Bild; Peter und Alison Klein aus der Autobiografie „Panta Rhei“
1. Ich kannte Peter Klein
Ich kannte Peter Klein. Von Kundesbeinen an.
Aber während ich diese Zeilen schreibe, frage ich mich: Welchen Peter Klein kannte ich eigentlich?
Den Unternehmer kannte ich. Unsere Wege kreuzten sich vor vielen Jahrzehnten, als wir beide in einer Welt lebten, in der Aufträge, Termine, Kosten, Wachstum und unternehmerischer Erfolg den Takt vorgaben.
Später kannte ich Peter Klein aus einer anderen Perspektive. Aus dem erfolgreichen Unternehmer war ein bedeutender Kunstsammler und Mäzen geworden. Gemeinsam mit seiner Frau Alison baute er eine außergewöhnliche Sammlung auf. In Nussdorf, meinem Heimatort, entstand mit dem KUNSTWERK ein Ort, an dem diese Leidenschaft sichtbar wurde.
Doch jetzt, nach seinem Tod, begegne ich noch einem dritten Peter Klein.
Dem Peter Klein, der über sich selbst nachdachte.
Er hat eine umfangreiche Autobiografie hinterlassen. Und je mehr ich darin lese, desto weniger interessiert mich die bloße Chronologie seines Erfolgs. Mich interessieren die Stellen, an denen er innehält und sich selbst betrachtet.
Da schreibt ein Mann über den jungen Unternehmer, der er einmal gewesen ist. Er beschönigt ihn nicht. Rückblickend bezeichnet er sich als egoistisch und kapitalistisch geprägt. Und er erzählt davon, wie sich sein Denken veränderte – durch die Anthroposophie, durch andere Menschen und, wie sich in seiner Lebensgeschichte zeigt, auch durch seine immer intensivere Begegnung mit der Kunst. Achtung, Wertschätzung und Menschlichkeit wurden für ihn zu wichtigen Maßstäben. Peter Klein Autobiografie 3
Das hat mich neugierig gemacht.
Denn auch ich habe Peter nicht zu jedem Zeitpunkt seines Lebens gleich erlebt. Und auch mein eigenes Leben hat sich verändert.
Vielleicht liegt darin der eigentliche Grund für diesen Essay.
Ich möchte Peter Klein nicht nachträglich zum vollkommenen Menschen erklären. Eine Hommage sollte kein Denkmal aus Marmor errichten. Sie darf Widersprüche stehen lassen.
Mich interessiert etwas anderes:
Kann ein Mensch sein Menschenbild verändern?
Kann ein Unternehmer, dessen Denken von Wettbewerb, Erfolg und Durchsetzung geprägt wurde, Jahrzehnte später anders auf Menschen, Besitz und Verantwortung schauen?
Und welche Rolle spielte dabei die Kunst?
Peter selbst liefert dafür einen bemerkenswerten Hinweis. Als er am Ende seines Lebens nach seiner größten Lebensleistung gefragt wird, nennt er nicht Rectus. Er nennt auch nicht die Kunstsammlung.
Seine Antwort lautet:
„Meine Familie!“ Peter Klein Autobiografie 3
Vielleicht beginnt genau dort die Frage, die über Peter Klein hinausgeht.
Ein Unternehmen kann verkauft werden.
Vermögen wechselt seinen Besitzer.
Kunstwerke überleben den Sammler.
Aber was bleibt von einem Menschen?
Das möchte ich Peter fragen.
Und weil ich ihn nicht mehr persönlich fragen kann, werde ich etwas versuchen, das zu unserer Zeit passt: einen semantischen Dialog.
Ich stelle Peter meine Fragen von heute. Antworten soll nicht irgendein von einer künstlichen Intelligenz erfundener Peter Klein. Grundlage sind seine eigenen autobiografischen Aussagen, seine öffentlich dokumentierten Äußerungen und das, was sein Leben erkennen lässt. Wo wir interpretieren, soll es Interpretation bleiben.
So kann ein Gespräch entstehen, das zu seinen Lebzeiten nie stattgefunden hat.
Vielleicht aber eines, das wir hätten führen sollen.
Dann folgt jetzt die äußere Biografie. Ich würde sie bewusst erzählerisch halten: keine Lexikonbiografie, sondern die Lebensstationen, die wir später für den Dialog brauchen.
2. Wer war Peter Klein?
Peter W. Klein wurde 1947 geboren. Wer seinen späteren Lebensweg betrachtet – Unternehmer, international erfolgreicher Firmenchef, Kunstsammler und Mäzen –, könnte leicht den Eindruck gewinnen, dieser Weg sei von Anfang an vorgezeichnet gewesen.
Seine eigene Autobiografie vermittelt ein anderes Bild.
Peter Klein kam nicht aus einer Welt großer Unternehmen, bedeutender Kunstsammlungen oder kultureller Institutionen. Seine Herkunft war wesentlich bodenständiger. Gerade deshalb ist der Weg bemerkenswert, der ihn schließlich an die Spitze von Rectus führte.
Rectus wurde zum Mittelpunkt seines beruflichen Lebens. Aus einem technisch und handwerklich geprägten Unternehmen entwickelte sich unter seiner Führung ein international tätiger Hersteller. Peter Klein war dabei kein Unternehmer auf Distanz. Produktentwicklung, Produktion, Vertrieb, internationale Märkte und die Menschen des Unternehmens gehörten zu einer Welt, die ihn über Jahrzehnte bestimmte.
Er war ehrgeizig.
Er wollte wachsen.
Und er wollte erfolgreich sein.
Dass dieser Erfolg seinen Preis hatte, verschweigt er in seiner späteren Rückschau nicht. Gerade darin liegt eine Stärke seiner Autobiografie: Peter Klein erzählt seine Unternehmensgeschichte nicht ausschließlich als Heldengeschichte. Er berichtet auch von Schwierigkeiten, Risiken und Entscheidungen und fragt rückblickend, was für ein Mensch dieser Unternehmer eigentlich gewesen war. Peter KLein Autobiografie 2
Alison und die Kunst
Zu diesem Lebensweg gehört untrennbar Alison Klein.
Denn die Geschichte des Kunstsammlers Peter Klein ist keine Geschichte Peters allein. Aus der Beschäftigung mit Kunst entwickelte sich eine gemeinsame Leidenschaft.
Auch hier war der Weg nicht vorgezeichnet.
Peter beschreibt in seiner Autobiografie, wie er Kunst zunächst kaufte, ohne bereits jenes geschulte Urteil zu besitzen, das er später entwickelte. Begegnungen mit Galeristen und Künstlern, Atelierbesuche und die zunehmende Beschäftigung mit einzelnen Werken veränderten seinen Blick.
Er lernte Kunst.
Oder vielleicht genauer:
Er lernte sehen. Peter KLein Autobiografie 2
Aus einzelnen Erwerbungen entstand mit den Jahren eine bedeutende Sammlung zeitgenössischer Kunst.
Dabei begegneten Alison und Peter Klein Künstlern mit völlig unterschiedlichen Ausdrucksformen. Malerei stand neben Skulptur und Objektkunst. Gegenständliches neben Abstraktion. International bekannte Namen neben Künstlerinnen und Künstlern, die erst entdeckt werden wollten.
Und irgendwann genügte es offenbar nicht mehr, Kunst nur zu besitzen.
Sie sollte gesehen werden.
Das KUNSTWERK
Daraus entstand in Nussdorf das KUNSTWERK.
Für mich besitzt dieser Ort noch eine zusätzliche Bedeutung. Er befindet sich nicht irgendwo in Düsseldorf, Berlin, Basel oder New York.
Er befindet sich in Nussdorf.
In jenem Ort, in dem auch ich lebe.
