Dem Unrecht widersprechen, ohne die Menschlichkeit des Gegners aufzugeben.
Ein Essay von Wolfgang Bossert
Prolog – „Hörst du auf!“
Vor vielen Jahren waren meine Frau Christa, unser Sohn Daniel und ich auf dem Weg zu einem Weinfest in Stuttgart.
Plötzlich beobachtete ich, wie ein Mann auf einen anderen einschlug. Der Angegriffene lag bereits am Boden, aber sein Peiniger trat weiter auf ihn ein.
Ich konnte nicht anders.
„Hörst du auf!“, schrie ich.
Das war kein überlegter Entschluss. Es war ein spontaner Reflex.
Der Schläger ließ von seinem Opfer ab. Doch nun wandte er sich mir zu.
Er baute sich keifend und drohend vor mir auf. Weil ich auf dem Bürgersteig stand, waren wir ungefähr gleich groß.
Ich blieb stehen, eine Hand in der Hosentasche.
Meine Frau, mein erwachsener Sohn und die Passanten standen in einigem Abstand hinter mir. Ich war dem Mann allein gegenüber.
Erst jetzt begann mein Verstand zu arbeiten.
Ich war damals sportlich und ein guter Läufer. Ich überlegte, ob ich mich körperlich verteidigen könnte. Und ich wusste, dass ich notfalls auch davonlaufen konnte.
Aber ich blieb stehen.
Ich hatte diesen Mann angeschrien, und ich stand zu meinem Ruf.
Dann bemerkte ich seinen Mannheimer Dialekt.
Mein Sohn studierte damals in Mannheim, und wir hatten oft mit diesem sympathischen Dialekt gespielt.
„Was machsch du do?“
Ich begann, in seinem Dialekt mit dem Mann zu reden.
Plötzlich war Verständigung möglich.
Die Bedrohung ließ nach. Der Mann beruhigte sich und ging schließlich weg.
Währenddessen hatte sich sein Opfer kriechend in Sicherheit gebracht.
Ich war erleichtert.
Und ich war stolz.
Nicht darauf, dass ich stärker gewesen wäre. Sondern darauf, dass ich nicht weggesehen hatte.
Heute frage ich mich, was damals eigentlich geschehen war.
War es Mut? Zivilcourage? Empörung?
Oder war es etwas Grundsätzlicheres?
War es Anstand?
1. Axel Hacke – Was ist Anstand?
Auf der Suche nach einer Antwort begegnete mir Axel Hackes Buch Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen.
Hacke fragt nach einer menschlichen Haltung, die unser Zusammenleben ermöglicht.
Er beschäftigt sich mit Rücksicht, Wahrhaftigkeit, Solidarität und der Verantwortung für das eigene Verhalten.
Dabei geht es ihm nicht um eine neue Benimmschule.
Anstand ist mehr als Höflichkeit.
Ein höflicher Mensch kann andere demütigen. Ein Mensch mit tadellosen Umgangsformen kann rücksichtslos handeln.
Und ein Mensch, der laut wird, kann ausgesprochen anständig handeln.
Mein Schrei damals in Stuttgart war schließlich nicht besonders höflich.
Aber er war notwendig.
Hackes Überlegungen führen mich zu einem wichtigen Gedanken: Anstand beginnt mit der Prüfung des eigenen Handelns.
Nicht nur die anderen sollen sich anständig verhalten.
Ich muss mich selbst fragen, welchen Maßstäben ich folge.
Doch ich möchte einen Schritt weitergehen.
Anstand darf nicht nur eine persönliche Tugend bleiben. Er muss sich dort bewähren, wo andere Menschen Unrecht erfahren.
2. Rutger Bregman – Wenn Schamlosigkeit gesellschaftsfähig wird
Einen anderen Zugang eröffnet mir der niederländische Historiker Rutger Bregman.
In seinem Buch Die Rückkehr der Hoffnung – Vier Lektionen über die Kraft der Moral beschreibt er einen moralischen Verfall, den er insbesondere bei Teilen der westlichen Eliten beobachtet.
