Braucht der Mensch Religion, um menschlich zu sein?
Ein semantischer Dialog über Mitgefühl, Moral und Humanismus
Prolog – Eine neue Frage nach dem Menschen
Meine Reise durch die Geschichte führt mich immer wieder zu derselben Frage:
Was ist der Mensch?
Ich habe Kant nach der Vernunft gefragt.
Cassirer sieht im Menschen das animal symbolicum, das Wesen, das durch Sprache, Kunst und Kultur seine Welt erschafft.
Heidegger erinnert an Endlichkeit und Verantwortung.
In meiner „Zwischenzeit“ begegnete mir schließlich die schrecklichste Konsequenz eines hierarchischen Menschenbildes: Menschen bestimmten den Wert anderer Menschen nach Herkunft und angeblicher „Rasse“.
Und nun treffe ich auf einen Schotten des 18. Jahrhunderts.
David Hume.
1711 in Edinburgh geboren. Philosoph, Historiker, Skeptiker und einer der großen Vertreter der schottischen Aufklärung.
Hume stellt meine Frage anders.
Vielleicht ist der Mensch weder deshalb menschlich, weil eine Religion es ihm befiehlt, noch allein deshalb, weil seine Vernunft es ihm vorschreibt.
Vielleicht trägt er etwas in sich, das viel ursprünglicher ist:
Mitgefühl.
Das FutureLab
Das Licht geht an.
Auf der Projektionswand erscheint ein stürmisches Meer.
Ein Schiff wird von hohen Wellen gegen die Küste getrieben.
Menschen schreien.
WOLFGANG
Herr Hume, warum zeigen Sie mir dieses Schiff?
HUME
Weil ich wissen möchte, was Sie tun.
WOLFGANG
Wenn ich helfen kann?
Natürlich helfe ich.
HUME
Warum?
WOLFGANG
Weil dort Menschen in Lebensgefahr sind.
HUME
Kennen Sie sie?
WOLFGANG
Nein.
HUME
Gehören sie Ihrer Familie an?
WOLFGANG
Nein.
HUME
Ihrer Religion?
WOLFGANG
Das weiß ich doch gar nicht.
HUME
Sehen Sie.
Genau dort beginnt unsere Untersuchung.
Woher kommt die Moral?
Humes Gedankenexperiment ist verblüffend einfach.
Wenn wir das Leiden eines anderen Menschen unmittelbar erleben, können wir Mitgefühl empfinden – auch dann, wenn dieser Mensch ein Fremder ist. Der von mir zugrunde gelegte Text beschreibt genau diese natürliche Grundlage der Moral: Menschen seien zu Mitgefühl, Wohlwollen und Kooperation fähig; Moral bedürfe deshalb keiner übernatürlichen Begründung.
WOLFGANG
Dann sagen Sie etwas Ungeheuerliches für Ihre Zeit.
Der Mensch braucht Gott nicht, um gut zu sein?
HUME
Ich sage zunächst etwas Vorsichtigeres.
Sie benötigen kein religiöses Gebot, um das Schreien eines ertrinkenden Menschen als Aufforderung zur Hilfe zu empfinden.
WOLFGANG
Weil ich Mensch bin?
HUME
Weil Menschen zur Anteilnahme fähig sind.
Hume widerspricht meinem Menschenbild
WOLFGANG
Dann sind Sie Humanist.
HUME
Vorsicht.
Sie lieben Ihre großen Begriffe.
WOLFGANG
Das sagt Brecht auch immer.
HUME
Dann sollten Sie gelegentlich auf ihn hören.
WOLFGANG
Selten.
Hume lächelt.
HUME
Fragen Sie nicht zuerst, welches Etikett Sie auf meine Philosophie kleben können.
Beobachten Sie den Menschen.
Das war mein Anliegen.
Was empfindet er?
Warum handelt er?
Warum hilft er?
Warum ist er egoistisch?
Warum ist er großzügig?
Warum glaubt er?
Warum fürchtet er sich?
Machen Sie aus dem Menschen nicht das Wesen, das Sie sich wünschen.
Sehen Sie sich an, wie er tatsächlich ist.
Religion und Moral
Jetzt wird unser Gespräch schwieriger.
Hume wuchs im calvinistischen Schottland auf. Gerade seine Auseinandersetzung mit religiösen Dogmen führte ihn zu einer radikalen Frage:
Macht Religion den Menschen tatsächlich moralischer?
Seine Antwort fällt keineswegs beruhigend aus.
Nach der Darstellung Gerhard Stremingers sah Hume die Gefahr, dass religiöse Gebote natürliche moralische Regungen sogar überlagern können. Wo ein Dogma wichtiger wird als die Verminderung menschlichen Leidens, kann Frömmigkeit mit Unmenschlichkeit zusammentreffen.
WOLFGANG
Moment.
Religion soll sogar gegen Humanität wirken können?
HUME
Jede Lehre kann gefährlich werden, wenn Menschen eine abstrakte Wahrheit höher stellen als das konkrete Leiden eines Menschen.
WOLFGANG
Dann geht es Ihnen gar nicht nur um Religion.
Hume schweigt.
Jetzt wird mir etwas klar.
Von Hume zu Rosenberg
WOLFGANG
Ich komme aus einem anderen Dialog.
Ich habe Alfred Rosenberg befragt.