Aus einer privaten Leidenschaft wurde damit etwas Öffentliches. Menschen konnten den Werken begegnen, die Alison und Peter Klein über Jahre zusammengetragen hatten.
Und damit verändert sich auch die Bedeutung des Wortes Besitz.
Ein Sammler kauft ein Kunstwerk. Juristisch gehört es ihm.
Aber gehört ihm deshalb auch die Kunst?
Diese Frage wird uns noch beschäftigen.
Denn Peter Klein sammelte nicht nur Bilder, die unmittelbar verständlich oder dekorativ waren. In seiner Sammlung begegnen uns Werke, vor denen ein unvorbereiteter Betrachter durchaus fragen kann:
Warum ist das Kunst?
Und damit sind wir bereits bei Günther Uecker.
Bei seinen Nägeln.
Vielleicht könnte man sagen:
Jetzt machen wir Nägel mit Köpfen.
Denn vor einem solchen Werk möchte ich Peter eine Frage stellen, die wahrscheinlich schon unzählige Museumsbesucher gedacht haben:
Peter, wer entscheidet eigentlich, was Kunst ist – und was weg kann?
Doch bevor ich ihm diese Frage stelle, interessiert mich noch etwas anderes.
Wie wurde aus dem Unternehmer überhaupt dieser Sammler?
Nicht der Kontostand erklärt das.
Geld ermöglicht den Kauf eines Kunstwerks.
Es erklärt aber nicht, warum ein Mensch es haben möchte.
Und genau dort beginnt für mich die interessantere Biografie Peter Kleins.
Nicht mehr die Geschichte dessen, was er erreicht hat.
Sondern die Geschichte dessen, was ihn erreicht hat.
3. Peter und ich – Zwei Unternehmer
Peter Klein und ich begegneten uns nicht zuerst über die Kunst.
Wir begegneten uns als Unternehmer.
Es war 1976. Ich war noch ein junger Firmenchef. MERBETH & BOSSERT erhielt von Rectus den Auftrag, eine Firmenbroschüre herzustellen. Für mich war das ein bedeutender Auftrag. Rectus war ein interessanter Kunde, Peter Klein ein Unternehmer, der wusste, was er wollte.
Das ursprüngliche Angebot lag bei ungefähr ..,… DM.
Während der Arbeit veränderte sich jedoch das Projekt. Zusätzliche Seiten kamen hinzu, Korrekturen wurden vorgenommen, der Umfang wuchs. Am Ende stellte ich eine wesentlich höhere Summe DM in Rechnung.
Peter Klein bezahlte nach meiner Erinnerung lediglich die ursprünglich angebotene Summe.
Das hat mich geärgert.
Mehr noch: Es hat mich verletzt.
Ich empfand die Sache damals nicht als Auseinandersetzung zweier gleich starker Geschäftspartner. Ich war der jüngere Unternehmer und hatte das Gefühl, dass der erfahrenere sich durchgesetzt hatte.
Diese Erinnerung blieb.
Warum erzähle ich sie in einer Hommage?
Gerade weil es eine Hommage ist.
Ich möchte Peter Klein nicht nachträglich schöner zeichnen, als ich ihn erlebt habe. Und ich möchte auch meine eigene Erinnerung nicht umschreiben, nur weil ich heute auf sein gesamtes Leben zurückblicke.
Eine Hommage ist für mich keine Heiligsprechung.
Sie ist der Versuch, einen Menschen als Menschen ernst zu nehmen.
Und Menschen haben Widersprüche.
Der Peter von damals
Jahrzehnte später lese ich nun Peters Autobiografie.
Und plötzlich geschieht etwas Merkwürdiges.
Der alte Peter Klein begegnet dem jungen Peter Klein, den ich gekannt hatte.
Er schreibt über seine frühere Lebenseinstellung mit einer Offenheit, die mich überrascht. Während seiner Schulzeit sei das Leben für ihn mehr oder weniger eine Überlebensstrategie gewesen. Als er älter wurde und Verantwortung übernahm, habe er mehr über sich und seine Umwelt nachgedacht.
Und dann schreibt er über den Unternehmer, der er einmal war.
Er sei, bevor er mit der Lehre Rudolf Steiners in Berührung gekommen sei, „sicherlich ein egoistischer und kapitalistischer Unternehmer“ gewesen.
Das schreibt nicht Wolfgang Bossert über Peter Klein.
Das schreibt Peter Klein über Peter Klein. Peter Klein Autobiografie 3
Dieser Unterschied ist mir wichtig.
Denn nun könnte ich es mir einfach machen und sagen:
Siehst du, Peter, genau so habe ich dich damals erlebt.
Aber das wäre zu billig.
Denn ich war ebenfalls Unternehmer.
Auch ich musste mich durchsetzen. Auch ich wollte Aufträge gewinnen, Mitarbeiter führen, investieren, wachsen und erfolgreich sein. Auch ich habe Entscheidungen getroffen, die andere Menschen anders beurteilt haben werden als ich selbst.
Mit fast fünfzig Jahren Abstand interessiert mich deshalb nicht mehr, wer damals recht hatte.
Mich interessiert etwas anderes.
Kann ein Mensch sich verändern?
Peter beschreibt diese Veränderung selbst.
Die Anthroposophie habe seine Lebenseinstellung stark beeinflusst. Er sei dadurch zwar nicht zum großen Wohltäter geworden, schreibt er sinngemäß, aber er habe gelernt, sein Leben mit mehr Achtung, Wertschätzung und Menschlichkeit zu führen.
Und dann folgt ein Satz, den ich bei einem erfolgreichen Unternehmer bemerkenswert finde:
Er habe rechtzeitig begriffen, dass er ohne seine Mitarbeiter wertlos sei.
Deshalb habe er versucht, ihnen Freiräume zu geben, damit sie sich auch im Arbeitsleben entwickeln konnten. Peter Klein Autobiografie 3
Hier begegnet mir nicht mehr der Peter Klein von 1976.
Oder vielleicht sollte ich genauer sagen:
Hier begegnet mir derselbe Mensch – fast ein halbes Jahrhundert später.
Mit Erfahrungen.
Mit Erfolgen.
Mit Fehlern.
Und mit der Fähigkeit, auf den Menschen zurückzublicken, der er einmal gewesen war.
Das interessiert mich heute mehr als unsere alte Rechnung.
Vielleicht besteht menschliche Entwicklung nämlich nicht darin, seine Vergangenheit nachträglich umzuschreiben.
Vielleicht besteht sie darin, sagen zu können:
So war ich. Heute sehe ich manches anders.
Und deshalb möchte ich Peter jetzt zum ersten Mal in diesem Essay selbst befragen.
Der Dialog beginnt
WOLFGANG
Peter, wir kannten uns als Unternehmer.
Ich erinnere mich noch heute an unsere Auseinandersetzung um die Rectus-Broschüre. Ich fühlte mich damals von dir überfahren.
Nun lese ich Jahrzehnte später deine Autobiografie und finde darin deine eigene Beschreibung des jungen Unternehmers Peter Klein.
Du nennst ihn egoistisch und kapitalistisch.
Deshalb möchte ich dich etwas fragen:
Warst du am Ende deines Lebens ein anderer Peter Klein als der Mann, dem ich damals begegnet bin?
PETER
Vielleicht war ich nicht ein anderer Mensch, Wolfgang.
Aber ich hatte mehr erlebt.
Als junger Unternehmer wollte ich vorankommen. Ich wollte Erfolg. Ich musste mich behaupten. Vieles habe ich damals wahrscheinlich ausschließlich aus dieser Perspektive gesehen.
Später kamen andere Erfahrungen hinzu.
