Die KI und ich
Was fast drei Jahre mit künstlicher Intelligenz mit meinem Denken gemacht haben
Bildidee: Wolfgang Bossert Ausführung Chatgpt
Eine Frage nach der Moral
Vor einigen Tagen stellte mir eine Freundin eine Frage, die mich nicht mehr losließ. Sie hatte sich intensiver mit künstlicher Intelligenz beschäftigt und schrieb mir sinngemäß:
Maschinen haben keine Moral. Wo liegen also die Grenzen?
Ich dachte zunächst: Natürlich hat eine Maschine keine Moral.
Aber warum erwarten wir sie überhaupt von ihr?
Als die ersten Taschenrechner aufkamen, fragte niemand, welches Menschenbild ein Taschenrechner habe. Er rechnete. Heute ist er längst in unserem Smartphone verschwunden. Und auch dieses Smartphone hat kein Bewusstsein und keine Moral, obwohl es uns Zugang zu einem großen Teil des verfügbaren Weltwissens eröffnet.
Mit der künstlichen Intelligenz scheint etwas anders geworden zu sein.
Warum?
Vielleicht weil sie Sprache benutzt.
Sie antwortet. Sie erklärt. Sie widerspricht. Sie ordnet Gedanken. Sie kann einen Dialog führen und dabei den Eindruck erwecken, als säße auf der anderen Seite jemand, der versteht.
Aber ist da wirklich jemand?
Nach meiner bisherigen Erfahrung lautet meine Antwort: Nein.
Und gerade deshalb interessiert mich die KI.
Am Anfang standen meine eigenen Gedanken
Seit dem 5. Oktober 2023 arbeite ich intensiv mit Texten und zunehmend auch mit künstlicher Intelligenz.
Meine Gedanken waren schon vorher da. Das Problem bestand eher darin, sie zu ordnen.
Ich schrieb, korrigierte, strich, ergänzte und stellte um. Ich kämpfte mit Satzbau, Grammatik und Wiederholungen. Was ist Hauptgedanke, was Nebensache? Wo schweife ich ab? Wo fehlt eine Verbindung? Wo habe ich denselben Gedanken schon drei Absätze zuvor formuliert?
Das war eine ungeheure Arbeit.
Dann entdeckte ich die KI als Werkzeug.
Ich konnte ihr einen ungeordneten Text geben und sagen:
Ordne meine Gedanken. Suche den roten Faden. Unterscheide Wesentliches von Nebensächlichem. Entferne Wiederholungen. Verbessere Grammatik, Orthografie und Satzbau. Aber verändere meine Aussage nicht.
Für mich war das eine Revolution.
Denn plötzlich konnte ich mich stärker mit der Frage beschäftigen, die mich eigentlich interessierte:
Was will ich sagen?
Die KI konnte Arbeiten übernehmen, die früher ein Lektor oder Redakteur übernommen hätte. Aber die Gedanken blieben meine Gedanken.
Wenn ein Satz nicht meiner Überzeugung entsprach, änderte ich ihn. Wenn die KI etwas hineininterpretierte, was ich nicht meinte, widersprach ich. Wenn sie einen interessanten Einwand formulierte, musste ich darüber nachdenken.
Und dabei geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
Je länger ich schrieb, desto deutlicher wurde mein eigener Stil.
Nicht die KI gab mir diesen Stil. Durch das ständige Schreiben, Prüfen, Widersprechen und Neuformulieren erkannte ich vielmehr immer genauer, wie ich selbst schreiben und denken möchte.
Dann baute ich eine Website – ohne Programmierer zu sein
Nachdem auf diese Weise fünf Bücher entstanden waren, begann das nächste Abenteuer.
Ich wollte meine eigene Website aufbauen.
Von Programmierung verstand ich wenig. Also machte ich wieder dasselbe: Ich fragte.
Wie funktioniert das?
Wie baue ich diese Seite?
Wie ordne ich meine Themen?
Warum funktioniert diese Einstellung nicht?
Wie lässt sich das technisch lösen?
Die KI wurde zu meinem persönlichen technischen Helfer. Das notwendige Wissen eignete ich mir im Dialog Schritt für Schritt selbst an. Mit WordPress stand mir gleichzeitig ein leistungsfähiges Werkzeug zur Verfügung.
Seit Oktober 2025 arbeite ich intensiv an dieser Plattform.
Warum?
Weil ich meine Gedanken nicht nur in gedruckten Büchern aufbewahren wollte. Ich wollte sie im World Wide Web zugänglich machen – kostenlos für jeden, der sie lesen möchte.
Inzwischen stehen dort ungefähr 350 Essays und elf digitale Bücher.
Und Menschen lesen sie.
Bis heute verzeichnet meine Website 5.723 Aufrufe von 1.206 Besuchern. Das entspricht rechnerisch rund 4,75 Aufrufen je Besucher.
