Wem gehört die Wahrheit?
Eine semantische Disputation über Glaube, Vernunft, Freiheit und die Zukunft der Kirche
Methodischer Hinweis: Der folgende Dialog ist eine semantische Rekonstruktion. Er gibt keine authentischen Äußerungen wieder, sondern entwickelt historisch plausible Antworten aus den überlieferten Positionen und Werken Hans Küngs und Joseph Ratzingers.
FutureLab
Zwei Stühle.
Keine Kanzel. Kein Altar.
Auf der Projektionswand steht nur ein Satz:
WAS KANN DER MENSCH WISSEN – UND WAS DARF DIE KIRCHE BEHAUPTEN?
Hans Küng sitzt links.
Joseph Ratzinger rechts.
Ich trete zwischen sie.
WOLFGANG
Meine Herren, Sie beide haben Ihr Leben der Frage nach Gott gewidmet.
Aber Sie haben sich darüber gestritten, wie sicher der Mensch von Gott sprechen kann.
Deshalb beginne ich mit einer sehr einfachen Frage:
Besitzt die Kirche die Wahrheit?
RATZINGER
Wenn Wahrheit nur das wäre, was eine Mehrheit gerade für richtig hält, hätte der christliche Glaube keinen Bestand.
Die Kirche erfindet die Wahrheit nicht.
Sie empfängt sie.
KÜNG
Da würde ich zunächst gar nicht widersprechen.
Aber die Kirche besteht aus Menschen.
Und Menschen können irren.
Das Problem beginnt dort, wo eine menschliche Institution ihre eigene Erkenntnis mit der Wahrheit Gottes verwechselt.
RATZINGER
Und das entgegengesetzte Problem beginnt dort, wo der Mensch nur noch gelten lässt, was seinem eigenen Urteil entspricht.
KÜNG
Dann sind wir bereits bei unserem Streit.
Die Unfehlbarkeit
Auf der Wand erscheint ein Wort:
UNFEHLBAR?
WOLFGANG
Herr Küng, Ihre Kritik an der päpstlichen Unfehlbarkeit hat Sie in den großen Konflikt mit Rom geführt.
Was war eigentlich Ihr Problem?
KÜNG
Nicht die Frage, ob Wahrheit existiert.
Sondern ob ein Mensch oder eine Institution unter bestimmten Bedingungen beanspruchen kann, in einer Glaubensentscheidung unfehlbar zu sein.
Die Geschichte der Kirche zeigt Irrtümer.
Also muss auch die Kirche lernfähig bleiben.
WOLFGANG
Herr Ratzinger?
RATZINGER
Sie formulieren den Anspruch umfassender, als ihn die katholische Lehre versteht.
Unfehlbarkeit bedeutet nicht, dass der Papst ein unfehlbarer Mensch wäre oder zu jedem Thema unfehlbar spräche.
Sie bezeichnet einen sehr eng begrenzten Anspruch innerhalb der Glaubenslehre.
KÜNG
Aber genau dort bleibt meine Frage bestehen:
Wer kontrolliert den Wahrheitsanspruch?
RATZINGER
Wenn Sie jede letzte Verbindlichkeit auflösen, entsteht eine andere Autorität.
WOLFGANG
Welche?
RATZINGER
Das jeweilige Ich.
Jetzt mische ich mich ein
WOLFGANG
Moment.
Da erkenne ich ein Problem, das weit über die katholische Kirche hinausgeht.
Wenn niemand Wahrheit beanspruchen darf, wird alles relativ.
Wenn aber eine Institution behauptet, Wahrheit endgültig zu besitzen, droht Dogmatismus.
KÜNG
Genau.
RATZINGER
Genau.
Ich sehe beide an.
WOLFGANG
Das ist ärgerlich.
Sie können doch nicht beide recht haben.
KÜNG
Warum nicht?
RATZINGER
Vielleicht liegt eine gute Disputation gerade darin.
Was ist Freiheit?
WOLFGANG
Dann frage ich anders.
Ist der Mensch frei, auch in Glaubensfragen zu widersprechen?
KÜNG
Er muss es sein.
Ein Glaube, der durch Autorität erzwungen wird, ist kein Glaube.
Das Gewissen des Menschen darf nicht ausgeschaltet werden.