Ich begann anders über Menschen nachzudenken. Darüber, was Mitarbeiter für ein Unternehmen bedeuten. Über Vertrauen und Freiheit. Über Verantwortung.
Und vielleicht musste ich erst älter werden, um manches davon zu verstehen.
WOLFGANG
Und unsere Geschichte von damals?
PETER
Die kann ich dir heute nicht mehr erklären.
Du erinnerst dich an sie so.
Und deine Erinnerung gehört zu unserer gemeinsamen Geschichte.
Aber vielleicht ist etwas anderes wichtiger:
Was hast du daraus gemacht?
WOLFGANG
Das ist eine gute Gegenfrage.
Ich habe gelernt, vorsichtiger zu werden.
Verträge genauer zu betrachten. Entwicklungen zu schützen. Nicht darauf zu vertrauen, dass der andere eine geschäftliche Situation genauso beurteilt wie ich.
Vielleicht hast du mir damals unfreiwillig etwas beigebracht.
PETER
Dann war selbst unser Konflikt nicht nutzlos.
WOLFGANG
Nein.
Aber entschuldigt ist er deshalb noch lange nicht.
PETER
Das habe ich auch nicht verlangt.
4. Nägel mit Köpfen – Wer entscheidet, was Kunst ist?
Mit Kunst ist es merkwürdig.
Vor einem Bild von Otto Dix würde wohl kaum jemand auf die Idee kommen, seine handwerkliche Fähigkeit infrage zu stellen. Man kann das Bild mögen oder ablehnen, man kann von seiner Aussage berührt oder abgestoßen sein – aber man erkennt unmittelbar: Hier hat jemand etwas geschaffen, das ich selbst nicht ohne Weiteres schaffen könnte.
Bei der modernen und zeitgenössischen Kunst wird es schwieriger.
Da stehen wir plötzlich vor Nägeln.
Günther Uecker machte sie zu einem seiner charakteristischen künstlerischen Mittel. Nägel werden aus ihrem alltäglichen Zusammenhang genommen, in Flächen getrieben, bilden Strukturen, Schatten, Bewegung.
Und irgendwann steht der unbefangene Betrachter davor und denkt jenen inzwischen sprichwörtlichen Satz:
Ist das Kunst – oder kann das weg?
Peter Klein besaß solche Kunst.
Also machen wir Nägel mit Köpfen.
Wer entscheidet?
WOLFGANG
Peter, wer entscheidet eigentlich, was Kunst ist?
Der Künstler?
Der Galerist?
Das Museum?
Der Sammler?
Oder entscheidet es am Ende derjenige, der bereit ist, sehr viel Geld dafür zu bezahlen?
PETER
Warum muss das überhaupt einer entscheiden?
WOLFGANG
Weil jemand entscheidet.
Ein Künstler schafft etwas.
Dann kommt vielleicht ein Galerist und stellt es aus. Ein Sammler kauft es. Ein Museum übernimmt es. Ein Kunsthistoriker schreibt darüber.
Und irgendwann steht auf einem kleinen Schild an der Wand ein berühmter Name.
Dann betrachten wir dasselbe Objekt plötzlich anders.
PETER
Natürlich spielt das eine Rolle.
Auch ich musste lernen.
Als ich mit dem Sammeln begann, hatte ich keineswegs von Anfang an ein sicheres Urteil. Ich begegnete Galeristen und Künstlern, besuchte Ateliers, sah immer mehr Arbeiten und entwickelte erst allmählich meinen eigenen Blick.
WOLFGANG
Du hast also Kunst sehen gelernt?
PETER
Ja.
Zumindest würde ich sagen: Ich habe gelernt, genauer hinzusehen.
Genau diesen Lernprozess beschreibt Peter in seiner Autobiografie. Sein Verhältnis zur Kunst entstand nicht als fertiges Kennertum. Erfahrungen, Galeristenkontakte, Künstlerbegegnungen und Atelierbesuche schärften sein Urteil erst im Laufe der Zeit. Peter KLein Autobiografie 2
Kann man Geschmack lernen?
WOLFGANG
Da werde ich misstrauisch, Peter.
Wenn ein Galerist mir erklärt, warum ein Werk bedeutend ist – lerne ich dann Kunst sehen oder lerne ich die Regeln des Kunstbetriebs?
PETER
Das eine schließt das andere nicht aus.
Ein guter Galerist kann dich auf etwas aufmerksam machen, das du bisher nicht gesehen hast.
Aber sehen musst du selbst.
WOLFGANG
Und wenn ich danach immer noch sage: Das gefällt mir nicht?
PETER
Dann gefällt es dir nicht.
WOLFGANG
Das ist erstaunlich einfach.
PETER
Vielleicht verwechseln wir zwei Dinge.
„Das gefällt mir nicht“ ist ein persönliches Urteil.
„Das ist keine Kunst“ ist ein Urteil über das Werk.
Für das zweite sollte man vielleicht etwas mehr wissen.
WOLFGANG
Dann muss ich Kunst also nicht mögen, um sie als Kunst anzuerkennen?
PETER
Warum solltest du?
Und was ist mit dem Preis?
WOLFGANG
Jetzt kommt der Unternehmer in mir wieder zum Vorschein.
Was ist ein Uecker wert?
PETER
So viel, wie jemand dafür bezahlt.
WOLFGANG
Das ist aber der Marktpreis.
Ich frage nach dem Wert.
PETER
Dann hast du dir die Antwort schon selbst gegeben.
Preis und Wert sind nicht dasselbe.
WOLFGANG
Aber der Kunstmarkt tut manchmal so, als wären sie es.
Ein Künstler wird entdeckt. Galerien vertreten ihn. Museen zeigen ihn. Auktionsergebnisse steigen. Plötzlich kostet ein Werk hundertmal so viel wie einige Jahre zuvor.
Ist das Werk hundertmal besser geworden?
PETER
Nein.
Das Werk ist dasselbe geblieben.
Warum muss man das Original besitzen?
WOLFGANG
Und damit kommen wir zu einer Frage, die mich schon länger beschäftigt.
Warum wolltest du überhaupt die Originale besitzen?
Ich kann einen Otto Dix in einem ausgezeichneten Kunstband betrachten. Heute kann ich ihn digital vergrößern und Details erkennen, die mir im Museum vielleicht entgehen.
Warum also das Original?
PETER
Weil eine Reproduktion ein Kunstwerk zeigt.
Das Original ist das Kunstwerk.
WOLFGANG
Aber muss es deshalb mir gehören?
PETER
Nein.
Das ist eine andere Frage.
WOLFGANG
Dann frage ich anders:
Warum sammelt ein Mensch?
Jetzt wird es stiller.
Denn damit verlassen wir allmählich den Kunstmarkt.
Ein Sammler besitzt nicht einfach Gegenstände. Er wählt aus. Unter Tausenden von Werken entscheidet er sich für einige wenige.
Warum gerade diese?
Was erkennt er darin?
Und was verrät diese Auswahl über ihn selbst?
Vielleicht sammelt der Sammler sich selbst
WOLFGANG
Peter, vielleicht hast du gar nicht nur Kunst gesammelt.
Vielleicht hast du mit jedem Werk auch etwas über dich selbst gesammelt.
PETER
Wie meinst du das?
WOLFGANG
Nimm deine Sammlung.
Warum dieses Bild und nicht jenes?
Warum Uecker?
Warum ein anderes Werk, das mich vielleicht völlig kaltlässt?
Du hast dich entschieden.
Dann erzählt deine Sammlung nicht nur etwas über die Künstler.
Sie erzählt auch etwas über Peter Klein.
PETER
Das könnte sein.
WOLFGANG
Dann wäre eine Kunstsammlung so etwas wie eine Autobiografie ohne Worte.
