Sie?

FRISCH

Indem Sie sich nicht belügen.


Stille.

WOLFGANG

Vielleicht ist das die unbequemste Antwort dieses Abends.

Denn gegen einen politischen Gegner kann ich argumentieren.

Gegen eine Lüge kann ich Beweise vorlegen.

Aber meine eigene Selbsttäuschung muss ich erst einmal erkennen.

FISCHER

Und genau deshalb beginnt Demokratie tatsächlich im Kopf.

WOLFGANG

Dann würde ich unseren Satz ergänzen.

Auf der Projektionsfläche erscheint:

DEMOKRATIE BEGINNT DORT,

WO DER ERSTE IMPULS NICHT DAS LETZTE WORT HAT.

Darunter schreibt Wolfgang:

UND WO WIR BEREIT SIND,

UNS SELBST ZU WIDERSPRECHEN.

FRISCH

Jetzt würde ich die Streichhölzer weglegen.

BRECHT

Ich würde sie trotzdem im Auge behalten.

Gelächter im FutureLab.


11. DAS FUTURELAB 2026

Auf der Projektionsfläche erscheinen wieder die Jahreszahlen.

1919

DEMOKRATIE BEGINNT.

1933

DEMOKRATIE SCHEITERT.

1949

DEMOKRATIE BEGINNT NOCH EINMAL.

Dann erscheint eine vierte Zeile.

2026

DEMOKRATIE IST NIEMALS FERTIG.

Wolfgang betrachtet die Tafel lange.

WOLFGANG

Vielleicht verstehe ich meinen eigenen Satz heute besser.

Ich habe Deutschland ungeheuer viel zu verdanken.

Ich durfte fast mein ganzes Leben in einer politischen Ordnung verbringen, in der ich wählen, widersprechen, arbeiten, lesen, schreiben und meine Gedanken veröffentlichen konnte.

Aber vielleicht liegt gerade darin eine Verpflichtung.

Nicht zu glauben, diese Ordnung sei selbstverständlich.

Denn Demokratie kann offenbar nicht nur an Institutionen scheitern.

Sie kann schon früher beschädigt werden.

In unseren Köpfen.

Wenn Angst das Denken ersetzt.

Wenn aus Widerspruch Hass wird.

Wenn Menschen nur noch Gruppen sehen.

Wenn aus dem Mitbürger ein Feind wird.

FISCHER

Und deshalb ist die Lernfähigkeit des Menschen so wichtig.

WOLFGANG

Dann ist sie unsere Hoffnung.

Nicht weil der Mensch von Natur aus gut wäre.

Nicht weil er von Natur aus Demokrat wäre.

Sondern weil er lernen kann.

Wolfgang schreibt einen letzten Satz auf die Projektionsfläche.

DEMOKRATIE BEGINNT DORT,

WO DER ERSTE IMPULS NICHT DAS LETZTE WORT HAT.

Stille.

Dann meldet sich Brecht noch einmal.

BRECHT

Den Satz würde ich stehen lassen.

WOLFGANG

Das ist von Ihnen beinahe ein Kompliment.

Gelächter im FutureLab.

Das Licht wird langsam dunkler.

Auf der Projektionsfläche bleibt nur noch ein Wort:

LERNFÄHIG.

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