RATZINGER
Auch hier ist die Sache komplizierter.
Das Gewissen ist zentral.
Aber Gewissen bedeutet nicht:
Ich tue, was ich möchte.
Gewissen verlangt, nach Wahrheit zu suchen und sich von ihr korrigieren zu lassen.
WOLFGANG
Das gefällt mir.
Dann wäre Freiheit nicht Beliebigkeit.
RATZINGER
Nein.
KÜNG
Aber Wahrheit darf ebenso wenig Gehorsam bedeuten.
Und Gott?
Jetzt lösche ich alle Begriffe von der Wand.
Kirche.
Papst.
Dogma.
Konzil.
Theologie.
Nur ein Wort bleibt:
GOTT
WOLFGANG
Vielleicht reden Theologen manchmal so lange über die Kirche, dass Gott dahinter verschwindet.
Was wissen Sie eigentlich von Gott?
Stille.
RATZINGER
Der christliche Glaube behauptet nicht, Gott vollständig begriffen zu haben.
Ein Gott, den der menschliche Verstand vollständig erfassen könnte, wäre nicht Gott.
KÜNG
Da sind wir uns näher, als manche glauben.
Der Mensch kann sich der Wirklichkeit Gottes annähern.
Aber er besitzt Gott nicht.
WOLFGANG
Dann besitzt auch keine Religion Gott?
KÜNG
Nein.
RATZINGER
Sie besitzt ihn nicht.
Aber daraus folgt nicht, dass alle Aussagen über Gott gleichermaßen wahr oder falsch wären.
Die Religionen der Welt
WOLFGANG
Herr Küng, Sie haben später vom Weltethos gesprochen.
Warum?
KÜNG
Weil die Menschheit längst in einer Welt zusammenlebt.
Christen, Juden, Muslime, Buddhisten, Hindus, Menschen ohne Religion.
Wir werden nicht dadurch Frieden schaffen, dass eine Religion die anderen besiegt.
Wir brauchen gemeinsame ethische Grundlagen.
Menschlichkeit.
Gewaltlosigkeit.
Gerechtigkeit.
Wahrhaftigkeit.
Partnerschaft.
RATZINGER
Ein gemeinsames Ethos ist wichtig.
Aber Religion darf nicht auf Moral reduziert werden.
Das Christentum sagt mehr als: Seid anständig zueinander.
Es erhebt einen Wahrheitsanspruch über Gott und den Menschen.
KÜNG
Solange dieser Wahrheitsanspruch den Dialog nicht beendet.
RATZINGER
Und solange der Dialog den Wahrheitsanspruch nicht abschafft.
Jetzt wird es für mich interessant
Ich schreibe zwei Wörter auf die Wand:
WAHRHEIT
MENSCHENWÜRDE
WOLFGANG
Hier berührt Ihre Auseinandersetzung meine eigene Arbeit.
Ich beschäftige mich mit zwei Menschenbildern.
Mit einem Menschenbild, das den Menschen als grundsätzlich gleichwertig betrachtet.
Und mit Ideologien, die Menschen nach Herkunft, Religion oder angeblicher „Rasse“ hierarchisieren.
Deshalb frage ich Sie beide:
Gibt es eine Wahrheit, die höher steht als Religion?
KÜNG
Die Menschlichkeit.
Eine Religion, die Menschen unmenschlich macht, widerspricht ihrem eigenen Anspruch.
RATZINGER
Ich würde es anders begründen.
Die Würde des Menschen ist nicht etwas, das eine Mehrheit verleiht.
Der Mensch besitzt sie.
Für den Christen gerade deshalb, weil er Geschöpf Gottes ist.
WOLFGANG
Dann kommen Sie von verschiedenen Seiten an denselben Punkt.
KÜNG
Möglicherweise.
RATZINGER
Aber die Begründung ist nicht nebensächlich.
Das ist der eigentliche Streit
Jetzt begreife ich, dass Küng und Ratzinger vielleicht gar nicht zwei verschiedene Ziele vertreten.
Beide wollen verhindern, dass der Mensch zum Maßstab bloßer Willkür wird.
Aber sie fürchten unterschiedliche Gefahren.
Ich schreibe:
KÜNG fürchtet:
Autorität ohne Korrektur.
RATZINGER fürchtet:
Freiheit ohne Wahrheit.