PETER
Eine interessante Vorstellung.
WOLFGANG
Und dann wird auch verständlich, weshalb man das Original haben möchte.
Nicht unbedingt, weil man sagen möchte:
Das gehört mir.
Sondern vielleicht:
Damit möchte ich leben.
5. Peter, was hat dich verändert?
Peter Klein lernte, Kunst anders zu sehen.
Aber vielleicht geschah gleichzeitig etwas viel Interessanteres.
Während Peter die Kunst betrachtete – veränderte sich auch der Blick, mit dem Peter die Welt betrachtete?
Diese Frage liegt nahe. Aber sie enthält eine Falle.
Denn wenn ich Peters Lebensgeschichte nur von ihrem Ende her betrachte, könnte ich eine schöne Geschichte daraus machen: Der kapitalistische Unternehmer entdeckt die Kunst, die Kunst macht ihn zum Humanisten, und am Ende steht ein geläuterter Mäzen.
So einfach war es nicht.
Und Peter selbst erzählt es auch nicht so.
In seiner Autobiografie nennt er einen anderen Einfluss ausdrücklich: die Anthroposophie und die Lehre Rudolf Steiners. Sie habe seine Lebenseinstellung stark verändert. Rückblickend stellt er dem früheren, von ihm selbst als egoistisch und kapitalistisch bezeichneten Unternehmer Werte wie Achtung, Wertschätzung und Menschlichkeit gegenüber. Peter Klein Autobiografie 3
Also frage ich ihn.
Was kam zuerst?
WOLFGANG
Peter, was hat dich eigentlich verändert?
War es die Kunst?
PETER
Nein, Wolfgang. Wenn du meine eigene Rückschau ernst nimmst, darfst du das so nicht schreiben.
WOLFGANG
Gut. Dann korrigiere mich.
PETER
Die Anthroposophie hat meine Lebenseinstellung beeinflusst.
Ich begann anders über mich, über andere Menschen und über meine Verantwortung nachzudenken.
Die Kunst kam hinzu.
WOLFGANG
Dann interessiert mich das Zusammenspiel.
Was konnte die Kunst, was eine Philosophie oder Weltanschauung nicht konnte?
PETER
Vielleicht etwas sehr Einfaches.
Ein Gedanke erklärt dir etwas.
Ein Kunstwerk erklärt zunächst gar nichts.
Du musst dich ihm aussetzen.
WOLFGANG
Und manchmal verstehst du überhaupt nichts.
PETER
Natürlich.
WOLFGANG
Vielleicht ist gerade das für einen Unternehmer eine interessante Erfahrung.
Wir Unternehmer wollen Probleme lösen.
Eine Maschine funktioniert oder funktioniert nicht. Ein Auftrag bringt Gewinn oder Verlust. Eine Investition rechnet sich oder sie rechnet sich nicht.
Aber vor einem Kunstwerk funktioniert diese Logik nicht.
PETER
Nein.
Und vielleicht muss man lernen, das auszuhalten.
Der Mensch lässt sich nicht berechnen
WOLFGANG
Da treffen wir uns wieder, Peter.
Denn genau das beschäftigt mich heute.
Wir können vieles messen.
Umsatz.
Gewinn.
Vermögen.
Den Preis eines Bildes.
Sogar den Versicherungswert deiner Sammlung.
Aber wie misst man, was ein Bild mit einem Menschen macht?
PETER
Gar nicht.
WOLFGANG
Wie misst man Freundschaft?
PETER
Gar nicht.
WOLFGANG
Familie?
PETER
Auch nicht.
WOLFGANG
Menschlichkeit?
PETER
Nein.
WOLFGANG
Und trotzdem sind vielleicht gerade das die Dinge, die am Ende wichtig werden.
Ohne meine Mitarbeiter bin ich nichts
An einer Stelle seiner Autobiografie wird dieser Wandel besonders deutlich.
Peter schreibt, dass er rechtzeitig erkannt habe, dass er ohne seine Mitarbeiter wertlos sei. Er beschreibt, wie wichtig es ihm geworden sei, Mitarbeitern Freiräume zu geben, damit sie sich entwickeln konnten. Peter Klein Autobiografie 3
Für mich als ehemaligen Unternehmer ist das kein nebensächlicher Satz.
Denn er verändert die Blickrichtung.
Der klassische Unternehmer könnte sagen:
Meine Mitarbeiter arbeiten für mein Unternehmen.
Der spätere Peter Klein erkennt:
Ohne diese Menschen gibt es mein Unternehmen nicht.
WOLFGANG
Peter, weißt du, warum mich dieser Satz interessiert?
PETER
Weil du selbst Mitarbeiter hattest.
WOLFGANG
Bis zu dreihundert.
Und natürlich sprach auch ich von Personal, Personalkosten, Produktivität, Auslastung.
Alles notwendige Begriffe.
Aber hinter jedem dieser Wörter stand ein Mensch.
Heute frage ich mich manchmal, ob man das als Unternehmer genügend sieht.
PETER
Wahrscheinlich nicht immer.
WOLFGANG
Du schreibst später von Freiräumen.
Das gefällt mir.
Denn Freiheit bedeutet auch Vertrauen.
PETER
Und Risiko.
WOLFGANG
Natürlich.
Ein Mensch, dem ich Freiheit gebe, kann anders entscheiden, als ich es getan hätte.
PETER
Sonst wäre es keine Freiheit.
Und jetzt komme ich mit meinem Menschenbild
An diesem Punkt unseres imaginären Gesprächs muss ich Peter etwas von mir erzählen.
Denn seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit einer Frage, die hinter vielen meiner Texte steht:
Dient die Ordnung dem Menschen – oder dient der Mensch der Ordnung?
Ich habe dafür meinen Settembrini-Naphta-Kompass entwickelt.
Auf der einen Seite steht für mich Settembrini: die Ordnung soll dem Menschen dienen.
Auf der anderen Naphta: Der Mensch wird einer Idee, einem System, einer Ordnung untergeordnet.
Und über allem steht mein Satz:
DER MENSCH IST DAS MASS.
PETER
Und wo würdest du mich einordnen?
WOLFGANG
Genau das möchte ich nicht tun.
PETER
Warum nicht?
WOLFGANG
Weil du mir gerade zeigst, warum ein Mensch nicht auf einen einzigen Punkt festgelegt werden kann.
Welchen Peter sollte ich vermessen?
Den jungen Unternehmer?
Den Peter, mit dem ich 1976 stritt?
Den erfolgreichen Firmenchef?
Den Anthroposophen?
Den Kunstsammler?
Den Mäzen?
Oder den alten Peter, der auf sein Leben zurückblickt?
PETER
Vielleicht alle.
WOLFGANG
Genau.
Und dann wird aus meinem Kompass kein Urteil über einen Menschen.
Er wird zur Beschreibung einer Bewegung.
Kann ein Menschenbild wandern?
Das könnte für mich eine der wichtigsten Erkenntnisse aus Peters Autobiografie sein.
Wir sprechen häufig vom „Menschenbild“, als sei es etwas Festes.
Als bekäme jeder Mensch irgendwann seine Koordinaten:
humanistisch oder autoritär, egoistisch oder sozial, liberal oder dogmatisch.
Und dort bleibt er.
Peter Kleins eigene Rückschau erzählt etwas anderes.
Ein Menschenbild kann sich verändern, weil der Mensch sich verändert.
Nicht geradlinig.
Nicht vollständig.
Und vielleicht niemals endgültig.
WOLFGANG
Peter, dann müsste ich meinen eigenen Satz präzisieren.
PETER
Welchen?
WOLFGANG
„Der Mensch ist das Maß.“
Vielleicht fehlt etwas.
PETER
Was?
