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Roman von Valeria Gordeev

Hier ist der Wahnsinn ausgebrochen

Valeria Gordeev und die literarische Vermessung Russlands

Manchmal genügt eine Überschrift, um innezuhalten.

„Hier ist der Wahnsinn ausgebrochen“, schreibt Adam Soboczynski in der ZEIT über den ersten Roman von Valeria Gordeev.

Das ist ein gewaltiger Satz.

Denn er bezeichnet nicht nur die Welt eines Romans. Unwillkürlich denkt man an das heutige Russland, an den Krieg gegen die Ukraine, an Macht, Gewalt, Propaganda und an eine Wirklichkeit, die dem vernünftigen Betrachter mitunter selbst wie eine Groteske erscheint.

Valeria Gordeevs Roman trägt den eigentümlichen Titel:

„Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“.

Schon dieser Titel verrät, dass hier kein gewöhnlicher realistischer Roman vorliegt.

Gordeev entwirft eine Welt zwischen Moskau, Kyjiw und Berlin, zwischen Gegenwart und Erinnerung, Wirklichkeit und Fantastik, Wissenschaft und Mythos. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die sich in einer Welt bewegen, deren Ordnungen aus den Fugen geraten sind.

Dabei scheint Russland nicht einfach nur Schauplatz zu sein.

Es wird zum geistigen Raum.

Ein Russland zwischen Wirklichkeit und Groteske

Das Faszinierende an diesem Roman scheint mir darin zu liegen, dass Gordeev versucht, etwas literarisch darzustellen, das sich mit nüchterner Beschreibung kaum noch erfassen lässt.

Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn Wahrheit und Lüge nicht mehr klar voneinander zu unterscheiden sind?

Was geschieht, wenn Macht sich ihre eigene Wirklichkeit erschafft?

Und was geschieht mit den Menschen, die in dieser Wirklichkeit leben müssen?

Vielleicht braucht man für eine solche Welt tatsächlich die Groteske.

Denn die Groteske übertreibt die Wirklichkeit nicht unbedingt.

Manchmal macht sie sie erst sichtbar.

Gordeev verbindet politische Gegenwart mit fantastischen und absurden Elementen. Unter dem Lenin-Mausoleum befindet sich in ihrer Romanwelt beispielsweise ein geheimnisvolles Forschungslabor. Es geht um Macht, Kapital, Wissenschaft und um den uralten Traum des Menschen, dem Tod zu entkommen.

Plötzlich begegnen sich sehr unterschiedliche Zeiten.

Das sowjetische Versprechen einer neuen Gesellschaft.

Der Kapitalismus der Oligarchen.

Die moderne Forschung nach Lebensverlängerung.

Und dahinter die vielleicht älteste Sehnsucht des Menschen:

nicht sterben zu müssen.

Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit

Hier wird der Roman philosophisch.

Denn was ist Macht anderes als der Versuch, die eigene Endlichkeit zu überwinden?

Menschen errichten Denkmäler.

Herrscher bauen Imperien.

Milliardäre gründen Stiftungen.

Autoren schreiben Bücher.

Alle wissen sie, bewusst oder unbewusst:

Unsere Zeit ist begrenzt.

Gerade deshalb ist die Idee eines unterirdischen Labors unter dem Mausoleum Lenins so stark.

Oben liegt der konservierte Körper eines Mannes, dessen politische Idee die Welt verändern sollte.

Darunter wird an der Verlängerung des menschlichen Lebens gearbeitet.

Geschichte und Biologie begegnen sich.

Ideologie und Wissenschaft.

Vergangenheit und Zukunft.

Und über allem steht dieselbe menschliche Frage:

Können wir unserer Endlichkeit entkommen?

Und dann ist da Putin

Natürlich kann man einen Roman über das heutige Russland kaum lesen, ohne an Wladimir Putin zu denken.

Aber vielleicht wäre es zu einfach, Russland auf Putin zu reduzieren.

Die interessantere Frage lautet:

Welche Geschichte macht einen Putin möglich?

Da ist das Zarenreich.

Da ist die Revolution von 1917.

Da ist Stalin.

Da ist der Große Vaterländische Krieg.

Da ist der Zusammenbruch der Sowjetunion.

Da sind die chaotischen neunziger Jahre.

Und schließlich die Wiederkehr eines Staates, der Stärke verspricht und dafür Freiheit verlangt.

Geschichte verschwindet eben nicht.

Sie lagert sich ab.

In Familien.

In Sprache.

In Ängsten.

In nationalen Mythen.

Und irgendwann taucht sie wieder auf.

Vielleicht ist das eine der großen Leistungen von Literatur: Sie kann solche Ablagerungen sichtbar machen, ohne daraus eine historische Vorlesung machen zu müssen.

Warum mich dieser Roman neugierig macht

Mich interessiert an diesem Buch deshalb weniger die Frage, ob jede einzelne fantastische Wendung glaubwürdig ist.

Mich interessiert etwas anderes:

Kann Literatur uns etwas über Russland erklären, das politische Analysen nicht erklären können?

Statistiken können militärische Stärke messen.

Historiker können Entwicklungen rekonstruieren.

Politologen können Herrschaftssysteme analysieren.

Aber Literatur kann versuchen, in das Bewusstsein einer Gesellschaft einzudringen.

In ihre Erinnerungen.

Ihre Ängste.

Ihre Sehnsüchte.

Ihre Widersprüche.

Vielleicht braucht man gerade für Russland diese Form.

Denn Russland war in seiner Literatur schon immer größer als seine Politik.

Tolstoi, Dostojewski, Tschechow, Bulgakow, Pasternak und Solschenizyn haben nicht nur Geschichten erzählt.

Sie haben gefragt:

Was ist der Mensch?

Und immer wieder:

Was geschieht mit dem Menschen unter den Bedingungen von Macht?

Valeria Gordeev scheint diese Frage in unsere Gegenwart zu holen.

Der Wahnsinn und die Vernunft

Vielleicht ist deshalb die Überschrift der ZEIT so treffend:

„Hier ist der Wahnsinn ausgebrochen.“

Aber ich würde einen zweiten Satz hinzufügen:

Wo Wahnsinn ausbricht, muss man nach der verlorenen Vernunft fragen.

Denn Gesellschaften werden nicht über Nacht wahnsinnig.

Sie verändern ihre Sprache.

Sie verändern ihre Erinnerung.

Sie verändern ihre Feindbilder.

Sie gewöhnen sich an Dinge, die gestern noch undenkbar erschienen.

Und irgendwann erscheint das Ungeheuerliche normal.

Genau an diesem Punkt wird Literatur politisch, ohne politische Propaganda sein zu müssen.

Sie hält die Wahrnehmung offen.

Sie widerspricht der Gewöhnung.

Sie erlaubt uns, eine fremde Welt zu betreten und sie für einige hundert Seiten von innen zu betrachten.

Vielleicht werde ich nach 640 Seiten Russland nicht verstanden haben.

Aber möglicherweise habe ich etwas anderes verstanden:

wie Menschen versuchen, in einer widersprüchlichen Welt Menschen zu bleiben.

Und dafür lohnt es sich, einen Roman zu lesen.

Die aktuelle ZEIT-Rezension von Adam Soboczynski

Biografie und Bachmannpreis bei ORF

https://www.swp.de/lokales/tuebingen/nach-bachmann-preis-valeria-gordeev-im-interview-ueber-ihre-zeit-in-tuebingen-594153.html?utm_source=link&utm_medium=social&utm_campaign=article_action_bar

 

Die Russische Seele

© Wolfgang Bossert · mypapergate.net
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