Zweihundert Jahre nach Ihnen entstand in Deutschland eine Ideologie, die behauptete, Menschen hätten aufgrund ihrer Abstammung unterschiedlichen Wert.
Daraus wurden Ausgrenzung und Entrechtung.
Schließlich Mord.
Was würden Sie dazu sagen?
HUME
Was geschieht mit Ihrem Schiff?
WOLFGANG
Welchem Schiff?
HUME
Dem vom Anfang unseres Gesprächs.
Angenommen, die Menschen auf dem Schiff gehören einer anderen Religion an.
Helfen Sie?
WOLFGANG
Natürlich.
HUME
Eine andere Hautfarbe?
WOLFGANG
Selbstverständlich.
HUME
Eine andere Nationalität?
WOLFGANG
Ja.
HUME
Dann haben Sie Ihre Antwort.
Eine überraschende Verbindung
Hier berührt Hume meine Untersuchung der „Zwischenzeit“.
Vielleicht liegt unter dem Gegensatz
Humanismus gegen Rassismus
noch etwas Ursprünglicheres.
Nicht zuerst eine politische Theorie.
Sondern eine menschliche Entscheidung:
Erkenne ich im anderen einen Menschen wie mich selbst?
Oder brauche ich Kategorien, um seinen Wert festzulegen?
Hume liefert damit keine Theorie der Menschenwürde im Sinne unseres heutigen Grundgesetzes.
Aber seine Philosophie führt zu einem bemerkenswerten Gedanken:
Moralische Anteilnahme kann der Einteilung der Menschen vorausgehen.
Ich sehe das leidende Gesicht.
Ich höre den Hilferuf.
Erst danach frage ich vielleicht nach Herkunft, Religion oder Nation.
Der Rassismus macht es umgekehrt.
Er sieht zuerst die Kategorie.
Und irgendwann verschwindet dahinter der Mensch.
Aber ist der Mensch wirklich gut?
WOLFGANG
Herr Hume, jetzt sind Sie mir zu optimistisch.
Die Geschichte widerspricht Ihnen.
Menschen haben andere Menschen gefoltert.
Versklavt.
Vertrieben.
Ermordet.
Und häufig haben ganz gewöhnliche Menschen mitgemacht.
Wo war Ihr natürliches Mitgefühl?
HUME
Ich habe nicht behauptet, der Mensch sei von Natur aus immer gut.
WOLFGANG
Sondern?
HUME
Dass menschliche Moral nicht ausschließlich von außen in ihn hineingetragen werden muss.
Der Mensch besitzt Fähigkeiten zum Mitgefühl.
Er besitzt aber auch Leidenschaften, Eigeninteressen und Parteilichkeiten.
WOLFGANG
Dann sind wir wieder beim Widerspruch!
HUME
Wo sonst?
Hume und die zwei Menschenbilder
Vielleicht muss ich deshalb meine bisherige Gegenüberstellung noch einmal verändern.
Ich hatte geschrieben:
Rassismus gegen Humanismus.
Das bleibt politisch und historisch richtig für meine Untersuchung.
Aber philosophisch liegt darunter eine tiefere Frage.
Der Mensch als gleichwertiges Gegenüber
gegen
den Menschen als Mitglied einer bewerteten Gruppe.
Hume gibt mir dafür einen wichtigen Baustein.
Nicht weil er unsere heutige Menschenrechtsordnung vorausgedacht hätte.
Sondern weil er die Moral im Menschen selbst sucht.
Im Mitgefühl.
Im Wohlwollen.
In Kooperation.
In unserem Interesse am Zusammenleben.
Und in unserer Fähigkeit, am Leiden eines anderen Anteil zu nehmen.
WOLFGANG – Mein Fazit
Das Schiff auf der Projektionswand ist verschwunden.
Ich bleibe mit Hume im FutureLab zurück.
WOLFGANG
Vielleicht habe ich Sie verstanden.
Humanität beginnt nicht mit einem Gesetz.
HUME
Nein.
WOLFGANG
Auch nicht mit einer Religion.
HUME
Nein.
WOLFGANG
Und nicht einmal mit Philosophie.
HUME
Jetzt kommen Sie der Sache näher.
WOLFGANG
Sie beginnt möglicherweise in einem ganz kurzen Augenblick:
Ich sehe einen anderen Menschen leiden – und es lässt mich nicht gleichgültig.
HUME
Und danach beginnt Ihre Verantwortung.
Hume verschwindet.
Ich denke an meine anderen Gesprächspartner.
An Kant und die Vernunft.
An Cassirer und die Kultur.
An Remarque und das Leiden.
An Rosenberg und die rassistische Hierarchie.
An Adenauer und die Demokratie.
Und plötzlich erscheint mir Artikel 1 des Grundgesetzes noch einmal in einem anderen Licht.
Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Das Grundgesetz macht aus dem, was Hume im Menschen als Fähigkeit zum Mitgefühl sucht, eine politische und rechtliche Verpflichtung:
Der andere bleibt Mensch.
Auch wenn er anders glaubt.
Anders aussieht.
Anders denkt.
Anders wählt.
Anders lebt.
Vielleicht beginnt Humanismus genau dort.
Nicht bei der Frage:
Wer bist du?
Sondern bei der Erkenntnis:
Du bist ein Mensch.