WOLFGANG
Der Mensch ist nicht fertig.
Jetzt fragt Peter
PETER
Wolfgang, du hast mich nun lange genug analysiert.
Du hast den jungen Peter neben den alten gestellt. Du hast mich nach Kunst, Geld, Mitarbeitern und Menschlichkeit gefragt.
Jetzt möchte ich etwas wissen.
WOLFGANG
Bitte.
PETER
Du warst selbst Unternehmer.
Du hast Firmen aufgebaut. Du hast Erfolg erlebt und Scheitern.
Und heute sitzt du da, schreibst Bücher über Geschichte, Demokratie, Humanismus und führst sogar Gespräche mit einem Toten.
Also:
Was hat eigentlich dich verändert, Wolfgang?
6. Peter fragt Wolfgang – Was hat dich verändert?
PETER
Wolfgang, du hast mich gefragt, ob ich am Ende meines Lebens ein anderer Mensch war als der Unternehmer, dem du 1976 begegnet bist.
Jetzt stelle ich dir dieselbe Frage.
Bist du heute noch der Wolfgang, den ich damals kannte?
WOLFGANG
Nein.
Und doch bin ich derselbe.
Vielleicht ist genau das das Merkwürdige am Älterwerden.
Man trägt alle früheren Menschen, die man einmal gewesen ist, noch in sich.
Den jungen Mann.
Den Unternehmer.
Den Ehrgeizigen.
Den Erfolgreichen.
Den Gescheiterten.
Den Suchenden.
Und irgendwann kommt einer hinzu, der zurückblickt und versucht zu verstehen, was das alles miteinander zu tun hatte.
PETER
Dann sind wir uns ähnlicher, als du gedacht hast.
WOLFGANG
Vielleicht.
Aber unsere Wege waren verschieden.
Der Unternehmer
PETER
Was war dir damals wichtig?
WOLFGANG
Erfolg.
Natürlich hätte ich das damals schöner formuliert.
Verantwortung. Unternehmen aufbauen. Arbeitsplätze schaffen. Innovationen entwickeln. Kunden gewinnen. Investieren. Wachsen.
Das war auch alles wahr.
Aber ich wollte erfolgreich sein.
Ich wollte etwas schaffen.
Ich wollte beweisen, dass ich es konnte.
PETER
Das kenne ich.
WOLFGANG
Ja. Deshalb verstehe ich den jungen Peter Klein vielleicht besser, als mein Ärger über unsere Rechnung vermuten lässt.
Wir Unternehmer lebten in einer Welt, in der vieles messbar war.
Umsatz.
Mitarbeiter.
Maschinen.
Gebäude.
Gewinn.
Marktanteile.
Und wir gewöhnten uns daran, auch Erfolg in solchen Größen zu denken.
PETER
Und irgendwann funktioniert diese Rechnung nicht mehr?
WOLFGANG
Irgendwann stellte sie sich für mich überhaupt nicht mehr.
Wenn eine Identität verschwindet
PETER
Was meinst du?
WOLFGANG
Wenn du jahrzehntelang Unternehmer bist, ist das Unternehmen nicht nur deine Arbeit.
Es wird Teil deiner Identität.
Du stehst morgens auf und weißt, warum.
Menschen wollen Entscheidungen von dir. Kunden rufen an. Probleme müssen gelöst werden. Es gibt Termine, Reisen, Verhandlungen, Ideen.
Du wirst gebraucht.
Und dann endet diese Welt.
PETER
Und wer bist du dann?
WOLFGANG
Genau.
Das war die Frage.
Nicht: Was mache ich morgen?
Sondern:
Wer bin ich, wenn ich das nicht mehr bin?
Schreiben
PETER
Und deine Antwort war das Schreiben?
WOLFGANG
Nicht sofort.
Das Schreiben war zunächst keine Antwort.
Es war eine Suche.
Ich hatte Gedanken, Erinnerungen, Fragen. Geschichte interessierte mich schon lange. Politik. Demokratie. Philosophie. Der Humanismus.
Ich begann, Zusammenhänge aufzuschreiben.
Und irgendwann bemerkte ich:
Ich schrieb nicht nur auf, was ich wusste.
Ich schrieb, um herauszufinden, was ich dachte.
PETER
Das kenne ich aus der Kunst.
WOLFGANG
Wie meinst du das?
PETER
Du hast mich gefragt, ob man sehen lernen kann.
Vielleicht kann man auch denken lernen.
Indem man hinsieht.
Du hast nur ein anderes Medium gewählt.
Ich sammelte Bilder.
Du sammelst Gedanken.
Sammeln
Dieser Satz trifft mich.
Vielleicht sind Peter Klein und ich tatsächlich beide Sammler geworden.
Er sammelte Kunstwerke.
Ich sammle Geschichte, Texte, Briefe, Bilder, Erinnerungen, Begegnungen und Gedanken.
Aber Sammeln allein genügt nicht.
Eine Ansammlung ist noch keine Sammlung.
Erst wenn Verbindungen entstehen, beginnt Bedeutung.
PETER
Warum machst du das?
WOLFGANG
Weil ich inzwischen glaube, dass Wissen allein nicht genügt.
Wir verfügen heute über mehr Informationen als jede Generation vor uns.
Wir können innerhalb von Sekunden erfahren, wann eine Schlacht stattfand, wer ein Buch schrieb oder wie ein philosophischer Begriff definiert wird.
Aber die entscheidende Frage lautet nicht:
Was weiß ich?
Sondern:
Was bedeutet es?
Deshalb lautet mein Satz: Find the Meaning.
PETER
Die Bedeutung finden.
WOLFGANG
Ja.
Und vielleicht hast du mit der Kunst etwas Ähnliches getan.
Du konntest ein Bild kaufen.
Aber du konntest seine Bedeutung nicht kaufen.
Die musstest du selbst finden.
Der Bruch
PETER
Aber warum wurde das für dich so wichtig?
WOLFGANG
Weil mein Leben einen Bruch hatte.
Lange glaubte ich, man könne das Leben planen wie ein Unternehmen.
Ziele setzen.
Entscheiden.
Handeln.
Korrigieren.
Weitermachen.
Dann musste ich erfahren, dass der Mensch keine Maschine ist.
Es gibt Situationen, in denen Wille allein nicht genügt.
Und wenn etwas, das einen jahrzehntelang getragen hat, verschwindet, muss man einen neuen Sinn finden.
PETER
Hast du ihn gefunden?
WOLFGANG
Ich glaube, ich finde ihn gerade.
Das ist ein Unterschied.
Die Goldene Spur
PETER
Und wie sieht dieser Sinn aus?
WOLFGANG
Ich nenne ihn meine Goldene Spur.
PETER
Das klingt ziemlich feierlich.
WOLFGANG
Ist es gar nicht.
Die Goldene Spur liegt nicht vor mir wie eine Straße, deren Ende ich kenne.
Ich erkenne sie rückwärts.
Wenn ich heute auf mein Leben schaue, sehe ich plötzlich Verbindungen zwischen Dingen, die früher nichts miteinander zu tun zu haben schienen.
Meine Schulzeit.
Die Sprachen.
Der Humanismus.
Das Unternehmertum.
Meine Reisen.
Geschichte.
Thomas Mann.
Der Zauberberg.
Settembrini und Naphta.
Die Demokratie.
Die künstliche Intelligenz.
Das Schreiben.
Mein digitales Buch.
Und jetzt sogar dieses Gespräch mit dir.
PETER
Dann ist die Goldene Spur keine Vorsehung.
WOLFGANG
Nein.
Das wäre mir zu einfach.
Sie ist Bedeutung, die ich meinem gelebten Leben gebe.
Wozu das alles?
