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Widerspruch als Hoffnung

DER WIDERSPRUCH ALS MODELL DER HOFFNUNG

Warum ich trotz allem an Veränderung glaube

Vielleicht liegt im Widerspruch nicht nur eine Gefahr.

Vielleicht liegt darin auch eine der größten Hoffnungen des Menschen.

Wenn ich Geschichte betrachte, sehe ich immer wieder Gegensätze:

Fortschritt und Reaktion.

Demokratie und Demokratieverachtung.

Pazifismus und Militarismus.

Emanzipation und Rassismus.

Wissenschaft und Mythos.

Sexuelle Befreiung und autoritäre Sehnsucht.

Humanismus und Menschenverachtung.

Diese Widersprüche beunruhigen mich. Aber inzwischen frage ich mich:

Was geschieht eigentlich, wenn Menschen mit ihren Widersprüchen menschenwürdig umgehen?

Vielleicht beginnt genau dort Hoffnung.


1. HEGEL – DER WIDERSPRUCH MUSS NICHT ZUR FEINDSCHAFT WERDEN

Hegel hat den Widerspruch ins Zentrum seines Denkens gestellt.

Seine Dialektik wird häufig vereinfacht mit den Begriffen These – Antithese – Synthese beschrieben. Philosophisch ist das nur eine Annäherung an sein wesentlich komplexeres Denken.

Aber der Grundgedanke fasziniert mich:

Ein Widerspruch muss nicht dadurch gelöst werden, dass eine Seite die andere vernichtet.

Aus der Auseinandersetzung kann etwas Neues entstehen.

Übertragen auf den menschlichen Dialog bedeutet das für mich:

Ich habe eine Überzeugung.

Du hast eine andere.

Wir widersprechen uns.

Aber ich erkenne dich weiterhin als Menschen gleicher Würde an.

Ich höre dir zu.

Du hörst mir zu.

Vielleicht überzeugt keiner den anderen vollständig.

Vielleicht verändert sich meine Position.

Vielleicht deine.

Vielleicht entsteht sogar ein Gedanke, den vorher keiner von uns hatte.

Das wäre für mich die eigentliche Synthese:

nicht Sieg, sondern Erkenntnis.


2. DER MENSCHENWÜRDIGE WIDERSPRUCH

Damit komme ich zu einer einfachen Formel:

WIDERSPRUCH + MENSCHENWÜRDE + DIALOG

→ ERKENNTNIS

Eine humanistische Gesellschaft braucht deshalb nicht weniger Widerspruch.

Sie braucht einen anderen Umgang mit dem Widerspruch.

Ich darf sagen:

„Ich halte deine Meinung für falsch.“

Aber etwas Entscheidendes darf nicht geschehen.

Aus

„Deine Auffassung ist falsch“

darf nicht

„Du bist minderwertig“

werden.

Denn in diesem Augenblick verändert sich die Qualität des Konflikts.

Der Andersdenkende wird zum Feind.

Der Fremde zur Bedrohung.

Der politische Gegner zum Verräter.

Aus dem Streit über Gedanken wird ein Urteil über den Wert eines Menschen.

Dann endet der Dialog.

Und wo kein Dialog mehr möglich ist, kann auch keine neue Erkenntnis entstehen.

Die Gegenformel lautet deshalb:

WIDERSPRUCH + MENSCHENVERACHTUNG

→ AUSGRENZUNG → FEINDSCHAFT → GEWALT

Vielleicht liegt genau hier die Grenze, die eine humane Gesellschaft niemals überschreiten darf.


3. WEIMAR – DIE GLEICHZEITIGKEIT DER WIDERSPRÜCHE

Gerade die Weimarer Republik zeigt mir, warum diese Unterscheidung so wichtig ist.

Eine Demokratie muss Gegensätze aushalten.

Arbeiter und Unternehmer.

Konservative und Sozialdemokraten.

Religiöse und Nichtreligiöse.

Pazifisten und Nationalisten.

Tradition und Moderne.

Aber Weimar zeigt noch etwas viel Grundsätzlicheres.

Geschichte verläuft nicht auf einer geraden Linie.

Gegensätzliche Entwicklungen können gleichzeitig stattfinden:

Fortschritt und Reaktion.

Demokratie und Demokratieverachtung.

Pazifismus und Militarismus.

Emanzipation und Rassismus.

Wissenschaft und Mythos.

Sexuelle Befreiung und autoritäre Sehnsucht.

Humanismus und Menschenverachtung.

