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VERDUN 1916 – The inability to turn around

Wie militärischer Ehrgeiz, Selbsttäuschung und die Verweigerung von Verantwortung Hunderttausende Menschen in den Tod führten

Ein historisch-philosophischer Essay über die Moral der Macht und das Menschenbild der Verantwortlichen.

Prolog – Eine Schlacht, die mich nicht loslässt

Am 11. Mai 2025 veröffentlichte der Historiker Olaf Jessen in der Neuen Zürcher Zeitung einen bemerkenswerten Beitrag über die Schlacht von Verdun. Sein Titel beschreibt das militärische Desaster, das sich 1916 in Frankreich ereignete: Ein gescheiterter Durchbruch wird zur Katastrophe.

Was mich an Jessens Analyse besonders beschäftigt, ist nicht allein das Grauen dieser Schlacht. Es ist seine Erklärung, weshalb die Kämpfe weitergingen, nachdem die ursprünglichen strategischen Ziele unerreichbar geworden waren.

Hier beginnt eine Frage, die weit über das historische Ereignis hinausreicht:

Warum fällt es Menschen, die Macht besitzen, so schwer, einen Irrtum einzugestehen, wenn das Festhalten daran andere Menschen das Leben kostet?

Verdun wurde zu einem Symbol des industrialisierten Massensterbens. Aber Verdun ist auch ein Lehrstück über menschliche Selbsttäuschung, institutionelle Zwänge und die zerstörerische Wirkung eines Ehrbegriffs, der das Eingeständnis einer Niederlage für schlimmer hält als den Tod Tausender.

Es ist diese moralische Dimension, die mich interessiert.

Denn die Geschichte von Verdun ist nicht nur Militärgeschichte.

Sie ist eine Geschichte über das Menschenbild einer Epoche.

Und möglicherweise eine Warnung an unsere eigene.

1. Die Illusion des entscheidenden Sieges

Im Februar 1916 befand sich Europa im zweiten Jahr eines Krieges, der längst jede ursprüngliche Erwartung übertroffen hatte.

Millionen Soldaten lagen sich in Schützengräben gegenüber. Maschinengewehre, schwere Artillerie und befestigte Stellungen hatten den traditionellen Bewegungskrieg weitgehend zum Erliegen gebracht.

Die Generäle suchten dennoch nach jener Entscheidung, die den Krieg beenden sollte.

Der deutsche Generalstabschef Erich von Falkenhayn glaubte, eine solche Entscheidung bei Verdun erzwingen zu können.

Seine Überlegung war komplexer, als es die später verbreitete Vorstellung eines von Anfang an geplanten bloßen Ausblutens der französischen Armee vermuten lässt.

Wie Olaf Jessen herausarbeitet, wollte Falkenhayn die französischen Streitkräfte zu verlustreichen Gegenangriffen zwingen, ihre Reserven erschöpfen und anschließend einen operativen Durchbruch ermöglichen. Auch ein überhasteter britischer Entlastungsangriff konnte aus deutscher Sicht eine Gelegenheit zum Gegenstoß bieten.

Das Ziel war also nicht ursprünglich eine endlose Materialschlacht, sondern die Rückkehr zu einem Bewegungskrieg, der eine militärische Entscheidung ermöglichen sollte.

Darin lag bereits eine gefährliche Voraussetzung.

Falkenhayns Rechnung beruhte auf der Erwartung, dass der Gegner sich unter bestimmten Bedingungen so verhalten würde, wie es der deutsche Generalstab erhoffte.

Doch der Mensch ist kein berechenbares Element einer militärischen Gleichung.

Der Gegner denkt, reagiert, improvisiert und entscheidet selbst.

Die erste moralische Gefahr der Macht beginnt dort, wo Menschen glauben, die Wirklichkeit müsse ihrer Planung gehorchen.

2. Der Moment, in dem die Vernunft hätte siegen müssen

Am 21. Februar 1916 begann der deutsche Angriff mit einem Artilleriefeuer von bis dahin kaum vorstellbarer Intensität.

Zunächst schien der Plan aufzugehen.

Die deutschen Truppen rückten vor und eroberten am 25. Februar das Fort Douaumont.

Doch die französische Verteidigung brach nicht zusammen.

Neue Reserven wurden herangeführt. Unter Philippe Pétain stabilisierte sich die Verteidigung. Die Angreifer gerieten zunehmend unter französisches Artilleriefeuer.