Er kritisiert eine Entwicklung, in der Macht, Erfolg und persönliche Vorteile die gesellschaftliche Verantwortung zu verdrängen drohen.
Bregman plädiert für einen radikalen Humanismus und eine moralische Erneuerung.
Besonders beschäftigt mich sein Begriff der Schamlosigkeit.
Was bedeutet eigentlich Schamlosigkeit?
Für mich ist es mehr als fehlende Höflichkeit oder schlechtes Benehmen.
Schamlos handelt, wer die Grenzen seines eigenen Verhaltens nicht mehr ernst nimmt.
Wer lügt, ohne sich dafür verantwortlich zu fühlen.
Wer Menschen demütigt, ohne die Folgen für sie zu bedenken.
Wer seine Macht benutzt, um andere kleinzumachen.
Wer seinen persönlichen Vorteil über die Würde anderer stellt.
Schamlosigkeit beginnt dort, wo sich ein Mensch von der Verantwortung für sein Handeln freispricht.
Allerdings müssen wir unterscheiden: Eine provokante Meinung ist nicht schon deshalb schamlos, weil sie uns missfällt. Auch ungewöhnliches oder unangepasstes Verhalten kann Ausdruck persönlicher Freiheit sein.
Entscheidend ist für mich, ob ein Mensch die Würde und die Rechte anderer achtet.
Hier begegnen sich Hacke und Bregman.
Hacke fragt, welche Haltung uns zu einem anständigen Zusammenleben befähigt.
Bregman fragt, wie aus moralischer Überzeugung gesellschaftliche Veränderung entstehen kann.
Mich führt das zu einer weiteren Frage:
Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn Schamlosigkeit nicht mehr als Grenzüberschreitung empfunden, sondern als Stärke bewundert wird?
3. Von der Schamlosigkeit zu den zehn Notlagen
Diese Frage beschäftigt mich schon länger.
In meinem Buch Die Notlage, dem ersten Teil meiner Trilogie Der Mensch ist das Maß, habe ich versucht, die gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit zu untersuchen.
Daraus entstanden zehn Notlagen:
- Soziale Not
- Psychische Not
- Einsamkeit und Bindungsverlust
- Vertrauenskrise
- Gesellschaftliche Spaltung
- Informationsnot
- Demokratische Repräsentationskrise
- Ökonomische Ungleichheit
- Gesundheitliche Ungleichheit
- Moralische Not
Dabei geht es mir nicht darum, unsere Gesellschaft pauschal zu verurteilen.
Ich möchte verstehen, wo Menschen leiden, weshalb Vertrauen verloren geht und welche Verantwortung wir füreinander tragen.
Nicht jede gesellschaftliche Notlage entsteht durch unanständiges Verhalten.
Krankheit, Einsamkeit oder wirtschaftliche Schwierigkeiten können viele Ursachen haben.
Aber aus einer Notlage kann eine moralische Notlage werden.
Dann nämlich, wenn wir das Leid anderer Menschen erkennen und es uns gleichgültig wird.
Wenn Menschen nur noch nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen beurteilt werden.
Wenn gesellschaftliche Unterschiede zur Begründung menschlicher Ungleichwertigkeit dienen.
Wenn die Schwäche anderer ausgenutzt wird.
Wenn Macht wichtiger wird als Würde.
Hier erkenne ich die Verbindung zwischen meinen zehn Notlagen und Bregmans Kritik an der Schamlosigkeit.
Schamlosigkeit ist nicht die alleinige Ursache unserer gesellschaftlichen Probleme.
Aber sie kann vorhandene Notlagen verschärfen und ihre Bewältigung verhindern.
Denn eine Gesellschaft, in der Rücksichtslosigkeit belohnt und Verantwortung als Schwäche angesehen wird, verliert eine wichtige Grundlage ihres Zusammenhalts.
4. Die moralische Notlage
Von meinen zehn Notlagen erscheint mir die moralische Not besonders grundlegend.
Sie betrifft nicht nur das, was Menschen besitzen oder entbehren.
Sie betrifft unser Menschenbild.
Wie sehen wir den anderen?
Als Konkurrenten?
Als Störfaktor?
Als Angehörigen einer fremden Gruppe?