Vielleicht war Weimar gerade deshalb so faszinierend.

Und so gefährdet.

Berlin konnte eine der modernsten Kulturmetropolen Europas sein, während gleichzeitig antisemitische und völkische Bewegungen stärker wurden.

Menschen konnten Goethe lesen und Beethoven hören und dennoch rassistischen Vorstellungen anhängen.

Menschen konnten die Schützengräben des Ersten Weltkriegs überlebt haben und daraus völlig unterschiedliche Schlussfolgerungen ziehen.

Der eine sagte:

„Nie wieder Krieg.“

Der andere:

„Beim nächsten Mal müssen wir gewinnen.“

Das Vorhandensein von Widersprüchen zerstört eine Demokratie also noch nicht.

Gefährlich wird es dort, wo aus dem politischen Gegner ein Feind wird.

Wo aus:

„Du irrst dich.“

ein

„Du gehörst nicht zu uns.“

wird.

Und schließlich:

„Du darfst nicht mehr dazugehören.“

Hier endet der demokratische Widerspruch.

Die Menschenverachtung beginnt.


4. PARADOXIEN UND AMBIVALENZEN – DER MENSCH IST NICHT WIDERSPRUCHSFREI

Vielleicht besteht einer unserer größten Denkfehler darin, zu erwarten, der Mensch müsse widerspruchsfrei sein.

Aber das ist er nicht.

Wir wollen Freiheit und gleichzeitig Sicherheit.

Wir suchen Nähe und brauchen Distanz.

Wir wollen Neues und sehnen uns nach Vertrautem.

Wir wünschen Veränderung und fürchten sie zugleich.

Wir wollen lange leben und erschrecken vor den Einschränkungen des Alters.

Wir wissen um unsere Endlichkeit und leben doch häufig so, als hätten wir unbegrenzt Zeit.

Das sind Ambivalenzen.

Gegensätzliche Bedürfnisse, Gefühle und Wertvorstellungen können gleichzeitig in uns vorhanden sein.

Eine Paradoxie begegnet uns dagegen dort, wo ein Ergebnis unserer zunächst logischen Erwartung widerspricht.

Ein schönes Beispiel dafür ist das Alter.

Junge Menschen verfügen über viele Möglichkeiten und wollen häufig noch sehr viel erreichen.

Mit zunehmendem Alter werden manche Möglichkeiten geringer.

Eigentlich müsste deshalb die Zufriedenheit sinken.

Und doch kann die Lebenszufriedenheit nach einer mittleren Lebensphase wieder steigen.

Das erscheint paradox:

WENIGER MÖGLICHKEITEN – UND DENNOCH MEHR ZUFRIEDENHEIT.

Vielleicht verändert sich die Perspektive.

Der junge Mensch fragt:

Was kann ich noch erreichen?

Der ältere Mensch vielleicht häufiger:

Was ist bereits da?

Das Wollen sagt:

Mir fehlt etwas.

Die Zufriedenheit sagt:

Es ist genug.

Vielleicht zeigt gerade dieses persönliche Beispiel etwas Allgemeines:

Widerspruch und Ambivalenz sind nicht zwangsläufig Störungen. Sie gehören zum Menschsein.


5. DREI HISTORISCHE UNGLEICHUNGEN

Aus der Geschichte ergeben sich für mich drei besonders wichtige Ungleichungen.

Sie widersprechen Erwartungen, die zunächst vollkommen vernünftig erscheinen.

BILDUNG ≠ AUTOMATISCH HUMANITÄT

Eigentlich könnte man glauben:

Je gebildeter eine Gesellschaft wird, desto menschlicher müsste sie werden.

Aber Geschichte beweist das Gegenteil.

Ein Mensch kann hochgebildet sein und trotzdem andere Menschen verachten.

Er kann Literatur lieben, Musik verstehen, Philosophie studieren und wissenschaftlich arbeiten – und dennoch rassistisch oder menschenverachtend denken.

Bildung erweitert Wissen.

Aber Wissen allein erzeugt keine Moral.

Humanität verlangt mehr:

Empathie, Haltung und die Anerkennung der Würde des anderen Menschen.

Deshalb lautet meine erste Erkenntnis:

Bildung ist notwendig – aber sie garantiert keine Menschlichkeit.


KRIEGSERFAHRUNG ≠ AUTOMATISCH FRIEDEN

Auch hier scheint die logische Erwartung eindeutig.

Wer Krieg erlebt hat, müsste alles tun, damit es nie wieder Krieg gibt.

Aber auch das geschieht nicht automatisch.