Die erhoffte schnelle Entscheidung blieb aus.

Anfang April war die ursprüngliche strategische Konzeption nach Jessens Darstellung gescheitert.

Damit entstand der entscheidende Augenblick.

Die militärische Führung hätte erkennen können, dass ihre Annahmen falsch gewesen waren.

Sie hätte ihre Ziele korrigieren können.

Sie hätte den Angriff abbrechen oder eine andere strategische Lösung suchen können.

Stattdessen geschah etwas, das wir aus vielen Bereichen menschlichen Handelns kennen.

Eine einmal getroffene Entscheidung wird nicht zurückgenommen, sondern nachträglich gerechtfertigt.

Die bisherigen Verluste werden zum Argument für weitere Opfer.

Ein Scheitern darf nicht eingestanden werden, weil es die Sinnlosigkeit des bereits Geschehenen offenbaren würde.

Hier verwandelt sich strategisches Denken in Selbsttäuschung.

Und aus einem militärischen Unternehmen wird eine moralische Katastrophe.

3. Die Gefangenschaft der eigenen Entscheidung

Warum wurde nicht umgekehrt?

Die Antwort erschöpft sich nicht im Charakter einzelner Generäle.

Gewiss trugen Falkenhayn und andere militärische Führer persönliche Verantwortung. Sie trafen Entscheidungen, deren Konsequenzen sie erkennen konnten oder hätten erkennen müssen.

Aber sie handelten zugleich innerhalb eines Systems, das Erfolg, Ehre, nationale Größe und militärisches Prestige miteinander verknüpfte.

Wer zurückwich, riskierte, als schwach zu gelten.

Wer einen Irrtum eingestand, beschädigte seine Autorität.

Wer eine Offensive abbrach, musste erklären, wofür die bereits Gefallenen gestorben waren.

So entstand eine verhängnisvolle Umkehrung der Vernunft.

Nicht mehr der zukünftige Nutzen einer Entscheidung bestimmte das Handeln, sondern die Vergangenheit.

Weil bereits so viele Soldaten gefallen waren, sollten weitere eingesetzt werden.

Weil bereits so viel Material verbraucht worden war, durfte die Offensive nicht erfolglos enden.

Weil die Öffentlichkeit einen Sieg erwartete, musste der Anschein militärischer Handlungsfähigkeit aufrechterhalten werden.

Heute würde man darin auch die Logik der versunkenen Kosten erkennen: die Neigung, an einer schlechten Entscheidung festzuhalten, weil bereits erhebliche Mittel investiert wurden.

Doch bei Verdun waren diese Kosten keine bloßen Zahlen.

Sie hatten Gesichter.

Es waren Menschen mit Familien, Hoffnungen, Ängsten und Lebensentwürfen.

Menschen, deren Lebenszeit nicht den Generälen gehörte.

4. Das Menschenbild hinter der Materialschlacht

Hier berührt Verdun eine Frage, die mich in meinen philosophischen Betrachtungen immer wieder beschäftigt:

Was ist der Mensch wert, wenn er einem vermeintlich höheren Zweck untergeordnet wird?

Der Soldat erscheint in der Sprache militärischer Planungen häufig als Teil einer Division, als verfügbare Reserve, als Verlustzahl oder als Bestandteil des Kräfteverhältnisses.

Die individuelle Existenz verschwindet hinter der militärischen Funktion.

Der Mensch wird zum Mittel.

Im Denken Immanuel Kants liegt hier ein entscheidender moralischer Maßstab: Der Mensch darf niemals bloß als Mittel behandelt werden, sondern muss zugleich als Zweck an sich selbst gelten.

Ein Krieg kann Menschen vor tragische Entscheidungen stellen. Auch eine notwendige Verteidigung kann Opfer verlangen.

Aber gerade deshalb bedarf jede militärische Entscheidung einer besonders strengen moralischen Prüfung.

Ist das Ziel noch erreichbar?

Steht der erwartete Nutzen in einem verantwortbaren Verhältnis zu den Opfern?

Gibt es eine Alternative?

Und wer trägt die Verantwortung dafür, wenn sich die ursprünglichen Voraussetzungen als falsch erweisen?

In Verdun wurden solche Fragen durch die Dynamik des Krieges zunehmend verdrängt.

An die Stelle der Rechtfertigung trat die Fortsetzung.

An die Stelle des Zweifels trat die Behauptung.

