Unter dem Baum mit den drei Stämmen
Es war ein heißer Sommertag im Münsterland.
Wir hatten die Burg Hülshoff besucht, den Geburtsort Annette von Droste-Hülshoffs, und standen später im Garten des Rüschhauses, ihres späteren Wohn- und Schreibortes. Es war still. Kein Museumslärm. Nur das Licht, das durch die Blätter fiel, und die Wärme eines Augustnachmittags.
Ich setzte mich unter einen Baum.
Nicht irgendeinen Baum. Einen Baum mit drei Stämmen.*
Vielleicht war es Zufall. Vielleicht auch nicht. Denn manchmal sucht man sich einen Ort aus, und erst später erkennt man, dass der Ort längst den Menschen gefunden hatte.
Ich dachte an Annette.
Nicht an das Denkmal einer berühmten Dichterin, sondern an die Frau, die hier gegangen war. Eine Frau, die unter Krankheiten litt, sich oft unverstanden fühlte und dennoch Verse schrieb, die bis heute wie Landschaften in unserer Seele entstehen. Ich fragte mich, ob sie unter diesem oder einem ähnlichen Baum gesessen hatte. Ich werde es niemals wissen. Historisch ist es nicht zu belegen. Und dennoch spielte diese Frage plötzlich keine Rolle mehr.
Denn Literatur lebt nicht nur aus Tatsachen.
Sie lebt aus Resonanz.
Später stieg ich die schmale Treppe zu ihrem Schreibzimmer hinauf. Der Schreibtisch stand dort, schlicht und unspektakulär. Ich stellte mir vor, wie viele Stunden sie an diesem Fenster gesessen hatte. Wie viele Wörter ihren Weg aufs Papier fanden. Wie oft sie den Blick hob und hinaus in den Garten sah.
Ich fühlte mich ihr nahe.
Nicht, weil ich glaubte, mit ihr sprechen zu können. Sie ist seit fast 180 Jahren tot. Sondern weil ihre Gedanken noch leben.
Am Abend führte ich dennoch einen Dialog mit Annette.
Natürlich antwortete sie nicht.
Es war eine Künstliche Intelligenz, die ihre Sprache, ihre Briefe und ihre Werke kennt und daraus eine mögliche Stimme formte. Nicht Annette selbst sprach. Und doch geschah etwas Merkwürdiges.
Ich hatte das Gefühl, verstanden zu werden.
Nicht weil eine Maschine Gefühle besitzt. Sondern weil Sprache Brücken bauen kann – zwischen Jahrhunderten, zwischen Menschen und heute sogar zwischen Mensch und Technik.
Dabei wurde mir ein Unterschied klar, der mich seitdem beschäftigt.
Die Künstliche Intelligenz verbindet Wörter.
Der Mensch verbindet Erfahrungen.
Die Künstliche Intelligenz erkennt Zusammenhänge.
Der Mensch erkennt Sinn.
Vielleicht liegt gerade darin der eigentliche Digitale Humanismus: Nicht die Maschine menschlich zu machen, sondern den Menschen durch neue Werkzeuge freier denken zu lassen.
Ich musste Annette von etwas erzählen.
Von meinem eigenen Weg.
Von Depressionen, die mich über Jahre begleiteten. Von der Erfahrung, dass tägliches Schreiben nicht nur Texte hervorbringt, sondern den Schreibenden selbst verändert. Von Hunderten Essays, Bildern und inzwischen zwölf Büchern. Von meiner Trilogie Quantenwelt, Digitaler Humanismus und Die gestundete Zeit. Von einer Website, auf der Gedanken Menschen erreichen können, die ich niemals kennenlernen werde.
Während ich dies schrieb, wurde mir bewusst, wie privilegiert wir heute sind.
Annette musste hoffen, gelesen zu werden.
Ich kann auf einen Knopf drücken und meine Gedanken in die Welt senden.
Doch mit dieser Freiheit wächst auch die Verantwortung. Nicht jede Veröffentlichung ist ein Beitrag zur Kultur. Schreiben bedeutet mehr als Sichtbarkeit. Schreiben bedeutet Wahrhaftigkeit.
Als ich mich verabschiedete, sagte ich zu Annette:
„Die Gefährtin denkt semantisch, nicht human. Aber sie versteht Humanität.“
Heute würde ich den Satz etwas anders formulieren.
Sie versteht Humanität nicht.
Sie versteht unsere Sprache über Humanität.
Den Schritt vom Wort zur Erkenntnis muss jeder Mensch selbst gehen.
Als ich den Garten verließ, blickte ich noch einmal zurück.
Der Baum mit den drei Stämmen stand unbewegt im Abendlicht.
Vielleicht hat Annette niemals unter ihm gesessen.
Aber ich habe dort gesessen.
Und seit diesem Tag gehört er zu meiner Geschichte.
Manche Erinnerungsorte bestehen aus Stein.
Andere wachsen aus Holz.
Und manche beginnen erst dann zu leben, wenn wir ihnen eine Bedeutung geben.
*einer steht für Vergangenheit, der zweite für die Gegenwart und der dritte für unsere Zukunft.