Leid kann zum Wunsch nach Frieden führen.

Es kann aber ebenso Rache, Hass und Vergeltung hervorbringen.

Der eine sagt:

Nie wieder.

Der andere:

Beim nächsten Mal gewinnen wir.

Entscheidend ist deshalb nicht nur, was ein Mensch erlebt.

Entscheidend ist auch, wie er das Erlebte deutet.

Erinnerung kann versöhnen.

Erinnerung kann aber auch neuen Hass erzeugen.

Deshalb:

Leid erzeugt nicht automatisch Menschlichkeit. Frieden muss gelernt, erinnert und gestaltet werden.


VERFASSUNG ≠ AUTOMATISCH DEMOKRATISCHE KULTUR

Eine demokratische Verfassung schafft Institutionen und Rechte.

Aber sie kann Menschen nicht zwingen, Demokraten zu sein.

Demokratie braucht mehr als Wahlen.

Sie braucht Menschen, die akzeptieren, dass sie verlieren können.

Menschen, die Kompromisse nicht als Schwäche betrachten.

Menschen, die ihren politischen Gegner nicht zum Feind erklären.

Sie braucht unabhängige Gerichte, freie Medien und den Schutz von Minderheiten.

Eine Verfassung kann Demokratie ermöglichen.

Aber:

Demokratische Kultur müssen Menschen jeden Tag neu herstellen.

Vielleicht ist Demokratie deshalb niemals fertig.


6. EINE VIERTE UNGLEICHUNG – ÜBERZEUGUNG IST NICHT WAHRHEIT

Zu diesen drei historischen Ungleichungen kommt für mich noch eine persönliche und philosophische:

ÜBERZEUGUNG ≠ WAHRHEIT

Ich kann vollkommen von etwas überzeugt sein und mich trotzdem irren.

Das klingt selbstverständlich.

Aber im Alltag vergessen wir es leicht.

Unser Gehirn nimmt die Wirklichkeit nicht neutral wahr.

Wir bevorzugen Informationen, die unsere vorhandenen Überzeugungen bestätigen.

Dramatische Gefahren beschäftigen uns stärker als langsame Verbesserungen.

Wir verallgemeinern einzelne Erfahrungen.

Wir teilen komplizierte Wirklichkeiten gern in einfache Kategorien ein.

Wir suchen Ursachen und Schuldige, selbst wenn Entwicklungen wesentlich komplexer sind.

Solche kognitiven Verzerrungen – Biases – gehören zum menschlichen Denken.

Das macht Fakten nicht überflüssig.

Im Gegenteil.

Gerade weil ich mich irren kann, brauche ich Fakten.

Und ich brauche den anderen Menschen.

Denn vielleicht erkennt er etwas, das ich übersehe.

Damit bekommt der Widerspruch eine völlig neue Bedeutung:

Derjenige, der mir widerspricht, kann mir helfen, meinen eigenen Irrtum zu erkennen.

Das ist für mich eine der stärksten Begründungen für den Dialog.


7. HANS ROSLING – DIE WELT IST SCHLECHT UND WIRD BESSER

Hier begegnet mir Hans Rosling.

In „Factfulness“ zeigt er, wie sehr unsere Wahrnehmung der Welt durch Denkgewohnheiten und dramatische Einzelereignisse geprägt werden kann.

Über längere Zeiträume betrachtet ist die weltweite Lebenserwartung gestiegen.

Die Kindersterblichkeit ist stark gesunken.

Mehr Menschen haben Zugang zu Bildung.

Der Anteil der Menschen in extremer Armut ist über lange Zeiträume erheblich zurückgegangen.

Medizin, Hygiene und öffentliche Gesundheit haben das Leben von Milliarden Menschen verändert.

Rosling sagt damit keineswegs:

Die Welt ist gut.

Das wäre angesichts von Krieg, Hunger, Diktatur, Vertreibung, Klimakrise und Ungerechtigkeit absurd.

Sein Gedanke ist viel anspruchsvoller:

DIE WELT KANN GLEICHZEITIG SCHLECHT SEIN UND BESSER WERDEN.

Für mich ist das eine der wichtigsten Paradoxien überhaupt.

Krieg existiert – und trotzdem kann internationale Zusammenarbeit wachsen.

Armut existiert – und gleichzeitig kann extreme Armut zurückgehen.

Krankheiten existieren – und gleichzeitig können immer mehr Krankheiten behandelt werden.

Menschenverachtung existiert – und gleichzeitig können Menschenrechte größere Geltung erlangen.