Oder als Menschen mit eigener Geschichte, eigenen Hoffnungen und unveräußerlicher Würde?
Besonders gefährlich wird es, wenn Ideologien den einzelnen Menschen hinter einem Feindbild verschwinden lassen.
Dann zählt nicht mehr seine Persönlichkeit, sondern seine vermeintliche Zugehörigkeit.
Er wird ausgegrenzt, entwürdigt und im äußersten Fall verfolgt.
Ich habe mich deshalb immer wieder mit der Frage beschäftigt, wie Menschen ideologisch vernichtet werden können, bevor ihnen möglicherweise auch körperliche Gewalt angetan wird.
Dabei geht es nicht darum, jeden politischen Streit mit den Verbrechen der Geschichte gleichzusetzen.
Es geht um die Erkenntnis, dass Entmenschlichung eine Grenze überschreitet, an der Anstand nicht mehr schweigen darf.
Eine Überzeugung darf ich bekämpfen. Aber ich darf ihrem Vertreter nicht das Recht absprechen, Mensch zu sein.
5. Anstand und Zivilcourage
Ich kehre noch einmal zu meinem Erlebnis in Stuttgart zurück.
Damals hatte ich keine philosophische Theorie im Kopf.
Ich sah einen Menschen am Boden, der misshandelt wurde.
Und ich widersprach.
Der Philosoph David Hume hat der menschlichen Empfindung einen grundlegenden Platz im moralischen Handeln eingeräumt.
Unser moralisches Urteil entsteht nicht allein aus vernünftigen Überlegungen.
Mitgefühl, Empörung und die Wahrnehmung fremden Leidens bewegen uns.
Das entspricht meiner damaligen Erfahrung.
Mein Gewissen reagierte, bevor ich die Gefahr für mich selbst einschätzte.
Erst danach setzte der Verstand ein.
Vielleicht liegt hier eine entscheidende Verbindung zwischen Anstand und Zivilcourage.
Anstand ist die Haltung.
Zivilcourage ist ihre Bewährung, wenn Widerspruch Mut verlangt.
Aber auch Vernunft gehört dazu.
Nicht jeder Konflikt lässt sich durch ein beherztes Eingreifen lösen. Nicht jedes Risiko muss eingegangen werden.
Anstand verlangt kein Heldentum.
Er verlangt Verantwortungsbewusstsein.
Und manchmal bedeutet das, Hilfe zu holen, andere zu unterstützen oder einen Konflikt durch ein Gespräch zu entschärfen.
6. Die Macht der Verständigung
Eine Erfahrung ist mir besonders wichtig geworden.
Als der Schläger mich bedrohte, war er zunächst nur ein aggressiver Gegner.
Dann entdeckte ich seinen Dialekt.
Ich fand einen Zugang zu ihm.
Aus der Konfrontation wurde ein Gespräch.
Das bedeutete nicht, dass ich seine Gewalt entschuldigte.
Mein Widerspruch blieb bestehen.
Aber ich versuchte, ihn als Menschen zu erreichen.
Heute, mit 78 Jahren, würde ich wahrscheinlich wieder widersprechen.
Nicht, weil ich meine körperliche Kraft überschätze.
Sondern weil ich weiß, dass ich verhandeln kann.
Ich habe in meinem Leben als Unternehmer, Gemeinderat und Autor erfahren, wie wichtig Verständigung ist.
Menschen können unterschiedlicher Meinung sein, ohne einander zu Feinden erklären zu müssen.
Sie können entschlossen widersprechen, ohne den anderen zu demütigen.
Und sie können Grenzen ziehen, ohne ihre eigene Menschlichkeit aufzugeben.
Das erscheint mir als eine der anspruchsvollsten Formen des Anstands.
7. Mein Menschenbild-Kompass
In meinen Überlegungen zum Menschenbild habe ich eine zentrale Prüffrage entwickelt:
Dient die Ordnung dem Menschen – oder dient der Mensch der Ordnung?
Sie gilt für politische Systeme ebenso wie für wirtschaftliche und gesellschaftliche Beziehungen.
Eine Ordnung darf nicht zum Selbstzweck werden.