Natürlich weiß ich dadurch noch nicht, was ein einzelner Mensch wirklich gelesen oder gedacht hat. Aber ich sehe, welche Themen aufgerufen werden. Ich sehe, dass Menschen kommen und verschiedene Seiten öffnen.
Lange habe ich darüber geklagt, dass mir Resonanz fehlt.
Vielleicht muss ich mich korrigieren.
Das ist Resonanz.
Nur noch nicht jene persönliche Resonanz, nach der ich mich zusätzlich sehne: ein Widerspruch, eine Frage, eine E-Mail, ein neuer Gedanke.
Vom digitalen Buch zum Buch, das antwortet
Aber auch damit war die Entwicklung nicht beendet.
Irgendwann fragte ich mich:
Warum soll ein digitales Buch eigentlich nur gelesen werden? Warum kann der Leser ihm nicht auch Fragen stellen?
Daraus entwickelte sich meine Vorstellung vom Digitalen Buch, das antwortet.
Und daraus wiederum entstanden semantische Dialoge.
Sie sind besonders interessant bei Menschen, die selbst umfangreiche geistige Spuren hinterlassen haben: Bücher, Briefe, Tagebücher, Reden, Interviews, Essays und andere dokumentierte Äußerungen.
Natürlich spreche ich dabei nicht wirklich mit Thomas Mann, Erasmus, Kant oder Cassirer.
Das wäre eine Täuschung.
Die KI kann aber deren überliefertes Denken erschließen, Zusammenhänge herstellen und auf dieser Grundlage mögliche Antworten rekonstruieren.
Damit entsteht etwas Neues: kein Gespräch mit dem verstorbenen Menschen, sondern ein semantischer Dialog mit seinem dokumentierten Denken.
Wir hinterlassen nicht nur Daten. Wir hinterlassen Gedanken.
Hier beginnt für mich eine Entwicklung, die weit über das hinausgeht, was wir bisher unter Datensammlung verstanden haben.
Digitale Unternehmen können längst gewaltige Mengen an Verhaltensdaten sammeln. Was kaufen wir? Was suchen wir? Welche Seiten besuchen wir? Was interessiert uns?
Das ergibt ein Konsum- und Verhaltensprofil.
Aber Menschen hinterlassen noch eine andere Art von Daten.
Sie schreiben.
Ein Mensch, der über Jahrzehnte Bücher, Briefe, Essays, Kommentare oder Tagebücher verfasst, hinterlässt eine geistige Spur.
Welche Begriffe benutzt er?
Welche Werte kehren wieder?
Wie argumentiert er?
Was lehnt er ab?
Wo widerspricht er sich?
Hat sich sein Denken im Laufe seines Lebens verändert?
Je umfangreicher diese sprachlichen Hinterlassenschaften sind, desto differenzierter kann ein semantisches Modell seines dokumentierten Denkens werden.
Das ist nicht der Mensch.
Es besitzt weder sein Bewusstsein noch seine Gefühle, seine Erinnerung oder seine Lebenserfahrung.
Aber es kann etwas von seiner geistigen Signatur sichtbar machen.
KI hat sogar mein Lesen verändert
Auch mein Umgang mit Büchern hat sich dadurch verändert.
Ich muss einen Text heute nicht mehr unbedingt zunächst vollständig linear lesen, um seine Struktur zu erkennen. Wenn mir ein Text rechtmäßig digital zur Verfügung steht, kann ich ihn mit KI erschließen: Inhaltsangabe, zentrale Thesen, Argumentationslinien, Personen, Widersprüche, historische Bezüge.
Dann kann ich dort tiefer einsteigen, wo es für meine Fragestellung interessant wird.
Das bedeutet für mich nicht: Die KI liest, damit ich nicht mehr denken muss.
Im Gegenteil.
Sie hilft mir zu entscheiden, wo ich genauer lesen und selbst urteilen möchte.
Denn spätestens wenn ich einen Autor beurteilen, eine These überprüfen oder eine Aussage zitieren möchte, muss ich zurück zur Quelle.
Das Werkzeug erschließt.
Das Urteil bleibt bei mir.
Das FutureLab
Inzwischen denke ich noch einen Schritt weiter.
Im FutureLab experimentiere ich mit einer Vorstufe zu immersiven Präsentationen. Text, Bild, Sprache, historische Quellen und künstliche Intelligenz können miteinander verbunden werden.
Historische und kulturelle Persönlichkeiten können dadurch in einer bislang unbekannten Weise vermittelt werden.
Und hier beginnt für mich tatsächlich eine weitere Revolution.
Sie ist weniger sichtbar als die Dampfmaschine und vielleicht weniger spektakulär als das frühe Internet. Dennoch könnte sie langfristig ähnlich tiefgreifende Folgen haben.
Wir beginnen, digitale Persönlichkeiten zu erschaffen.
Nicht nur Programme.
Nicht nur Datenbanken.
Nicht nur Suchmaschinen.
