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Longevity und die Biologische Uhr

Können wir die gestundete Zeit verlängern?

Ich habe vor einigen Tagen ein Gespräch im Bayerischen Fernsehen gesehen, das mich nicht mehr losgelassen hat.

Christian Nitsche, Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, sprach mit der Molekularbiologin Hanna Heikenwälder über Krebs, Altern und Longevity – also über die wissenschaftliche Suche nach einem längeren und vor allem gesünderen Leben.

Während ich zuhörte, bemerkte ich plötzlich:

Eigentlich sprechen sie über meine gestundete Zeit.

Nur aus einer vollkommen anderen Perspektive.

Ich nähere mich ihr über Philosophie, Literatur, persönliche Erfahrung und die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Die Molekularbiologie nähert sich ihr über Zellen, Entzündungsprozesse, Immunsystem und Krebs.

Und doch treffen sich beide Wege an derselben Stelle:

Wie viel Zeit hat der Mensch – und was kann er aus ihr machen?


Die alte Sehnsucht

Der Wunsch nach einem langen Leben ist vermutlich so alt wie der Mensch selbst.

Gilgamesch suchte nach Unsterblichkeit.

Religionen versprachen ein Leben nach dem Tod.

Alchemisten suchten nach einem Elixier des Lebens.

Heute heißt die Hoffnung nicht mehr Unsterblichkeit.

Sie heißt:

Longevity.

Das klingt wissenschaftlich und modern. Und tatsächlich hat sich etwas Entscheidendes verändert.

Zum ersten Mal in der Geschichte versucht der Mensch nicht nur, Krankheiten zu heilen. Er beginnt, den Prozess des Alterns selbst biologisch zu verstehen.

Warum altern Zellen?

Warum entstehen chronische Entzündungen?

Warum versagt irgendwann das Immunsystem?

Warum entsteht Krebs?

Und können wir diese Prozesse beeinflussen?

Das sind keine esoterischen Fragen mehr.

Es sind Forschungsfragen.


Krebs und die Zeit

Besonders nachdenklich machte mich im Gespräch mit Hanna Heikenwälder die Vorstellung, Krebs nicht nur als plötzlich auftretende Katastrophe zu betrachten.

Viele Erkrankungen entwickeln sich über lange Zeiträume.

Das verändert die Perspektive.

Vielleicht lautet das Ziel der Medizin nicht immer:

Diese Krankheit darf niemals entstehen.

Vielleicht kann ein realistisches Ziel auch lauten:

Sie soll möglichst spät entstehen.

Darin steckt ein erstaunlicher Gedanke.

Wenn eine schwere Erkrankung, die einen Menschen vielleicht mit 65 getroffen hätte, erst mit 85 oder 90 auftritt, hat die Medizin zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre gewonnen.

Nicht Ewigkeit.

Zeit.

Und plötzlich bekommt das Wort „Lebensverlängerung“ für mich eine andere Bedeutung.


Nicht länger sterben – länger leben

Wir benutzen häufig den Begriff Lebenserwartung.

Aber vielleicht ist ein anderer Begriff wichtiger:

Gesundheitsspanne.

Es geht nicht allein darum, möglichst viele Jahre zu erreichen.

Entscheidend ist, wie viele dieser Jahre wir selbstständig, geistig wach, beweglich, neugierig und möglichst frei von schweren Erkrankungen verbringen können.

Hundert Jahre alt zu werden, aber die letzten zwanzig davon schwer krank zu sein, wäre ein zweifelhafter Triumph der Medizin.

Das eigentliche Ziel müsste deshalb heißen:

Nicht nur das Leben verlängern, sondern das gesunde Leben.

Und hier wird die Forschung plötzlich erstaunlich unspektakulär.

Denn vieles von dem, was uns helfen kann, kennen wir längst.

Bewegung.

Ausgewogene Ernährung.

Nicht rauchen.

Vorsorge.

Schlaf.

Soziale Beziehungen.

Geistige Aktivität.

Ein vernünftiger Umgang mit Stress.

Keine Zauberformel.

Keine Pille zur Unsterblichkeit.

Der menschliche Körper scheint viel stärker von unserem alltäglichen Verhalten beeinflusst zu werden, als es die großen Versprechen der Anti-Aging-Industrie vermuten lassen.


Der Mensch will verhandeln

Vielleicht fasziniert mich Longevity deshalb so sehr, weil darin ein uralter menschlicher Wunsch sichtbar wird:

Wir wollen mit unserer Endlichkeit verhandeln.

Wir wissen, dass wir sterben müssen.

Aber wir fragen:

Muss es schon sein?

Die moderne Medizin antwortet darauf nicht mit einem Versprechen auf Ewigkeit.

Sie antwortet bescheidener:

Vielleicht können wir noch etwas Zeit gewinnen.

Ein Jahr.

Fünf Jahre.

Zehn gesunde Jahre.

Und möglicherweise werden es durch medizinischen Fortschritt irgendwann noch mehr.

Ich empfinde diese Bescheidenheit nicht als Niederlage.