An die Stelle des einzelnen Menschen trat die Masse.

Das ist die eigentliche moralische Niederlage.

5. Die Verantwortung verschwindet nicht mit dem Scheitern

Besonders aufschlussreich ist, was nach Verdun geschah.

Falkenhayn erklärte später, er habe von Anfang an beabsichtigt, die französische Armee durch überproportional hohe Verluste zu schwächen.

Jessen setzt sich kritisch mit dieser nachträglichen Darstellung auseinander. Er verweist insbesondere darauf, dass die angebliche sogenannte Weihnachtsdenkschrift, in der Falkenhayn seine Strategie vorab erläutert haben soll, keine authentische zeitgenössische Grundlage besitzt.

Damit verändert sich die historische Bewertung erheblich.

Wenn das Ausbluten Frankreichs nicht das ursprüngliche Hauptziel war, sondern nachträglich zur Erklärung des Geschehens gemacht wurde, dann handelt es sich nicht um die konsequente Durchführung eines grausamen Plans.

Es handelt sich vielmehr um den Versuch, ein Scheitern nachträglich in eine Strategie umzudeuten.

Diese Unterscheidung ist historisch bedeutsam.

Moralisch bleibt jedoch die Frage:

Warum konnte der Kampf weitergeführt werden, obwohl sein ursprünglicher Sinn verloren gegangen war?

Die Antwort verweist auf eine Schwäche menschlicher Machtstrukturen.

Verantwortliche wollen Entscheidungen treffen.

Aber sie wollen nicht immer für deren Scheitern verantwortlich sein.

Erfolg wird beansprucht.

Misserfolg wird erklärt, relativiert oder anderen zugeschrieben.

So kann sich politische und militärische Macht von persönlicher Verantwortung entfernen.

Das Ergebnis ist eine gefährliche Form organisierter Verantwortungslosigkeit.

6. Drei hundert Tage – und was blieb?

Als die Kämpfe im Dezember 1916 endeten, lag die Front nahezu wieder dort, wo die Schlacht begonnen hatte.

Olaf Jessen nennt rund 700.000 Verluste, darunter über 300.000 Tote. Historische Schätzungen unterscheiden sich im Einzelnen, doch über das Ausmaß des menschlichen Desasters besteht kein Zweifel.

Zehn Monate hatten Soldaten in zerstörten Landschaften, unter unaufhörlichem Artilleriefeuer, zwischen Verwundeten, Toten und zertrümmerten Befestigungen gekämpft.

Die französische Armee hatte Verdun behauptet.

Die deutsche Offensive war gescheitert.

Ein entscheidender militärischer Sieg, der den Krieg beendet hätte, war keiner Seite gelungen.

Was blieb?

Trauer.

Verstümmelung.

Zerstörte Lebenswege.

Und die Erinnerung an eine Schlacht, deren Opfer in keinem vernünftigen Verhältnis zu ihrem strategischen Ergebnis standen.

Man könnte sagen, Verdun sei der Triumph der militärischen Technik über die menschliche Vernunft gewesen.

Doch das wäre nur die halbe Wahrheit.

Die Technik allein führte keinen Krieg.

Menschen entschieden über ihren Einsatz.

Menschen befahlen weitere Angriffe.

Menschen weigerten sich, Konsequenzen aus ihrem Scheitern zu ziehen.

Nicht die Maschinen waren moralisch verantwortlich.

Es waren ihre Herren.

7. Verdun und unsere Gegenwart

Es wäre historisch unredlich, heutige Konflikte einfach mit Verdun gleichzusetzen.

Jeder Krieg besitzt seine eigene Vorgeschichte, seine eigenen Verantwortlichkeiten und seine eigenen militärischen und politischen Bedingungen.

Dennoch lassen sich aus Verdun Fragen ableiten, die ihre Bedeutung nicht verloren haben.

Wie erkennen politische Führungen, dass eine bisherige Strategie gescheitert ist?

Wie verhindern sie, dass öffentlich verkündete Ziele zu einer Falle werden?

Wie bleibt eine Gesellschaft fähig, Entscheidungen kritisch zu überprüfen, wenn nationale Gefühle und Erwartungen einen nüchternen Blick erschweren?

Und vor allem:

Wie unterscheiden wir zwischen notwendiger Standhaftigkeit und zerstörerischem Starrsinn?

Nicht jeder Rückzug ist vernünftig.