Küng fragt:
Wie kann Wahrheit offen bleiben für Kritik?
Ratzinger fragt:
Wie kann Wahrheit verbindlich bleiben, wenn alles kritisierbar wird?
Und plötzlich erscheint mir ihre jahrzehntelange Auseinandersetzung nicht mehr als Streit zwischen einem modernen und einem konservativen Theologen.
Sie wird zu einer der Grundfragen der Moderne.
Meine letzte Frage
WOLFGANG
Wir schreiben das Jahr 2026.
Die Menschen verfügen über ungeheure wissenschaftliche Erkenntnisse.
Sie kommunizieren weltweit.
Künstliche Intelligenz beantwortet Fragen in Sekunden.
Gleichzeitig erleben wir religiöse Konflikte, politische Ideologien, Verschwörungserzählungen und konkurrierende Wahrheitsansprüche.
Was würden Sie dem Menschen des 21. Jahrhunderts sagen?
KÜNG
Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen.
Und kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog.
RATZINGER
Und ich würde hinzufügen:
Dialog braucht die Bereitschaft, dass Wahrheit existiert und dass sie größer ist als wir selbst.
WOLFGANG
Dann brauche ich beides?
KÜNG
Die Freiheit zu fragen.
RATZINGER
Und die Demut, nicht jede eigene Antwort für die Wahrheit zu halten.
Ich stehe zwischen beiden.
Vielleicht ist das die Antwort, die ich gesucht habe.
Nicht:
Wahrheit oder Freiheit.
Sondern:
WAHRHEIT BRAUCHT FREIHEIT.
FREIHEIT BRAUCHT VERANTWORTUNG.
Und über beiden steht etwas, das weder ein Papst noch ein Theologe noch ein Staat verleihen kann:
DIE WÜRDE DES MENSCHEN.
Das FutureLab wird dunkel.
Aber Küng und Ratzinger verschwinden nicht.
Sie diskutieren weiter.
Vielleicht ist gerade das ihr bestes Schlussbild.
Zwei Menschen, die über Wahrheit streiten – ohne dem anderen das Recht abzusprechen, zu widersprechen.
Humanismus ist nicht, dass wir dieselbe Wahrheit besitzen. Humanismus zeigt sich darin, wie wir mit dem Menschen umgehen, der unserer Wahrheit widerspricht.
Mein Fazit – Auch mein Kompass muss sich prüfen lassen
Ich gebe es zu:
Ich bin nicht unvoreingenommen in diese Disputation gegangen.
Hans Küng war mir von Anfang an näher. Seine Offenheit, seine Bereitschaft zum Dialog, seine Kritik an kirchlicher Macht, sein Weltethos und sein Vertrauen in das verantwortliche Gewissen des Menschen entsprechen meinem eigenen Denken.
Joseph Ratzinger dagegen?
„Papa Ratzi“ habe ich ihn manchmal etwas spöttisch genannt.
Für mich verkörperte er den kirchlichen Konservatismus: Dogma, Lehramt, Tradition, Hierarchie. Rückwärtsgewandt, dachte ich. In meinem S–N-Kompass stand er deshalb deutlich näher bei Naphta als bei Settembrini.
Aber dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
Ratzinger widersprach mir.
WOLFGANG
Herr Ratzinger, für mich stehen Sie noch immer ziemlich weit auf der N-Seite meines Kompasses.
RATZINGER
Weil ich Ordnung verteidige?
WOLFGANG
Weil Sie Wahrheit, Dogma und kirchliche Autorität stärker gewichten als die Freiheit des Einzelnen.
RATZINGER
Und wenn ich diese Ordnung verteidige, weil ich glaube, dass sie dem Menschen dient?
Ich zögere.
WOLFGANG
Dann wird es schwieriger.
KÜNG
Das sollte ein guter Kompass aushalten.
WOLFGANG
Hans, Sie sind mir trotzdem näher.
KÜNG
Das habe ich bemerkt.
WOLFGANG
Sie bekommen von mir S 80 – N 20.
Küng lächelt.
KÜNG
Und Joseph?
WOLFGANG
S 40 – N 60.
RATZINGER
Immerhin vierzig.
WOLFGANG
Vielleicht waren es vor unserem Gespräch nur dreißig.