PETER
Du bist fast achtundsiebzig.
Warum noch diese Bücher?
Warum diese Essays?
Warum die Webseite?
Warum beschäftigst du dich mit Demokratie und Humanismus, statt einfach deinen Ruhestand zu genießen?
WOLFGANG
Vielleicht ist genau das mein Ruhestand.
PETER
Das glaube ich dir nicht.
WOLFGANG
Ich auch nicht.
Vielleicht ist es meine neue Arbeit.
Nur der Maßstab hat sich verändert.
Früher fragte ich:
Was bringt es?
Heute frage ich:
Was bewirkt es?
Wenn ein Mensch einen meiner Texte liest und anschließend über etwas nachdenkt, über das er vorher nicht nachgedacht hat, dann ist etwas geschehen.
Vielleicht nur für fünf Minuten.
Aber es ist geschehen.
Zwei alte Unternehmer
PETER
Dann haben wir beide am Ende etwas verschenkt.
WOLFGANG
Was meinst du?
PETER
Ich habe meine Sammlung nicht aufgebaut, damit sie unsichtbar in einem Depot verschwindet.
Du schreibst deine Gedanken nicht auf, damit sie in einem Schrank liegen.
Wir wollen, dass jemand kommt.
Dass jemand hinsieht.
Dass jemand liest.
WOLFGANG
Und dass etwas weitergeht.
PETER
Ja.
Vielleicht ist das die entscheidende Frage des Alters:
Nicht mehr:
Was kann ich noch bekommen?
Sondern:
Was kann ich weitergeben?
Ich lasse Peter diesen Satz sagen und halte inne.
Denn natürlich weiß ich nicht, ob er ihn genau so gesagt hätte.
Aber ich weiß aus seiner Autobiografie etwas, das unserem imaginären Gespräch plötzlich eine unerwartete Richtung gibt.
Als Peter Klein gefragt wurde, was er für seine größte Lebensleistung halte, nennt er weder Rectus noch sein Vermögen noch seine Kunstsammlung.
Seine Antwort ist:
„Meine Familie!“ Peter Klein Autobiografie 3
Damit zwingt er mich zu einer neuen Frage.
Vielleicht haben wir beide bisher noch immer zu sehr wie Unternehmer gedacht.
Wir sprechen über das, was wir aufgebaut haben.
Über Firmen.
Kunst.
Bücher.
Ideen.
Aber vielleicht liegt die eigentliche Lebensleistung eines Menschen ganz woanders.
Damit kommen wir zum nächsten Kapitel:
7. Was ist eine Lebensleistung?
Was ist eigentlich eine Lebensleistung?
Für einen Unternehmer scheint die Antwort zunächst einfach.
Ein Unternehmen aufbauen. Arbeitsplätze schaffen. Wachstum ermöglichen. Vermögen schaffen. Etwas hinterlassen, das vorher nicht existierte.
Nach diesen Maßstäben hätte Peter Klein einiges aufzuzählen gehabt.
Rectus.
Den unternehmerischen Erfolg.
Die Kunstsammlung.
Das KUNSTWERK.
Die Stiftung.
Und doch beginnt seine Antwort auf die Frage nach seiner größten Lebensleistung mit drei überraschend einfachen Worten:
„Meine Familie!“ Peter Klein Autobiografie 3
Das Ausrufezeichen gehört zu Peter.
Es lässt mich aufhorchen.
Meine Familie!
WOLFGANG
Peter, das verstehe ich nicht ganz.
Du hast ein Unternehmen aufgebaut. Du warst erfolgreich. Du hast gemeinsam mit Alison eine bedeutende Kunstsammlung geschaffen.
Und wenn man dich nach deiner größten Lebensleistung fragt, antwortest du:
Meine Familie.
Warum?
PETER
Warum überrascht dich das?
WOLFGANG
Weil man eine Familie normalerweise nicht als „Leistung“ bezeichnet.
PETER
Vielleicht liegt genau darin dein Denkfehler.
WOLFGANG
Erkläre ihn mir.
PETER
Du denkst noch immer wie ein Unternehmer.
Du suchst nach dem Ergebnis.
Was habe ich gegründet?
Was habe ich aufgebaut?
Was habe ich verdient?
Was habe ich hinterlassen?
Aber wenn ich auf mein Leben zurückblicke, sehe ich meine vier Töchter. Ich sehe meine sechs Enkelkinder. Ich sehe Alison. Meinen Bruder und seine Familie, meine Schwester Ursula und ihren Mann Dieter. Ich sehe Freunde.
Das ist mein Leben.
Peter schreibt über diese Menschen mit einer Wärme, die sich von der Sprache seiner unternehmerischen Erinnerungen unterscheidet. Familie und Freunde bezeichnet er schließlich als sein „Lebenselixier“. Peter Klein Autobiografie 3
Kann Familie eine Leistung sein?
WOLFGANG
Trotzdem stolpere ich über das Wort Lebensleistung.
Kinder sind doch keine Leistung ihrer Eltern.
Sie gehören uns nicht.
PETER
Natürlich nicht.
WOLFGANG
Dann wäre vielleicht nicht die Familie selbst die Leistung.
Vielleicht besteht die Lebensleistung darin, Beziehungen geschaffen und bewahrt zu haben.
PETER
Das gefällt mir besser.
WOLFGANG
Mir auch.
Denn plötzlich verändert sich unser Maßstab.
Eine Firma kann man besitzen.
Ein Kunstwerk kann man besitzen.
Einen Menschen nicht.
Dieser Gedanke führt mich zurück zur Kunst.
Vielleicht gibt es zwischen einer Familie und einer Kunstsammlung gerade deshalb einen fundamentalen Unterschied.
Ich kann einen Uecker kaufen.
Ich kann einen Otto Dix erwerben.
Ich kann das Werk versichern, verleihen oder verkaufen.
Aber die Beziehung zu einem Menschen kann ich nicht erwerben.
Ich muss sie leben.
Erfolg
WOLFGANG
Dann lass uns noch einmal über Erfolg reden.
Wann warst du erfolgreich?
Als Rectus wuchs?
Als du finanziell unabhängig wurdest?
Als deine Sammlung bedeutender wurde?
Oder wenn eines deiner Enkelkinder zu dir kam und sich freute, dich zu sehen?
PETER
Warum willst du daraus schon wieder eine Rangliste machen?
WOLFGANG
Erwischt.
PETER
Vielleicht war das alles Erfolg.
Nur eben auf unterschiedlichen Ebenen.
Das gefällt mir.
Wir neigen dazu, unser Leben in Gewinner und Verlierer einzuteilen. In erfolgreiche und erfolglose Biografien.
Aber vielleicht ist eine Biografie keine Bilanz.
Peter selbst beschreibt seinen Weg nicht als geradlinige Erfolgsgeschichte. Er spricht von Umwegen und Schwierigkeiten. Und in seinem Rat an jüngere Menschen klingt gerade deshalb wenig von jener Siegerpose an, die man von einem erfolgreichen Unternehmer erwarten könnte.
Er rät dazu, einen Beruf zu suchen, der Freude macht. Junge Menschen sollten Zeit bekommen, ihren Weg zu finden. Auslandserfahrungen, Sprachen und andere Kulturen hält er für wichtig, weil sie den Horizont erweitern und Toleranz fördern. Beruflicher Erfolg entstehe nicht aus einer einzigen Fähigkeit. Mitarbeiter seien das wichtigste Kapital eines Unternehmens. Man solle kalkulierte Risiken eingehen, bescheiden bleiben, Fehler eingestehen und aus ihnen lernen. Peter Klein Autobiografie 3
Und da steht noch ein Satz:
„Life is no race.“ Peter Klein Autobiografie 3
Das Leben ist kein Rennen.
