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Von der Esoterik zum Digitalen Humanismus

Hat eine Psychische Krankheit einen Sinn?

In den 1980er- und 1990er-Jahren wurden Bücher populär, die Krankheit nicht nur als medizinisches Ereignis verstanden, sondern als Botschaft der Seele. Besonders bekannt wurde Krankheit als Chance von Thorwald Dethlefsen und Rüdiger Dahlke. Die Autoren vertraten die Auffassung, jede Krankheit besitze eine tiefere symbolische Bedeutung und könne den Menschen auf ungelöste innere Konflikte hinweisen.

Damals faszinierte mich dieser Gedanke. Dennoch blieb bei mir ein Zweifel. Die Deutungen erschienen mir häufig zu mystisch und zu wenig wissenschaftlich begründet. Vieles bewegte sich im Umfeld der Esoterik, einer Strömung, die in den 1990er-Jahren großen Zuspruch fand. Sie versprach verborgene Wahrheiten, geheimes Wissen und spirituelle Erklärungen für die Rätsel des Lebens.

Heute sehe ich diese Fragen anders.

Eine Depression ist für mich zunächst keine Botschaft des Schicksals und auch keine Strafe. Sie ist eine ernsthafte psychische Erkrankung, die medizinische und psychotherapeutische Hilfe verdient. Moderne Forschung aus Psychiatrie, Psychologie und Neurowissenschaft zeigt, dass genetische Veranlagung, Gehirnstoffwechsel, belastende Lebensereignisse und soziale Faktoren gemeinsam zur Entstehung beitragen können.

Gerade deshalb halte ich es für problematisch, einer Krankheit vorschnell einen verborgenen Sinn zuzuschreiben. Wer schwer depressiv ist, braucht nicht zuerst Deutungen, sondern Hilfe.

Und doch bleibt eine philosophische Frage bestehen.

Nicht:

Hat die Psychose einen Sinn?

Sondern:

Kann ein Mensch durch die Auseinandersetzung mit einer Krankheit einen neuen Sinn entdecken?

Hier beginnt für mich der Bereich der existenziellen Psychotherapie.

Viktor Frankl hat gezeigt, dass der Mensch selbst im Leid nach Sinn fragen kann. Irvin D. Yalom beschreibt, wie Krisen uns mit den Grundfragen des Lebens konfrontieren: Freiheit, Verantwortung, Isolation und Endlichkeit. Eric Kandel wiederum erklärt, dass psychische Erkrankungen biologische Grundlagen besitzen und dennoch durch Erfahrungen und Beziehungen beeinflusst werden können.

Diese Sichtweisen widersprechen sich nicht. Sie ergänzen einander.

Die Medizin behandelt die Krankheit.

Psychopharmaka können helfen, das seelische Gleichgewicht wiederzufinden. Psychotherapie unterstützt dabei, belastende Gedanken und Gefühle zu verstehen. Bewegung, soziale Beziehungen und geistige Aktivität fördern den Weg zurück ins Leben.

Erst auf dieser Grundlage entsteht Raum für eine tiefere Frage:

Wie möchte ich künftig leben?

Diese Frage hat auch mich beschäftigt.

Nach meiner depressiven Phase begann ich intensiver zu schreiben als je zuvor. Ich beschäftigte mich mit Geschichte, Philosophie, Literatur und dem Digitalen Humanismus. Dabei entstand Schritt für Schritt ein Leitgedanke, der heute über meiner Arbeit steht:

Find the Meaning.

Dieser Satz bedeutet nicht, jeder Krankheit einen höheren Sinn zuzuschreiben.

Er bedeutet vielmehr, im eigenen Leben Bedeutung zu entdecken – trotz Krankheit, trotz Krisen und trotz der Unvollkommenheit des Menschen.

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen Esoterik und Humanismus.

Die Esoterik sucht oft verborgene Antworten außerhalb des Menschen.

Der Humanismus vertraut darauf, dass der Mensch durch Vernunft, Erfahrung, Mitgefühl und Dialog selbst Bedeutung schaffen kann.

Deshalb würde ich heute nicht mehr sagen:

„Krankheit ist eine Chance.“

Ich würde sagen:

Nicht die Krankheit ist die Chance.
Die Chance liegt darin, wie wir ihr begegnen und was wir aus ihr für unser weiteres Leben lernen.

Das ist für mich der Weg vom esoterischen Denken zum Digitalen Humanismus – von der Suche nach geheimen Botschaften zur Suche nach menschlicher Bedeutung. Und genau deshalb lautet das Motto meiner Arbeit heute:

Find the Meaning.

© Wolfgang Bossert · mypapergate.net
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