Nicht jedes Festhalten an einem Ziel ist falsch.

Wer angegriffen wird, kann gute Gründe haben, Widerstand zu leisten, auch wenn dieser hohe Opfer verlangt.

Die moralische Herausforderung besteht deshalb nicht darin, Konflikte um jeden Preis zu beenden.

Sie besteht darin, Ziele, Mittel, Folgen und Verantwortung immer wieder einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

Mut ist nicht nur die Bereitschaft, weiterzukämpfen.

Mut kann auch darin liegen, die eigene Fehleinschätzung öffentlich einzugestehen.

8. Der moralische Imperativ: Verantwortung vor Prestige

Aus Verdun lässt sich ein Imperativ ableiten, der für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und das persönliche Leben gleichermaßen bedeutsam ist:

Die Würde des Menschen muss höher stehen als das Prestige der Entscheidungsträger.

Dieser Satz klingt selbstverständlich.

Die Geschichte zeigt, wie wenig selbstverständlich seine praktische Anwendung ist.

Institutionen entwickeln eigene Interessen.

Führungsgruppen verteidigen ihre Autorität.

Ideologien verwandeln Annahmen in Gewissheiten.

Und Menschen, die sich einmal auf ein Ziel festgelegt haben, empfinden jede Korrektur als Niederlage.

Dabei ist die Fähigkeit, einen Irrtum zu erkennen und daraus Konsequenzen zu ziehen, keine Schwäche.

Sie ist ein Zeichen geistiger Freiheit.

Aufklärung bedeutet nicht, niemals zu irren.

Aufklärung bedeutet, sich durch Vernunft und Erfahrung korrigieren zu lassen.

Eine moralisch verantwortliche Gesellschaft braucht deshalb nicht unfehlbare Führer.

Sie braucht korrigierbare Entscheidungen, unabhängige Kritik und Menschen, die ihre Macht nicht mit der Wahrheit verwechseln.

Epilog – Was Verdun uns heute sagen kann

Wenn ich an Verdun denke, sehe ich nicht zuerst die Generäle.

Ich sehe die Soldaten.

Menschen, deren Leben in militärischen Lagekarten nur als abstrakte Größen erschienen.

Menschen, die nicht darüber entscheiden konnten, ob der ursprüngliche Plan noch sinnvoll war.

Menschen, die den Preis einer Entscheidung bezahlten, über deren Fortsetzung andere bestimmten.

Vielleicht besteht die wichtigste Lehre von Verdun deshalb nicht in einer militärischen Erkenntnis.

Sie besteht in einer moralischen.

Eine Entscheidung wird nicht dadurch richtig, dass wir bereits unendlich viel für sie geopfert haben.

Und die Größe eines Verantwortlichen zeigt sich nicht allein darin, dass er handeln kann.

Sondern auch darin, dass er aufhören kann.

Verdun erinnert uns daran, wohin eine Gesellschaft geraten kann, wenn Ehre wichtiger wird als Erkenntnis, Rechtfertigung wichtiger als Wahrheit und Macht wichtiger als der einzelne Mensch.

Am Ende bleibt eine einfache Frage:

Wie viele Menschen müssen leiden, bevor die Verantwortlichen den Mut finden, sich selbst zu korrigieren?

Das ist die Frage von Verdun.

Und sie ist auch hundertzehn Jahre später nicht erledigt.


Quellen und Anmerkung des Autors

Zentrale historische Grundlage

Olaf Jessen: „Die Schlacht von Verdun: Ein gescheiterter Durchbruch wird zur Katastrophe. Nach dreihundert Tagen endet der Kampf mit Hunderttausenden von Toten“, Neue Zürcher Zeitung, 11. Mai 2025.

Originalartikel der NZZ

Philosophischer Bezug

Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785), insbesondere die Selbstzweckformel des kategorischen Imperativs.

Anmerkung des Autors

Dieser Essay ist eine eigenständige historische und philosophische Auseinandersetzung mit der Schlacht von Verdun. Wesentliche Anregungen zur militärhistorischen Interpretation verdanke ich dem genannten Beitrag von Olaf Jessen.

Die moralischen Schlussfolgerungen, Gegenwartsbezüge und Wertungen sind meine eigene Interpretation. Der Essay beansprucht nicht, den NZZ-Artikel zu ersetzen, sondern dessen historische Fragestellungen aus einer philosophischen Perspektive weiterzuentwickeln.

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