Ein semantisches Theaterstück über Widerspruch, Wirkung und die Frage, ob ein einzelner Mensch etwas verändern kann
Personen
DER AUTOR – ein Mann, der schreibt, fragt und nach Wirkung sucht
BB – Bertolt Brecht – der Widerspruch, die gesellschaftliche Wirklichkeit
JB – Jorge Bucay – das Beziehungsnetz, die Verbundenheit
Die Äußerungen von Bertolt Brecht und Jorge Bucay sind literarisch-semantische Rekonstruktionen. Sie sind keine überlieferten Zitate.
PROLOG
Eine fast leere Bühne.
Ein Tisch. Ein Laptop. Einige Notizbücher.
Im Hintergrund zieht sich ein kaum sichtbares Netz aus vielen dünnen Fäden über die Bühne.
DER AUTOR sitzt am Tisch und schreibt.
Lange Stille.
DER AUTOR
Ich schreibe.
Jeden Tag.
Geschichte.
Menschen.
Krieg.
Liebe.
Tod.
Künstliche Intelligenz.
Ich veröffentliche meine Gedanken.
Und dann schaue ich nach.
Hat jemand gelesen?
Hat jemand geantwortet?
Hat es etwas bewirkt?
BB tritt auf.
BB
Warum schauen Sie nach?
DER AUTOR
Weil ich Resonanz suche.
BB
Und wenn niemand antwortet?
DER AUTOR
Dann frage ich mich, ob das Schreiben einen Sinn hat.
Von der anderen Seite tritt JB auf. Er berührt einen Faden des Netzes.
An einer weit entfernten Stelle bewegt sich ein anderer Faden.
JB
Und wenn sich etwas bewegt, ohne dass Sie es sehen?
Dunkel.
ERSTER AKT – DER WIDERSPRUCH
DER AUTOR
Bertolt, mit Ihnen habe ich ein Problem.
BB
Das ist immerhin ein Anfang.
DER AUTOR
Sie machen es einem nicht leicht.
Der Mensch ist bei Ihnen nie einfach gut oder böse.
Er liebt und verletzt.
Er hilft und schweigt.
Er schafft Kunst und führt Krieg.
Verdammt noch mal – wo bleibt denn hier das Positive?
BB
Warum muss der Mensch eindeutig sein?
DER AUTOR
Weil ich an die Humanität glauben möchte.
BB
Dann dürfen Sie gerade den Widerspruch nicht verdrängen.
Der Mensch kann morgens sein Kind umarmen und mittags eine Entscheidung treffen, unter der andere Kinder leiden.
Er kann Beethoven hören und Unrecht dulden.
Er kann gebildet sein und sich verführen lassen.
Er kann wissen – und trotzdem schweigen.
DER AUTOR
Das ist das, was mich beschäftigt.
Die Ambivalenz des Menschen.
Wie kann eine hochentwickelte Kultur in Barbarei fallen?
BB
Vielleicht, weil Kultur allein den Menschen nicht gut macht.
DER AUTOR
Wo bleibt dann die Hoffnung?
BB
Im Widerspruch selbst.
Denn wenn Menschen Verhältnisse schaffen, können Menschen Verhältnisse auch verändern.
ZWEITER AKT – DAS NETZ
JB geht zum Netz.
JB
Nehmen Sie einen Faden.
DER AUTOR
Ich kenne dieses Bild.
Der Mensch im Netz.
Das Beziehungsnetz.
Das Internet.
Und schließlich das Netz der Gedanken.
JB
Dann ziehen Sie.
DER AUTOR zieht vorsichtig.
An mehreren Stellen bewegt sich das Netz.
DER AUTOR
Ich sehe nicht, wohin der Faden führt.
JB
Das müssen Sie auch nicht.
Ein Gedanke erreicht einen Menschen.
Dieser spricht mit einem anderen.
Der erzählt ihn weiter.
Ein Dritter widerspricht.
Ein Vierter beginnt nachzudenken.
Und Sie erfahren vielleicht niemals davon.
DER AUTOR
Dann ist Wirkung nicht dasselbe wie sichtbare Resonanz.
JB
Genau.
Sie zählen Besucher.
Sie suchen Likes.
Sie freuen sich über Antworten.
Das ist verständlich.
Aber warum verlangen Sie von jeder Wirkung eine Empfangsbestätigung?
Pause.
DER AUTOR
Das trifft mich.
Vielleicht habe ich Wirkung und Resonanz verwechselt.
JB
Resonanz können Sie nicht erzwingen.
Sie können nur einen Faden berühren.
DRITTER AKT – DIE KATASTROPHE
Auf der Projektionsfläche erscheinen Bilder aus der Geschichte.
Krieg.
Diktatur.
Zerstörte Städte.
Flüchtende Menschen.
Propaganda.
Dann Dunkelheit.
DER AUTOR
Jetzt meine eigentliche Frage.
Ich sehe wieder Krieg.
Nationalismus.
Autoritäres Denken.
Menschen werden zu Feinden erklärt.
Die Möglichkeit einer noch größeren Katastrophe ist wieder denkbar geworden.
Und ich frage mich:
Kann ich mit meinen Mitteln eine Katastrophe aufhalten?
BB
Nein.
Stille.
DER AUTOR
Das war deutlich.
Dann ist alles, was ich tue, bedeutungslos?