Life is no race
WOLFGANG
Peter, wenn das Leben kein Rennen ist – warum rennen wir dann so lange?
PETER
Vielleicht weil wir glauben, irgendwo ankommen zu müssen.
WOLFGANG
Und wo ist das Ziel?
PETER
Das merkst du vielleicht erst, wenn du langsamer wirst.
WOLFGANG
Das klingt fast nach Altersweisheit.
PETER
Oder nach der Erkenntnis eines Mannes, der lange genug gerannt ist.
Dieser Satz beschäftigt mich.
Denn auch mein Leben war lange ein Rennen.
Nicht gegen Peter Klein.
Nicht gegen einen bestimmten Konkurrenten.
Vielleicht gegen die Zeit.
Noch ein Auftrag.
Noch eine Idee.
Noch ein Projekt.
Noch ein Unternehmen.
Später:
noch ein Essay, noch ein Buch, noch eine historische Frage, die ich verstehen möchte.
Vielleicht hört das Rennen nie ganz auf.
Aber man kann seinen Sinn verändern.
Bereust du etwas?
Am Ende einer Lebensbilanz steht fast zwangsläufig eine unangenehme Frage.
WOLFGANG
Peter, bereust du etwas?
Seine wirkliche Antwort in der Autobiografie beginnt bemerkenswert entschieden:
„Ob ich etwas bedaure? Nein!“ Peter Klein Autobiografie 3
Peter blickt auf seine Schulzeit zurück, auf seinen beruflichen Weg und auf die Höhen und Tiefen seines Lebens. Er überlegt sogar, ob er möglicherweise intelligent genug für das Abitur gewesen wäre – um gleich die wichtigere Frage folgen zu lassen: Wer weiß, wie sein Leben dann verlaufen wäre?
Er betrachtet die Umwege nicht als verlorene Zeit. Gerade die Höhen und Tiefen hätten ihn zu dem Menschen gemacht, der er geworden sei. Seinen Eltern ist er dankbar, dass sie ihm Zeit, Geduld und Vertrauen gaben, seinen eigenen Weg zu finden. Peter Klein Autobiografie 3
Nur an einer persönlichen Stelle wird sein Rückblick nachdenklicher: Er bedauert, dass seine erste Ehe mit Mimi nicht gehalten hat. Doch auch deshalb möchte er sein Leben als Ganzes nicht nachträglich umschreiben. Peter Klein Autobiografie 3
WOLFGANG
Das finde ich erstaunlich.
Du würdest dein Leben nicht noch einmal neu schreiben?
PETER
Würdest du deines neu schreiben?
Ich schweige.
Das ist eine gemeine Frage.
Denn natürlich fallen mir Entscheidungen ein, die ich heute anders treffen würde. Menschen, denen ich anders begegnen würde. Geschäftliche Entscheidungen. Versäumte Gelegenheiten. Irrtümer.
Aber wenn ich eine dieser Entscheidungen aus meinem Leben herausnähme – wer wäre ich dann heute?
Vielleicht liegt darin das Paradox der Biografie:
Wir möchten unsere Fehler korrigieren, aber gleichzeitig der Mensch bleiben, zu dem uns auch diese Fehler gemacht haben.
Was also ist eine Lebensleistung?
Vielleicht lässt sie sich gar nicht addieren.
Nicht:
Unternehmen plus Vermögen plus Kunstsammlung plus Bücher plus öffentliche Anerkennung.
Vielleicht zeigt sie sich vielmehr in einer anderen Frage:
Was ist durch mein Leben in die Welt gekommen, das ohne mich nicht da wäre?
Bei Peter Klein gehören Rectus und die Sammlung dazu.
Das KUNSTWERK gehört dazu.
Aber ebenso seine Töchter und Enkelkinder.
Seine Freundschaften.
Menschen, denen er Vertrauen gab.
Künstler, deren Werke er kaufte und sichtbar machte.
Besucher, die durch seine Sammlung vielleicht zum ersten Mal vor einem Kunstwerk standen, das sie irritierte – und deshalb zu denken begannen.
Und plötzlich erkenne ich eine Verbindung zu meiner eigenen Arbeit.
Auch ich möchte Menschen zum Denken bringen.
Vielleicht unterscheiden sich unsere Medien.
Peter hinterließ Bilder.
Ich hinterlasse Worte.
Doch die entscheidende Frage ist für uns beide dieselbe:
Was davon bleibt?
8. Peter Klein – Was bleibt?
Wir sind am Ende unseres Gesprächs angekommen.
Vor uns liegen zwei lange Leben.
Unternehmen wurden gegründet. Entscheidungen getroffen. Erfolge gefeiert. Fehler gemacht. Geld verdient und verloren. Menschen kamen hinzu, andere verschwanden. Kinder wurden erwachsen. Enkelkinder wurden geboren.
Und irgendwann wird aus der Zukunft Vergangenheit.
Ich stelle Peter die Frage, wegen der ich diesen Essay überhaupt begonnen habe.
WOLFGANG
Peter, was bleibt?
PETER
Von was?
WOLFGANG
Von dir.
Rectus wird weiterbestehen oder sich verändern. Deine Kunstwerke werden andere Menschen besitzen oder betrachten. Das KUNSTWERK wird vielleicht noch lange deinen Namen tragen.
Aber irgendwann kennt niemand mehr den Unternehmer Peter Klein persönlich.
Was bleibt dann?
PETER
Was glaubst du?
WOLFGANG
Ich weiß es nicht.
Deshalb frage ich dich.
PETER
Du hast meine Autobiografie gelesen.
Was habe ich dir dort geantwortet?
WOLFGANG
Du hast Familie und Freunde dein Lebenselixier genannt.
Und auf die Frage nach deiner größten Lebensleistung hast du geantwortet:
„Meine Familie!“ Peter Klein Autobiografie 3
PETER
Dann hast du doch eine Antwort.
WOLFGANG
Nein.
Ich habe deine Antwort.
Ich suche meine.
Wem gehört ein Lebenswerk?
WOLFGANG
Vielleicht ist das unser Denkfehler, Peter.
Wir sprechen immer davon, was ein Mensch hinterlässt.
Als würde er am Ende seines Lebens einen Koffer packen.
Hier meine Firma.
Hier mein Haus.
Hier meine Bilder.
Hier meine Bücher.
Hier mein Vermögen.
Bitte weiterreichen.
Aber vielleicht hinterlassen wir etwas ganz anderes.
PETER
Was?
WOLFGANG
Wirkung.
Ein Kunstwerk macht diesen Gedanken besonders anschaulich.
Solange es im Depot steht, besitzt es jemand.
Wird es gezeigt, geschieht etwas anderes.
Ein fremder Mensch tritt davor.
Er bleibt stehen.
Vielleicht nur zehn Sekunden.
Vielleicht versteht er nichts.
Vielleicht ärgert er sich.
Vielleicht denkt er:
Das soll Kunst sein?
Vielleicht kommt er am nächsten Tag wieder.
Dann hat das Werk etwas ausgelöst.
Der Besitzer kann das ermöglichen.
Aber er kann nicht bestimmen, was im Betrachter geschieht.
Vielleicht gilt das auch für ein Menschenleben.
Was gehört uns überhaupt?
WOLFGANG
Peter, wem gehören deine Bilder?
PETER
Du wirst doch jetzt nicht juristisch werden.
WOLFGANG
Im Gegenteil.
Natürlich kann man Eigentum feststellen.
Aber wem gehört die Aussage eines Kunstwerks?
Dir, weil du es gekauft hast?
Dem Künstler, weil er es geschaffen hat?
Oder mir, wenn ich davorstehe und es etwas in mir auslöst?