Das eine widerlegt das andere nicht.

Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Damit entsteht Hoffnung ohne Selbsttäuschung.

Ich muss das Schlechte nicht leugnen, um an Verbesserung glauben zu können.


8. STÉPHANE HESSEL – EMPÖRUNG ALS BEGINN DER VERANTWORTUNG

Aber eine Frage bleibt.

Wenn ich erkenne, dass etwas falsch läuft – was tue ich dann?

Hier kommt für mich Stéphane Hessel hinzu.

Hessel wurde 1917 in Berlin geboren, wuchs in Frankreich auf, schloss sich während des Zweiten Weltkriegs der Résistance an, wurde verhaftet und in Konzentrationslager deportiert.

Nach dem Krieg wurde er Diplomat. Er gehörte zum Umfeld jener internationalen Arbeit, aus der 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hervorging.

Im hohen Alter veröffentlichte er 2010 seine kleine Schrift:

„Empört Euch!“

Sie wurde zu einem internationalen Erfolg.

Vielleicht weil Hessel etwas formulierte, das in einer resignierten Gesellschaft leicht verloren geht:

Man darf sich mit Unrecht nicht abfinden.

Empörung bedeutet bei ihm nicht Hass.

Sie bedeutet nicht, den Gegner zu entmenschlichen.

Sie bedeutet:

Ich sehe etwas, das der Menschenwürde widerspricht – und ich weigere mich, gleichgültig zu bleiben.

Damit wird aus Erkenntnis Verantwortung.


9. EMPÖRUNG KANN ZWEI WEGE NEHMEN

Aber auch Empörung ist ambivalent.

Sie kann zwei völlig unterschiedliche Wege nehmen.

Empörung kann in Hass umschlagen:

EMPÖRUNG → FEINDBILD → MENSCHENVERACHTUNG → GEWALT

Oder sie kann aus Humanität entstehen:

EMPÖRUNG → VERANTWORTUNG → DIALOG → HANDELN

Genau diese zweite Form interessiert mich.

Ich kann mich über Ungerechtigkeit empören und trotzdem die Würde desjenigen achten, dem ich widerspreche.

Vielleicht ist gerade das eine der schwierigsten Formen politischer Kultur:

Nicht gleichgültig sein.

Nicht schweigen.

Aber auch nicht hassen.

Hessel fügt meinem Modell deshalb etwas Entscheidendes hinzu.

Erkenntnis allein genügt nicht.

Manchmal muss aus Erkenntnis Handeln werden.


10. WAS ICH AUS DEN UNGLEICHUNGEN LERNE

Meine Ungleichungen führen mich deshalb nicht zum Pessimismus.

Im Gegenteil.

Wenn

BILDUNG ≠ AUTOMATISCH HUMANITÄT,

dann müssen wir Humanität zum Bestandteil von Bildung machen.

Wenn

KRIEGSERFAHRUNG ≠ AUTOMATISCH FRIEDEN,

dann müssen wir Erinnerung in Friedenskultur verwandeln.

Wenn

VERFASSUNG ≠ AUTOMATISCH DEMOKRATISCHE KULTUR,

dann müssen wir Demokratie leben und verteidigen.

Und wenn

ÜBERZEUGUNG ≠ WAHRHEIT,

dann müssen wir bereit sein, uns selbst infrage zu stellen.

Das erscheint mir inzwischen entscheidend.

Was nicht automatisch geschieht, ist deshalb nicht unmöglich.

Es wird zur menschlichen Aufgabe.

Vielleicht liegt genau darin die Hoffnung.


11. HEGEL – ROSLING – HESSEL

Nun verbinden sich für mich drei zunächst völlig unterschiedliche Denker.

Hegel sagt mir:

Widerspruch kann Entwicklung hervorbringen.

Rosling zeigt mir:

Entwicklung hat tatsächlich stattgefunden und lässt sich anhand von Fakten erkennen.

Hessel fordert mich auf:

Wenn du Unrecht erkennst, bleibe nicht gleichgültig.

Damit entsteht für mich eine Bewegung:

WIDERSPRUCH

↓

DIALOG

↓

ERKENNTNIS

↓

EMPÖRUNG ÜBER DAS VERÄNDERBARE

↓

HANDELN

↓

VERÄNDERUNG

↓

HOFFNUNG

Hoffnung ist damit nicht das naive Vertrauen darauf, dass alles gut wird.

Hoffnung bedeutet:

Es ist nicht alles gut – aber es kann besser werden.