Sondern digitale Erscheinungsformen, die mit Menschen kommunizieren, Fragen beantworten, Geschichten erzählen und als kulturelle Figuren auftreten können.
Gerade deshalb müssen wir sprachlich vorsichtig bleiben.
Diese digitalen Persönlichkeiten sind keine Menschen.
Sie haben kein eigenes Erleben. Kein menschliches Bewusstsein. Kein Gewissen.
Aber sie können den Eindruck davon erzeugen.
Und genau dort beginnt die ethische Frage.
Wo sitzt die Moral der Maschine?
Vielleicht ist die Frage falsch gestellt.
Die Maschine besitzt keine Moral.
Die moralische Verantwortung liegt bei den Menschen.
Bei denjenigen, die eine KI entwickeln.
Bei den Unternehmen, die sie betreiben.
Bei den Staaten, die ihre Regeln festlegen.
Und bei uns, die wir sie benutzen.
Damit wird auch Misstrauen wichtig.
Ich halte menschliches Misstrauen zunächst für etwas Positives. Es gehört zu unserem kritischen Verstand.
Wer sammelt meine Daten?
Was geschieht damit?
Welche wirtschaftlichen Interessen bestehen?
Kann Verhalten beeinflusst werden?
Kann KI zur politischen Manipulation benutzt werden?
Wer bestimmt ihre Regeln?
Und kann ich überprüfen, was sie mir erzählt?
Das sind keine Argumente gegen KI.
Es sind Argumente für einen mündigen Menschen.
Gefährlich werden für mich beide Extreme: das blinde Vertrauen in die Maschine und die blinde Angst vor ihr.
Der S–N-Kompass
Damit bin ich schließlich bei einer Frage angekommen, die mich inzwischen noch stärker beschäftigt als die Technik selbst:
Welches Menschenbild steht dahinter?
Dafür habe ich meinen S–N-Kompass entwickelt.
Die beiden Buchstaben gehen auf zwei Figuren aus Thomas Manns Zauberberg zurück: Lodovico Settembrini und Leo Naphta.
Settembrini steht für mich als literarischer Pol für Humanismus, Aufklärung, Freiheit, Vernunft und die Selbstbestimmung des Menschen.
Naphta verkörpert den Gegenpol: die Unterordnung des einzelnen Menschen unter eine höhere Wahrheit, Ideologie oder Ordnung.
Daraus entstand meine eigentliche Frage:
Dient die Ordnung dem Menschen – oder dient der Mensch der Ordnung?
Heute prüfe ich Texte nach Kriterien wie Menschenwürde, Gleichwertigkeit, Freiheit, Zweck oder Mittel, Dialogfähigkeit und Wahrheitsverhältnis.
Das lässt sich auch auf politische Aussagen anwenden. Dabei möchte ich gerade nicht vorher festlegen, welche Partei S und welche N ist. Interessanter ist, dieselben Fragen an unterschiedliche politische Richtungen und konkrete Aussagen zu stellen.
Wird der politische Gegner weiterhin als gleichwertiger Mensch und legitimer Gesprächspartner behandelt?
Darf er widersprechen?
Kann die eigene Position falsch sein?
Oder beansprucht eine Seite eine Wahrheit, der sich der Mensch unterzuordnen hat?
Gerade in einer polarisierten Demokratie können solche Fragen wichtiger sein als das Parteietikett.
Und was hat die KI mit mir gemacht?
Nach fast drei Jahren kann ich darauf eine vorläufige Antwort geben.
Am Anfang brauchte ich KI, um meine Sätze zu ordnen.
Dann half sie mir, Bücher zu strukturieren.
Danach half sie mir, eine Website aufzubauen.
Aus der Website wurde eine digitale Bibliothek.
Aus der Bibliothek entstand das Digitale Buch, das antwortet.
Daraus entwickelten sich semantische Dialoge und das FutureLab.
Und schließlich begann ich, mit Hilfe dieses Werkzeugs nicht mehr nur Texte, sondern mein eigenes Denken und mein Menschenbild zu untersuchen.
Vielleicht ist das die überraschendste Erfahrung dieser Jahre:
Die KI hat mir nicht gesagt, was ich denken soll.
Sie hat mir geholfen, genauer zu erkennen, was ich selbst denke.
Deshalb lautet meine Antwort auf die Frage nach der Zukunft der künstlichen Intelligenz inzwischen nicht mehr:
Wie menschlich wird die Maschine?
Mich interessiert eine andere Frage viel mehr:
Bleibt der Mensch Mensch?
Das ist für mich Digitaler Humanismus.
Und vielleicht ist es auch die wichtigste Aufgabe dieser neuen technischen Revolution:
Die Möglichkeiten der Maschine zu nutzen, ohne ihr das zu überlassen, was beim Menschen bleiben muss – Urteil, Verantwortung, Würde und Gewissen.
Settembrini und Naphta – zwei Menschenbilder auf dem Zauberberg