PETER
Vielleicht gehört die Wirkung niemandem.
WOLFGANG
Das gefällt mir.
PETER
Dann schreib es auf.
WOLFGANG
Das tue ich gerade.
Und der Mensch?
Vielleicht ist es mit Menschen genauso.
Peter Klein gehört niemandem.
Nicht seiner Firma.
Nicht seiner Sammlung.
Nicht einmal seiner Biografie.
Jeder Mensch, der ihm begegnete, trägt einen anderen Peter Klein in seiner Erinnerung.
Ich trug jahrzehntelang den Unternehmer von 1976 mit mir herum.
Andere erinnern sich an den Firmenchef.
Ein Mitarbeiter vielleicht an ein Gespräch.
Ein Künstler an einen Ankauf.
Ein Besucher des KUNSTWERKS an den Sammler.
Seine Töchter erinnern sich an ihren Vater.
Seine Enkelkinder an ihren Großvater.
Alison an ihren Mann.
Keiner dieser Menschen besitzt die ganze Wahrheit über Peter Klein.
Aber in allen lebt etwas von ihm weiter.
PETER
Und welcher Peter bleibt bei dir?
WOLFGANG
Das ist das Erstaunliche.
Nicht mehr nur der Peter von 1976.
PETER
Hat sich deine Erinnerung verändert?
WOLFGANG
Nein.
Die Rechnung bleibt die Rechnung.
Mein Ärger bleibt Teil meiner Erinnerung.
Aber jetzt steht diese Erinnerung neben anderen.
Neben dem Mann, der rückblickend selbstkritisch über den Unternehmer sprach, der er einmal gewesen war.
Neben dem Mann, der schrieb, er habe gelernt, seinen Mitarbeitern Freiheit zu geben.
Neben dem Sammler, der seinen Blick schulte.
Neben dem Großvater, der voller Freude über seine Enkelkinder schrieb.
PETER
Dann hast du mich also rehabilitiert?
WOLFGANG
Nein.
Das wäre anmaßend.
Du brauchst meine Rehabilitation nicht.
Ich habe mein Bild von dir erweitert.
Vielleicht ist das eine Hommage
Dieser Gedanke gefällt mir besser als jede Lobrede.
Eine Hommage muss einen Menschen nicht erhöhen.
Vielleicht besteht ihre Aufgabe gerade darin, ihn nicht auf einen einzigen Augenblick seines Lebens festzulegen.
Denn wir alle wünschen uns vermutlich, dass man uns nicht ausschließlich nach unserer schlechtesten Entscheidung beurteilt.
Aber ebenso wenig sollten wir ausschließlich nach unserer besten beurteilt werden.
Wir sind die ganze Geschichte dazwischen.
Peter formuliert in seiner Autobiografie einen Gedanken, der dazu passt. Er blickt auf die Höhen und Tiefen seines Lebens und kommt zu dem Schluss, dass gerade sie notwendig gewesen seien, um der Mensch zu werden, der er schließlich war. Deshalb möchte er sein Leben nicht nachträglich neu schreiben. Peter Klein Autobiografie 3
Das ist keine Behauptung von Vollkommenheit.
Es ist die Annahme der eigenen Biografie.
Die letzte Frage
PETER
Jetzt hast du viel über mich geschrieben.
Darf ich dir zum Schluss noch eine Frage stellen?
WOLFGANG
Natürlich.
PETER
Du bist fast achtundsiebzig.
Du schreibst weiter.
Du baust dein digitales Buch.
Du beschäftigst dich mit Menschen, die seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten tot sind.
Warum?
WOLFGANG
Weil ich nicht glaube, dass Vergangenheit tot ist.
PETER
Und was willst du damit erreichen?
WOLFGANG
Dass jemand weiterdenkt.
PETER
Wer?
WOLFGANG
Das weiß ich nicht.
Vielleicht ein Mensch, den ich niemals kennenlernen werde.
Vielleicht liest er irgendwann einen meiner Texte.
Vielleicht widerspricht er mir.
Vielleicht schließt er die Seite nach drei Minuten.
Vielleicht bleibt ein einziger Gedanke hängen.
PETER
Reicht dir das?
Ich denke nach.
Früher hätte es mir wahrscheinlich nicht gereicht.
Heute schon.
Was bleibt?
Vielleicht bleibt von einem Menschen weniger, als wir hoffen.
Und gleichzeitig mehr, als wir glauben.
Der Name eines Unternehmens kann verschwinden.
Vermögen wechselt die Besitzer.
Häuser werden verkauft.
Bilder werden weitergegeben.
Webseiten werden irgendwann abgeschaltet.
Selbst Bücher können vergessen werden.
Aber ein Gedanke, den wir einem anderen Menschen gegeben haben, kann weiterwandern.
Eine Haltung kann weiterwirken.
Eine gewährte Freiheit.
Eine Ermutigung.
Eine Verletzung übrigens auch.
Eine Erinnerung.
Eine Frage.
Vielleicht sogar ein Bild, vor dem jemand stehen bleibt.
WOLFGANG
Peter, ich glaube, jetzt kann ich meine Frage beantworten.
PETER
Was bleibt?
WOLFGANG
Nicht das, was du festhalten konntest.
Sondern etwas von dem, was du in anderen Menschen ausgelöst hast.
PETER
Dann kannst du deinen Essay beenden.
WOLFGANG
Noch nicht ganz.
Eine Frage habe ich noch.
PETER
Welche?
WOLFGANG
Hat die Kunst dich zu einem anderen Menschen gemacht?
Oder konntest du andere Kunst sehen, weil du bereits ein anderer Mensch geworden warst?
Peter antwortet nicht.
Und vielleicht ist das die richtige Antwort.
Epilog – Der Mensch ist das Maß
Ich kannte Peter Klein.
Am Anfang dieses Essays fragte ich mich:
Welchen Peter Klein kannte ich eigentlich?
Jetzt würde ich antworten:
Nicht alle.
Den Unternehmer kannte ich.
Den Sammler beobachtete ich.
Dem alten Peter begegne ich erst jetzt – in seinen eigenen Worten.
Seine Autobiografie hat meine Erinnerung an ihn nicht ausgelöscht. Sie hat sie erweitert.
Und vielleicht ist genau das eine Hommage:
einen Menschen nicht auf das festzulegen, was er einmal war, sondern ernst zu nehmen, was aus ihm geworden ist.
Peter Klein schrieb über sich selbst mit der Erfahrung eines langen Lebens. Er glaubte an das Gute im Menschen, an Hilfe zur Selbsthilfe, an eine positive Haltung zum Leben. Er erinnerte daran, nicht in der Vergangenheit stecken zu bleiben. Panta rhei – alles fließt – und Carpe diem gehörten zu den Gedanken, mit denen er sein Lebensmotto beschrieb. Peter Klein Autobiografie 3
Vielleicht liegt darin unsere letzte Gemeinsamkeit.
Auch mein Menschenbild ist nicht fertig.
Auch meine Goldene Spur führt nicht zurück zu einem vermeintlich besseren Gestern.
Sie führt weiter.
Zu Menschen.
Zu Fragen.
Zu Erkenntnissen.
Und deshalb würde ich meinen Satz heute ergänzen:
Der Mensch ist das Maß.
Aber der Mensch ist nicht fertig.
Vielleicht ist gerade seine Fähigkeit, sich zu verändern, das Menschlichste an ihm.
Und von Peter Klein?
Was bleibt?
Nicht nur Rectus.
Nicht nur die Sammlung.
Nicht nur das KUNSTWERK.
Es bleiben Menschen, in denen etwas von ihm weiterlebt.
Und vielleicht ist das mehr, als ein Mensch von seinem Leben verlangen kann.
ENDE