Sie muss sich daran messen lassen, wie sie mit Menschen umgeht.
Anstand bedeutet für mich, diese Frage auch an das eigene Handeln zu richten.
Verteidige ich eine Überzeugung, weil sie dem Menschen dient?
Oder opfere ich den Menschen meiner Überzeugung?
Hier liegt eine Gefahr jeder Ideologie.
Auch wer glaubt, für das Gute einzutreten, kann unmenschlich handeln.
Deshalb gehört zur Moral auch die Selbstkritik.
Und deshalb überzeugt mich Hackes Aufforderung, nicht nur die Unanständigkeit anderer zu betrachten.
Denn derjenige, der anderen den Anstand abspricht, darf nicht selbst zum selbstgerechten Richter werden.
8. Wenn die Schamlosesten den Ton angeben
Rutger Bregmans Appell zur moralischen Erneuerung führt mich schließlich zurück zur gesellschaftlichen Verantwortung.
Anstand darf nicht bedeuten, sich aus allen Konflikten herauszuhalten.
Eine Demokratie braucht Menschen, die widersprechen können.
Die ihre Überzeugungen vertreten, ohne andere zu entwürdigen.
Die Verantwortung übernehmen, statt sie ausschließlich an Institutionen oder politische Vertreter abzugeben.
Doch der Mut der Anständigen darf nicht in eine neue moralische Selbstgerechtigkeit umschlagen.
Wer sich selbst zu den Anständigen zählt, muss besonders darauf achten, seine Gegner nicht pauschal als unanständig abzustempeln.
Anstand ist kein exklusiver Besitz einer gesellschaftlichen Gruppe.
Er ist ein Maßstab, an dem sich jeder Mensch prüfen lassen muss.
Auch ich.
Vielleicht ist das die wichtigste gemeinsame Botschaft, die ich aus Hackes und Bregmans Büchern mitnehme:
Anstand braucht Selbstprüfung. Und moralische Erneuerung braucht Menschen, die bereit sind zu handeln.
Epilog – Der Mensch ist das Maß
Ich sehe den Mann von damals noch vor mir.
Er steht drohend auf der Straße.
Ich stehe auf dem Bürgersteig, die Hand in der Hosentasche.
Hinter mir meine Familie und die Passanten.
Ich überlege, ob ich mich wehren oder davonlaufen könnte.
Und dann gelingt es, miteinander zu sprechen.
Die Gewalt ist beendet.
Der Angegriffene konnte fliehen.
Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Schrei:
„Hörst du auf!“
Axel Hacke hat mich angeregt, über die menschliche Haltung nachzudenken, die wir Anstand nennen.
Rutger Bregman hat meinen Blick auf die gesellschaftliche Dimension der Schamlosigkeit und die Notwendigkeit moralischer Verantwortung gelenkt.
Meine zehn Notlagen haben mich gelehrt, dass Menschlichkeit nicht nur eine private Angelegenheit ist.
Sie ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe.
Und meine eigene Lebenserfahrung führt mich zu einer Überzeugung:
Anstand verlangt nicht, dass wir immer freundlich bleiben.
Er verlangt nicht, dass wir jedem Konflikt ausweichen.
Und er verlangt nicht, dass wir unsere Überzeugungen aufgeben.
Aber er setzt unserem Handeln eine Grenze.
Diese Grenze ist die Würde des Menschen.
Deshalb lautet meine Antwort auf die Frage, was Anstand ist:
Anstand heißt, dem Unrecht zu widersprechen, ohne die Menschlichkeit des Gegners aufzugeben.
Nicht die Macht ist das Maß.
Nicht die Ideologie.
Nicht einmal die eigene moralische Gewissheit.
Der Mensch ist das Maß.
Wolfgang Bossert – MyPaperGate · Find the Meaning
Literarische Anregungen
- Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen. Verlag Antje Kunstmann, 2017.
- Rutger Bregman: Die Rückkehr der Hoffnung – Vier Lektionen über die Kraft der Moral. Rowohlt, 2026.
- Wolfgang Bossert: Die Notlage, Buch 13 der Trilogie Der Mensch ist das Maß.