RATZINGER
Dann hat sich das Gespräch für mich bereits gelohnt.
Wir lachen.
Aber dann werde ich ernst.
Vielleicht habe ich in diesem Augenblick etwas über meinen eigenen inneren Kompass gelernt.
Ein Kompass, der mir immer nur bestätigt, was ich ohnehin schon denke, ist kein besonders guter Kompass.
Er wird zum Vorurteil.
Mein S–N-Kompass darf deshalb nicht dazu dienen, Menschen in Schubladen zu stecken.
Er muss mich zwingen, noch einmal hinzusehen.
Noch einmal zuzuhören.
Noch einmal zu widersprechen.
Und notfalls auch mir selbst.
Ich bleibe Hans Küng näher.
Ich bleibe skeptisch gegenüber Joseph Ratzingers Verständnis von kirchlicher Autorität und Wahrheit.
Aber ich kann nach dieser Disputation nicht mehr einfach sagen:
Küng modern. Ratzinger retro. Fertig.
Ratzingers Einwand bleibt bestehen:
Was geschieht mit der Freiheit, wenn jeder Mensch seine eigene Wahrheit zum letzten Maßstab macht?
Und Küngs Einwand bleibt ebenso bestehen:
Was geschieht mit dem Menschen, wenn eine Institution ihre Wahrheit dem Gewissen des Einzelnen überordnet?
Vielleicht liegt genau zwischen diesen beiden Fragen die Nadel meines Kompasses.
WOLFGANG
Dann habe ich am Ende noch eine Frage an Sie beide.
Wer hat gewonnen?
KÜNG
Wenn Sie noch fragen müssen, keiner.
RATZINGER
Oder die Disputation.
Ich sehe auf meinen S–N-Kompass.
Die Nadel bewegt sich noch ein wenig.
Dann bleibt sie stehen.
Nicht bei Küng.
Nicht bei Ratzinger.
Sondern bei einer Frage:
DIENT DIE ORDNUNG DEM MENSCHEN –
ODER DER MENSCH DER ORDNUNG?
Ich gehe mit einer Haltung in einen Dialog.
Aber ich darf nicht garantieren, mit derselben wieder herauszukommen.
Sonst wäre es kein Dialog.
Das wäre für mich der richtige letzte Satz. Er beschreibt nicht nur diese Disputation, sondern eigentlich das Prinzip meines gesamten „Dialog mit der Geschichte“.

Mein innerer Kompass
Woher weiß ich, was richtig ist?
Ich habe oft von meinem inneren Kompass gesprochen.
Lange war das für mich eher ein Bild. Ein Ausdruck für etwas, das ich spüre, ohne es genau erklären zu können. Eine innere Richtung, die mir sagt: Bis hierher und nicht weiter. Das entspricht mir. Das widerspricht mir. Das halte ich für richtig. Das kann ich mit mir selbst nicht vereinbaren.
Aber woher kommt dieser Kompass?
Ist er angeboren?
Ist er Erziehung?
Religion?
Vernunft?
Erfahrung?
Oder entsteht er erst im Laufe eines Lebens?
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich: Mein innerer Kompass ist meine gewordene Vorstellung davon, was es heißt, ein Mensch zu sein.
Vom äußeren zum inneren Gesetz
Über Jahrtausende kam die Orientierung des Menschen überwiegend von außen.
Von Göttern.
Von Herrschern.
Von Religionen.
Von gesellschaftlichen Ordnungen.
Von Sitten und Gesetzen.
Würde war zunächst keineswegs jene unveräußerliche Eigenschaft jedes Menschen, die wir heute darunter verstehen. In der Antike bezeichnete dignitas eher Ansehen, Stellung und gesellschaftliche Wertschätzung. Erst über Christentum, Renaissance und Aufklärung entwickelte sich zunehmend die Vorstellung eines Wertes, der dem Menschen als Menschen zukommt.
Mit Kant geschieht etwas Entscheidendes.
Der Mensch darf niemals nur Mittel für einen anderen sein. Er ist Zweck an sich selbst.
Damit verlagert sich die moralische Instanz.
Ich handle nicht nur richtig, weil mir jemand befiehlt, richtig zu handeln.
Ich soll selbst erkennen können, warum mein Handeln richtig oder falsch ist.
Der Kompass wandert gewissermaßen von außen nach innen.