Und Menschen können dazu beitragen.


12. HOFFNUNG BRAUCHT WIDERSPRUCH

Vielleicht habe ich lange geglaubt, eine gute Gesellschaft müsse ihre Widersprüche überwinden.

Heute sehe ich das anders.

Eine freie Gesellschaft wird immer widersprüchlich sein.

Menschen werden unterschiedliche Interessen haben.

Sie werden verschiedene Vorstellungen vom guten Leben entwickeln.

Sie werden miteinander streiten.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

Wie beseitigen wir den Widerspruch?

Sondern:

Wie gehen wir mit ihm um?

Menschenwürdig oder menschenverachtend?

Im Dialog oder im Hass?

Mit Argumenten oder mit Gewalt?

Vielleicht ist Widerspruch deshalb nicht das Gegenteil von Humanismus.

Er kann sogar seine Voraussetzung sein.

Denn Humanismus zeigt sich nicht dort, wo alle dasselbe denken.

Humanismus zeigt sich dort, wo Menschen verschieden denken und sich trotzdem gegenseitig als Menschen gleicher Würde anerkennen.


13. MEIN MODELL DER HOFFNUNG

Damit komme ich zu einer Erkenntnis, die für mich weit über Hegel, Rosling und Hessel hinausgeht.

Demokratie ist nicht die Abschaffung des Konflikts.

Sie ist vielleicht die größte politische Erfindung für den menschenwürdigen Umgang mit Konflikten.

Sie verspricht uns keine widerspruchsfreie Gesellschaft.

Sie gibt uns einen Raum, in dem Widerspruch ausgetragen werden kann, ohne dass der Gegner vernichtet werden muss.

Factfulness liefert mir dazu etwas Kostbares:

den Beleg, dass Verbesserungen tatsächlich möglich sind.

Hessel fügt hinzu:

Verbesserungen entstehen nicht von selbst.

Menschen müssen sich einmischen.

Sie müssen widersprechen.

Sie müssen sich empören.

Aber sie dürfen dabei selbst nicht zu dem werden, was sie bekämpfen.

Daraus ergibt sich mein Modell:

WIDERSPRUCH + MENSCHENWÜRDE + DIALOG

→ ERKENNTNIS

→ VERANTWORTUNG

→ HANDELN

→ VERÄNDERUNG

→ HOFFNUNG


EPILOG – TROTZ ALLEM

Vielleicht ist Hoffnung gerade deshalb keine Stimmung.

Sie ist eine Haltung.

Ich muss nicht glauben, dass die Welt gut ist.

Ich sehe ihre Kriege.

Ich sehe Menschenverachtung.

Ich sehe Rassismus.

Ich sehe Fanatismus.

Ich sehe die Sehnsucht nach einfachen Antworten.

Ich sehe, dass Bildung allein den Menschen nicht gut macht.

Ich weiß, dass Leiden nicht automatisch Frieden schafft.

Ich weiß, dass eine Verfassung allein eine Demokratie nicht retten kann.

Und ich weiß inzwischen auch:

Meine eigene Überzeugung ist noch keine Wahrheit.

Aber ich sehe auch etwas anderes.

Menschen haben Sklaverei bekämpft.

Sie haben Menschenrechte formuliert.

Sie haben Demokratien geschaffen.

Sie haben Krankheiten bekämpft.

Sie haben Bildung verbreitet.

Sie haben nach Kriegen Versöhnung gewagt.

Sie haben sich geirrt und neu begonnen.

Sie haben einander widersprochen und manchmal gerade dadurch etwas Neues erkannt.

Nichts davon war selbstverständlich.

Nichts davon geschah automatisch.

Alles musste von Menschen gedacht, erstritten, gelernt und verwirklicht werden.

Deshalb ist meine Hoffnung nicht:

Der Mensch wird irgendwann gut.

Meine Hoffnung lautet:

Der Mensch kann erkennen, widersprechen, lernen und verändern.

Hegel gibt mir dafür den Widerspruch.

Rosling gibt mir die Fakten.

Hessel gibt mir die Empörung.

Der Humanismus gibt mir die Grenze:

DIE WÜRDE DES ANDEREN MENSCHEN.

Und die Demokratie gibt uns den Raum, in dem daraus Zukunft entstehen kann.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis meiner Beschäftigung mit den Widersprüchen:

Dass nichts automatisch besser wird, ist kein Grund zur Hoffnungslosigkeit.

Es ist der Grund, warum wir gebraucht werden.

Das ist für mich Hoffnung.

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