BB
Nein.
Sie stellen nur die falsche Frage.
Nicht:
Kann der Autor die Katastrophe aufhalten?
Sondern:
Was trägt dazu bei, dass eine Gesellschaft einer Katastrophe widersteht?
DER AUTOR
Und?
BB
Menschen, die widersprechen.
Menschen, die erinnern.
Menschen, die fragen.
Menschen, die einfachen Antworten misstrauen, wenn die Wirklichkeit kompliziert ist.
Menschen, die einen anderen noch als Menschen erkennen, wenn andere ihn längst zum Feind erklärt haben.
JB
Und jeder Gedanke, der Menschenwürde stärkt, bewegt einen Faden.
DER AUTOR
Dann verhindert ein Essay keinen Krieg.
BB
Natürlich nicht.
DER AUTOR
Aber vielleicht verändert er einen Gedanken.
JB
Und Sie wissen nicht, wohin dieser Gedanke weiterwandert.
VIERTER AKT – WO BLEIBT DAS POSITIVE?
DER AUTOR
Ich bin 77 Jahre alt.
Ich bin gesund.
Ich lebe in Wohlstand.
Ich werde geliebt.
Ich kann denken.
Ich kann schreiben.
Ich darf neugierig sein.
Eigentlich könnte ich sagen:
Es ist alles da.
Und trotzdem frage ich manchmal:
Verdammt noch mal – wo bleibt denn hier das Positive?
JB
Vielleicht suchen Sie gar nicht das Positive.
DER AUTOR
Was dann?
JB
Antwort.
Stille.
JB
Sie geben etwas in die Welt und möchten wissen, ob die Welt zurückspricht.
DER AUTOR
Resonanz.
JB
Ja.
Aber die Welt antwortet nicht auf Bestellung.
Vielleicht liest jemand Ihren Text und schweigt.
Vielleicht erinnert er sich Monate später an einen Satz.
Vielleicht erzählt er einem anderen davon.
Vielleicht geschieht gar nichts.
Das wissen Sie nicht.
BB
Das Positive besteht vielleicht auch nicht darin, dass alles gut ausgeht.
DER AUTOR
Sondern?
BB
Darin, sich nicht entmenschlichen zu lassen.
JB
Und verbunden zu bleiben.
DER AUTOR
Also weder naive Hoffnung noch Verzweiflung.
BB
Widerspruch.
JB
Beziehung.
FÜNFTER AKT – DER FADEN
DER AUTOR steht vor dem Netz.
DER AUTOR
Ich weiß nicht, ob meine Essays etwas verändern.
Ich weiß nicht, wer sie liest.
Ich weiß nicht, ob meine semantischen Dialoge einen Menschen zum Nachdenken bringen.
Und ich weiß schon gar nicht, ob irgendeiner meiner Gedanken eine Katastrophe verhindern kann.
BB
Das müssen Sie nicht wissen.
JB
Sie müssen nur entscheiden, an welchem Faden Sie ziehen wollen.
DER AUTOR nimmt einen Faden in die Hand.
DER AUTOR
Dann kann ich wenigstens das entscheiden.
Ich kann erinnern.
Ich kann fragen.
Ich kann widersprechen.
Ich kann versuchen zu verstehen.
Ich kann Geschichte lebendig halten.
Ich kann Widersprüche sichtbar machen.
Ich kann Menschen als Menschen beschreiben – und nicht als Feinde.
Und ich kann meine Gedanken veröffentlichen,
ohne zu wissen, ob jemand antwortet.
BB
Das reicht.
JB
Und wenn irgendwo etwas in Bewegung kommt?
DER AUTOR
Dann muss ich es nicht einmal erfahren.
Er lässt den Faden los.
Das Netz bewegt sich noch einen Augenblick weiter.
EPILOG – WER APPLAUDIERT EIGENTLICH?
Die drei treten an die Rampe.
DER AUTOR in der Mitte. BB und JB neben ihm.
Sie verbeugen sich.
Applaus.
DER AUTOR richtet sich wieder auf.
DER AUTOR
Moment.
Wer applaudiert eigentlich?
BB blickt in den Zuschauerraum.
BB
Vielleicht diejenigen, die widersprechen.
JB
Vielleicht diejenigen, die etwas mitnehmen und keinem davon erzählen.
DER AUTOR
Vielleicht diejenigen, die erst morgen darüber nachdenken.
Pause.
JB
Vielleicht müssen Sie auch das nicht wissen.
Die drei sehen in den dunklen Zuschauerraum.
Hinter ihnen bewegt sich das Netz.
Ganz leicht.
Obwohl niemand daran zieht.
DER AUTOR
Dann schreibe ich weiter.
Nicht, weil ich weiß, dass ich die Welt verändern kann.
Sondern weil ich weiß, an welchem Faden ich ziehen möchte.
Licht aus.
ENDE

Anmerkung des Autors
Dieses Theaterstück ist ein Semantischer Dialog. Bertolt Brecht und Jorge Bucay haben dieses Gespräch nie geführt. Ihre Stimmen sind literarische Rekonstruktionen, die sich an Gedanken orientieren, mit denen ich mich in ihren Werken und in meiner eigenen Auseinandersetzung beschäftigt habe.
Die entscheidende Frage bleibt deshalb beim Leser:
An welchem Faden ziehe ich?