Aber was befindet sich dort?
Hier wird es für mich besonders interessant.
Denn mein innerer Kompass ist offenbar kein kleines Organ im Gehirn, das bei meiner Geburt schon auf „Humanismus“ eingestellt war.
Er entsteht.
Meine Erfahrungen mit anderen Menschen prägen Vorstellungen und Haltungen. Daraus entwickelt sich ein Selbstbild: Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Was passt zu mir? Was widerspricht mir?
Der zugrunde liegende Text beschreibt diese Orientierung als ein im Laufe des Lebens erworbenes „Metakonzept“: Erfahrungen, Selbstbild, Identität und Vorstellungen gelingender Beziehungen verbinden sich zu einer inneren Ordnung. Die Würdevorstellung kann Teil dieser persönlichen Orientierung werden.
Das gefällt mir als Erklärung.
Denn dann ist mein innerer Kompass weder reine Vernunft noch bloßes Gefühl.
Er ist geronnene Lebenserfahrung.
Der Kompass entsteht durch Begegnung
Vielleicht lernt ein Mensch seine Würde überhaupt erst in der Begegnung mit anderen Menschen kennen.
Ich erfahre Anerkennung.
Ich erfahre Liebe.
Ich erfahre Vertrauen.
Aber ich erfahre möglicherweise auch Zurückweisung, Ungerechtigkeit, Demütigung und Macht.
Aus all diesen Begegnungen entsteht allmählich eine Vorstellung:
So möchte ich behandelt werden.
Und irgendwann folgt daraus der schwierigere Satz:
So muss ich auch andere behandeln.
Hier begegnen sich plötzlich Kant und Hume.
Kant gibt mir die Vernunft: Der andere Mensch darf niemals bloß Mittel für meine Zwecke sein.
Hume gibt mir das Mitgefühl: Das Leiden eines anderen kann mich berühren, obwohl dieser Mensch mir völlig fremd ist.
Und meine eigene Lebenserfahrung fügt etwas Drittes hinzu:
Ich weiß inzwischen, welcher Mensch ich sein möchte.
Vielleicht sind das die drei Kräfte meines inneren Kompasses:
Vernunft – Mitgefühl – Erfahrung.
Aber ein Kompass kann falsch zeigen
Das ist der Punkt, der mir heute wichtiger erscheint als früher.
Jeder Mensch besitzt Überzeugungen.
Aber nicht jede innere Überzeugung ist deshalb moralisch richtig.
Auch ein Fanatiker kann von sich überzeugt sein.
Auch ein Rassist kann sich innerlich vollkommen „kohärent“ fühlen.
Auch ein Diktator kann glauben, im Interesse seines Volkes zu handeln.
Innere Gewissheit ist noch keine Humanität.
Deshalb braucht mein innerer Kompass einen Bezugspunkt außerhalb meiner eigenen Person.
Und hier stoße ich wieder auf den Satz, der sich durch meine gegenwärtige Arbeit zieht:
Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Nicht:
die Würde des Menschen, der meiner Meinung ist.
Nicht:
die Würde des Menschen meiner Nation.
Nicht:
die Würde des Gebildeten, Erfolgreichen oder Nützlichen.
Sondern:
des Menschen.
Die historische Entwicklung dieses Gedankens führte nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts von philosophischen und religiösen Vorstellungen schließlich zu einem rechtlich verbindlichen Prinzip – in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und im deutschen Grundgesetz.
Damit erhält mein Kompass seinen Nordpol.
Mein S–N-Kompass
Vielleicht verstehe ich jetzt auch besser, warum mich Settembrini und Naphta so beschäftigt haben.
Mein S–N-Kompass ist letztlich keine völlig neue Erfindung.
Er ist die politische und philosophische Zuspitzung meines viel älteren inneren Kompasses.
Settembrini fragt:
Dient die Ordnung dem Menschen?
Naphta kehrt die Richtung um:
Hat der Mensch sich der Ordnung unterzuordnen?
Und meine Beschäftigung mit der Zwischenzeit hat diese Frage noch einmal radikalisiert.
Rassismus sagt:
Zuerst sehe ich deine Gruppe. Dann bestimme ich deinen Wert.
Humanismus sagt:
Zuerst sehe ich den Menschen.