Im Gegenteil.

Sie macht die Forschung glaubwürdig.


Und dann kommt die Künstliche Intelligenz

Nun tritt ein weiterer Akteur hinzu.

Die KI.

Sie kann riesige Mengen medizinischer Daten analysieren, Muster erkennen und möglicherweise Zusammenhänge entdecken, die ein einzelner Mensch niemals überblicken könnte.

Vielleicht erkennt sie eines Tages einen Tumor, bevor er gefährlich wird.

Vielleicht kann sie individuelle Risiken früher bestimmen.

Vielleicht hilft sie, Therapien stärker auf den einzelnen Menschen zuzuschneiden.

Dann würde Künstliche Intelligenz nicht den Menschen ersetzen.

Sie würde etwas zutiefst Humanes tun:

Sie könnte ihm Zeit schenken.

Für mich wäre das eine der überzeugendsten Anwendungen des Digitalen Humanismus.

Technik nicht um ihrer selbst willen.

Technik im Dienst des Menschen.


Aber wofür?

Und genau hier beginnt meine eigentliche Frage.

Nehmen wir an, die Wissenschaft schafft es tatsächlich.

Wir werden nicht nur älter, sondern bleiben länger gesund.

Vielleicht erreichen viele Menschen künftig 90, 100 oder sogar mehr Jahre bei guter körperlicher und geistiger Verfassung.

Dann stellt sich eine Frage, die kein Labor beantworten kann:

Wofür wollen wir diese zusätzliche Zeit?

Das ist für mich der Punkt, an dem die Molekularbiologie endet und die Philosophie beginnt.

Denn zehn zusätzliche Lebensjahre besitzen noch keinen Sinn, nur weil sie zusätzlich sind.

Zeit ist zunächst nur Zeit.

Erst der Mensch gibt ihr Bedeutung.


Die gestundete Zeit

Je älter ich werde, desto weniger erscheint mir Zeit als etwas Selbstverständliches.

Als junger Mensch denkt man:

Ich habe Zeit.

Später verändert sich der Satz.

Dann heißt es:

Ich habe noch Zeit.

Ein einziges Wort verändert die Perspektive.

„Noch.“

Darin steckt Endlichkeit.

Aber auch Dankbarkeit.

Denn gestundete Zeit bedeutet nicht verlorene Zeit.

Sie bedeutet:

Zeit, die noch da ist.

Zeit zum Denken.

Zeit zum Schreiben.

Zeit zum Lernen.

Zeit zum Lieben.

Zeit zum Widersprechen.

Zeit zum Staunen.

Zeit, um etwas weiterzugeben.

Vielleicht liegt genau darin die Verbindung zwischen Longevity und meiner Suche nach dem Sinn des Lebens.


Die paradoxe Hoffnung

Ich möchte nicht unsterblich sein.

Unsterblichkeit erscheint mir inzwischen sogar als eine erschreckende Vorstellung.

Denn wenn alles unendlich verfügbar wäre, verlöre möglicherweise gerade das seinen Wert, was das Leben kostbar macht:

seine Begrenzung.

Ein Sonnenuntergang berührt uns auch deshalb, weil er vergeht.

Eine Begegnung ist kostbar, weil sie nicht beliebig wiederholbar ist.

Ein Leben erhält Kontur, weil es einen Anfang und ein Ende besitzt.

Und trotzdem möchte ich leben.

Natürlich.

Möglichst lange.

Möglichst gesund.

Möglichst neugierig.

Darin sehe ich keinen Widerspruch.

Vielleicht ist es sogar die menschlichste aller Ambivalenzen:

Wir akzeptieren unsere Endlichkeit – und versuchen trotzdem, ihr noch ein wenig Leben abzuringen.


Mein Fazit

Das Gespräch mit Hanna Heikenwälder hat meine Vorstellung von der gestundeten Zeit erweitert.

Biologie und Philosophie stehen sich nicht gegenüber.

Sie beantworten unterschiedliche Fragen.

Die Wissenschaft fragt:

Wie können wir dem Menschen mehr gesunde Jahre ermöglichen?

Die Philosophie fragt:

Was macht der Mensch mit diesen Jahren?

Beide Fragen gehören zusammen.

Denn vielleicht wird die Medizin der Zukunft unsere Lebenszeit tatsächlich verlängern.

Vielleicht hilft uns Künstliche Intelligenz dabei.

Vielleicht können wir Krankheiten immer früher erkennen und manche von ihnen Jahrzehnte hinausschieben.

Aber keine Technologie kann uns die entscheidende Aufgabe abnehmen.

Wir müssen selbst entscheiden, was wir mit der gewonnenen Zeit anfangen.

Deshalb würde ich Longevity heute nicht als Suche nach Unsterblichkeit verstehen.

Sondern als etwas viel Bescheideneres – und viel Menschlicheres:

den Versuch, aus gestundeter Zeit gelebte Zeit zu machen.

ODER: XOND STERBEN IST BESSER ALS KRANK STERBEN

Alte schwäbische Weisheit.

 

 

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