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Settembrini und Naphta – zwei Menschenbilder auf dem Zauberberg

Thomas Mann hat Settembrini und Naphta nicht als einfache Vertreter von Gut und Böse geschaffen. Beide sind hochgebildet, wortgewandt und von ihren Überzeugungen durchdrungen. Gerade deshalb eignen sie sich als Pole eines Menschenbild-Kompasses.

Sie kämpfen um die geistige Orientierung des jungen Hans Castorp. Ihr Streit handelt von Freiheit und Autorität, Vernunft und Glauben, Individuum und Ordnung, Fortschritt und Unterwerfung.

Lodovico Settembrini – der Pädagoge der Freiheit

Settembrini ist Italiener, Schriftsteller und Humanist. Er versteht sich als Erzieher und Aufklärer. Sein geistiger Horizont reicht zurück zur europäischen Aufklärung und zum Humanismus.

Er vertraut auf Vernunft, Bildung, Sprache, Fortschritt und die Fähigkeit des Menschen, selbst zu urteilen.

Für ihn ist der Mensch kein Material, aus dem Staat, Religion oder Ideologie etwas formen dürfen. Der Mensch besitzt die Fähigkeit zur Selbstbestimmung.

Deshalb versucht Settembrini immer wieder, Hans Castorp zum Denken zu bringen.

Er verlangt nicht einfach Gehorsam. Er argumentiert.

Darin liegt ein entscheidendes Merkmal des S-Pols:

Der andere Mensch soll überzeugt werden – nicht unterworfen.

Settembrini ist allerdings kein vollkommen widerspruchsfreier Humanist. Auch er kann pathetisch, belehrend und politisch kämpferisch auftreten. Gerade das macht ihn interessanter als eine idealisierte Figur.

Sein Grundimpuls bleibt jedoch:

Die Ordnung muss dem Menschen dienen.


Leo Naphta – die Wahrheit über dem Individuum

Naphta ist Settembrinis intellektueller Gegenspieler. Er ist Jesuit, hochgebildet, dialektisch brillant und keineswegs ein primitiver Fanatiker.

Gerade darin liegt seine Faszination.

Naphta misstraut dem liberalen Glauben an Vernunft, Fortschritt und individuelle Freiheit. Für ihn gibt es Wahrheiten und Ordnungen, die über dem einzelnen Menschen stehen können.

Der Mensch gewinnt seinen Platz innerhalb einer höheren Ordnung. Individuelle Freiheit besitzt für Naphta deshalb nicht denselben Vorrang wie für Settembrini.

Autorität, Disziplin und die Durchsetzung einer als wahr verstandenen Ordnung können wichtiger werden als die Selbstbestimmung des Einzelnen.

Hier liegt der N-Pol:

Nicht die Ordnung muss sich vor dem Menschen rechtfertigen – der Mensch muss sich vor der Ordnung rechtfertigen.

Naphta zeigt damit etwas Entscheidendes: Ein N-Menschenbild muss keineswegs aus mangelnder Bildung oder fehlender Intelligenz entstehen.

Es kann hochintelligent, philosophisch begründet und von seiner eigenen moralischen Richtigkeit überzeugt sein.


Der eigentliche Unterschied

Settembrini und Naphta können beide von Wahrheit sprechen.

Beide können von Verantwortung sprechen.

Beide können überzeugt sein, das Richtige zu vertreten.

Deshalb reichen Begriffe wie „vernünftig“, „gebildet“, „religiös“, „politisch“ oder „radikal“ nicht aus, um sie zu unterscheiden.

Der entscheidende Unterschied liegt tiefer:

Was geschieht mit dem einzelnen Menschen, wenn er der höheren Ordnung widerspricht?

Settembrinis Antwort tendiert dazu:

Die Ordnung muss Raum für den freien Menschen lassen.

Naphtas Antwort tendiert dazu:

Der Mensch muss sich der als wahr erkannten Ordnung fügen.

Damit erhalten S und N ihre eigentliche Bedeutung.

Settembrini – S

Mensch → Vernunft → Freiheit → Bildung → eigenes Urteil → Ordnung

Die Ordnung entsteht für den Menschen und muss sich an ihm rechtfertigen.

Naphta – N

höhere Wahrheit → Ordnung → Autorität → Gehorsam → Mensch

Der Mensch erhält seinen Platz innerhalb einer Ordnung, deren Anspruch über seinem individuellen Willen stehen kann.


Hans Castorp – die Kompassnadel

Zwischen diesen beiden Männern steht Hans Castorp.

Thomas Mann lässt seinen jungen Helden nicht einfach Settembrini folgen. Castorp hört Settembrini zu – und er hört Naphta zu.

Beide faszinieren ihn.

Beide irritieren ihn.

Er muss selbst urteilen.

Daraus entsteht das Bild des S–N-Kompasses:

Settembrini ist der S-Pol.
Naphta ist der N-Pol.
Hans Castorp ist die Kompassnadel.
Der Leser hält den Kompass in der Hand.


Thomas Mann – die Nadel wandert

Thomas Mann selbst zeigt, dass ein Menschenbild nicht für ein ganzes Leben unveränderlich sein muss.

Während des Ersten Weltkriegs vertrat er nationalkonservative Positionen und stand der westlich-parlamentarischen Demokratie skeptisch gegenüber.

Nach dem Krieg begann eine bemerkenswerte geistige Bewegung. 1922 bekannte er sich öffentlich zur Weimarer Republik. In den folgenden Jahren wurde seine Verteidigung der Demokratie immer entschiedener. Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus und schließlich im Exil entwickelte er sich zu einer weithin hörbaren Stimme gegen Diktatur und Menschenverachtung.

Auf dem S–N-Kompass lässt sich diese Entwicklung als Wanderung darstellen:

Thomas Mann 1914 → Mitte/N → 1922 → Mitte/S → 1930 → S → Exil → S+

Damit bekommt der Kompass eine zeitliche Dimension.

Er fragt nicht nur:

Wo steht ein Mensch?

Sondern auch:

In welche Richtung bewegt er sich?

Der S–N-Kompass kann damit nicht nur Positionen, sondern auch geistige Wandlungen sichtbar machen.

© Wolfgang Bossert · mypapergate.net
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