Damit bekommt mein Kompass eine erstaunlich einfache Prüffrage:
Sehe ich im anderen zuerst einen Menschen – auch dann, wenn er mir fremd ist, widerspricht oder nicht zu meiner Gruppe gehört?
Der schwierigste Test
Ein Kompass ist leicht zu benutzen, solange der Weg angenehm ist.
Seinen Wert zeigt er erst, wenn ich mich verirre.
Das gilt auch für den inneren Kompass.
Humanist zu sein, solange mir der andere sympathisch ist, verlangt wenig.
Demokratisch zu sein, solange die Mehrheit meiner Meinung ist, ebenfalls.
Die Probe beginnt beim Widerspruch.
Beim Fremden.
Beim politischen Gegner.
Bei dem Menschen, dessen Auffassung mich ärgert.
Gerade dort muss die Nadel noch immer in dieselbe Richtung zeigen.
Das hat mir zuletzt sogar mein imaginärer Adenauer entgegengehalten:
Wenn ich die Würde des Menschen zum Maßstab mache, gilt sie auch für den Menschen, dessen politische Überzeugung ich ablehne.
Sonst wäre sie keine Menschenwürde.
Sie wäre Sympathiewürde.
Vielleicht ist das Freiheit
In einem Ihrer Texte steckt ein Gedanke, den ich für diesen Essay besonders wichtig finde: Eine freie demokratische Gesellschaft kann auf Dauer nicht ausschließlich durch äußere Hierarchien gesteuert werden. Sie braucht Menschen, die selbst über eine innere Orientierung verfügen. Der Text nennt genau dafür das Bild eines „inneren Kompasses“.
Das verändert meinen Begriff von Freiheit.
Freiheit bedeutet dann nicht:
Ich kann tun, was ich will.
Sondern:
Ich muss nicht darauf warten, dass mir jemand sagt, was richtig ist.
Ich kann selbst urteilen.
Aber ich trage auch die Verantwortung für mein Urteil.
Vielleicht ist genau das die Zumutung der Demokratie.
Eine Diktatur verlangt Gehorsam.
Eine Demokratie verlangt Urteilsfähigkeit.
Mein Fazit
Ich habe lange nach meinem inneren Kompass gesucht.
Vielleicht habe ich ihn längst.
Er entstand nicht an einem bestimmten Tag.
Er entstand aus Elternhaus und Schule, aus Arbeit und Verantwortung, aus Erfolgen und Irrtümern, aus Begegnungen und Konflikten, aus Büchern und Reisen, aus Geschichte und Gegenwart.
Und er ist nicht fertig.
Denn ein innerer Kompass muss überprüft werden.
An Kant.
An Hume.
An Cassirer.
An Küng und Ratzinger.
An Settembrini und Naphta.
An der Geschichte.
Vor allem aber am anderen Menschen.
Heute würde ich deshalb meine Frage nicht mehr stellen:
Woher weiß ich, dass mein Kompass richtig zeigt?
Sondern:
Woran prüfe ich seine Richtung?
Meine Antwort ist einfacher geworden:
AM MENSCHEN.
Wo eine Idee, eine Religion, eine politische Ordnung oder auch meine eigene Überzeugung die Würde des anderen Menschen verletzt, muss ich misstrauisch werden.
Wo sie den Menschen zum Mittel macht, ihn einer Gruppe unterordnet oder ihm aufgrund seiner Herkunft einen geringeren Wert zuschreibt, schlägt die Nadel in die falsche Richtung.
Vielleicht ist das mein innerer Kompass:
Vernunft lässt mich urteilen.
Mitgefühl lässt mich den anderen wahrnehmen.
Erfahrung lässt mich zweifeln und lernen.
Die Menschenwürde gibt die Richtung vor.
Und vielleicht ist genau dies die Verbindung zwischen meinem persönlichen Kompass und meiner Arbeit am Digitalen Humanismus:
Die Technik kann mir den Weg berechnen.
Aber die Richtung muss der Mensch bestimmen.
Das wäre meines Erachtens ein zentraler Essay, weil er mehrere Ihrer bislang getrennten Gedanken zusammenführt: den älteren „inneren Kompass“, die Würde-Texte, Hume, den S–N-Kompass und Ihre neue Untersuchung Humanismus versus hierarchisches Menschenbild.
